25.05.1987

Der Schlächter von Lyon

Klaus Barbie und die französische Kollaboration (IV) / Von SPIEGEL-Autor Heinz Höhne *
Klaus Barbie war verschwunden. Die Stoßtrupps der Resistance, gefolgt von amerikanischen und französischen Truppen, die am 3. September 1944 in Lyon einzogen, fanden keine Spuren mehr von dem Gestapochef außer verkohlten Leichen und verbrannten Akten.
Kaum einer hätte wohl in dem humpelnden SS-Hauptsturmführer mit den erst knapp verheilten Gesichtsnarben, der Ende November das St.-Peter-Krankenhaus in Baden-Baden verließ, den verhaßten "Schlächter von Lyon" wiedererkannt. Den Ärzten und Schwestern blieb er in unguter Erinnerung: ein nörgelnder, unzufriedener Patient.
Die Beförderung in den Hauptmannsrang hatte ihn zwar endlich erreicht, dazu auch die Verleihung des EK II, doch Barbie fühlte sich von seinen Vorgesetzten im Stich gelassen.
Das Reichssicherheitshauptamt (RSHA), bei dem er sich am 7. März 1945 meldete, wollte Barbie nicht haben und schickte ihn zum SD-Leitabschnitt in Düsseldorf, der jedoch seinen Stab nach Essen verlegt hatte. In Essen fand Barbie die SD-Büros auch schon wieder verlassen; angesichts der vor der Stadt aufgetauchten US-Panzer hatte sich der Leitabschnitt selber aufgelöst.
So irrlichterte Barbie von einer Dienststelle zur anderen, bis ihm nur noch übrigblieb, sich dem nächsten SS- und Polizeiführer zur Verfügung zu stellen. Der schickte ihn in Adolf Hitlers letzte Schlacht im Westen, in den "Ruhrkessel" mit den zerschlagenen Divisionen der Heeresgruppe B, den die Angriffsverbände der Alliierten seit dem 1. April immer härter zusammenpreßten.
Doch der SS-Hauptsturmführer Barbie dachte nicht daran, sich in der Götzendämmerung des Hitler-Reiches noch verheizen zu lassen. Zwei knappe Wochen hielt Barbie im Kessel durch, dann machte er sich davon - am 16. April 1945, einen Tag vor der Kapitulation der Heeresgruppe. Mit "vier Hanseln" (so Barbie) setzte er sich von der Truppe ab, beschaffte sich Zivilkleidung und fuhr mit einem Fahrrad los.
Das sollte von Stund an sein Los im hungernden, frierenden, besetzten Nachkriegsdeutschland werden: immer auf der Flucht zu sein, immer auf Nebenwegen, immer in armseligen Quartieren und von fragwürdigen Helfern abhängig, mit falschen Papieren und angeklebtem Bart, ein Dr. Kimble im Untergrund steckbrieflich gesuchter Nazi-Schergen und "Werwolf"-Fanatiker.
Seine Namen wechselte er so häufig wie seine Verstecke und Bekanntschaften. In Marburg war er der Student Klaus Becker, in Hamburg trat er als Handelsvertreter Heinz Mertens auf, in der Lüneburger Heide war er der Ex-Soldat Klaus Behrens, in München ein Kaufmann namens Klaus Spier.
Den amerikanischen Militärpolizisten die ihn an einer unerwarteten Straßensperre stoppten, gab er sich schlagfertig als französischer Zwangsarbeiter aus der um jeden Preis nach Hause wollte und als er in Marburg festgenommen und im US-Jeep abtransportiert wurde, ließ er sich bei der nächsten Straßenbiegung herausfallen und lief dem schießenden Bewacher davon.
Seelenruhig saß er in Darmstadt bei den Amerikanern, die ihn nicht erkannten, eine zweiwöchige Gefängnisstrafe wegen Schwarzhandels ab. Als Amis in das Haus eines seiner Kontaktmänner in Kassel eindrangen, den Barbie gerade besuchte, sprang er durch ein Fenster ins Freie und entkam in der Dunkelheit.
Selbst die Einkerkerung in einem Arresthaus der britischen Militärpolizei an der Hamburger Alster bot ihm keine unlösbaren Probleme: Am dritten Tag hatte er das Zellenschloß aufgebrochen und war verschwunden.
Barbies Phantasie reichte aus, sich vorstellen zu können, daß sie bald alle hinter ihm her sein würden: Spurensucher aus Lyon, amerikanische Kriegsverbrecher-Fahnder und auch Vergangenheitsbewältiger deutscher Staatsanwaltschaften.
Tatsächlich erließ das Ständige Militärgericht in Lyon am 31. August 1945 einen Haftbefehl gegen Barbie wegen Kriegsverbrechen, bald ergänzt durch einen Ermittlungsbericht des zuständigen Untersuchungsrichters, der Barbie die Deportation und Ermordung von Häftlingen und unmenschliche Praktiken im Partisanenkrieg anlastete.
Das waren freilich nur Formalien; solche Haftbefehle wurden im damaligen Frankreich zu Tausenden erlassen. Ihnen fehlte oft ebenso Substanz wie den schier endlosen Fahndungslisten der Kriegsverbrecherkommission der Vereinten Nationen (UNWCC) und der Pariser Zentralerfassungsstelle für Kriegsverbrecher (Crowcass).
Auch in diesen Papieren war Barbie registriert. In den UNWCC-Listen stand er unter seinem richtigen Namen, in den Crowcass-Listen als "Barbier" - ein Name unter 20000, deren Träger in aller Welt gesucht werden sollten.
Wer aber suchte schon? Die Geheimdienste und Polizeiorgane der Besatzungsmächte in Deutschland wären überfordert gewesen, hätten sie jedem Fall in den Fahndungslisten nachgespürt. Sie besaßen nicht das dafür notwendige Personal. So konnte mancher verhaftet werden und wieder freikommen, ehe man begriff, daß ein gesuchter Kriegsverbrecher entschlüpft war.
Gleichwohl gab es Geheimdienstler in der 7. US-Armee, denen Barbie bereits aufgefallen war. In der Suchkartei ihres Hauptquartiers in Frankfurt hielt ein Vermerk fest: "Barbie, Claus. Ostuf. Leiter, Abt. IV, SD Kdo Lyon. Langjähriges Mitglied des SD. Ein gefährlicher Verschwörer."
Gefährlicher Verschwörer - die Bemerkung verriet, daß man in Frankfurt mehr an Barbies Gegenwart als an seiner Vergangenheit interessiert war. Denn: Seit Monaten beobachtete die US-Abwehr Barbies Aktivitäten im Halbdunkel fanatischer Altnazis und unbelehrbarer Militaristen, die in verräucherten Hinterzimmern den Widerstand gegen die Besatzer probten.
Unter der Federführung des ehemaligen Waffen-SS-Offiziers Kurt Ellersieck, der von einer Nazi-Restauration träumte, kamen gewesene SS-Führer, NS-Funktionäre und Militärs zu bizarren Geheimtreffs zusammen - häufig und laut genug, um naive Amerikaner an eine gefährliche "Verschwörung" glauben zu lassen und ihre V-Männer auf die führenden Köpfe des "Nazi Underground" anzusetzen, auch auf Barbie.
Barbie merkte zu spät, daß er von Ami-Spitzeln" eingekreist war. Erst allmählich durchschaute er seine vermeintlichen Freunde: die ehemalige Gestapo-Sekretärin Erika Loss, die ihn in Marburg an die Amerikaner verraten hatte, den ehemaligen SS-Funker Acker, von dem er in Hamburg verpfiffen worden war, den ehemaligen SS-Oberscharführer Emil Hoffmann, der ihn für die Briten einfangen wollte.
Auf einmal kapierte Barbie, daß er in der Falle saß. Noch dachte er über einen Ausweg nach, da zog die Gegenseite ihr Netz zu. Am 22. Februar 1947 lief "Operation Selection Board" an, die Großrazzia britischer und amerikanischer Militärpolizei in beiden Besatzungszonen, durch die nahezu alle führenden Figuren des Ellersieck-Rings unschädlich gemacht wurden.
Barbie konnte sich ausrechnen, daß sie auch ihn bald schnappen würden. Er war am Ende. Barbie sah nur noch einen Weg davonzukommen: Er mußte sich mit den Verfolgern arrangieren.
Die politische Großwetterlage im Frühjahr 1947 begünstigte solche "Arrangements". Der kalte Krieg zwischen West und Ost, die abergläubische Furcht vor kommunistischer Unterwanderung hatte die geheimdienstlichen und polizeilichen Fachleute des Dritten Reiches wieder hoffähig gemacht.
Barbie witterte eine Chance. Doch er mußte vorsichtig taktieren. Da er als Kriegsverbrecher schwer belastet war und seinem künftigen "Kunden" wenig zu bieten hatte, konnte er sich nur mit Amerikanern liieren, die vom konspirativen Geschäft nicht viel verstanden. Die Profis vom Military Intelligence Service der Armee würden ihn rasch durchschauen - er mußte sie auf jeden Fall meiden.
Doch es gab eine Organisation, die dilettantisch genug war, Interesse an einem Barbie zu haben: das Counter Intelligence Corps (CIC), die Abwehrpolizei der US-Armee. Eigentlich sollte das CIC nur Spionage, Sabotage und Verbrechen in der Armee bekämpfen, doch seine ehrgeizigen Offiziere wollten auch Spionageabwehr im ganzen Besatzungsgebiet, schließlich sogar aktive Spionage treiben.
Dafür aber war das Gros seines Personals herzlich ungeeignet. In den Regionen, Subregionen und Residenturen des für Deutschland zuständigen 970. CIC-Detachments saßen meist gelangweilte Angestellte, für geheimdienstliche Aufgaben kaum ausgebildet, sprachenfaul, _(Mit Mutter, Ehefrau und den Kindern ) _(Klaus und Ute. )
an ihrer deutschen Umgebung wenig interessiert, mehr auf Schwarzmarktgeschäfte denn Spionage aus, "eine Horde von Schlawinern" - so ein Fahnder von der Criminal Investigation Division der Armee.
Wie aber an das supergeheime CIC herankommen? Ein Freund Barbies, der SS-Hauptsturmführer Wolfgang Otto, hatte von einem ehemaligen Abwehr-Hauptmann gehört, der in Frankreich gewesen war und jetzt für das CIC als Agentenführer arbeitete; er unterhalte, so erfuhr Otto, in Memmingen eine Agentur, die sich "Büro Petersen" nenne.
Barbie wollte mehr über den Mann wissen. Otto zog weitere Erkundigungen ein. Plötzlich dämmerte Barbie, wer Petersen war: kein anderer als Kurt Merk, der alte Kumpel von der Abwehrstelle Dijon, der einst dem Gestapochef von Lyon zu seinen ersten Erfolgen verholfen hatte.
Sofort war Barbie entschlossen, nach Merk zu suchen. Er wußte allerdings nur, daß Merk nachmittags meist im Cafe "Weinsiegel" in Memmingen zu erreichen sei. Am 22. März wartete er dort vergebens auf Merk, doch sechs Tage später stieß er am Bahnhof auf ihn. Barbie: "Merk, Sie müssen mir helfen!"
Merk war wenig erbaut, den "Freund" aus der gemeinsamen Frankreichzeit wieder zu sehen. Im Grunde mochte er Barbie nicht, ganz zu schweigen von Merks französischer Freundin Andree Rivez, auch sie eine ehemalige Mitarbeiterin der Canaris-Abwehr, die den "brutalen Kerl" nicht ausstehen konnte.
Indes: Wars Kameraderie oder einfach Mitleid mit dem abgerissen und übernächtigt wirkenden Barbie - Merk half ihm. Er war einmal in einer ähnlichen Lage gewesen wie Barbie, damals im Januar 1946 nach der Entlassung aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft, als ihn das CIC in Oberstaufen verhaftet und im Internierungslager Memmingen eingesperrt hatte.
Da war er auf die Idee gekommen seine geheimdienstlichen Fähigkeiten und Kenntnisse den Amerikanern zu offerieren. Merk besaß, was die Amerikaner leidenschaftlich interessierte: Erfahrung mit dem kommunistischen Untergrund in Frankreich. Insider-Wissen über die französischen Geheimdienste.
Neben Sowjetspionen und deutschen Kommunisten irritierte die Amerikaner damals nichts ärger als Frankreichs Geheimdienst, der als kommunistisch unterwandert galt. Mißtrauisch verfolgte die US-Abwehr alle Aktivitäten französischer Agenten in Westdeutschland.
Merks Glück wollte es, daß auch sein CIC-Vernehmer, der junge Sonderagent Robert Taylor, solchen Ideen zuneigte. Im März 1946 heuerte er Merk als CIC-Informanten an. Merk nahm den Agentennamen "Walter Petersen" an und machte in Memmingen ein Radiogeschäft auf, in dessen Hinterzimmern eine Firma ganz anderer Art agierte: das Büro Petersen Anlauf- und Auftragsstelle für Merks V-Männer.
So hatte Merk am Ende auch keine Bedenken, Barbie an die Amerikaner zu vermitteln. Merk brachte ihn am 18. April 1947 mit dem richtigen Mann zusammen: Taylor.
Der Special Agent unterzog Barbie einer mehrstündigen Vernehmung, denn noch immer stand sein Name ganz oben auf den Fahndungslisten des Unternehmens "Selection Board". Doch Barbie blieb kaltblütig. Er hatte sich eine Geschichte für die Amerikaner zurechtgelegt, dreist, verlogen und doch scheinbar so wasserdicht, daß er lange an ihr festhielt.
Es war die Geschichte von dem enttäuschten NS-Idealisten, der den Weg zum SD gefunden hatte, um den alle Völker bedrohenden Kommunismus zu bekämpfen. Wo ihn der SD auch immer hingestellt hatte, in Frankreich, in der Schweiz oder in Italien - sein Ziel war immer gewesen, einen Beitrag zur Abwehr der bolschewistischen Gefahr zu leisten. Auch die Bekämpfung der Resistance hatte nichts anderem gedient.
Das überzeugte den Naivling Taylor so schnell, daß er Barbie sofort fragte, ob er "Lust habe, als Unteragent und Nachrichtensammler für das CIC zu arbeiten", wie es in einer CIC-Aufzeichnung heißt. Auch das steht drin: "Barbie akzeptierte sofort."
Nicht einen Augenblick kam Taylor der Verdacht, einer Lügengeschichte aufgesessen zu sein. "Barbie", so schrieb er in einer Aktennotiz, "hat diesen Agenten beeindruckt als intellektuell und persönlich rechtschaffener Mann absolut ohne Nerven oder Furcht. Er ist ein engagierter Antikommunist und ein Nazi-Idealist, der glaubt, daß er und seine Überzeugungen von den Nazi-Machthabern verraten wurden."
Bei so viel Wohlwollen fiel es Barbie nicht schwer, sich im Tarnnetz des CIC vor weiteren Verfolgern in Sicherheit zu bringen. Die Münchner Führung der CIC-Region IV (Bayern), der das Büro Petersen unterstand, half dabei fleißig mit, zumal sie große Hoffnungen in Merk und Barbie setzte.
Die hatten inzwischen Auftrag, Petersens Unternehmen zu reorganisieren:
Das Petersen-Büro mauserte sich zum "Büro Larsen-" (nach einem neuen Agentennamen Merks) und zog in das Haus 38 der Schillerstraße in Kempten, wo schon neue Orders über die erweiterten Aufgaben des Gespanns Merk/Barbie lagen: *___Beobachtung sowjetischer Geheimdienstarbeit in der Ost- ____und US-Zone und *___Aufklärung geheimer Zusammenarbeit zwischen russischen ____und französischen Diensten.
Das klang nun freilich so phantastisch, daß jeder nüchterne ND-Mann davor zurückgeschreckt wäre. Doch der Spionage-Freak Merk glaubte ernsthaft, die neuen Aufträge von Region IV seien realisierbar.
Schon im Sommer 1947 hatten Merk und Barbie 65 V-Männer zusammen, die für das Büro Larsen spitzelten. Taylor war begeistert: Seine beiden deutschen Freunde boten ihm, wie er allen Ernstes notierte, "umfassende Verbindungen zu französischen Spionagegruppen in der US-Zone, zu hohen rumänischen Kreisen und einflußreichen Russen in der US-Zone".
Vor allem Klaus Barbie muß in der Region IV als ein rechter Tausendsassa der Spionage gegolten haben. Er hatte Emil Augsburg, den vielbegehrten Ostexperten des SD, in den Dienst des CIC geholt, er besaß angeblich "marvellous connections" zum französischen Geheimdienst und genoß zudem den Ruf, ein Fachmann für Rumänien zu sein - er, der das Balkanland nie gesehen hatte.
Grotesker ging es nicht mehr: Noch fahndeten die Nazi-Jäger zweier CIC-Regionen nach dem flüchtigen Nazi-Verschwörer Barbie, da war er längst das As im Nachrichtennetz einer dritten Region, ihre große, geheime Hoffnung, in das Gewebe sowjetischer und französischer Spionagenetze eindringen zu können.
Natürlich mußte das einmal jemandem an der CIC-Spitze auffallen. Captain Robert Frazier, einer der Führungsoffiziere im Hauptquartier, staunte nicht schlecht, als er am 22. Mai 1947 in einem Bericht von der Region IV auf den Namen des "sub-agent" Barbie stieß.
Erregt verlangte Frazier von den Kollegen in München Aufklärung darüber, wie der Nazi Barbie in ihren Dienst gelangt sei. Der Captain war persönlich betroffen, denn er hatte zu den Planern von "Selection Board" gehört: Seit drei Monaten suchten seine Leute diesen verschlagenen Unterführer des "Nazi Underground" vergebens, und hier saß er nun, mitten im CIC!
Doch die Münchner stellten sich vor ihren Barbie. Taylor fand, Barbie sei als Informant "bei weitem nützlicher denn als Häftling im Gefängnis", und auch Taylors kritischer Nachfolger, der Agent Camille Hajdu, urteilte, Barbie habe der Region "äußerst gutes Nachrichtenmaterial" beschafft.
Wochenlang mauerten Barbies Führungsoffiziere, bis dem Operationschef des Detachments, Major Earl Browning die Geduld ausging. Am 29. Oktober 1947 wies er den Kommandostab von Region IV an, Barbie zu verhaften und in das Sondervernehmungslager Oberursel bei Frankfurt zu überführen.
Im Dezember machten sich Spezialisten des CIC daran, den SD-Mann einem strengen Verhör zu unterziehen. Woche um Woche grillten sie Barbie: Wer waren seine Kontaktleute im Ellersieck-Netz gewesen, wie war er "Selection Board" entkommen, wer hatte ihm auf der Flucht geholfen?
Plötzlich begriff Barbie, daß die Amerikaner an seiner Lyoner Vergangenheit gar nicht interessiert waren. Über seinen Gestapo- und Frankreich-Einsatz wollten sie nichts wissen. Kannte man ihn beim CIC nicht? Wohl doch, wie die Barbie-Karte im Zentralen Personen-Index des 970. Detachments vermuten läßt: Sie enthielt einen Hinweis auf Barbies Tätigkeit als Gestapochef von Lyon.
Also bewußte Vernebelung eines Kriegsverbrechers, gar versteckte Sympathie mit ihm? Keineswegs. Man hatte in der Führung des CIC nur keine Lust, sich weiterhin mit den Kollegen in München anzulegen, die sich partout darauf versteiften, daß Barbie okay und für sie äußerst nützlich sei.
Oberstleutnant Ellington Golden, Kommandeur der Region IV, hatte dafür sein Wort verpfändet, in einem halsbrecherischen Memorandum, das Barbie von jeder Tätigkeit für die Gestapo freisprach: Er habe als "ausgebildeter Geheimdienstoffizier" im besetzten Frankreich nur nachrichtendienstlich gearbeitet und ausschließlich dem RSHA-Amt VI (Ausland-SD), nicht aber dem Amt IV (Gestapo) angehört.
Kurz darauf fiel im Hauptquartier die Entscheidung, Barbie weiterhin im CIC zu beschäftigen. Nur widerwillig rafften sich die CIC-Oberen dazu auf, von der Alternative erschreckt:
Beließen sie Barbie in Haft, so liefen sie Gefahr, daß der Mann ausbrach und zur britischen Konkurrenz ging, wo er CIC-Geheimnisse, und Barbie kannte viele, ausplaudern konnte.
Klaus Barbie war wieder einmal davongekommen, doch da folgte der nächste Schlag: Die Franzosen waren Merk auf die Spur gekommen.
Ausgelöst hatte das der französische Oberst Richard Serre, der als Vertreter seines Landes im Vier-Mächte-Geheimdienstausschuß in Berlin saß. Er konnte nicht verwinden, daß es Merk und Barbie im Krieg gelungen war, eine von ihm geschaffene Tarnorganisation der Vichy-Armee, die Agentenzentrale "Technica", zu zerschlagen.
Serre und die aus deutscher Festungshaft zurückgekehrten "Technica"-Mitarbeiter konnten sich nicht vorstellen, daß es bei der Enttarnung ihrer Organisation mit rechten Dingen zugegangen war. Ein Verräter mußte unter ihnen gewesen sein und den Deutschen alles preisgegeben haben.
Ihr Verdacht fiel auf den ehemaligen Surete-Kommissar Charles Merlen, der die Geheimnisse der Gruppe gekannt hatte. Auffallend war immerhin, daß Merlen auch enge Beziehungen zur Abwehrstelle Dijon unterhalten hatte, vermittelt von seiner Nichte Andree Rivez, die wiederum Merks Geliebte war.
Das war suspekt genug, um den Fall vor die Lyoner Militärjustiz zu bringen. Deren Ermittlungsbeamte spürten Zeugen auf und durchforschten deutsche Beuteakten - mit peinlichen Ergebnissen: Statt des einen Verräters fanden sie gleich mehrere. Nicht nur Merlen; auch der Adjutant Gaston Monniez und seine Frau Helene hatten für Merk gearbeitet;
das schien nun so verwirrend daß nur Merk oder zumindest seine Freundin-Agentin die Hintergründe hätte aufklären können. Zwar lief bereits der Prozeß gegen Merlen und Konsorten vor dem Ständigen Militärgericht in Lyon, doch er mußte im Februar 1948 wieder ausgesetzt werden, weil der Zeuge fehlte, der alle Zusammenhänge kannte: Merk.
Die Suche nach Merk und Andree Rivez wäre im Sande verlaufen, hätte dem Colonel Serre nicht ein amerikanischer Freund geholfen, der im Führungsapparat des US-Geheimdienstes in Deutschland saß: Oberst Robert Schow, der im Krieg Militärattache in Vichy und Empfänger der "Technica"-Materialien gewesen war.
Der US-Oberst alarmierte seinen Chef, Oberst Peter Rodes, und der wiederum setzte den Leiter des CIC-Detachments in Bewegung, der angesichts so massiver Intervention die Franzosen nicht länger ignorieren mochte. Prompt erging am 20. April 1948 eine Weisung des CIC-Hauptquartiers an die Region IV, augenblicklich Merk und seine Französin herbeizuschaffen und zu vernehmen.
Erregt setzte Merk sich bei der Vernehmung zur Wehr. Über die "Technica" äußerte er sich ausführlich, von der Rivez aber wollte er seit Kriegsende nichts mehr gehört haben.
Nach dem Verhör jedoch war Merk ein gebrochener Mann. Überall witterte er französische Verfolger und ließ sich nicht von der Idee abbringen, die Franzosen seien darauf aus, ihn als Kriegsverbrecher vor Gericht zu stellen.
Bestürzt beobachteten Merks Führungsoffiziere, wie Herbert Bechtold den Verfall ihres besten Informanten. Desto mehr drängten sie jetzt Frankfurt, endlich Barbie freizulassen, der noch immer in Oberursel einsaß und darauf wartete, daß sich die CIC-Stellen über die künftigen Aufgaben des Barbie/Merk-Netzes einigten.
Schon packte Barbie seine Sachen für die Heimreise nach Kempten, da geriet auch er unter den Druck französischer Fahnder. Ehe er es sich so recht versah, saß er am 14. Mai 1948 in einem Zimmer des Frankfurter IG-Farben-Gebäudes zwei Franzosen gegenüber - erste Konfrontation Barbies mit seinen Verfolgern.
Unsicher starrte Barbie auf den Surete-Kommissar Louis Bibes, der ihn nach monatelangen Recherchen gefunden hatte. "Dünn und äußerst nervös" fand Bibes den Gestapoveteran: "Er zitterte zwar nicht gerade, aber er war sehr verkrampft."
Doch Barbie fing sich rasch und wurde zusehends selbstbewußter. "Ein arroganter Bastard", erinnert sich CIC-Mann John Willms, der dabei war. Barbie hatte rasch kapiert, daß es im Grunde gar nicht um ihn ging. Die Fragen, die die Franzosen Barbie stellten, galten dem Wissen, nicht den Verbrechen des einstigen Gestapochefs.
Wie im Fall "Technica", so ging es auch hier um die Begleichung alter Rechnungen aus der deutschen Besatzungszeit. Und wieder war Verrat im Spiel, der heftige Streit um einen spektakulären Treuebruch, der Frankreichs Widerständler seit Jahren spaltete.
Im Mittelpunkt der Kontroverse stand jener verhängnisvolle Treff führender "resistants" am 21. Juni 1943 in Caluire, der von der Gestapo überrascht worden war. Dort waren führende Männer der Resistance, angeblich auch bereits ihr Chef Jean Moulin, Barbie in die Hände gefallen - der schwerste Schlag, der die Resistance jemals getroffen hatte.
Bereits 1943 kam der Verdacht auf, der Treff sei an die Gestapo verraten worden. Als Verräter galt der Sabotage-Chef Rene Hardy, der uneingeladen zu der supergeheimen Zusammenkunft erschienen war und sich bei der Gestapo-Razzia recht auffällig benommen hatte.
Wenn aber, so kombinierten seine Gegner, ein profilierter Widerständler wie Hardy Verrat verübt hatte, so mußte er dazu von der Gestapo gezwungen worden sein. Das setzte voraus, da? Hardy irgendwann vor dem Treff von Caluire mit der Gestapo in Kontakt gekommen war.
Aber wo, bei welcher Gelegenheit? Es gab nur eine unaufgeklärte Episode in Hardys damaligem Leben: die mysteriöse Paris-Reise, die er am 7. Juni 1943, zwei Wochen vor dem Treffen in Caluire, in Lyon angetreten hatte. Hardy war in den Nachtzug nach Paris eingestiegen, hatte ihn jedoch in Chalon-sur-Saone wieder verlassen und war auf ein paar Tage spurlos verschwunden.
In eben diesen Tagen mußte Hardy in die Gewalt der Gestapo geraten sein - so die Vermutung der Ankläger. Hardy gab eine andere Erklärung: Im Zug hätten ihm zwei Gestapo-Spitzel nachgestellt, denen er sich durch Flucht und tagelanges Untertauchen entzogen habe.
Das klang so plausibel, daß ihm auch die Führer des Widerstands seine Geschichte abnahmen. Ein Ehrengericht der Resistance in Algier, wohin Hardy geflohen war, entlastete ihn 1944 von allen Vorwürfen.
Doch die Überlebenden des Caluire-Dramas hielten Hardy weiterhin für den Verräter und gaben nicht auf. Was sie schließlich an Verdachtsmomenten zusammentrugen, reichte der Pariser Justiz, den inzwischen zum hohen Ministerialbeamten aufgestiegenen Hardy im Dezember 1944 verhaften zu lassen. Er wurde angeklagt, sich der Gestapo verschrieben und in Caluire Moulin und dessen engste Mitarbeiter verraten zu haben.
Abermals beteuerte Hardy, er habe vor dem Treffen in Caluire keinerlei Berührung mit der Gestapo gehabt. Die Richter in Paris glaubten ihm: Am 24. Januar l947 sprach ihn das Gericht unter dem frenetischen Jubel seiner Anhänger frei.
Der Medienlärm um den Pariser Sensationsprozeß belustigte den Schlafwagenschaffner Morice, der sich darüber wunderte, wie schlampig die Justiz arbeitete. Morice war der Mann gewesen, der
in dem ominösen Nachtzug Lyon-Paris Hardy das Schlafwagenabteil zubereitet hatte. "Merkwürdig", sagte Morice eines Tages zum Zugschaffner, "daß man nie auf die Idee gekommen ist, einmal die Kontrollblöcke der Laufzettel nachzusehen. Dann könnte man doch feststellen, ob Hardy in Chalon verhaftet wurde."
Der Zugschaffner erzählte es dem Zugführer und der wiederum seinem Neffen, der bei der Direction de la surveillance du territoire (DST), Frankreichs Sicherheitsdienst, arbeitete. Der Neffe interessierte den DST-Chef Roger Wybot für die Geschichten des Monsieur Morice, worauf der Sicherheitsdienst in Aktion trat.
Tatsächlich fanden DST-Rechercheure in Lyon ein Kontrollheft mit dem Laufzettel des 7. Juni 1943, auf dem verzeichnet war, daß der Fahrgast Hardy in Chalon von deutschen Polizisten aus dem Zug geholt und sein Bett anderweitig vermietet worden sei. Unterschrift: Morice.
Noch im März 1947 wurde Hardy erneut verhaftet. Als Hardy den Kontrollzettel sah, bequemte er sich zu einem Geständnis: Ja, er habe gelogen, allerdings nur, um den "unsinnigen" Verdacht abzubiegen, sich mit der Gestapo eingelassen zu haben. In Wahrheit habe er nichts verraten.
Eine neue Anklage gegen Hardy entstand. Da er nicht noch einmal wegen der Caluire-Affäre abgeurteilt werden konnte, kamen andere Vorwürfe ins Spiel: Zusammenarbeit mit Barbie, Preisgabe des von Hardy selber verfaßten Sabotageplans "Grün", Enttarnung von Widerstandskämpfern.
Was Hardy damals Barbie verraten hatte, konnte außer dem Beschuldigten nur noch einer wissen: Barbie. Der Pariser Untersuchungsrichter Major Andre Gonnot begriff nur zu gut, daß die Anklage mit dem Zeugen Barbie stand und fiel.
Monatelang fahndeten Gonnots Ermittler ergebnislos, bis im Frühjahr 1948 die Affäre Merk eine vage Spur sichtbar machte. Unter Münchner Nachrichtenhändlern erzählte man sich, daß neben Merk ein ehemaliger Gestapo-Mann namens Barbie für die Amis arbeitete, was auch ein gelegentlicher DST-Informant hörte und sogleich nach Paris weitergab;
das setzte den Surete-Kommissar Bibes in Bewegung, der nach allerlei Irrfahrten Barbie in Oberursel aufspürte. Ein Verbindungsoffizier zum US-Geheimdienst verschaffte ihm, wie der französische Publizist Ladislas de Hoyos ("Barbie", Paris 1984) weiß, die Erlaubnis, Barbie zu kontaktieren - mit all der Behutsamkeit und der Devise: keine Anwürfe gegen Barbie.
Doch die Vernehmung im Frankfurter IG-Farben-Haus verlief enttäuschend. In der irrigen Annahme, die Franzosen seien da, um ihn wegen seiner Lyoner Verbrechen zu belangen, äußerte sich Barbie kaum zur Sache Hardy und verbreitete sich mal weinerlich, mal aggressiv über seine Rolle im besetzten Frankreich, natürlich die Rolle eines "reinen Nachrichtenmannes".
Das fünfseitige Vernehmungsprotokoll, das dabei entstand, erwies sich als so dürftig, daß sich Bibes mit seinen Begleitern vier Tage später, am 18. Mai 1948, Barbie noch einmal vornahm, diesmal in einer Konspirativen Wohnung des Münchner CIC.
Der Barbie, der in München den Franzosen entgegentrat, hatte kaum noch Ahnlichkeit mit dem vorsichtigen, verunsicherten Mann aus dem IG-Farben-Gebäude. Er war frech und so bombastisch, daß es selbst seinem Begleiter, dem CIC-Mann Dick Lavoie, gelegentlich auf die Nerven ging.
Bei einer dritten Vernehmung war er auch bereit, über Hardy "auszupacken". Die Vernehmung dauerte 15 Stunden und gab Barbie Gelegenheit, ein Feuerwerk von Anspielungen, Anekdoten und Unterstellungen abzubrennen.
Barbies gute Laune hatte Gründe: Er war inzwischen aus Oberursel entlassen worden und konnte sicher sein, auch weiterhin für das CIC arbeiten zu dürfen. Hajdu hatte ihm sogar schon zu verstehen gegeben, daß man im CIC noch "große Dinge" mit ihm vorhatte. Auch die Franzosen hatten in München ähnliches erfahren. Lavoie: "Herr Barbie ist sehr wichtig für die Vereinigten Staaten. Er macht gefährliche Sachen."
Was das für Sachen waren, hatte man Barbie in Kempten bereits eröffnet. Er sollte allmählich an die Stelle des erschöpften Merk rücken, das unhantierbar gewordene Büro Larsen umbauen und mit dessen besten V-Männern nur noch Gegenspionage betreiben.
Das hieß konkret: Unterwanderung kommunistischer Organisationen. Bespitzelung von Parteien und Gewerkschaften, Einsickern in französische und sowjetische Geheimdienste, Anwerbung von Konteragenten in dem großen Heer beschäftigungsloser Ex-Nazis.
Zu diesem Zweck wurde das Büro Larsen im Juni 1948 nach Augsburg verlegt, wo schon in der Mozartstraße 10 Quartiere bereitstanden. Von nun an gehörten sie zur Region XII (Augsburg). Ein neuer CIC-Betreuer, der aus Essen stammende Sonderagent Erhard Dabringhaus, übernahm die nominelle Führung, Merk war noch mitgekommen (er schied im Mai 1949 endgültig aus), doch die zentrale Figur war Barbie.
Er behielt die Fäden in der Hand: Es waren seine V-Männer, die in der Augsburger KPD Versammlungen bespitzelten und Unterlagen stahlen, seine alten Kumpels, die für ihn in der französischen Zone den "Gegner" observierten, seine Konfidenten, die unter ehemaligen SS-Männern und russischen Emigranten für das CIC warben.
Er war so erfindungsreich und fleißig daß ihn Captain Eugene Kolb, der überaus mißtrauische Operationsoffzier der CIC-Region XII, für den ,"zuverlässigsten Informanten" hielt. "über den dieses Hauptquartier verfügt". Auch CIC-Kontrolleur Daniel C. Canfield war ..beeindruckt von dieser deutlichen Redlichkeit und Aufrichtigkeit".
Ohne es richtig zu merken, wurde das Augsburger CIC, in dessen 15-Mann-Stab nur einer die deutsche Sprache beherrschte, immer mehr von den Berichten und Werturteilen deutscher Mitarbeiter vom Schlage Barbies abhängig. CIC-Augsburg lernte bald, die deutsche Umwelt durch die Brille des Klaus Barbie und seiner Ehemaligen zu sehen.
Seine antibolschewistischen Sprüche, seine totalitären Staatsschutzmaximen paßten so recht in die Denkschemata mancher US-Offiziere wie des Augsburger CIC-Chefs, Major George B. Riggin, der es für erstrebenswert hielt, "so viele alte Gestapo- und SD-Informanten wie möglich zu bekommen, vor allem die, deren Aufgabe es in der Nazizeit war, die KPD zu unterwandern" (so in einer Notiz vom 19. Februar 1949).
Kein Bedenken des Frankfurter Hauptquartiers hielt Barbies amerikanische Gönner zurück, kein Hinweis auf Barbies Gestapo-Vergangenheit konnte in Augsburg ernüchtern. Für die Riggins dieser Welt hatte das Wort "Gestapo" längst seinen Schrecken verloren, man wußte in Augsburg wohl zu "differenzieren".
Wie rühmten sie doch die "Rechtschaffenheit" des ehemaligen Gestapo-Mannes Barbie, der beileibe nicht alle seine Ex-Kameraden dem CIC empfehlen wollte, sondern vor ihnen sogar warnte! Barbie habe ihm erklärt, notierte Canfield am 3. November 1948, "in den meisten Fällen" stellten die einstigen SS- und Abwehr-Leute "ein Risiko für den US-Geheimdienst dar".
Grotesk daher auch die neuerdings wieder kolportierte Mär, Barbie sei gleichzeitig Mitarbeiter der Organisation Gehlen (Org), des Vorläufers des Bundesnachrichtendienstes, gewesen. Dort vergaß man nie die Quertreibereien des Büros Larsen gegen die Org; als später der ehemalige SD-Führer Bruno Kauschen, einer der rührigsten V-Männer Gehlens, den arbeitslos gewordenen Merk seiner Organisation andienen wollte, holte er sich von Gehlen eine harsche Abfuhr. Mit den deutschen Handlangern des CIC, das noch bis 1949 Gehlen auf seiner Kriegsverbrecherliste führte,
wollte man in der Org nichts zu tun haben.
Barbie war so auf die Amerikaner abonniert, daß er selbst die anfängliche Furcht vor den Franzosen völlig verlor, die nicht aufhörten, sich immer wieder bei ihm zu Vernehmungen einzufinden und jede neue Barbie-Enthüllung über den "Verräter" Hardy begierig aufzuzeichnen.
Doch dann geriet plötzlich der Name Barbie in die Schlagzeilen der französischen Presse: In Lyon formierten sich im April 1949 Widerstandsorganisationen zu einem Massenprotest und verlangten die Bestrafung des Nazi-Verbrechers Barbie.
"Verhaftet Barbie, unseren Folterer!" verlangte die Schlagzeile von "Paris-Presse-l''Intransigeant" am 14. Mai 1949 - Beginn einer Kette von Enthüllungsartikeln, die an die massenhaften Verbrechen des Lyoner Gestapochefs erinnerten. Zusehends erhitzte sich die Kampagne für die Auslieferung Barbies.
Die Enthüllungen von "Paris-Presse" über Barbies kriminelle Vernehmungsmethoden alarmierten das CIC-Hauptquartier. Browning sah eine peinliche Protestlawine auf das Corps zukommen und reagierte sofort.
Prompt schlug er Riggin am 24. Mai vor, Barbie augenblicklich aus dem Verkehr zu ziehen, bis Washington über den Fall entschieden habe. Begründung: Man habe zwar von Barbies Tätigkeit in Frankreich gewußt, aber es sei "nicht bekannt gewesen, daß er solche barbarischen Methoden angewandt hat, um von seinen Opfern Geständnisse zu erlangen".
Doch Riggin wollte von einer Kaltstellung Barbies nichts hören. Die Vorwürfe gegen Barbie, gab er mürrisch zurück, seien "wahrscheinlich nicht wahr", zumal es Auffassung der Barbie-Betreuer in Augsburg sei, daß er "intelligent und geschickt genug ist, eine erfolgreiche Vernehmung mit dem Kopf zu erzielen und dabei nicht seiner Hände bedarf".
Indes, die Anti-Barbie-Welle lief schon und war durch dümmliches Argumentieren nicht mehr zu stoppen. Jetzt schaltete sich auch Frankreichs Regierung ein und verlangte die Auslieferung Barbies. Schon im Juni 1949 hatte Paris die US-Militärregierung in Deutschland um Amtshilfe bei der Suche nach dem Kriegsverbrecher gebeten, nun wurden französische Diplomaten auch in Washington vorstellig.
Als die Amerikaner nur schwammig reagierten, ergoß sich ein Heer französischer Geheimdienstler, Polizisten und Journalisten nach Westdeutschland, die mit allerlei Tricks Barbie aufspüren wollten. Surete-Beamte veranlaßten die deutsche Polizei, den Namen Barbie auf ihre Fahndungslisten zu setzen, und es fehlte auch nicht an Überlegungen, Barbie zu kidnappen.
Je heftiger aber die Vertreter Frankreichs drängten und Auskunft über Barbie verlangten, desto absurder wurde das Hinhaltespiel Washingtons. 14 Monate hielten die USA die Verschleierungsmanöver durch: US-Hochkommission in Frankfurt, State Department, Verteidigungsministerium, Botschaft in Parisniemand wollte wissen, wo der gewisse Barbie sei.
Der saß derweil in der Augsburger Mozartstraße, beschützt und zugleich unter Verschluß gehalten von den Sonderagenten des Majors Riggin, der verbissen um seinen Meisterspion kämpfte. Doch lange sah sich das Frankfurter Hauptquartier dies nicht mehr an. Die Entscheidung war längst gefallen: Barbie muß weg.
Browning und seine Offiziere saßen in der Zwickmühle: Sie wollten den Kerl "mit Anstand" (Browning) loswerden wußten aber nicht recht wie. Erst wollten sie ihn an Frankreich ausliefern, dann einfach entlassen, schließlich ihn sogar erschießen.
Das wurde alles verworfen: Erschießen schien unehrenhaft, Auslieferung wegen ihrer verheerenden Wirkung auf künftige Agentenwerbung unratsam und Entlassung für das Corps gefährlich, weil Barbie zur Konkurrenz laufen oder von den Franzosen gekidnappt werden konnte.
Auf einmal hatte ein CIC-Mann die rettende Idee. Der "technical specialist" Captain Walter Unrath wurde vom Hauptquartier mit der Ausarbeitung eines "Rettungsplans" beauftragt. Er schlug im Dezember 1950 vor, Barbie samt Familie mit neuen Papieren auszustatten, über die Grenze zu schmuggeln und in Übersee untertauchen zu lassen. Unrath: "Die Person muß völlig ihre Identität verlieren."
Als Fluchtroute bot sich die "Rattenlinie" an, eine Organisation profaschistischer Kleriker, antikommunistischer Idealisten und Gauner, der sich das Salzburger CIC bediente, um gefährdete Agenten aus dem Ostblock über die österreichisch-italienische Grenze zu schleusen. Unrath entsandte einen Leutnant nach Salzburg, um die Vorbereitungen zu treffen. Das Unternehmen "Barbie rescue" lief an.
Am 9. März 1951 reiste Barbie mit seiner Familie ab, zwei Tage später klappte Browning die Barbie-Akte zu. Für Klaus Barbie alias Klaus Altmann aber war es nur eine Zwischenstation, Beginn einer langen Reise, die 32 Jahre später am Schauplatz seiner blutigen Verbrechen enden sollte.
Ende
Mit Mutter, Ehefrau und den Kindern Klaus und Ute.
Von Heinz Höhne

DER SPIEGEL 22/1987
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 22/1987
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Der Schlächter von Lyon

Video 02:52

Morddrohungen gegen britische Abgeordnete "Verräter müssen geköpft werden"

  • Video "Gelächter bei Tusk-Rede zu Brexit: In der Hölle gibt es viel Platz" Video 01:22
    Gelächter bei Tusk-Rede zu Brexit: "In der Hölle gibt es viel Platz"
  • Video "Fußball-Star Goretzka zum Rassismus-Vorfall: Mit viel Mut dagegen vorgehen" Video 01:00
    Fußball-Star Goretzka zum Rassismus-Vorfall: "Mit viel Mut dagegen vorgehen"
  • Video "Unglück in Kirgisien: Deutscher Tourist filmt Hubschrauberabsturz an Bord" Video 02:13
    Unglück in Kirgisien: Deutscher Tourist filmt Hubschrauberabsturz an Bord
  • Video "Mays Auftritt beim EU-Gipfel: Es kam zu tragikomischen Szenen" Video 02:41
    Mays Auftritt beim EU-Gipfel: "Es kam zu tragikomischen Szenen"
  • Video "Wolkenformation: Ein Mädchen am Horizont" Video 00:34
    Wolkenformation: Ein Mädchen am Horizont
  • Video "Rassistische Beleidigungen bei Länderspiel: Zuschauer postet emotionalen Appell" Video 02:20
    Rassistische Beleidigungen bei Länderspiel: Zuschauer postet emotionalen Appell
  • Video "Kurioser Torjubel: Torschütze stellt Anzeigetafel selbst um" Video 01:01
    Kurioser Torjubel: Torschütze stellt Anzeigetafel selbst um
  • Video "Illegaler Schiffsfriedhof in Griechenland: Der Kampf mit den Wracks" Video 04:52
    Illegaler Schiffsfriedhof in Griechenland: Der Kampf mit den Wracks
  • Video "Aufregung im Netz: Mysteriöser Lichtstreifen über Los Angeles" Video 00:51
    Aufregung im Netz: "Mysteriöser Lichtstreifen" über Los Angeles
  • Video "Hitze in Australien: Koala-Bär flüchtet ins Auto" Video 00:59
    Hitze in Australien: Koala-Bär flüchtet ins Auto
  • Video "Planespotter-Videos: Spektakuläre Manöver am Flughafen Düsseldorf" Video 01:39
    Planespotter-Videos: Spektakuläre Manöver am Flughafen Düsseldorf
  • Video "Drohnen-Achterbahn: Skateboarden im verlassenen Spaßbad" Video 01:30
    Drohnen-Achterbahn: Skateboarden im verlassenen Spaßbad
  • Video "Kaum erforschtes Phänomen: Mammatus-Wolken am aktiven Vulkan" Video 01:20
    Kaum erforschtes Phänomen: Mammatus-Wolken am aktiven Vulkan
  • Video "Brexit-Debatte: May attackiert Abgeordnete scharf" Video 02:17
    Brexit-Debatte: May attackiert Abgeordnete scharf
  • Video "Morddrohungen gegen britische Abgeordnete: Verräter müssen geköpft werden" Video 02:52
    Morddrohungen gegen britische Abgeordnete: "Verräter müssen geköpft werden"