Von Strieder, Swantje
Narinder Pal Singh wickelte sich den zweieinhalb Meter langen hellgrünen Turban um den Kopf, trank ein großes Glas Lassie, indische Büffelmilch, packte seine alte Kamera ein und verließ das Haus.
"Es kann spät werden", rief der Photograph seiner Frau Laddo zu, die gerade die Kinder für die Schule anzog. Dann tauchte der Sikh in das Gewimmel der Gassen von Tarntaran, einer Kleinstadt in Indiens Unruhe-Staat Pandschab, und bahnte sich, wie jeden Morgen, seinen Weg zum Photoladen.
An jenem brütendheißen Mai-Morgen brachte die Lokalzeitung in Tarntaran ein Photo, das Narinder Pal gemacht hatte: die lange gesuchte Sikh-Terroristin Radschwant Kaur bei ihrer Verhaftung.
Fünf Todesdrohungen hatte der Lokalreporter vorher schon erhalten. "Bald bist du dran, Spitzel", hieß es in der letzten.
Auf der Gasse schoben und schubsten Passanten, schreiende Verkäufer, Lastenträger und Rikschafahrer einander vorwärts. Narinder Pal Singh, 32, saß ruhig über seine Negative gebeugt, als zwei Männer und eine Frau sich aus der Menschenmenge lösten, den Laden betraten und auf ihn feuerten.
Drei Tage später, als Awtar Singh, 23, erschossen wurde, gab es keine Zeugen. Der angebliche Sikh-Guerrillero, seit knapp einem Jahr in Untersuchungshaft, hätte sich nicht einmal wehren können. Seine Hände hingen schlaff herab, gebrochen während eines rüden Polizeiverhörs, behauptet seine Mutter. Am Vortag noch hatte sie ihren Sohn in Amritsar vor Gericht gesehen, auf der Anklagebank für Terroristen.
Während des Verfahrens hatte die Polizei Awtars älteren Bruder und seinen Schwager, beide brave Familienväter, in Beugehaft genommen. "So konnten wir ihn nicht verteidigen", sagt sein Schwager Kashmir Singh, 37, blaß und strapaziert nach dem Gefängnisaufenthalt, "er war unschuldig. Deshalb haben sie ihn noch vor dem Urteilsspruch umgebracht."
Kashmir Singh kam an dem Morgen frei, als Awtars Leiche in einem Kornfeld bei Tarntaran gefunden wurde. Auf der Flucht erschossen, hieß es im Polizeibericht. "Wie hätte er denn, ein hilfloser Häftling, noch fliehen können?" fragt die Mutter. Weiß verschleiert sitzt sie in ihrem winzigen Haus am Stadtrand von Amritsar.
Die Nachbarn, Hindus, schauen böse, seit über der Sikh-Familie der Ruch des Terrorismus hängt. Bereitschaftspolizisten im Jeep beargwöhnen die wenigen Trauergäste.
Ein angeblicher Polizei-Informant und ein angeblicher Terrorist - zwei von Hunderten Bürgerkriegsopfern im Pandschab mit seinen explosiven religiösen Gegensätzen: Die Hindus, mit fast 80 Prozent in Indien dominierend, sind hier gegenüber den Sikhs in der Minderheit. Früher hielten sich die militanten Sikhs an den heiligen Vers "Man dschite, dschag dschite" (Wer das Herz gewinnt, wird die Welt gewinnen), doch jetzt wollen sie ihren eigenen Staat Khalistan, das "Land der Reinen", mit Gewalt erzwingen. Über 400 Menschen erschossen sie in diesem Jahr.
Indiens Polizisten wüten im Pandschab noch schlimmer. Während Premierminister Rajiv Gandhi, ein Hindu, lautstark den "Völkermord" der Singhalesen an den Tamilen Sri Lankas anprangert, schlagen, unbemerkt von der Weltöffentlichkeit, 60000 seiner Uniformierten ihre eigene Schlacht gegen die Sikhs.
"Es ist Krieg, die Terroristen können jederzeit zuschlagen", sagt Polizeichef Julio Francis Ribeiro, 58, mächtigster Mann im Pandschab seit dem 11. Mai, als Rajiv Gandhi den unruhigen Bundesstaat kurzerhand unter "President''s Rule", unter Zentralverwaltung, stellte. Damit entließ er die schwächliche, auf Ausgleich bedachte Regierung des Ministerpräsidenten Surdschit Singh Barnala von der Sikh-Partei Akali Dal. Zwei Sikh-Minister wurden wegen Sympathien zu den Extremisten eingesperrt.
Das Prinzip Auge um Auge, Kugel um Kugel, hat der schneidige Ribeiro schon früher praktiziert: Als Polizeichef von Maharaschtra ließ er 200 Bombayer Schmuggler 1985 samt ihren Booten im Meer versenken. Jetzt droht er den Sikh-Terroristen ähnliche Härte an. Wer jung ist, Bart und Turban trägt und womöglich noch ein Motorrad fährt, ist verdächtig. 1300 jugendliche Sikhs hat Ribeiro, so sagt er, in den letzten Wochen einsperren lassen. 200 wurden entlassen - lebend. _(Am 7. März bei der Befreiung eines ) _(Polizeikollegen. )
Die übrigen? Nacht für Nacht werden etliche umgebracht. Ribeiro bestreitet das nicht einmal. "Ich lasse mir meine Männer nicht wie Enten abknallen", sagt er, "wir ziehen und schießen schneller." Meistens in den Rücken. "Wir müssen Angst verbreiten", so der Elite-Polizist, "nur so können wir den Khalistan-Sumpf austrocknen."
Die Angst kommt mit der Dunkelheit. Nach Dämmerung laß'' ich meine Söhne nicht mehr aus dem Haus", sagt Gurbatschan Singh, Geschäftsmann in der 650000-Einwohner-Stadt Amritsar. "Mein ältester Sohn wurde abends beim Spaziergang auf der Hauptstraße gegriffen", erzählt Gurbatschan. Drei Männer sprangen aus einem Jeep ohne Nummernschilder, stülpten dem 20jährigen einen Sack über den Kopf und rasten mit ihrem Gefangenen davon.
"Zum Glück hatte ein Freund den Überfall beobachtet," sagt der Sikh-Geschäftsmann. "Nur dank meiner Beziehungen erhielt ich meinen Sohn nach anderthalb Stunden heil zurück, sonst wäre es zu spät gewesen."
Mit jeder Stunde, die ein junger Sikh vermißt wird, sinken die Chancen, ihn lebend wiederzusehen. Meist verlieren sich seine Spuren auf einem Polizeirevier. Nach zwei oder drei Wochen liegen die Leichen in den Korn- und Reisfeldern an der nahe gelegenen Grenze zu Indiens Erzfeind Pakistan. "Illegaler Grenzübertritt", heißt es, oder "auf der Flucht erschossen". "Haben Sie die vielen Geier kreisen sehen", sagt ein alter Bauer, "die gab es hier früher nicht."
Der Polizist Ribeiro, ein Christ aus Goa, besorgt im Pandschab das Geschäft der Hindu-Politiker, die seit Jahrzehnten die religiösen und territorialen Forderungen der Sikh-Gemeinschaft ignorieren und damit zwangsläufig die junge Generation von Fanatikern heranzüchten.
Die Sikhs, eine der farbigsten Sekten Indiens, hatten sich im 16. Jahrhundert vom Hinduismus abgespaltet. Guru Nanak, ihr Glaubensbegründer, suchte sich aus Islam und Hinduismus das Überzeugendste heraus, schwor auf einen einzigen Gott und lehnte das hinduistische Kastensystem ab. In den Sikh-Tempeln, den Gurdwara, darf jeder beten.
Von den 15 Millionen Sikhs lebt fast die Hälfte außerhalb des Pandschab über ganz Indien verteilt. Ihren Hindu- und Moslem-Landsleuten gelten die Sikhs, die alle Singh (Löwe) heißen, als tüchtig und stark, aber auch als jähzornig und rachelüstern. Wegen ihres kriegerischen Gehabes werden sie "Sardatschi" (Häuptlinge) genannt. Den kunstvoll gewickelten Turban tragen sie wie eine Krone; fällt der Turban, fällt die Ehre.
Die vielbelächelten, sturen Sikhs fühlen sich als die Preußen Indiens und sind stolz auf ihre Leistungen. Sie haben den kleinen Teil des Pandschab, der nach der Abspaltung Pakistans bei Indien blieb, in eine Wohlstandsprovinz verwandelt. Die Frauen sind selbstbewußter als anderswo in Indien, die Männer größer gewachsen und besser genährt, die Kühe und Büffel geben fettere Milch, der Boden ist offensichtlich Gold wert.
Ein Viertel von Indiens Getreide wird im Pandschab erzeugt. Weizenberge lagern vor den übervollen Silos. Die Sikh-Farmer fahren auf riesigen Mähdreschern über die Felder, während in anderen indischen Provinzen arme Bauern Ährenbüschel auf die Straßen werfen, damit die Räder vorüberfahrender Lastwagen das Korn aus den Rispen pressen.
Mit seinem harten Kurs im Pandschab wollte Rajiv die Zentrifugalkräfte in seinem 750-Millionen-Menschen-Reich eindämmen und zugleich die Hindu-Mehrheit bei den Wahlen am 17. Juni im Nachbarstaat Harjana gewinnen. Von Korruptionsskandalen in seiner Umgebung angeschlagen, verlor er dennoch. Wie schon seine Mutter Indira richtet sich der Gandhi-Sohn nach den Interessen der Hindu-Wähler.
Rücksicht auf den Hindu-Chauvinismus erzwingt acu, daß sich der Pandschab die von Le Corbusier gebaute Retortenstadt Chandigarh noch immer mit dem ungeliebten Nachbarstaat Harjana teilen muß, obwohl sie bereits Rajivs Großvater Nehru den Sikhs als Hauptstadt versprochen hatte. Noch kurz vor der Wahl sprach eine Regierungskommission den Sikh-Farmern ein Drittel der begehrten Wasserrechte an Pandschab-Flüssen ab, um das Wasser künftig Harjana zuzuführen.
Doch die schlimmste Schmach tat Indira Gandhi den Sikhs an: Der Sturm auf den Goldenen Tempel in Amritsar war der tödliche Fehler ihrer Karriere. Am 6. Juni 1984 gab Frau Gandhi den Befehl zum Angriff auf die heilige Zitadelle, wo sich der Chomeini der Sikhs, Dscharnail Sant Bhindranwale, mit zweitausend bewaffneten Khalistan-Anhängern verschanzt hatte. 1200 Menschen, darunter viele unbeteiligte Pilger, starben im Kugelhagel. "Das war für uns so schlimm, als wenn Barbaren den Vatikan geschändet hätten", sagt ein Sikh.
Seit die Soldatenstiefel auf den weißen Marmorboden des stillen Tempels knallten _(Am 30. November 1986 im Pandschab. )
und Granaten ins Allerheiligste einschlugen, ist zwischen Sikhs und Hindus nichts mehr, wie es war. Hatten bei der Abspaltung Pakistans 1947 die Sikh-Kämpfer flüchtende Hindus noch vor der Wut des moslemischen Mobs geschützt, so meuterten nun ganze Armee-Einheiten von Turbanträgern wegen des Massakers an ihren Glaubensgenossen. Noch immer sitzen 379 Deserteure vom Juni 84 in Dschodhpur in Festungshaft.
Dabei waren die Sikhs - obwohl nur zwei Prozent der Bevölkerung - mit über zehn Prozent der Soldaten das Rückgrat der indischen Armee. In drei Kriegen gegen Pakistan verdiente sich das Sikh-Regiment die meisten Auszeichnungen. Heute zweifeln manche Inder grundsätzlich an der Zuverlässigkeit der Sikh-Truppen.
Das friedliche Zusammenleben beider Glaubensgemeinschaften ist einer Todfeindschaft gewichen. Wo früher Sikh-Bauern und Hindu-Krämer nebeneinander in den Dörfern lebten, gemeinsam Hochzeiten und religiöse Feste feierten, herrschen heute Mißtrauen und Haß. Tausende von Hindu-Familien flüchten jeden Monat aus dem Pandschab nach Harjana, um den nächtlichen Überfällen von Sikh-Terroristen zu entgehen.
Die Khalistan-Fanatiker drangsalieren aber auch ihre eigenen Landsleute, besonders im sogenannten Terroristengürtel 50 Kilometer im Umkreis von Amritsar.
Im April verfügten sie ein Alkohol- und Rauchverbot. Sämtliche Frauen, Sikhs wie Hindus, sollten sich nicht mehr schminken, hieß es in den Drohbriefen, kein Bindi, den roten Punkt auf der Stirn, mehr tragen und statt Sari nur noch das traditionelle Pandschab-Kleid mit Pluderhosen.
Überall im Pandschab gingen Schnapsbuden und Zigarettenläden in Flammen auf, doch damit hatten die Terroristen überzogen. "Unseren Whisky lassen wir uns nicht nehmen", sagt ein alter Sikh-Bauer im Dörfchen Thatharawl. Der Hindu-Krämer Lal öffnet allerdings nur noch wenige Stunden am Tag und übernachtet lieber im Nachbarort.
Der harte Kern der Terroristen wird auf nur 400 Mann geschätzt,
die sich nach dem Tod ihres Gurus Bhindranwale in mehrere Gruppen
spalteten. "Die größten, die Khalistan Befreiungsfront und die
Khalistan Kommandofront, liegen dauernd in Fehde miteinander und
sind durchsetzt von Verbrechern", sagt Ribeiro, "aber Babar Khalsa,
die reinen Löwen, sind gut organisiert, schlagkräftig und leider
auch gefährlich." Ihre Bilanz:
*
Am 31. Oktober 1984 erschossen zwei Sikh-Leibwächter
Indira Gandhi im Garten ihrer Residenz und lösten damit
die größte Menschenjagd rachsüchtiger Hindus auf die
Sikhs aus. Allein in Neu-Delhi wurden über 2000 Sikhs
umgebracht. Andere mußten sich Bart und Haare scheren,
um zu entkommen, eine Schmach, die sie nie vergaßen.
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Ein Jahr nach dem Sturm auf den Goldenen Tempel legte
ein Kommando, wahrscheinlich Babar Khalsa, eine Bombe
im Jumbo der Air India von Kanada nach Bombay. 329
Menschen starben.
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Am 10. August 1986 erschossen vier Sikh-Motorradfahrer
in Puna den pensionierten General Arun Waidja, der
persönlich für Amritsar verantwortlich war.
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Polizeichef Ribeiro entging im vergangenen Oktober
knapp einem Attentat mitten in einer Kaserne.
Indiras Sohn Rajiv, der ganz oben auf der Todesliste der Extremisten steht, hat alle Chancen zu einer friedlichen Lösung mit den gemäßigten Sikhs vom Akali Dal verstreichen lassen.
"Unglücklicherweise haben die Herrscher Indiens noch immer nicht begriffen, daß die Sikhs sich immer rächen werden", sagt Professor Darschan Singh Ragi, Oberpriester des Akal Takht, des religiösen Sikh-Rates.
Auf weißen Matratzen, bewacht von einer abenteuerlich gewandeten Leibgarde mit Schwertern, Karabinern und Dolchen, sitzt dieser einzige religiöse Sikh-Führer, der noch nicht verhaftet ist, in einem kahlen Raum. Umgeben von würdevoll dreinschauenden Beratern, die fast alle steckbrieflich gesucht werden, gibt er Audienz in einem Gästehaus in der Nähe des Goldenen Tempels.
Nur er könnte die Khalistan-Terroristen zurückrufen, nur er könnte, vielleicht, zwischen dem ungeliebten "Hindu-Radsch", der Hindu-Obrigkeit Gandhis, und den Sikhs vermitteln. "Doch wenn die Herrscher zu Schlächtern werden", zitiert der Guru, "dann bekommt die Religion Flügel und fliegt von dannen."
"Die Unterdrückung ist so hart, daß die Sikhs nicht einmal die Farbe ihres Turbans frei wählen können", klagt der
Professor für Musik, der in besseren Tagen einer der bekanntesten Sänger im Goldenen Tempel war. Safran, Schwarz und Blau gelten der indischen Obrigkeit als Sympathiefarben für Khalistan.
Vierzigtausend Sikhs, so schätzen die Religiösen, sind nach Indiras Tod umgekommen. "Die Dörfer sind leer, die Jungen fliehen - aus Angst", sagt Darschan Singh.
Drei Tage nach dem Treffen mit dem SPIEGEL ist er mit seiner bärtigen Schar untergetaucht. Er hält sich im Goldenen Tempel versteckt, um aus dem Untergrund seine religiöse Gemeinde zu betreuen. Neu-Delhi befürchtet, daß er eine Schattenregierung in dem alten Gemäuer bilden will.
Aus dem zierlichen Kuppelbau, den hundert Kilo Blattgold decken, erschallen noch immer von früh bis spät die heiligen Gesänge über den künstlichen See. In den Wandelgängen erhalten Pilger freie Kost, Baukolonnen von Gläubigen reichen sich Eimer um Eimer, um den von der Armee zerstörten Priestersitz Akal Takht wiederaufzubauen.
Eine friedliche, unwirkliche Stimmung liegt über dem See, fromme Sikhs steigen in das Wasser und tauchen ihre Kinder ein. In den Räumen über den Uferkolonnaden aber haben die Terroristen Quartier genommen und beobachten mißtrauisch jeden Fremden.
Am 6. März pilgerte Davinder Singh, 27, aus Dharival, andächtig und aufmerksam durch die Tempelanlagen, ein junger Wachtmeister in Zivil, der an diesem Tag Papiere aufs Hauptkommissariat von Amritsar gebracht hatte. Er hätte sehen können, daß der Schuttberg mit den heiligen-Bruchstücken des Akal Takht, den die Sikh-Gemeinde aus Pietät liegen läßt, immer höher wird. Die Terroristen graben, so heißt es, nachts Tunnel, um nicht noch einmal wie im Juni 1984 in der Falle zu sitzen.
Als Wachtmeister Davinder nach dem Ende der Zeremonien um 22.30 Uhr noch immer durch den Tempel lief, packte ihn ein Rollkommando und mißhandelte ihn. Am Morgen stürmten vier Polizisten die Tempelzellen 47 und 48, um ihren Kollegen zu befreien. Zwei wurden beim Schußwechsel mit den Tempelwächtern verletzt, einer starb noch auf den Marmorfliesen am See.
"Wir werden wieder in den Tempel marschieren, wenn sie uns provozieren", droht Ribeiro, doch dann besinnt er sich auf psychologische Kriegführung: "Wir müssen die Bevölkerung auf unsere Seite ziehen", sagt er und zitiert die Losung seiner Feinde, der Khalistan-Terroristen: "Wer das Herz gewinnt, der gewinnt die Welt."
Im Garten vor Ribeiros Residenz in Amritsar steht seit Stunden ein alter Sikh-Soldat in der sengend heißen Mittagssonne und wartet auf den Polizeichef. Seine weinende Sippe hat sich unter den einzigen Baum gesetzt, doch der Alte steht eisern da.
Einige Wachen gucken starr auf ihren Kameraden in grünem Turban und grüner Uniform, andere tuscheln mitleidig. Birendra Singh, 60, pensionierter Unteroffizier der indischen Armee, lehnt sogar ein Glas Wasser ab, das ihm jemand bringt.
"Mein Sohn ist verschwunden", sagt Birendra. Sein Junge, 20, Student und Motorradfahrer, wurde verdächtigt, den Bürgermeister eines Nachbardorfes erschossen zu haben. "Bei meiner Soldatenehre, ich selber brachte ihn zur Polizei, weil ich von seiner Unschuld überzeugt war", quält sich der Alte. "Verhört meinen Sohn, sagte ich der Wache, aber foltert ihn nicht und übergebt ihn mir heute abend heil."
Als Birendra am Abend zur Wache kam, war sein Sohn abgeholt, niemand wußte, wohin. Seit fünf Tagen sucht Birendra ihn. Fast 40 Jahre hat der Sikh gedient, an die Indische Union geglaubt, doch nun ist er verbittert: "Ich habe immer für Indien gekämpft, doch heute weiß ich nicht mehr, wofür."
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China, Pakistan, Indien
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DER SPIEGEL 26/1987
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