22.06.1987

FILMAngewärmte Elite

„Another Country“. Spielfilm von Marek Kanievska. Großbritannien 1984; Farbe; 90 Minuten. *
Marek Kanievskas 1984 gedrehter Debüt-Film "Another Country" ist ein brillantes Beispiel, wie man falsche Wahrheiten als wahre Falschheiten verkauft: Durch zahlreiche logische Schritte wird eine falsche Hypothese auf eine ebenso falsche Prämisse zurückgeführt, wobei die Opulenz der Beweiskette von der Unsinnigkeit des Verfahrens ablenken soll.
Die schon 1984 in Cannes gezeigte Adaption des gleichnamigen Theaterstücks von Julian Mitchell, der auch das Drehbuch schrieb, hinterließ bei der Kritik unterschiedliche Reaktionen. Für den Hauptdarsteller Rupert Everett, der zur Entdeckung des Festivals avancierte, wurde sie das Sprungbrett zur Weltkarriere. Anläßlich seines Erfolgs in "Chronik
eines angekündigten Todes" läuft "Another Country" nun auch in Deutschland an.
Die Handlung basiert auf authentischen Zusammenhängen: 1951 setzten sich zwei hohe englische Regierungsbeamte - aus traditionsreichen Familien stammende Absolventen von Elite-Schulen - nach Moskau ab. Vier Jahre später enthüllte ein ehemaliger sowjetischer Diplomat in einer britischen Tageszeitung anhand dieses Vorfalls Strategien des KGB, Agenten schon als Jugendliche an Elite-Schulen anzuwerben. Sie wachsen als sogenannte Maulwürfe zwangsläufig in Funktionen hinein, in denen sie später für eine Spionagetätigkeit aktiviert werden.
Der Film behauptet, diese Schwachstellen würden implizit durch das Klima der Elite-Schulen produziert - genau wie Homosexualität. In der Handlung führt die unglückliche Analogie zu einer symbiotischdenunziatorischen Verknüpfung von Kommunismus und Homosexualität, wie sie absurder nicht sein könnte. Getarnt ist der Schulter-Kurz-Schluß der rot angewärmten Elite durch die Geschichte dreier Protagonisten, die zwar nicht ohne belletristischen Reiz, aber ohne jeglichen Erkenntniswert erzählt wird: Da schwelgt die Kamera (Peter Biziou) in lauen Mondnächten und behutsamen Liebesszenen oder schaut dem eifrigen Kommunisten in seiner kargen Lern-Klause über die kräftige Schulter direkt ins Kapital.
Trotzdem präsentiert der Film - in der Rahmenhandlung - plausible Wahrheiten. Die atmosphärisch dichte Darstellung des Klimas einer englischen Elite-Schule in den dreißiger Jahren zeigt, wie sich die gesellschaftlichen Wertvorstellungen der Oberschicht reproduzieren. Die Anpassung junger Menschen an die herrschende Norm wird akribisch nachgezeichnet und ist immer sichtbar.
Guy Bennett (Rupert Everett) ist homosexuell, sein Freund Tommy Judd (Colin Firth) Kommunist - was beide im Internatsleben zu Außenseitern stempelt. Obwohl Guy sich eher unverhüllt zu seinen Neigungen bekennt und clever gegen Anfeindungen zur Wehr setzt, wird er letztlich dadurch bestraft, daß man ihm den Aufstieg zum "Lord", der höchsten Stufe der Schul-Hierarchie, verweigert. Für Guy, der eine Diplomaten-Karriere anstrebte, Grund, sich zu rächen: Er wird KGB-Spion. Das klingt nicht nur abstrus, sondern ist es auch.
Dieser Hang zur Vereinfachung zieht sich durch die gesamte Haupthandlung. Anläßlich eines Rendezvous mit einem anderen Schüler erzählt Guy eine ihn angeblich prägende Episode: Als Kind erlebt er, wie sein Vater während des Geschlechtsakts auf der Mutter dahinscheidet. Zwischen dem Kindheitserlebnis und der Homosexualität wird assoziativ ein Zusammenhang herausgefordert, der sogar im Volkshochschulkurs "Psychologie für Anfänger" nur Hohngelächter ernten wurde. So hangeln sich die Protagonisten von einer monokausalen Erklärungs-Platitüde zur nächsten - ein wahres Freudenfest für mentale Dünnbrettbohrer. Kommunist Tommy schleppt - um das Maß an Klischees voll zu machen - pausenlos eine Leninbüste durch den Film und verendet, zweiundzwanzigjährig, in irgendeinem Bürgerkrieg. All diese aufgeblasenen Miniaturen malen ein Zerrbild ohne wesentlichen Realitätsgehalt und führen lediglich zu Vorurteilen oder ihrer Verfestigung.
Überzeugend dagegen die Darstellung des allzeit gegenwärtigen Schulalltags: ein Zuchthaus, dessen Eckpfeiler Hierarchie, Religiosität, militärischer Drill und Sport unversaute Kinder zu Objekten gesellschaftlicher Spielregeln abrichten.
Quirlige Knirpse, die ihre Schuluniformen wie Strampelanzüge tragen, werden in kürzester Zeit zu befrackten Kindergreisen. Rosige Knabenschnauzen mutieren zu normierten Zylinderköpfen, _(Mit Rupert Everett und Colin Firth. )
spätaristokratische Früh-Yuppies lassen sich von jüngeren Schülern den Pausen-Schampus vorkühlen. Unterdrückung und Standesdünkel fungieren als Sendboten kommender Verknöcherung und deformieren die Jugendlichen zu gramgestählten Lastenträgern des ererbten Herrschaftsloses.
Muffige Schlafsäle, kleine Studierstuben, braune Holzvertäfelungen und schummeriges Halbdunkel schaffen Bilder aufdringlicher Kraft und Bezüge zu den ausgelieferten Menschen. Der Schul- als Kasernenhof, morgendliche Appelle und körperliche Züchtigung passen sich nahtlos ein. Selten erscheint ein Lehrer im Bild - die Hierarchie der Opfer reguliert sich selbst und muß nur an wenigen Stellen überwacht werden. Regeln sind das Korsett des Alltags, ihre Einübung gilt als alleinige Daseinsberechtigung.
Geübt hat auch der Regisseur, der zwar ein vorzügliches Ambiente, aber keinen plausiblen Handlungsstrang und damit ein fragwürdiges Resultat abgeliefert hat: Hedwig Courths-Mahler bei Kommunisten und Schwulen - und das vor dem Hintergrund des wirklichen Lebens. Willy Theobald
Mit Rupert Everett und Colin Firth.
Von Willy Theobald

DER SPIEGEL 26/1987
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