25.05.1987

„Eine Generation muß die Opfer bringen“

Die Koreaner kommen: Mit Schiffen und Autos, mit Videorecordern und Computern melden die Ostasiaten Anspruch auf einen Anteil am Weltmarkt an. Die koreanische Attacke wird nicht weniger verbissen geführt als die Angriffe der Japaner. Einer der Angreiter ist der Mischkonzern Daewoo. In gerade zwanzig Jahren führte Daewoo-Chef Kim Woo Choong sein weitverzweigtes Unternehmen unter die Großen in der Industriewelt. _____“ Wir sind die Daewoo-Familie, laßt uns unsere Hände in „ _____“ die Welt ausstrecken, das ganze Universum ist unsere „ _____“ Heimat. Unser Arbeitsplatz liegt in den fünf Ozeanen und „ _____“ sechs Kontinenten, im großen Universum, wo die Sonne und „ _____“ der Mond immer wieder aufgehen. Starker Wille und ein „ _____“ scharfer Geist sind unser Schild. Laßt uns für das Morgen „ _____“ leben, wenn wir die Saat ernten können. „ _____“ Firmenhymne des Daewoo-Konzerns „ *
Es ist nicht einfach, im Büro von Kim Woo Choong den Überblick zu gewinnen. Wohin man schaut, auf die Fenstersimse oder auf die Regale, überall stehen Trophäen herum - in Form von Obelisken, Pagoden und Türmchen, in Gold, Silber und Bronze.
Die meisten dieser Auszeichnungen hat Kim von seiner Regierung erhalten: Symbole einer hohen Wertschätzung durch die politische Macht.
Kim Woo Choong ist wer im Staate Südkorea: Er kommandiert eines der mächtigsten Unternehmen in dem asiatischen Land, einen jener großen Mischkonzerne, die sich gerade anschicken, die Welt zu erobern: Daewoo.
Der Name steht beispielhaft für den Vorstoß Koreas an die Schwelle zum Industriestaat, den das Land in nur zwei Dekaden schaffte. Kein anderes Unternehmen Koreas wuchs so schnell. Daewoo ist der Stolz einer Nation, die sich anschickt, es den Japanern gleichzutun.
Mit atemraubendem Tempo dringt Kims Unternehmen auf die Weltmärkte vor. Der Konzern - und mit ihm ein knappes Dutzend anderer Großunternehmen wie Hyundai und Samsung, wie Lucky Goldstar, Sunkyong und Hanjin - sorgt dafür, daß der Warenstempel "Made in Korea" Weltgeltung bekommt. Mit Auszeichnungen in Gold, Silber oder Bronze wird da nicht gegeizt.
Daewoo - das sind Hemden, Schuhe und Schiffe, sind Dieselmotoren und Roboter. Aus Daewoo-Fabriken kommen Computer, Flugzeugteile und Lokomotiven. Daewoo liefert Mikrowellenherde, Klaviere und Fernseher, Videorecorder und Autos.
Das Firmenreich scheint keine Grenzen zu kennen. Kims Firma beteiligte sich an der Uranerschließung in Kanada, lieferte eine Reifenfabrik in den Sudan und installierte eine Meerwasser-Aufbereitungsanlage vor der Küste Alaskas. Die Koreaner bauten Tausende von _(Bei der Präsentation des ) _(Daewoo-Autos Le Mans im vergangenen ) _(Herbst in Seoul. )
Wohnungen in Singapur, Hospitäler und Straßen in Libyen und Nigeria.
Fast 100000 Menschen arbeiten für das Konglomerat Daewoo. Auf rund zehn Milliarden Dollar schraubte das Kim-Unternehmen letztes Jahr seinen Umsatz nach oben - nahezu fünfundzwanzigmal soviel wie noch vor zehn Jahren. Rund ein Zehntel aller koreanischen Exporte kommen aus den Fabriken dieses Unternehmens.
"Daß mein Unternehmen einmal so groß und bedeutend werden würde, damit habe ich nicht gerechnet, davon habe ich nur geträumt", erinnert sich Kim, der Gründer und Chef.
Den Erfolg brachte nicht allein geniales Unternehmertum. Männern wie Kim kam eine Regierungspolitik zugute, die dem Wachstum von Großunternehmen fast alles andere unterordnete: Nahezu generalstabsmäßig haben Südkoreas Militärherrscher die Wirtschaft auf die Eroberung der Weltmärkte getrimmt. Männer wie Kim, 50, machten sich dabei mannigfach ums Vaterland verdient- Sie sind die Generäle des Industriezeitalters.
Kim lenkt das aus 25 Gesellschaften bestehende Daewoo-Imperium aus seinem Büro im 25. Stock der Firmenzentrale, eines monumentalen Gebäudes im Zentrum der Hauptstadt Seoul.
Noch ehe Kim am frühen Morgen, kaum später als sieben Uhr, sein Büro betritt, gehen im Hauptquartier weithin leuchtend viele Lichter an. Und auch am späten Abend brennt noch Licht im Daewoo-Haus. "Ich sehe meine Leute Tag und Nacht arbeiten", freut sich der Firmenchef. 60 Stunden an sechs Tagen in der Woche sind das Minimum.
Wenn der oberste Vorgesetzte es für nötig hält, dann eilen die Mitarbeiter des Daewoo-Konzerns auch schon mal am Sonntag an ihren Arbeitsplatz. "In jedem Land", begründet Kim, "muß eine Generation die Opfer bringen, damit die nächste besser leben kann."
Es ist eine arge Schinderei, die den Leuten abverlangt wird. Es gibt keine Mindestlöhne und keine Alterssicherung. Der Sommerurlaub erschöpft sich in drei Tagen über ein Wochenende, das Streikrecht existiert nur auf dem Papier.
Mehrmals bekam ein deutscher Manager Ärger, der es nicht mit ansehen wollte, daß Daewoo-Werftarbeiter "unter schlimmen Bedingungen" länger als neun Stunden am Tag hochkomplizierte Schiffsausrüstungen aus Deutschland montierten. "Wenn es um Preise und schnelle Ablieferung geht", sagt der Deutsche, "gibt es bei den Koreanern nicht die geringste Rücksicht."
Kim fühlt sich bei diesen frühkapitalistischen Arbeitsbedingungen durchaus als Vorbild. Noch nie, so behauptet er von sich, habe er Urlaub gemacht. Fünf Stunden Schlaf- "meine Frau behauptet vier" - genügen ihm.
Von seinen Topmanagern erwartet der Daewoo-General, daß sie rund um die Uhr erreichbar sind - auch am Wochenende. Kim: "Wir haben keine andere Wahl, als hart zu arbeiten."
Auf äußeren Pomp legt Kim kaum Wert. Gewiß, für koreanische Maßstäbe ist sein zweigeschossiges Backsteinhaus mit 300 Quadratmetern Wohnfläche luxuriös. Doch mancher deutsche Firmenvertreter in Seoul wohnt nicht schlechter.
Kim hat vor Jahren nahezu seinen gesamten Daewoo-Aktienbesitz im Wert von damals geschätzten über 50 Millionen Dollar in 5 verschiedene Stiftungen eingebracht. Die Stiftungen vergeben Stipendien, unterhalten Krankenhäuser und helfen in der Gesundheitsversorgung.
Über die Stiftungen hält Kim weiter die Fäden der Macht im Daewoo-Reich. Die Konzerngesellschaften sind durch ein dichtes Geflecht wechselseitiger Kapitalbeteiligungen so verwoben, daß Kim jederzeit die Kontrolle über alle Firmen im Konglomerat besitzt. Er selbst ist Chairman jeder Firma.
Angefangen hat der Mann, der heute so viel Macht und Geld hat, wie ein Bilderbuch-Aufsteiger - mit nichts. Kims Vater, ein Hochschullehrer, war im Koreakrieg gefallen. Kim half als Zeitungsjunge, den Lebensunterhalt für sich und die Familie zu verdienen.
Er schaffte die Elite-Anstalt Kyung-Gi High School und arbeitete nach dem Schulabschluß in einer Handelsfirma,
der Han Sung Industrial Co. Die gab ihm ein Stipendium für das Studium der Wirtschaftswissenschaften an der wiederum elitären Yonsei University.
Danach kehrte Kim zu Han Sung zurück. Fast sechs Jahre übte er sich hier in den Kniffligkeiten des Handelsgeschäfts, dann erhielt Kim die entscheidende Chance. Ein Textilhersteller bot ihm an, gemeinsame Sache zu machen. Kim borgte sich 5000 Dollar, die Hälfte des Gründungskapitals, und Daewoo wurde, 1967 erst, ins Leben gerufen.
Kims Partner hieß To Dae-Hwan. Kim kombinierte seinen eigenen Vornamen Woo mit dem seines Teilhabers Dae. Daewoo, das klang vielversprechend: Großes Universum _(Auch hinter den Namen anderer ) _(Konglomerate verbirgt sich nicht der ) _(Gründername. Hyundai zum Beispiel ) _(bedeutet das Neue, Moderne; Samsung ) _(heißt drei Sterne. )
. Ein protziger Name für eine Firma, die damals gerade sieben Angestellte beschäftigte.
Zu jener Zeit war Kim einer der Wenigen koreanischen Unternehmer, die ins Ausland reisten. Häufig flog er in die asiatischen Nachbarstaaten, nach Taiwan, Hongkong, Singapur. Die Unternehmer dort machten blendende Geschäfte mit dem Bekleidungsexport in die reichen Industriestaaten. Das, dachte sich Kim, konnten die Koreaner auch.
Nur wie? Die Koreaner kannten die in Europa und USA üblichen Größen nicht, sie wußten nicht, was Mode war, und hatten keine Schnittmuster.
Kim kaufte in den Nachbarländern massenhaft für den Export bestimmte Hemden aller Größen und Zuschnitte. Zu Hause ließ er sie kopieren. So kam er ins Exportgeschäft. Schon nach einem Jahr zahlte Kim seinen Kompagnon aus.
Daewoo gründete in New York eine Verkaufsagentur, und häufig war es Kim, der unangemeldet an die Türen möglicher Abnehmer klopfte. "Man muß selbst zum Kunden gehen und ihn für Aufträge gewinnen", sagt Kim, der an rund 200 Tagen im Jahr im Ausland herumreist.
Heute ist Daewoos Textil- und Bekleidungsfabrik in Pusan im Süden des Landes die größte der Welt. Kaum ein berühmter Designer, kaum ein Markenfabrikant im Westen, der nicht bei Daewoo fertigen ließ: Christian Dior und Pierre Cardin, Saks Fifth Avenue und Levi Strauss, Marks & Spencer, Seidensticker und Dornbusch. Schneller als jede andere Firma des Landes steigerte Daewoo seine Exporte.
Hemden und Blusen aber reichten Kim nicht. Anfang der siebziger Jahre reiste er mit einem Expertenstab nach Japan, um die Geheimnisse des japanischen Wirtschaftswunders zu ergründen. Kim und sein Team waren fasziniert von jener einzigartigen Mischung aus staatlicher Wirtschaftsplanung und privater Unternehmerinitiative, die den Japanern hohe Wachstumsraten bescherte.
Die riesigen Konzerne Japans wurden von Kim und anderen Koreanern zum Vorbild genommen: jene unternehmerischen Riesenreiche, die wie gewaltige Polypen ihre Arme in alle Teile der Wirtschaft strecken, versehen mit dem Wohlwollen und oft auch mit dem Geld der Regierung.
Zaibatsu nennen die Japaner ihre Industrie- und Finanzkolosse, die nach dem Krieg eigentlich zerschlagen werden sollten. Die Koreaner fanden ein ähnliches Wort: Chaebol, was so viel wie Finanz- und Wirtschaftscliquen heißt.
Daewoo erblühte zum Chaebol, mit kräftiger Hilfe des Staates. Es war der 1961 durch einen Putsch an die Macht gekommene Armeegeneral Park Chung Hee, der Unternehmen wie Daewoo zu Instrumenten seiner ehrgeizigen Industrialisierungspolitik machte und ihnen zur Größe verhalf. "Park hat", weiß ein koreanischer Ökonomie-Professor, "wie in einer militärischen Aktion alles für die wachstumsträchtigen Unternehmen aufgeboten, was das Land zu bieten hatte." Die Unternehmer, die vom System profitierten, mußten allerdings gefügig sein wie alle anderen.
Der 1979 von seinem Geheimdienstchef ermordete Diktator Park, der wie alle Mitglieder der weltweiten Militär-Kaste nur in Unterwerfungskategorien denken konnte, wollte das Wirtschaftswunder mit brutaler Unterdrückung aller politischen Freiheiten herbeizwingen- Ruhe und Disziplin waren die Tugenden, auf die er die Nation mit dem unablässigen Hinweis auf die Bedrohung aus dem kommunistischen Norden einzuschwören versuchte. Wer aufmuckte, wanderte ins Gefängnis. Auch Park-Nachfolger Chun Doo Hwan hält daran fest, mißliebige Kritiker möglichst mundtot zu machen.
Den Unternehmern haben die Militärs nur begrenzte Freiheiten zugestanden. Zwar ist Koreas Wirtschaft nach offizieller Lesart eine Marktwirtschaft. Doch in vielerlei Praktiken kommt das System den Methoden nahe, die in Ländern mit reiner Planwirtschaft zu finden sind.
Der Militärdiktator Park führte die Industrie mit Hilfe der fast allmächtigen staatlichen Planungsbehörde am kurzen Zügel. Die wirtschaftlichen Entwicklungsziele geben die Technokraten der Planungsbehörde in Fünfjahresplänen vor. Ihr langer Arm reicht tief in die Firmen hinein; die Investitionen, die Produktions- und die Absatzpläne, alles müssen die Unternehmensführer mit den Bürokraten abstimmen.
Ein wichtiges Steuermittel ist das Bankwesen, das in Korea der Staat beherrscht. Über die Kreditvergabe lenken die Bürokraten die Entwicklung in die jeweils gewünschten Bahnen. Persönliche Wünsche und Anregungen des
Staatspräsidenten an die Unternehmensführer gehören zum Antriebssystem einer Volkswirtschaft, die es immerhin schaffte, in 20 Jahren das Bruttosozialprodukt pro Kopf der Bevölkerung von weniger als 100 auf heute gut 2000 Dollar hochzuschrauben (Bundesrepublik knapp 15000 Dollar).
Koreas Wirtschaftsplaner nutzten für ihre Wachstumsstrategie die tief verwurzelten Animositäten zwischen den Gründerfamilien der Großunternehmen. Sie stachelten die Unternehmens-Patriarchen zu einem unerbittlichen Wettbewerb gegeneinander auf.
Mit nicht geringer Verachtung spricht der Bruder des Daewoo-Chefs Kim, der Wirtschaftsprofessor Kim Duk-Choong, von der "Made-in-Japan-Generation". Damit meint er Männer wie Lee Byung Chull, Gründer und Chef des Samsung-Konzerns, oder Chung Ju Yung, Prinzipal von Hyundai. Beide Männer sind über 70 Jahre alt. Sie wurden in einem System groß, das von den brutalen japanischen Kolonialherren geprägt war. 35 Jahre lang, bis 1945, herrschten die Japaner über Korea.
Anders als Daewoo-Chef Kim, der als Vertreter einer neuen Manager-Generation gilt, stehen Chung und Lee in dem Ruf, Autokraten zu sein. Ihre Unternehmen führen sie im Stil japanischer Gottkaiser.
Die rivalisierenden Oberhäupter der Industrie wetteifern darin, die Zielvorgaben der Regierung noch zu übertreffen. Sie liefern sich bei diesem bitterernsten Wettbewerb einen "Kampf bis aufs Messer", so ein deutscher Manager in Seoul.
Die Staatsführung dankt dafür, nicht nur mit billigen Krediten. Namhaften Großexporteuren erweisen sich die politischen Führer beispielsweise dadurch erkenntlich, daß sie schon mal auf Steuer- und Buchprüfungen verzichten.
Westliche Banker in Seoul sind ziemlich sicher, daß Koreas Konglomerate ohne staatliche Finanzhilfen gar nicht überlebensfähig wären. Die Eigenkapitaldecke ist hauchdünn, und die Finanzierungsmethoden wirken abenteuerlich.
So geben sich die zu einem Konzern gehörenden Firmen für die Geldbeschaffung wechselseitig Bürgschaften, die ein Vielfaches des jeweiligen Eigenkapitals ausmachen. Daewoo hat, so rechnete ein Insider aus, Bürgschaften in Höhe von 4000 Prozent des Eigenkapitals der Kerngesellschaft Daewoo Corporation vergeben. "Die Bilanzen", sagt ein Experte aus dem Geldgewerbe in Seoul, "werden gemacht, wie man es gerne hätte."
Bis jetzt sind die Luftfinanzierungen, dank staatlicher Rückversicherung wohl, nicht geplatzt. Gründerzeiten, das weiß man, waren auch anderswo Zeiten windiger Geldbeschaffung. Mit solider Finanzierung wäre das atemberaubende Wachstum, das eine Firma wie Daewoo schaffte, nicht zu fingern gewesen.
Schritt für Schritt machte sich Kims Firma mit immer neuen Krediten in neuen Branchen breit: Elektrotechnik, Kosmetik, Baugewerbe kamen hinzu.
Die entscheidende Weichenstellung zum Großkonzern besorgte Präsident Park. Neun Jahre nach der Daewoo-Gründung, 1976, forderte er Kim auf, die marode staatliche Maschinenfabrik Hankook Industrial Machinery Corporation zu übernehmen.
Neun Monate arbeitete, aß und schlief Kim in dem Werk. Dann verdiente das Unternehmen wieder Geld. In weniger als zehn Jahren wurde aus der einstmals kranken Staatsfirma einer der drei größten Maschinen- und Anlagenkonzerne Koreas.
Als "Champion in der Übernahme riskanter Aufgaben" (ein Kim-Vertrauter) erwies sich Kim auch in späteren Jahren. Die Daewoo-Werft in Okpo im Süden des Landes ist der eigentliche Stolz des Großindustriellen. Okpo gilt als die modernste Werft der Welt. Dort steht das größte Trockendock, das je errichtet wurde, die Kapazität ist auf 1,5 Millionen Bruttoregistertonnen im Jahr ausgelegt. Ob sich die Werft rechnet, ist allerdings zweifelhaft. Okpo war gebaut worden, als weltweit kaum noch Schiffe bestellt wurden. Mit Billigstangeboten und allerlei Verkaufstricks holten Kim und seine Manager Aufträge rein.
So bot Kim einer norwegischen Reederei an, ein technisch aufwendiges Schiff zu bauen. Bezahlt werden sollte das Schiff nur, wenn es die Norweger wirklich zufriedenstellte. Die Rechnung wurde beglichen.
Große Probleme hatte der Daewoo-Chef mit einem Auftrag aus den USA. 1982, die Bauarbeiten für die Großwerft waren noch im Gange, ergatterte Kim den größten zivilen Schiffbauauftrag, der jemals vergeben wurde: zwölf Container-Schiffe im Wert von 575 Millionen Dollar für die Reederei US Lines. Pech für den Koreaner, daß der
Schiffahrtsbetrieb aus den USA im vorigen Jahr Konkurs anmelden mußte.
Notfalls, da kann Kim sich ganz ruhig seinem Vierstunden-Schlaf hingeben, springt für noch offene Rechnungen die Regierung ein. Denn die Beziehungen zwischen der Regierung und Industrieführern wie Kim seien "wirklich wie eine Familienangelegenheit. Die Regierung ist der Vater, sie sind die Kinder", weiß ein Ökonom der Seoul University. "Da gibt es eine Menge Gezänk, aber ebensoviel Händedrücken", auch mit Geld auf beiden Seiten, versteht sich.
Geld war in Korea immer ein beliebtes Schmiermittel, um die Bürokratie geschmeidiger zu halten. Westliche Maßstäbe für Korruption trüben da den Blick. Es wird von der Gesellschaft nicht als verwerflich angesehen, wenn derjenige, der ein "Geschenk" macht, dafür einen Vorteil erwartet. Erst die Gegenleistung entbindet den Empfänger von einer Art moralischer Verpflichtung. Sich diesem System des Gebens und Nehmens entziehen zu wollen wäre in koreanischen Augen töricht, wenn nicht gar unsozial.
Der Nepotismus gehört zu diesem eingeübten Spiel. Wichtiger als das, was man weiß, ist häufig der, den man gut kennt.
Dem Daewoo-Mann Kim wurden geradezu freundschaftliche Beziehungen zu seinem Förderer, dem früheren Militärdiktator Park, nachgesagt. Beide wuchsen in der Provinz Kjongsang Pukto nördlich Pusan auf, aus der traditionell viele Führungskader stammen. Von dort kommen der Vizepremier, etliche Minister, Spitzenmänner der wirtschaftlichen Planungsbehörde. Kims Vater war zeitweilig ein Lehrer Parks.
Im feinen Filz läuft vieles ganz geräuschlos ab. Gleich nach seinem Amtsantritt legte Präsident Chun Doo Hwan dem Samsung-Boß Lee nahe, er solle der Regierung seinen privaten Fernsehsender schenken. Lee zögerte, zeigte nach einigen Gesprächen bald Einsicht. Er machte das Präsent im Wert von geschätzten 460 Millionen Dollar. Es wird sich schon wieder auszahlen.
Die Kungelei führt mitunter zu kostspieligen Fehlplanungen, wie beispielsweise bei der zum falschen Zeitpunkt erstellten Okpo-Werft. Kim baute die Werft, weil Präsident Park das industrielle Prunkstück gewünscht hatte.
Die Flops allerdings halten sich in Grenzen. Koreas Konkurrenten auf den Weltmärkten haben längst begriffen, daß da ein beängstigender Mitbewerber herangewachsen ist. Firmen wie Daewoo sind dabei, Felder auf den Märkten der Zukunft zu besetzen.
Daewoo Telecom beispielsweise, im Herbst 1983 gegründet, entwickelte in nur 14 Monaten einen IBM-kompatiblen Personalcomputer. Allein in USA will Daewoo dieses Jahr 180000 Apparate verkaufen. Im vorigen Jahr war das Gerät unter dem amerikanischen Markennamen Leading Edge Model D einer der größten Renner auf dem US-Markt.
Mit Autos will Daewoo derzeit nachziehen. Für den heimischen Markt baut die Firma zwei deutsche Opel-Modelle nach, den früheren Rekord und den Senator. Jetzt rollt ein Nachbau des Kadett von den Bändern, LeMans genannt.
Mit diesem Auto hofft Kim, den beispiellosen Absatzerfolg wiederholen zu können, den Hyundai mit seinem Kleinwagen Pony und dem Nachfolgemodell Excel auf dem nordamerikanischen Markt verbuchen kann.
Hyundai verkaufte letztes Jahr fast 170000 Autos in USA, für dieses Jahr sind 250000 angepeilt. Daewoo will bis Ende 1987 mindestens 100000 LeMans unter dem General-Motors-Markennamen Pontiac in USA absetzen.
Es wird nicht mehr lange dauern, bis koreanische Autos auch auf deutschen Straßen zu sehen sind. Noch wiegeln die Auto-Manager in Korea ab: Ein gezielter Vorstoß nach Deutschland sei derzeit nicht geplant. Zumindest für Hyundai dürfte sich das ändern, wenn Erfolge in England und Benelux sichtbar sind. Danach wird Hyundai sich, als erster Koreaner, auch auf den schwierigen deutschen Automarkt wagen.
Wichtigstes Absatzterrain ist für die Koreaner vorerst Nordamerika. Den Zugang zu den amerikanischen Kunden bahnte sich eine Firma wie Daewoo durch vielerlei Allianzen mit US-Firmen.
Mit der United Technologies Corp. zum Beispiel vereinbarte der Kim-Konzern den Bau von Sikorsky-Helikoptern im Wert von 200 Millionen Dollar. Für Boeing produziert Daewoo zahlreiche Bauteile, für General Dynamics liefern die Koreaner den Rumpf des Kampfflugzeugs F-16.
Auch auf die Zusammenarbeit mit deutschen Firmen setzt Daewoo. Dahinter steckt nicht nur Höflichkeit. Lizenz- und Kooperationsabkommen schloß das koreanische Unternehmen beispielsweise mit MAN und Lurgi, mit Krupp und Knorr, mit Telefunken und Boge. "Mit den Deutschen", strahlt Kim, "sind wir immer höchst zufrieden."
Know-how, aus Deutschland oder sonstwoher, muß Korea reichlich einkaufen. Noch vermitteln Koreas Großkonzerne häufig den Eindruck gigantischer Lohnveredelungs-Maschinerien. Fast alle technologisch anspruchsvollen Komponenten werden entweder nur in Lizenz produziert oder im Ausland zugekauft.
In der Chip-Herstellung etwa kommen von der Siliziumscheibe bis zum Diffusionsgas alle erforderlichen Bauelemente aus dem Ausland. Die Hoechst-Tochter Wacker-Chemitronic ist einer der wichtigsten Lieferanten für Siliziumscheiben, die Degussa liefert Goldfeindrähte für die Halbleiter.
Doch die Produktionstechniken werden von den Koreanern selbst im Eiltempo perfektioniert. So fertigt Daewoo sein Auto LeMans mit Hilfe von Schweißrobotern, wie sie auch in den modernsten
Fabriken der Japaner oder der Bundesdeutschen zu bestaunen sind.
Roboter und Automaten in einem Land mit Niedrigstlöhnen? Gewiß doch: Computergesteuerte Automaten, das ist in Seoul so wie in Sindelfingen, garantieren eine wesentlich höhere Produktqualität, als sie mit Menschen zu erreichen ist. Lohnkosten spielen eine geringe Rolle, die Industriemärkte rücken immer enger zusammen.
"Um wettbewerbsfähig zu bleiben, müssen wir den Grad der Automatisierung erhöhen", sagt Kang Youngkook, Direktor bei Daewoo Heavy Industries.
Kang ist typisch für jene westlich geschulte und westlich orientierte Manager-Garde, mit der sich der Daewoo-Anführer Kim umgeben hat. Kang studierte mit einem deutschen Stipendium an der Technischen Hochschule Aachen und der TU Berlin. 1970 promovierte er an der Columbia University in New York zum Doktor der Elektrotechnik und Computer-Wissenschaften.
Bevor Kang zu Daewoo kam, arbeitete er bei der US-Weltraumbehörde Nasa als Entwicklungsmanager für das Space-Shuttle-Programm. "Mindestens 1000" Männer von der Qualifikation Kangs will Chef Kim bis 1990 für sein Unternehmen engagieren. Und spätestens im Jahr 2000, das sieht Kim ganz realistisch, werden Korea und Daewoo über eigenständige Spitzentechnologie verfügen.
Das Nahziel, das ist wie eine Obsession, wurde längst definiert: Vor allem den Japanern sollen bei den Produkten mittlerer Technologie weltweit Marktanteile abgejagt werden.
Wie das laufen kann, demonstrierten die Koreaner am Fall Caterpillar. Der japanische Baumaschinenkonzern Komatsu hatte den US-Konkurrenten Caterpillar mit Gabelstaplern und Erdbewegungsmaschinen in Bedrängnis gebracht. Da bot sich Daewoo an. Jetzt verschiffen die Koreaner jedes Jahr 10000 Gabelstapler in die USA, die sie in Lizenz für Caterpillar bauen.
Lücken ausmachen, in sie hineinstoßen, und dann die Japaner wenn möglich mit ihren eigenen Methoden schlagen - so heißt das Strategiespiel, zu dem Kim jeden Montagmorgen um 7 Uhr 30 das Daewoo Management Committee in seinem Büro versammelt.
Neben Kim gehören dem Ausschuß elf Spitzenmanager der wichtigsten Unternehmensbereiche an: Handel, Bau Schwerindustrie, Schiffbau, Elektronik, Telekommunikation und Fahrzeugbau. Es ist das höchste Entscheidungsorgan des Konglomerats.
Kim pflegt - anders als seine alten Kollegen Lee von Samsung und Chung von Hyundai - einen kooperativen Management-Stil. Er sucht mehr den Konsens als das Diktat. "Ich habe überhaupt keine Macht", meint Kim. Doch da kann er das für ihn so charakteristische kurze stoßende Lachen, das wie Metall klingt doch nicht unterdrücken.
Europäische oder amerikanische Management-Methoden sind für Kim nicht auf koreanische Unternehmen übertragbar. Mehr als Wirtschaftlichkeitsanalysen oder Erfolgsrechnungen zählen in Korea - ähnlich wie in Japan - persönliche Beziehungen, wechselseitige Loyalitäten und Seniorität. Arbeitsverträge beispielsweise, wie sie in Europa üblich sind, kennen die Daewoo-Manager nicht.
Ein Firmenpräsident, der sein Unternehmen in die roten Zahlen steuert, wird nicht gleich rausgeworfen. Kim: "Wir sind nun einmal Menschen mit fernöstlichem Charakter. Sie im Westen haben ein anderes Wertesystem."
Tatsächlich prägt noch immer die zweieinhalbtausend Jahre alte Lehre des chinesischen Philosophen Konfuzius die koreanische Gesellschaft: das Vater-Sohn-Verhältnis der Fürsorge und der Unterwerfung ist Vorbild.
Die Koreaner sind gefügig und diszipliniert. Zum Wochenbeginn, beispielsweise, wird bei Daewoo regelmäßig die Firmenhymne abgesungen.
Jeden Nachmittag um fünf Uhr verharren stumm und achtungsvoll die geschäftigen Passanten. Aus allen Radios und Lautsprechern an öffentlichen Gebäuden, in U-Bahnhöfen und im Labyrinth der unterirdischen Einkaufspassagen Seouls erschallt die Nationalhymne - Ausdruck der Sehnsucht nach einem freien Staat aller Koreaner, der in der Welt geachtet wird. Der Text stammt aus der japanischen Besatzungszeit.
Zu diesem Korea führt, so lautet der amtliche Glaubenssatz, allein der wirtschaftliche Wachstumspfad. Die Regierung geht voran, die Unternehmer folgen ihr.
"Das Ganze hier", resümiert Ökonomie-Professor Kim Duk-Choong, der Bruder des Daewoo-Chefs, "ist wie bei einem Film. Die Regierung ist der Regisseur, die Unternehmen sind die Darsteller. Wird der Film gut, werden die Darsteller berühmt."
Daewoo-Chef Kim, das ist gewiß, wird in den nächsten Jahren noch Platz für viele Trophäen schaffen müssen.
Wir sind die Daewoo-Familie, laßt uns unsere Hände in die Welt
ausstrecken, das ganze Universum ist unsere Heimat. Unser
Arbeitsplatz liegt in den fünf Ozeanen und sechs Kontinenten, im
großen Universum, wo die Sonne und der Mond immer wieder aufgehen.
Starker Wille und ein scharfer Geist sind unser Schild. Laßt uns für
das Morgen leben, wenn wir die Saat ernten können. Firmenhymne des
Daewoo-Konzerns
[Grafiktext]
WIRTSCHAFTSWUNDER IN FERNOST Der Aufstieg des koreanischen Daewoo-Konzerns Beschäftigte Umsatz in Millionen Dollar Export in Millionen Dollar 1967 7 0,6 0,6 1972 4500 52,8 52,8 1977 36203 784,5 508 1982 57656 4639,3 2002 1986 96896 10000 3200
[GrafiktextEnde]
Bei der Präsentation des Daewoo-Autos Le Mans im vergangenen Herbst in Seoul. Auch hinter den Namen anderer Konglomerate verbirgt sich nicht der Gründername. Hyundai zum Beispiel bedeutet das Neue, Moderne; Samsung heißt drei Sterne.

DER SPIEGEL 22/1987
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