12.10.1987

Wallraff: „Ich verlange einen Tintentest“

Der Bestsellerkrösus Günter Wallraff ist erneut unter schweren Beschuß geraten. „Konkret“-Chef Hermann L. Gremliza hat dem Aktionsmärtyrer seinen nach Karl Kraus benannten Hohn-Preis verliehen. Begründung: Wallraff habe keines seiner Bücher selber geschrieben. Der „Stern“ fand: „Nun darf nachgetreten werden.“ *
Seit Günter Wallraff 1966 mit den "Industriereportagen" die Bühne der neuen deutschen Literatur betrat, war er der Lieblingsteufel der Rechten. Denn der Schriftsteller schmeichelte dem Geschmack des Bürgers zu keiner Zeit mit artigen Phantasien. Für Erfolgsbücher wie "Der Aufmacher" (1977) über die Innenausstattung der "Bild"-Zeitung oder für seinen Millionencoup "Ganz unten" (1985) über die entwürdigenden Lebensverhältnisse der Türken in der Bundesrepublik war er in den Bauch des Wals hinabgestiegen: unter dem Pseudonym Hans Esser bei "Bild" und mit Perücke und gefärbtem Schnurrbart als Hilfsarbeiter Ali.
Sobald der im Dienst der politischen Aufklärung zu Werke gehende "Heckenschütze" eine neue Enthüllung auf den Ladentischen hatte, schlugen die Lordsiegelbewahrer des schönen Scheins zurück: Sie haben den Mann in ihrem Schatten mit ehrabschneidenden Pressekampagnen und nervenaufreibenden Gerichtsverfahren überzogen, sie haben ihn einen "Untergrundkommunisten" genannt und ihn krimineller Recherchemethoden bezichtigt. Nur dem Ruf des Schriftstellers hat dies nie geschadet. Der Verketzerte trug den Schimpf seiner mächtigen Gegner wie Jesus das Kreuz, und ihm wuchs eine große Gemeinde zu.
Auf dem Schachbrett der guten Weißen und bösen Schwarzen hätte Günter Wallraff aus Köln am liebsten ewig seine Züge geführt. Da geriet, im Sommer dieses Jahres, sein übersichtliches Freund-Feind-Denken in eine für ihn niederschmetternde Krise. Zwei junge Türken, die zu den engsten Mitarbeitern des Buchprojekts "Ganz unten" zählten, kündigten dem Chef die linke Solidarität und gingen im SPIEGEL (25/1987) gegen ihn in die Offensive: Der millionenschwere Arbeiterliterat sei ein "Mann mit einem Doppelgesicht"; während er in der Öffentlichkeit das Bild des selbstlosen Philanthropen pflege, operiere er im Kreis seiner Genossen wie ein allein auf den eigenen Vorteil bedachter Kapitalist.
Die in zwei Interviews vorgebrachte Wallraff-Kritik der Türken Levent Sinirlioglu und Taner Aday löste ein internationales Presseecho aus: Spanische und französische, schwedische, niederländische und türkische Blätter berichteten. Von den deutschen Zeitungen stellte den Kronzeugen unter anderem "Die Zeit" seriöse Zertifikate aus: "Unter dem Reporter Wallraff muß man sich ja eine ganze Compagnie vorstellen. Dazu gehören ... Wasserträger und Domestiken. Sie präparieren die Projekte: sie sorgen für die Logistik... Unaufgeregt und ohne Mätzchen erzählten zwei Türken aus der Compagnie im SPIEGEL, was sie mit dem Moralisten Wallraff erlebten... Am wirkungsvollsten kratzten die beiden sachlichen Türken am Märchenbild vom guten Menschen."
In der Tat war in der ideologischen Nissenhütte des Kölner Enthüllungs-Unternehmers nie zuvor so verheerend der Blitz eingeschlagen, und als er den Schaden musterte, befand er: "Ich stehe vor einem Riesenscherbenhaufen." Zuerst deutete er die Kritik der linken Türken im Fernsehen als getarnte Racheaktion einer (nie näher bezeichneten) "gewerkschaftsfeindlichen Sekte" und kündigte an, er denke nicht daran, mit dem "sensationsgeilen" Hamburger Magazin "über meine Fehler zu diskutieren". Aber da sein politischer Markenname auf dem Spiel stand, schwebte er zwei Wochen später aus dem Urlaub in Spanien doch zur Diskussion ein.
Bei diesem SPIEGEL-Gespräch (28/ 1987) schlug Wallraff erheblich moderatere Töne an als in seinen ersten Reaktionen. Zwar versuchte er abermals, vor allem Taner Adays Glaubwürdigkeit mit der unsinnigen Behauptung zu schwächen, dieser habe einen Betriebsrat während einer DGB-Veranstaltung im stalinistischen Jargon als "Sozialfaschisten" beschimpft, aber auf die Frage nach den Konsequenzen der Türken-Schelte für seine zukünftige Arbeit antwortete er: "Diese Kritik geht mir nahe. Ich nehme sie ernst. Ich befinde mich im Stadium der Selbstprüfung." Der Veröffentlichungspolitik des "bürgerlichen" SPIEGEL attestierte er übrigens ausdrücklich das "Motiv der Fairneß" - und beklagte sich sodann im bekanntermaßen proletarischen "Wiener" empört über eben deren Unfairneß.
Von Doppelzüngigkeiten dieser Art wußten, aus dem Repertoire ihrer deprimierenden Erfahrungen, auch die beiden Türken zu berichten. Und so beschrieben sie den eifernden Richter der Mächtigen und Reichen als einen Januskerl, der "seinen Feinden vielleicht ähnlich geworden" sei. Was aber waren die Gründe für die heimliche Verwandlung des Bestsellerzaren mit der demonstrativen Liebe zum Küchenpersonal? Sollte seine Charakterspaltung der irgendwann unausweichliche Preis des Rollenjournalismus sein? Also wäre es möglich, daß ein Aufklärer, dessen Berufskapital seit
zwei Jahrzehnten die Täuschung war, hinter dem eigenen Rücken zum habituellen Lügner wurde?
Trotz dieser Entzauberung des linken Helden mit dem Schweißgeruch wurde im Sommer dieses Jahres nicht der Schriftsteller, sondern der Politunternehmer, die "Firma Wallraff", zur Affäre. Aber daß es sehr bald auch die Affäre des Schriftstellers Wallraff geben werde, wurde bereits intoniert. Der im SPIEGEL zitierte Bremer Journalist Uwe Herzog nämlich hatte mit der Auskunft verblüfft, nicht nur bei seinen Recherchen arbeite Wallraff mit einem Sekundanten-Stab, auch bei der Niederschrift seiner Bücher sichere er das glückliche Gelingen mittels literarischer Stuntmen. Herzog erklärte, selber einer davon gewesen zu sein: Im Superbestseller "Ganz unten" stammten immerhin 28 Seiten aus seiner Feder.
Günter Wallraff widersprach Uwe Herzog nur wenig überzeugend. Nicht 28, lediglich sieben Seiten habe der fleißige Sekretär beigesteuert. Diese Selbstbezichtigung hätte jedem andern Schriftsteller die schöne Weste befleckt. Aber Wallraff adelte das entsagungsvolle Teamwork der unter seinem Namen schreibenden Heloten als "neue Kunstform" und gab durchaus mit Pionierstolz zu Protokoll, er fühle sich "im Sinne einer ersten Annäherung" als ein "synthetischer Schriftsteller". Seinen Part in diesem synthetischen Reigen fixierte er in einem Satz, dessen tiefere Bedeutung sich in diesen Tagen endgültig zu offenbaren scheint: "Meine Arbeit fängt erst richtig an, wenn die Prozesse donnern."
Tatsächlich trauten die Zuhörer ihren Ohren nicht, als nun ausgerechnet "Konkret"-Herausgeber Hermann L. Gremliza zum Generalangriff auf den umstrittensten Bestsellerautor der Republik blies. Den äußeren Rahmen für die rhetorische Züchtigung des langjährigen Genossen und Konkret-Autors Wallraff hatte Gremliza effektvoll gewählt: In Hamburgs ehrwürdigem Haus der "Patriotischen Gesellschaft" verlieh er Wallraff den von ihm selbst gestifteten und mit 30000 Mark dotierten "Karl-Kraus-Preis" 1987.
Dieser Preis ist nach dem ätzenden Wiener Satiriker und Schöpfer der "Fackel" benannt, der als Ein-Mann-Gewissen Österreichs mit der Wiener Journaille abrechnete und dessen böse Brillanz Gremliza seit nunmehr 20 Jahren zu imitieren versucht. Zum erstenmal wurde der Preis im vergangenen Jahr an den demissionierten Feuilletonchef der "Zeit", Fritz "Joethe" Raddatz, vergeben, den der Satiriker Robert Gernhardt einen "beidfüßig schreibenden Herrn" nannte.
Wer diese diabolische Ehrung akzeptiert, muß sich, nach einem Wort des listigen Altmeisters Kraus, verpflichten, fortan keine Zeile mehr zu schreiben und einen "nützlichen Beruf" zu ergreifen. Getrieben von der Befürchtung, bei der Demontage des Denkmals Günter Wallraff zu spät zu kommen, gab Gremliza nun öffentlich bekannt, was im Kreise Eingeweihter bisher nur hinter vorgehaltener Hand gemunkelt worden war:
Das Buch "Der Aufmacher" (650000 verkaufte Exemplare), die Rollenreportage über Wallraffs Erlebnisse bei "Bild", sei "von der ersten Zeile des Vorworts bis zur letzten des Nachworts, das unter dem Pseudonym (des Wallraff-Verlegers) Reinhold Neven Du Mont erschien", an seinem, Gremlizas, "Schreibtisch entstanden". Ebenso habe er ganze Passagen von weiteren Wallraff-Büchern verfaßt. "Die anderen Teile und die anderen Bücher, Aufsätze, Rezensionen und Reden haben andere geschrieben." Der Auflage, nichts mehr zu schreiben, sei der Preisträger somit längst zuvorgekommen. Er könne "nur noch dazu verpflichtet werden, künftig auch das Schreibenlassen zu lassen".
Lediglich die Fähigkeit, "die verschiedenartigsten Autoren, deren Hilfe er sich versicherte, auf jenen einheitlichen Ton zu stimmen, der den echten Wallraff verbürgt", billigte der Preis-Richter seinem Kandidaten zu und höhnte, nunmehr in voller Talfahrt, Wallraffs Name stehe für ein Werk, "dessen literarischer Wert Müll und dessen politischer eine Pleite bedeutet. An dem nichts wahr ist, keine Erkenntnis, kein Gedanke, kein Wort".
Was Wallraff und die mit ihm sympathisierende Kritik als rast- und selbstlose Aufklärungsarbeit eines "Arbeiterschriftstellers" anpriesen, so setzte Gremliza seine literarische Grabpredigt fort, entpuppe sich bei genauerem Hinsehen als Bestiarium wohlmeinender Platitüden. "Maßlos überraschend" beweise Wallraff immer mal wieder, "daß es die da oben besser haben als die dort unten".
Die Denkungsart des Schriftstellers strotze vor ideologischen Stereotypen, seine Sprache biedere sich an die "da
unten" an. "Eine Literatur, eine Sprache, die auf den Strich geht, um die Heruntergebrachten anzumachen, bringt sie nicht hinauf und sich hinunter. Besser, der Arbeiter hat kein Buch im Haus als zehn Konsaliks, fünf Simmels und einen Wallraff, denn auch die gute Meinung hat mit der schlechten gemein, daß aus beiden kein Gedanke entsteht."
Sodann machte der Gremliza den Wallraff politisch zur Minna: Auch die dessen Bestsellern nachgesagte politische Wirkung sei eine pure Legende: Nach dem Verkauf von einer Million Enthüllungsbüchern über die "Bild"-Zeitung liege deren Auflage "genau eine Million höher" als zuvor. Die Legende jedoch verbreitet Gremliza: Von "Bild" sind im Vergleich zu 1977 nur 53000 Zeitungen mehr am Kiosk.
Gremlizas schrille Philippika gegen den einstigen Gefährten löste beim Publikum Ratlosigkeit aus. Mit jedem Satz nämlich, der den Ruf des Günter Wallraff ein für allemal zerstören sollte, prügelte der "Konkret"-Chef auf das eigene Ansehen ein. Denn er war selbst viele Jahre lang einer der emsigsten Fabrikanten des Mythos vom schreibenden Einzelgänger Wallraff - und der Mitautor von Büchern, die unter dem Markenzeichen Wallraff berühmt wurden, kurzum: Komplize in einem beispiellosen literarischen Schelmenstück.
Kein Zweifel: Bei der erstaunlichen Karriere des Werkes, an dem Gremliza nun kein gutes Haar mehr lassen will, an dem buchstäblich "kein Wort wahr" sein soll, hat Hermann L. Gremliza Pate gestanden. Die "Tageszeitung" kommentierte Gremlizas Salto mortale in Sachen Wallraff darum mit der kaum anfechtbaren Feststellung, der "Konkret"-Herausgeber habe sich damit "um die Anwartschaft auf seinen eigenen Preis verdient gemacht".
Schon die Vorgeschichte des intellektuellen Kamikaze-Unternehmens ist freilich äußerst dubios. Der flinke Ghostwriter Gremliza hat vorgetragen, auch wenn er jetzt zugleich mit sich selbst abrechnen müsse, breche er "aus dem Netzwerk ökonomischer Solidarität und politischer Konjunktur" aus.
Da hat der Kraus-Epigone ein wenig kraus formuliert. Der sonst so unerbittliche Kritiker des falschen Adjektivs meinte wohl "ökonomische Konjunktur" und "politische Solidarität". Der Leuchtreklame Wallraff hat sich Gremlizas Zeitschrift nämlich, solange sie die Auflage förderte, liebend gern und intensiv bedient.
Seit 1968 waren zahlreiche Beiträge in der Hamburger Postille zu lesen, als deren Autor Günter Wallraff genannt wurde. Als Türke Ali zierte der Enthüllungsdarsteller das Titelbild des Blattes. Eines der "Bild"-Bücher ist im "Konkret Literatur Verlag" erschienen, der an Wallraff fabelhaft verdient hat.
Nun, da Wallraffs Kritiker immer deutlicher und die Zweifel an seiner Schreib-Kraft immer vernehmlicher geworden sind, lassen sich mit dem arg ramponierten Aushängeschild keine großen Geschäfte mehr machen. Jetzt wird auch die jahrzehntelang gepflegte politische Solidarität offenbar zum Ballast.
Für den Zeitpunkt von Gremlizas Theaterdonner gibt es obendrein einen handfesten Grund, den der laute Feingeist nicht einmal verheimlicht: "Die letzte der Enthüllungen" wolle er selbst vornehmen, "bevor der Auftrag, sie zu schreiben, an eine Konkurrenz vergeben wird, die es doch nur verpfuscht".
Ins Wettrennen mit dieser Konkurrenz ging letzte Woche sogleich der "Stern". Der ehemalige "Konkret"-Journalist Kai Hermann betätigte sich als Posaune seines einstigen Chefs und verfertigte einen Abgesang auf Wallraff, der in dem niedrigen Satz gipfelt: "Nun aber darf nachgetreten werden." Will die Illustrierte ihren Lesern das Abc des journalistischen Foulspiels beibiegen? Kai Hermann verschärfte Gremlizas Behauptungen noch und schrieb, "nie" habe Wallraff "vor einem weißen, bedrohlich leeren Blatt Papier gesessen"; aus diesem Grunde habe er selbst immer Neid auf den berühmten Schriftsteller empfunden, der sich nicht mit dem Schreiben habe quälen müssen.
Während der Reporter seltsamerweise vorgibt, er könne Gremlizas Aussagen über Wallraff aufgrund eigenen Erlebens bestätigen ("Ich sah ihm über die Schultern, als er rastlos durch die Redaktionsflure tigerte, während ein Kollege in einer Kammer auf der Schreibmaschine hämmerte"), kann sich Wallraff an Kai Hermann partout nicht erinnern.
So verklemmt die Motivlage der Schmäher offenkundig ist: Es spricht vieles für die Annahme, daß Gremlizas satirisch verkleidete Eröffnungen den Nicht-Schriftsteller Wallraff der Wahrheit näherkommen als Wallraffs gewundene Erklärungen, fremde Mitarbeit an seinen Werken habe es zwar immer wieder, aber niemals in Formen gegeben, die ihn als Schriftsteller diskreditierten.
Inzwischen hat Wallraff gegenüber dem SPIEGEL eingeräumt, daß Gremliza den "Aufmacher" nicht nur "redigiert", sondern tatsächlich, anhand von Tonbandprotokollen des Aktionsmärtyrers, über weite Strecken auch verfaßt habe. Dies sei freilich ein "Sonderfall" gewesen, erklärte er in einem Interview des dritten Südwestfunkprogramms am vergangenen Donnerstag. "Mir durften schon mal andere helfen, das ist sogar eine ehrenvolle Aufgabe."
Wallraffs Liebe zur Schriftstellerei war immer schon unglücklich. Nur fiel die aparte Liaison wenig auf, weil die unter dem Namen Wallraff verbreiteten Texte von Freund und Feind bisher eher nach politischen als nach literarisch-stilistischen Maßstäben bewertet worden waren.
An Wallraffs Schreibversuche in den sechziger Jahren, als er bei der Satire-Zeitschrift "Pardon" unter Vertrag stand, erinnert sich der ehemalige Chef vom Dienst des Blödelblattes, Hagen Rudolph, so: "Die Sachen waren einfach schlecht geschrieben... Seinen Texten mangelte es an Gliederung, an sprachlicher und gedanklicher Präzision. Wallraff schrieb eigentlich nur das auf, was
seine eingangs feststehende Meinung bestätigte."
Immerhin: Er schrieb. Kai Hermanns pauschale Behauptung, Wallraff habe nie vor einem unbeschriebenen Blatt Papier gebrütet, ist eine dumme Unterstellung. Schwer zu sagen ist allerdings, welchen Anteil Wallraff im einzelnen an den unter seinem Namen publizierten Werken hat. Viele davon sind zudem ganz offiziell als Koproduktionen ausgewiesen, aber die meisten Namen des schreibenden Begleitpersonals verschwanden schnell hinter des Kölners Ruhm:
"Was wollt ihr denn, ihr lebt ja noch. Chronik einer Industrieansiedlung". Zusammen mit Jens Hagen (1973). - "Ihr da oben, wir da unten". Zusammen mit Bernt Engelmann (1973). - "Wie hätten wir's denn gerne? Unternehmerstrategen proben den Aufstand". Zusammen mit Bernd Kuhlmann (1975). - "Unser Faschismus nebenan. Griechenland gestern - ein Lehrstück für morgen". Zusammen mit Eckart Spoo (1975). - "Aufdeckung einer Verschwörung. Die Spionola-Aktion". Zusammen mit Hella Schlumberger (1976). Auch ein Theaterstück, drei Hörspiele und ein Fernsehspiel gehören zu Wallraffs Koproduktionen.
Der Fernseh- und Buchautor Stefan Aust ("Der Baader Meinhof Komplex"), der Wallraff schon aus gemeinsamer "Konkret"-Zeit in den wilden sechziger Jahren kennt, hatte "damals den Eindruck, daß Wallraff seine Texte selber schrieb". Später freilich sei der unausgewiesene Fremdanteil an Wallraff-Werken immer offenkundiger geworden. Bei "Konkret" hätten sich alle "seit Jahren gewundert, daß das so lange im dunkeln blieb". Nur wer Wallraffs Tonbandprotokolle zum "Aufmacher" einmal gehört habe, könne ermessen, "wieviel Arbeit es für Gremliza gewesen sein muß, ein Buch daraus zu machen".
Bei einem anderen "Bild"-Buch soll vor allem der Journalist Jürgen Saupe den Part übernommen haben, den Gremliza beim ersten gespielt hatte. Saupe, der sich zur Zeit in Italien aufhält und von der "Karl Kraus-Rede" am Telephon erfuhr, will "die umlaufenden Gerüchte nicht bestätigen und nicht dementieren".
Die Loyalität zu dem von chronischen Schreibhemmungen geplagten Schriftsteller ist bei vielen seiner ehemaligen Freunde und Kollegen immer noch vorhanden. Auch Saupe läßt aber durchblicken, daß Gremlizas Enthüllungen nicht gerade aus der Luft gegriffen sind: "In letzter Zeit braucht Wallraff gelegentlich Schreibhilfe." Aber vielleicht schon früher habe er "nicht alles selber in die Maschine gehackt".
Daß auch der Bestseller "Ganz unten" in sehr viel stärkerem Maß, als Wallraf bisher zuzugeben bereit war, die Frucht einer Kollektivarbeit war, steht fest. Gerade die Pannen, die beim Zusammenfügen der Einzelteile, der Erfahrungsprotokolle
und Recherchen unterliefen, sprechen eine deutliche Sprache.
Als eine Passage des Kassenrenners von Wallraff als Ergebnis eigener Recherchen präsentiert wurde, die als wörtliches Zitat aus dem Werk des Journalisten Michael Hokach, "Deutschland umsonst", zu identifizieren war, versicherte Wallraff treuherzig, er habe dieses Buch gar nicht gelesen. Er wird die Wahrheit berichtet haben, einer der ungenannten Ghostwriter hat die Schmuggelware eingebaut. Denn Wallraffs Negerstab war von Bestseller zu Bestseller gewachsen: Da mußte der Schriftsteller einfach die Übersicht verlieren.
Der Komplizen-Mörder Hermann L. Gremliza und sein Echo Kai Hermann aber schwächen ihre Enthüllungen durch kolossale Übertreibung. Aus der unbestreitbaren Tatsache, daß bei der Herstellung der Wallraffschen Bücher meist viele Köche zugegen waren, lesen sie das tückische Märchen heraus, Wallraff selber sei niemals einer dieser Köche gewesen. Gremliza schießt dabei ein närrisches Selbsttor: In einem Atemzuge nennt er den "Aufmacher" ein unsägliches Buch - und bekennt sich dann höchstpersönlich als dessen Autor. Und Kai Hermann hat unvorsichtigerweise ausgeplaudert, daß er sich für seinen Rufmord-Artikel gerade "drei Stunden Zeit" genommen habe.
Günter Wallraff kündigte dem SPIEGEL gegenüber nun die Gegenoffensive an: "Ich verlange einen Tintentest. Was sage ich? Ein Tintentest ist zuwenig. Auch eine Analyse des Alters des Papiers, der Kugelschreiber- und Bleistiftspuren." Dies alles nämlich werde unwiderleglich zeigen, "daß ich der Autor meiner Bücher bin".
Nur ist der Test vermutlich überflüssig. Denn es gibt, auch ohne ihn, einen von Wallraffs Peinigern übersehenen Beweis, daß dieser eines seiner Bücher ganz sicher selbst geschrieben hat. Das ist die im Steidl-Verlag erschienene "Predigt von unten". Sie ist derart schlichten Sinnes und von so ungeübter Hand - sie kann aus keines anderen Mannes Feder stammen.
Aus der Feder Hermann L. Gremlizas aber liegt dem SPIEGEL ein Brief vor. Der kleine Karl Kraus hat ihn am 27. August 1985 an Wallraff geschickt, und in ihm ist zu lesen: "Lieber Günter, man sagt mir: der 'neue Wallraff', den Dein Verleger überall ('Konkret' natürlich ausgenommen) ankündigt, werde in 'einer Wochenzeitung' oder 'Wochenzeitschrift' vorabgedruckt... In der Sprache des Kanzlers zu reden: Solidarität ist keine Einbahnstraße. Zieh Dich also warm an. Und kauf Neven (Du Mont) einen Muff."

DER SPIEGEL 42/1987
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