12.10.1987

FUSSBALLNoch 'ne Gurke

Der Fall des Torhüters Uli Stein offenbart bei Hamburgs Renommierklub HSV eine schwere Führungskrise. Eine Zierde der Bundesliga versinkt in Provinzialität. *
HSV-Manager Felix Magath war gerade ein paar Tage im Amt, da machte ihm Klub-Präsident Wolfgang Klein ein überraschendes Angebot. Wenn ihm die Arbeit am Schreibtisch nicht behage, so Klein zu dem für fünf Jahre als Manager engagierten ehemaligen Fußball-Profi, dann könne er jederzeit aufhören. Magath lehnte die Offerte irritiert ab.
Gut ein Jahr später zählt nun der Manager genüßlich die letzten Tage seines ungeliebten Präsidenten, der am 2. November freiwillig aus dem Amt scheiden will. Freunde begrüßt Magath stets nach Art der Wehrpflichtigen, die das Ende ihrer Dienstzeit kaum abwarten können - "noch 34 Tage, noch 33 ..."
Der Hamburger SV, seit Saisonbeginn auf Talfahrt und dabei von verheerenden Niederlagen gebeutelt (0:6 in München, 2:8 in Mönchengladbach), leistet sich zum sportlichen Niedergang noch eine handfeste Führungskrise.
Der Klub, von der kapriziösen Manager-Diva Günter Netzer und dem grantelnden Klassetrainer Ernst Happel zu Beginn der 80er Jahre auf europäisches Spitzenniveau gehievt, präsentiert sich einem verblüfften Publikum inzwischen wie ein Verein zerstrittener Karnickelzüchter.
In der Geschäftsstelle an Hamburgs Rothenbaumchaussee regiert nicht nur der wegen seiner Sparsamkeit von den Spielern "Monetenfelix" genannte Magath, sondern auch Generalsekretär Dirk Albrecht, ein Klein-Intimus, der über Streßbewältigung promovierte. Schon seit Monaten wechseln die beiden leitenden Klubangestellten kaum noch ein Wort, die Erledigung der Tagesgeschäfte wird von gegenseitigem Mißtrauen bestimmt. Wichtiges, verriet Magath Freunden, "bespreche ich nicht mehr am Telephon".
Albrecht gilt als besonders ehrgeizig. Er würde, behaupten Insider, am liebsten Magath ablösen und auch die Lizenzspielerabteilung leiten.
Auch Präsident Klein zieht im internen Kreis gern über seinen Manager her. Er müsse immer wieder eingreifen, vertraute der leutselige Rechtsanwalt Klubfreunden an, "damit Magath nicht noch mehr Schaden anrichtet".
Früh schon untergrub Klein so die Autorität seines sportlichen Leiters, dem er den Managervertrag nur in einer Zwangslage offeriert hatte. Weil Magath 1984 nach Italien abwandern wollte, als Spielmacher damals aber unverzichtbar schien, akzeptierte Klein dessen Forderung nach beruflicher Absicherung: Magath spielte noch zwei Jahre und erhielt dann den mit 15000 Mark monatlich dotierten Managerjob.
Die erste Vertragsverlängerung der Magath-Ära aber tätigte der Präsident. Nachdem die Verhandlungen des Managers mit dem Jungprofi Dietmar Beiersdorfer an 1000 Mark im Monat zu scheitern drohten, schaltete sich Klein ein und erfüllte die Forderungen des Abwehrspielers. Später gewährte er über den Kopf des Managers hinweg Verteidiger Kaltz Sonderurlaub.
Im Kreis der ehemaligen Mitspieler, die Günter Netzers schlitzohrige Verhandlungstaktik gefürchtet hatten, war der wenig durchsetzungsfähige Magath ("ich bin zu umweltfreundlich") wieder mal als Schwächling entlarvt. Schon als Spieler hatte Magath, wie er selbst zugab, "Probleme, die Ellenbogen zu gebrauchen".
Er sei, moserten die Profis, lediglich knauserig wie eh und je. So strich er ein vom Verein jeweils montags spendiertes Mannschaftsfrühstück, auch ihr Bier müssen die HSV-Spieler nach 22 Uhr im Trainingslager nun selbst bezahlen. Regelmäßige Fußpflege durch eine Pediküre fiel ebenfalls Magaths Rotstift zum Opfer.
Der Manager benehme sich "wie ein Klosterschüler", urteilte Ernst Happel, der die radikal verjüngte Mannschaft in der vorigen Saison noch zu Vizemeisterschaft und Pokalsieg geführt hatte. Unter Nachfolger Josip Skoblar kassierte
der HSV ausgerechnet im Jahr seines hundertjährigen Bestehens blamable Niederlagen wie seit langem nicht mehr.
Der Jugoslawe, lediglich auf Empfehlung des ehemaligen HSV-Trainers Branco Zebec verpflichtet, hatte schon vor Saisonbeginn jegliche Autorität verspielt. Weil es angeblich draußen zu heiß war, ließ er beim Vorbereitungsturnier in Marseille die komplette Mannschaft in der Hotellobby gymnastische Übungen absolvieren. Sein Training, erkannte der erfahrene Manfred Kaltz früh, sei "um vier Klassen schlechter" als das von Happel.
Zum offenen Eklat kam es in der Halbzeit des Spiels gegen den FC Santos in Marseille, als sich die Spieler weigerten, nach Skoblars Anweisungen zu spielen. "Wenn wir so weitermachen", so Kapitän von Heesen zum Trainer, "können wir den Laden gleich dichtmachen."
Die Boykotthaltung ist geblieben. Der Trainer experimentiere, so ein HSV-Profi, gespielt aber werde, "was von Heesen sagt". Daß Skoblar für den nach einer Tätlichkeit gegen den Münchner Stürmer Jürgen Wegmann vom Verein suspendierten Torwart Uli Stein seinen jugoslawischen Landsmann Mladen Pralija holte, kommentieren die Spieler in der Fußballersprache: Da habe "eine Gurke noch 'ne Gurke" eingekauft.
Der Fall Stein belegte nachdrücklich die Handlungsunfähigkeit der zerstrittenen Führungsclique. Man habe, räumte Präsident Klein ein, "das Thema wochenlang selbst am Kochen gehalten". Die Entscheidung, den Torwart trotz der sportlichen Misere und des eindeutigen Votums der Mannschaft nicht mehr einzusetzen, entfachte in der vergangenen Woche erst recht die Wut der Fans. Sie forderten: "Jugos raus, Uli rein".
Dem Druck der Straße begegnete die Klubführung indes wie gehabt - distanziert und arrogant. Er sei, sagt Präsidiumsmitglied Helmut Kallmann, der Mitgliederversammlung verpflichtet, "nicht aber der Westkurve".
Längst werfen Kritiker dem Management vor, es habe vergessen, "daß der HSV ein Fußballklub ist". Einfache Vereinsmitglieder mokieren sich "über die Champagnernasen da oben". Daß sie zuerst 190 Mark für den Jahrhundertball zahlen sollten, verprellte viele. Sie blieben, obwohl nachträglich mit kostenlosen Ehrenkarten über die Abteilungen versorgt, der Jubelfeier fern. Präsident Klein erkannte immerhin, daß sein Klub den Durchschnitt der Bevölkerung repräsentiere. Da gebe es, so Klein weltgewandt, "Leute, die haben einen Smoking, Leute, die leihen sich einen Smoking, und Leute, die wissen gar nicht, daß man sich einen Smoking leihen kann".
Unklar ist, ob für Felix Magath in der Smoking-Welt noch lange Platz ist. Ahnungsvoll erinnert sich der Manager an seine Spieler-Zeit: Da "habe ich immer zu spät gemerkt, was ich kann".

DER SPIEGEL 42/1987
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