12.10.1987

BRASILIENTödlicher Stein

Ein medizinisches Bestrahlungsgerät gelangte als Schrott in den Handel - Hunderte von Menschen wurden verseucht. *
Alteisenhändler Desair Alves Ferreira wollte nur "ein hübsches blaues Licht" untersuchen, das aus einem 100 Kilo schweren Metallzylinder strahlte. Mit Vorschlaghammer und Brecheisen legte er den leuchtenden Stein frei. Seine sechsjährige Tochter Leide rieb sich damit freudig Gesicht und Arme ein - der Stein sonderte ein glitzerndes Pulver ab.
So begann vor drei Wochen in der zentralbrasilianischen Stadt Goiania ein Strahlenunglück, das inzwischen Dutzende von Menschen ins Krankenhaus gebracht und Zehntausende in Panik versetzt hat. Mindestens sechs der zehn am schwersten erkrankten Patienten haben kaum Chancen zu überleben.
Denn der rund 100 Gramm schwere, von Desair zersplitterte Stein - "er wollte einen Ring für seine Frau daraus machen lassen", berichtete eine Nachbarin - war hochradioaktives Cäsium 137.
"Schlimmer als Tschernobyl", entsetzte sich Rex Nazare Alves, Chef der brasilianischen Atomenergiebehörde CNEN, über den Unfall. Er sandte 43 Techniker nach Goiania, um die Verseuchung zu messen und Strahlungsherde abzugrenzen. Aus aller Welt kamen Hilfsangebote, die Sowjet-Union und die USA schickten Ärzte, die Bundesrepublik einen Physiker.
Das Cäsium 137 stammte aus einer medizinischen Bestrahlungsanlage zur Behandlung von Krebskranken, die vor 15 Jahren von einem privaten radiologischen Institut aus Kanada importiert und bis vor zwei Jahren auch benutzt worden war.
Dann aber wurde das Grundstück verkauft, das Institut mußte umziehen. Das tonnenschwere Bestrahlungsgerät blieb zurück. "Es war veraltet", erklärte Orlando Alves Teixeira, einer der drei Radiologen, die das Institut betreiben, "es sollte auf den Friedhof für radioaktive Apparate der CNEN kommen." Doch ein Rechtsstreit um das geräumte Gebäude verhinderte den Abtransport. "Ein Beamter des Gerichts hielt uns zurück, als das Gerät schon auf dem Lastwagen war", sagt Teixeira heute.
Eine Zeitlang wurde das verlassene Gebäude bewacht. Aber nach dem Abzug der Kontrolleure kamen die Plünderer. Als erstes verschwand eine Klimaanlage. Dann brach der 19jährige Altpapiersammler Wagner Mota Pereira durch eine gepanzerte Tür ein und fand, was er für gewinnbringendes Alteisen hielt.
Er schlug das Gerät auseinander und brachte die Teile zu seinem Freund, dem Schrotthändler Desair. Ahnungslos nutzte der das Eisen, so gut er konnte. Ein Stück gelangte auf eine 130 Kilometer entfernte Farm - der Bauer wollte einen Traktor damit ausbessern. Eine Druckerei goß verstrahltes Blei in ihre Setzmaschine. Erst als Desair die Cäsium-Kapsel aufbrach und die ersten Menschen akut erkrankten, wurde Alarm geschlagen. Wagner, Desair und das kleine Mädchen Leide gehörten zu den ersten Opfern.
In mindestens drei Wohnungen gelangten Teile des tödlichen blauen Steins. Die Mutter eines Erkrankten warf ein Stück ins Klo und stellte damit die Techniker der CNEN vor ein schwieriges Entsorgungsproblem. Mit Masken und Plastikanzügen geschützt, haben sie bislang zehn Strahlungsherde in Goiania entdeckt. In Desairs Alteisenhandlung ergaben die Messungen 1000 Rem pro Stunde (höchster zulässiger Wert: 5 Rem pro Jahr).
Ganze Straßenzüge wurden evakuiert und abgesperrt. Die Dekontamination werde ein Jahr dauern, glauben die Techniker der CNEN. Ein ganzes Haus muß abgerissen und stückweise in Container verpackt werden, Betonmauern sollen Strahlungsherde provisorisch abschirmen.
Über 2000 Menschen lassen sich jeden Tag im Olympischen Stadion der Millionenstadt untersuchen. Zehn Schwerverseuchte sind ins Krankenhaus der Marine nach Rio de Janeiro abtransportiert worden. Das mit 3000 Rem verstrahlte Kind Leide ist selbst zu einer Gefahr für die Patienten und das Personal in der Klinik geworden.
Mittlerweile schlägt die Fassungslosigkeit über die bizarre Katastrophe in Wut auf die Bürokratie um, die ihrerseits mit Überdosen nicht spart. Die Behörden wissen noch nicht wohin mit dem Atommüll. Ein provisorisches Zwischenlager wird auf einem staatlichen Grundstück errichtet.
"Die Lage ist unter Kontrolle", versicherte zwar CNEN-Chef Alves. Doch nun häufen sich Berichte aus anderen Städten über Zwischenfälle mit radiologischen Geräten: In Belo Horizonte schnitt ein Mechaniker versehentlich eine Cäsium-Kapsel mit der Säge auf. In Santos warf eine Krankenschwester einen Zylinder mit 30 Milligramm Radium in den Müll - Chefarzt Oskar von Pfuhl mußte mit dem Geigerzähler in der Hand die Müllhalde der Stadt absuchen.

DER SPIEGEL 42/1987
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