19.10.1987

DEUTSCHLANDWaterkantgate: Sterben nach „Methode 1“

Während die schweizerische Polizei Ende vergangener Woche von einem Freitod Uwe Barschels ausging, propagierte die Familie des ehemaligen schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten weiterhin abenteuerliche Komplott-Theorien. Millionen Bundesbürger rätselten: Starb Barschel womöglich durch Mord, raffiniert getarnt als Selbstmord - oder aber durch einen Selbstmord, der nicht minder geschickt als Mord inszeniert war? *
Bischof Ulrich Wilckens, Vorsitzender der Nordelbischen Kirche, wollte berücksichtigt wissen, "was die Menschen gegenwärtig in Schleswig-Holstein und darüber hinaus bewegt". In allen evangelisch-lutherischen Gottesdiensten, regte er an, sollte am letzten Sonntag ein Fürbittgebet aus Anlaß des Todes von Uwe Barschel gesprochen werden. Tenor: "Schlimmes ist passiert."
"Unerschrockenheit, langen Atem und Offenheit auch für unbequeme Tatsachen" möge Gott den Mitgliedern des Kieler Untersuchungsausschusses in Sachen Pfeiffer/Barschel geben, heißt es unter anderem in dem Gebetstext. Der Tod des einstigen Ministerpräsidenten, begründete Bischof Wilckens die Fürbitte, drücke "wie eine zentnerschwere Last auf die Menschen dieses Landes".
Mit dem rätselhaften Sterben Uwe Barschels, der bekleidet in der Badewanne im Zimmer 317 des Genfer Luxus-Hotels "Beau-Rivage" lag, hatte sich am Wochenende zuvor vollendet, was die Hamburger "Zeit" eine "Tragödie" nannte, "wie sie die Bundesrepublik in den fast vier Jahrzehnten ihres Bestehens noch nicht erlebt hat". Wie keine westdeutsche Affäre zuvor bewegte das "North Sea Watergate" ("The Wall Street Journal") Millionen von Bundesbürgern.
Anonyme Briefe, Detektive, Wanzen - wie ein Krimi hatte der Kieler Skandal begonnen. Nach dem Tode Barschels kamen weitere einschlägige Zutaten hinzu: Spekulationen wuchern seither um einen mysteriösen "Mister X" und um exotische Gifte, um Machenschaften von Geheimagenten aus Ost und West, um politische Mordkomplotte und die internationale Waffenhandelsmafia.
Über Nacht veränderte sich das politische Klima in der Bundesrepublik. "Die
zuvor verbreitete kritische Stimmung gegen Barschel", notierte die "Neue Zürcher Zeitung", "ist nun in eine Welle des Mitgefühls und teilweise hastiger Schuldzuweisungen umgeschlagen."
"In diesem Fall, der so voller bizarrer Seltsamkeiten ist, muß man jeden Tag mit allem rechnen", urteilte Professor Erich Samson, der bisherige Rechtsberater der Kieler Landesregierung. Und tatsächlich verging kaum ein Tag ohne neue Merkwürdigkeiten.
Der giftige Strudel der Affäre erfaßte den schleswig-holsteinischen Oppositionsführer Björn Engholm, der sich plötzlich der Mitwisserschaft an Pfeiffers Aktionen verdächtigt sah (siehe Seite 24). Und mit in den Sog gerieten Hamburger "Stern"-Reporter, die Barschels Leichnam gefunden und photographiert hatten und deren Vorgehensweise einmal mehr die Frage aufwarf, was die Presse darf (siehe Seite 30).
Wie kein anderes Thema jedoch entfachte das Rätselraten über die Todesursache und die Todesumstände die Gemüter. Barschel habe sich erschossen, Barschel sei an Herzversagen gestorben; Barschel als Opfer eines Profi-Killers: Barschel als Selbstmörder - mit einem Wechselbad von Versionen traktierten Presseagenturen, Gerichtsmediziner Staatsanwälte und auch die Angehörigen des Toten tagelang die Öffentlichkeit.
Mit mehr als nur an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit stand Ende letzter Woche nur eines fest: daß Uwe Barschel wirklich tot war - und daß er, bevor er starb, bereits "politisch ein toter Mann" gewesen war, wie die "Bunte Illustrierte" formulierte.
Mit seinem "Ehrenwort" hatte Barschel seine Behauptung bekräftigt, alle Vorwürfe Pfeiffers seien "erstunken und erlogen" - offenbar in der selbstsicheren Überzeugung, daß sich die Stützen seiner Macht als stabil erweisen würden: die Treue der Kieler CDU-Fraktion, der Beistand der schwarz durchwirkten Justiz des Landes, die Sympathie CDUnaher Medien und die Kooperationsbereitschaft der schleswig-holsteinischen Freidemokraten.
Doch das Machtgefüge bröckelte, als neue Zeugenaussagen und Dokumente die Richtigkeit dessen bestätigten, was Pfeiffer zu Protokoll gegeben hatte. Erst ging der FDP-Landesvorsitzende Wolf-Dieter Zumpfort auf Distanz zu Barschels "Saustall" und weigerte sich, gemeinsam mit dem CDU-Spitzenmann vor die Kameras zu treten. Dann legten auch konservative Blätter wie die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" ("FAZ") Barschel den Rücktritt nahe.
Nachdem er das Amt des Ministerpräsidenten aufgegeben hatte, beantragte die Lübecker Staatsanwaltschaft beim Landtag die Aufhebung von Barschels Immunität. CDU-Abgeordneten, die vertrauliche Zwischenberichte der Ermittler einsehen konnten, wurde klar, was am 9. Oktober dann auch die
"FAZ" konstatierte: Der Ehrenwort-Geber war "der Lüge in Teilen seiner Aussagen praktisch überführt".
Die ARD-"Tagesthemen" sahen "Reiner Pfeiffer als Punktsieger", das ZDF urteilte, Barschels Ehrenwort sei "keinen Pfifferling wert". Im Kieler Landeshaus notierte ein "Welt"-Reporter die Äußerung eines CDU-Politikers, der Ministerpräsident a.D. möge "gar nicht mehr nach Kiel zurückkehren, sondern sich gleich in die Karibik absetzen".
Den meisten Unionsabgeordneten schwante schon zu diesem Zeitpunkt wenige Tage vor Barschels Tod, was ein hoher Kripo-Beamter in die Worte faßte: "75 Prozent von Barschels Aussagen sind nach unseren derzeitigen Erkenntnissen gelogen, die restlichen 25 Prozent müssen noch abgeklärt werden."
Stück um Stück war Barschels Verteidigungsposition zusammengebrochen. Während der letzten Wochen hatte beispielsweise *___Finanzminister Roger Asmussen (CDU) bestätigt, der ____Ministerpräsident habe sich bereits im Frühjahr - wie ____von Pfeiffer behauptet, aber von Barschel bestritten - ____nach der in der Staatskanzlei gefertigten anonymen ____Anzeige gegen Engholm erkundigt, *___die Polizei herausgefunden, daß eine Kopie des anonymen ____Briefes - entgegen den eidesstattlichen Versicherungen ____Barschels und seiner Sekretärinnen - sehr wohl, wie von ____Pfeiffer dargestellt, in der Staatskanzlei eingegangen ____war, *___der Detektiv Harry Piel erklärt, der Auftrag zur ____Engholm-Beschattung sei ihm von Pfeiffer übermittelt ____worden.
Nicht in die Affäre verwickelte Christdemokraten wie Trutz Graf Kerssenbrock, CDU-Obmann im Ausschuß, zeigten sich bereits am Samstag vorletzter Woche "sehr erschüttert über die Befunde", die da "nach den ersten Beweisaufnahmen nach nur zwei Tagen" schon zutage gekommen waren. Wenig später drängte der Kieler CDU-Fraktionsvorsitzende und neue Ministerpräsidenten-Kandidat Klaus Kribben Barschel zum Verzicht auf sein Landtagsmandat; Kribben war sich offenbar der Stimme des einstigen Spitzenkandidaten bei der Wahl eines neuen Regierungschefs nicht mehr sicher.
In einem Beschluß der CDU-Landtagsfraktion - der, wie Kribben betonte, auch vom Landesvorsitzenden Gerhard Stoltenberg "mitgetragen" wurde - ließ sich der Fraktionsvorstand am Freitag vorletzter Woche beauftragen, "möglichst umgehend mit Uwe Barschel zu sprechen, um die Lage zu erörtern und ihm nahezulegen, auf sein Mandat zu verzichten".
Christdemokraten wisperten, Barschel, von Beruf Rechtsanwalt, werde sich demnächst auch noch einem standesgerichtlichen Ehrenverfahren stellen müssen. Rolf Olderog, Landesgruppenchef der schleswig-holsteinischen CDU-Bundestagsabgeordneten, warf sogar die Frage eines Parteiausschlußverfahrens gegen Barschel auf.
Als ein Redakteur der "Bild"-Zeitung - die tags zuvor mit der Schlagzeile "Barschel ins Gefängnis?" erschienen war - am Freitag vorletzter Woche den auf Gran Canaria urlaubenden Ex-Ministerpräsidenten telephonisch über die Lage in Kiel informierte, reagierte Barschel fassungslos: "Wie bitte, das ist doch nicht Ihr Ernst. Was ist denn da los? Das ist doch nicht zu fassen. Glaubt mir denn niemand mehr? Was soll ich denn machen?"
Mit dem Iberia-Flug IB 554 traf Barschel einen Tag später, um 15 Uhr, in Genf ein. Was danach geschah, verliert sich in einem wild wuchernden Dschungel von Informationen und Desinformationen. Rasch ausschließen konnten die Genfer Fahnder nur zwei Versionen über den Tod Barschels: *___die vom Kieler Kriminalpolizeiamt an die ____Nachrichtenagenturen übermittelte Falschmeldung, ____Barschel habe sich "erschossen" - an der Leiche fanden ____sich keinerlei Einschüsse; und *___die Vermutung, Barschel sei einem natürlichen Tode ____erlegen - nach dem Obduktionsergebnis vom Mittwoch ____letzter Woche befanden sich im Magen fünf verschiedene ____Medikamente in tödlicher Dosierung.
Seither konzentrieren sich die Überlegungen der Genfer Ermittler sowie ihres Multi-Millionen-Publikums auf drei andere mögliche Ursachen: *___normaler Selbstmord mit Hilfe von Schlaf- und ____Schmerzmitteln, begangen in auswegloser persönlicher ____und politischer Verstrickung; *___als Selbstmord getarnter Mord, begangen von einem ____geheimnisvollen Unbekannten etwa mit Hilfe zwangsweise ____verabreichter Drogen; *___als Mord inszenierter Selbstmord, dessen raffiniertes ____Arrangement den Verdacht auf politische Gegner oder ____anonyme Verschwörer lenkt.
Je mehr sich in der vergangenen Woche Gerichtsmediziner mit dem Tod in der Badewanne beschäftigten, desto plausibler wurde die These, Barschel habe seinem Leben selber ein Ende bereitet. "Wenn wir Medikamente im Magen des Toten finden", sagte Wolfgang Bonte, Chef der Rechtsmedizin an der Universität Düsseldorf, "gehen wir davon aus, daß es sich mit vernünftiger Wahrscheinlichkeit um einen Selbstmord handelt."
Am Freitag letzter Woche verlautbarten der Genfer Polizeisprecher Marcel Vaudroz und die Untersuchungsrichterin Claude-Nicole Nardin: "Alles deutet auf Selbstmord hin." Die Situation beispielsweise, in der Barschel von den "Stern"-Reportern im Hotel aufgefunden wurde, sprach nicht, wie sein Bruder Eike immer wieder betonte, "gegen einen Selbstmord" - sie sprach eher dafür.
"Kombinierten Selbstmord" nennen Experten die typischen Vorkehrungen entschlossener Suizidwilliger, ihre Tat doppelt abzusichern. "Angst, daß die Wirkung der Medikamente nicht ausreicht", sagt der hannoversche Gerichtsmediziner Hans Dieter Tröger, sei gelegentlich
der Anlaß, eine zweite tödliche Kausalkette in Gang zu setzen. So sei es denkbar, daß Barschel sich in die Badewanne gesetzt habe, "in der Hoffnung, ich werde bewußtlos und werde dann in das Wasser einsinken und ertrinken".
Die typische Verbindung von Medikamententod mit dem Ertrinken in der Badewanne ist seit langem erforscht. Bereits 1967 stellte das Berliner "Institut für gerichtliche und soziale Medizin" eine Untersuchung über Todesfälle in der Badewanne vor, die Trögers Hinweis stützen kann: Von 26 analysierten Todesfällen in Berliner Badewannen waren 15 auf Selbstmord zurückzuführen. Und in 13 der 15 Fälle waren Medikamente und Alkohol zumindest mitursächlich für den Tod.
Wer, "wie offenbar Barschel", seinen Tod "nüchtern kalkuliert", meint der hannoversche Suizidforscher Hermann Pohlmeier, der bedenke alle einschlägigen Umstände oder mache sich vorher gegebenenfalls kundig.
Für solche Umsicht Barschels spricht auch das Handtuch, das um seinen rechten Arm in der Wanne gewickelt war: "Eine sehr gebräuchliche Sache", so Pohlmeier, sei das Handtuch am Arm von Selbstmördern, die Tabletten nehmen, "um Erbrochenes aus dem Gesicht wischen zu können".
"Wer legt sich", fragte vor Journalisten Barschels Bruder Eike, "schon zum Sterben bekleidet in die Badewanne?" Viele tun es. Von mehreren Fällen, in denen Suizidtote angezogen im Badewasser aufgefunden wurden, berichtet Günter Schewe, Rechtsmediziner an der Universität in Gießen. Grund: das Schamgefühl, das sich dagegen sträubt, nach dem Tod nackt aufgefunden zu werden.
Daß Barschel - so legt es das Photo im "Stern" nahe - feuchte Haare hatte obgleich sein Kopf sich über der Wasseroberfläche befand, kann sich ganz schlicht aufklären: Der Kopf des Toten kann durch schnell sich bildende Gase erst nachträglich an die Wasseroberfläche geschwemmt worden sein.
Sollte sich die Annahme bewahrheiten, Barschel sei in der Wanne an der vorsätzlich eingenommenen Tablettendosis gestorben - dann war es ein Tod, für den es eine Anleitung gibt: _____" Kombinierte Methode 1: Schlafmittel und Wasser (im " _____" Bad) " _____" Setzen Sie sich in ein Bad voll warmem Wasser und " _____" nehmen Sie die Mittel mit Mineralwasser und/oder Alkohol " _____" ein. Wenn Sie bewußtlos sind, gleiten Sie infolge " _____" Erschlaffung der Beinmuskeln mit dem ganzen Oberkörper " _____" ins Wasser, und der Tod tritt kurz danach ein. Achten Sie " _____" darauf, daß die Beine nicht durchgestreckt sind, sonst " _____" gleiten Sie auch bei Erschlaffen der Beinmuskulatur mit " _____" Ihrem Oberkörper nicht völlig ins Wasser. "
So empfiehlt es eine Broschüre der "Deutschen Gesellschaft für Humanes
Sterben". Das Traktat zirkuliert unter Mitgliedern des Sterbehilfe-Vereins. Hans Henning Atrott, der Vorsitzende des Vereins, ist sicher, daß Barschel seinem Leben nach der Kombi-"Methode 1" ein Ende gesetzt hat: "Er ist durch Freitod selbstverantwortlich gestorben."
Die Übereinstimmung der Umstände im Fall Barschel mit den Empfehlungen des Suizid-Traktats ist in der Tat frappierend: "Sorgen Sie dafür, daß Sie mindestens zwölf Stunden ungestört sind. Sollte Ihnen dies nicht möglich sein, so wäre ein gutes Hotel ... empfehlenswert." Daß Barschel sich das Leben genommen hat, kann Fachleute nicht verwundern. "Vom Psychologischen her", so Selbstmordforscher Pohlmeier, "habe ich nie etwas anderes erwartet."
Nur wenige Politiker hätten, meint er, ihr Leben so konsequent wie der Ex-Ministerpräsident der Karriere und der Macht verschrieben. Für Menschen dieser Art aber sei ein politischer Abstieg "eine solche narzißtische Kränkung, daß sie wirklich nicht mehr können". Nach den Absetzbewegungen in CDU und FDP sei Barschel schließlich klargeworden, daß es keinen Ausweg mehr gebe, glaubt Pohlmeier: "Keine Kurzschlußhandlung, ein Bilanzselbstmord."
Die "Welt" wußte posthum zu berichten, Psychologen hätten den Ministerpräsidenten schon immer "für extrem suizidgefährdet" gehalten, in seinem Reisegepäck fanden sich Antidepressiva. Der Bericht des Barschel-Anwaltes Samson über sein letztes Telephonat mit dem Urlauber auf Gran Canaria gibt einen Hinweis, wie Barschel sich gefühlt haben muß: Er habe am Telephon geweint. Und er habe auf Ratschläge Samsons geantwortet: "Meinen Sie, das bringt noch was?
Solche Informationen lassen es folgerichtig erscheinen, daß Barschel, wie ein Vertrauter berichtet, vor seiner Abreise in Gran Canaria beim Chef des Wachdienstes der Ferienanlage "Tabletten zum Schlafen" anforderte. Die sind in Spanien relativ leicht auch ohne Rezept zu erhalten.
Folgerichtig erscheint auch, daß der ohne Begleitschutz reisende Barschel in ein Hotel zog, wie es den Empfehlungen der Suizidbroschüre entspricht, und daß er sogar seinen Bruder Eike - falls dessen Aussagen zutreffen - über den Aufenthaltsort getäuscht hat: Er sei "hier im Hilton", habe Barschel am Telephon gesagt, als er schon im "Beau-Rivage" abgestiegen war.
Allerdings: Einige Tatsachen scheinen nicht so ohne weiteres in das Bild des Selbstmörders Barschel zu passen. So stützt die Familie des Toten ihre beharrliche Behauptung, "ein Selbstmord ist ausgeschlossen", auf ein Bündel merkwürdiger Begleitumstände: *___Barschel sei nach Genf gekommen, um sich Informationen ____von einem rätselhaften Mann namens Robert Roloff zu ____verschaffen, die ihn rehabilitieren könnten. So etwas ____mache niemand, der entschlossen sei, sich das Leben zu ____nehmen. *___Barschel habe Informationen und möglicherweise sogar ____ein Photo erhalten: "Ein Erfolgserlebnis" (Eike ____Barschel) - kein Grund, sich umzubringen. *___Barschel habe sich in Telephongesprächen mit seiner ____Schwester und seiner Ehefrau optimistisch geäußert, in ____Kiel neue Informationen zu seiner Entlastung vorbringen ____zu können.
Nicht ins Bild vom gut organisierten Selbstmord passen schließlich einige Umstände am Tatort. Die Tür zu Zimmer 317 beispielsweise war unverschlossen; nach Aussagen einer Putzfrau hing sogar am Sonntag gegen 11 Uhr noch das grüne Schild an der Tür: "Bitte Zimmer aufräumen". Die rote Seite des Schildes ("Bitte nicht stören") wurde erst um 11.30 Uhr gesehen - eine Stunde vor der Entdeckung des Leichnams in der Badewanne.
Wer auch immer das Schild von der grünen auf die rote Seite gedreht haben mag - es war offenbar noch "grün", als Barschel den bisherigen Ermittlungen zufolge schon tot gewesen sein mußte Auch für den Forscher Pohlmeier ist das ein nur schwer erklärlicher Umstand: "Wenn einer sterben will, hängt er die rote Karte raus."
So gab es in der vergangenen Woche auch den einen oder anderen Grund für die Annahme, Barschel sei nicht freiwillig aus dem Leben geschieden.
Der Ex-Ministerpräsident hatte vor seinem Tod zahlreiche Termine vereinbart - ein Verhalten, das einem geplanten Selbstmord, falls er nicht als Mord getarnt werden sollte, widerspricht. So wollte Barschel schon am Montag, anstatt, wie ursprünglich geplant, am Mittwoch, vor dem Kieler Untersuchungsausschuß aussagen. Und noch für Sonntagabend hatte er sich mit seinem
Rechtsbeistand Samson verabredet, um seine Verteidigungsstrategie abzustimmen.
Über Motive und Mittel eines möglichen Mordes kursierten letzte Woche die abenteuerlichsten Geschichten. Da war die Rede von medizinisch nicht nachweisbaren Giften, die dem Opfer nach Geheimdienstmanier injiziert worden seien; da waberte die Version, Barschel sei einem Lockvogel auf den Leim gegangen, der sich als Informant ausgab und ihn dann mit vorgehaltener Pistole zum Tablettenschlucken gezwungen habe; da geisterte das Gerücht, der einstige Ministerpräsident sei von einer internationalen Waffen-Mafia hingerichtet worden.
Unter der Schlagzeile "Barschel, ''Opfer der Irangate-Waffenhändlerbande''" spekulierte der britische "Daily Telegraph" über eine angebliche Beteiligung des früheren Ministerpräsidenten an Waffengeschäften mit dem Iran. Die Nachrichtenagentur "Associated Press" erinnerte an zwei mysteriöse Todesfälle im Zusammenhang mit illegalen Waffenlieferungen der österreichischen Staatsfirma Voest an den Iran (SPIEGEL 39/ 1987).
"Bild" zitierte groß "unseren besten Kriminologen", den Luxemburger Armand Mergen: "Mord... In Frage kommen Geheimdienste, Waffen- und Drogenhandel." Und die "FAZ" registrierte "in Genf zirkulierende Gerüchte" über "Waffenhandel" und eine "Falle in Genf" - weil "Barschel zu viel gewußt haben könnte und, nachdem er von seinen Freunden fallengelassen worden war, gefährlich hätte werden können".
Gestützt werden solche Konstrukte vor allem mit Hinweisen auf eine illegale Transaktion, bei der die staatseigene Kieler Howaldtswerke-Deutsche Werft AG (HDW) und das Ingenieurkontor Lübeck (IKL) vor gut zwei Jahren zentnerweise Konstruktionsunterlagen für den U-Boot-Bau nach Südafrika lieferten. Ein Bonner Untersuchungsausschuß versucht seit Monaten, die Hintergründe dieses Deals aufzuhellen.
Soviel ist bekannt: Bundeskanzler Helmut Kohl, der schleswig-holsteinische CDU-Vorsitzende und Bundesfinanzminister Stoltenberg sowie Vertreter der Barschel-Regierung waren an dem geheimen Handel maßgeblich beteiligt oder wußten seit langem davon.
Zum engsten Kreis gehörte der Kieler Finanzstaatssekretär Carl-Hermann Schleifer, zugleich Mitglied des HDW-Aufsichtsrats, der durch seine Aussage in der Barschel-Affäre maßgeblich zum politischen Ende des ehemaligen Ministerpräsidenten beigetragen hat.
Doch alle Mordtheorien haben denselben Mangel: Sie basieren lediglich auf Vermutungen und Behauptungen.
Sämtliche Thesen über ein tödliches Komplott gründen sich auf die Annahme, Barschel habe sich in Genf mit dem mysteriösen Roloff getroffen - der sei, so Eike Barschel, "einer der Komplotteure" gewesen und habe Barschel in eine Falle laufen lassen.
Der ominöse Unbekannte, erzählte Freya Barschel, habe unter demselben Namen bereits am 26. September in ihrem Möllner Privathaus angerufen und sich als ehemaliger Freund Pfeiffers ausgegeben, mit dem er verkracht sei. Das Telephonat sei aus Hannover gekommen.
In der niedersächsischen Landeshauptstadt fand die Lübecker Staatsanwaltschaft vergangene Woche einen Mann, der Roloff gewesen sein könnte: Am Donnerstagabend durchsuchten Strafverfolger die Wohnung des Journalisten Bernd Plogmann, 43, der im vergangenen Jahr kurzzeitig beim Bremer "Weser Report", der früheren Wirkungsstätte Pfeiffers, beschäftigt war. Bis zum Mai dieses Jahres gab es, laut Pfeiffer, noch private Kontakte, bei denen Barschels damaliger Medienreferent dem Ex-Kollegen Papiere aus der Kieler Staatskanzlei zusteckte.
Heiße Spur oder kalter Kaffee: Plogmann selbst plauderte vergangenen Freitag aus, er habe vor drei Jahren für das CDU-Blatt "Niedersachsen-Zeitung" unter dem Pseudonym "Robert Roloff" geschrieben. Ob er der mysteriöse Anrufer war, ist ungewiß - sicher scheint nur, daß er vorletztes Wochenende nicht in Genf war.
Ob Barschel zu diesem Zeitpunkt überhaupt einen Informanten getroffen hat, ist unklar. Kein ernst zu nehmender Zeuge hat den Ex-Ministerpräsidenten und den mysteriösen Unbekannten zusammen gesehen. Weder am nichtvorhandenen "Informationsschalter" (Freya Barschel) noch sonstwo "auf dem Flughafen" (Bruder Eike) hat Barschel irgend jemanden getroffen. Das berichten "unstreitig" die Journalisten Frank Gabely und Angelo Guarino, die den Politiker bei seiner Ankunft von der Zollsperre bis zum Taxi begleitet hatten.
Verblüfft las Gabely ("Das ist ja Unsinn") am vergangenen Mittwoch auch jene Passage im "Stern", die ihm sein Auftraggeber in der jüngsten Ausgabe mit Raffinement angedichtet hatte: Danach soll das Taxi mit Barschel den Flughafen mehrmals umrundet haben, "wie um etwaige Verfolger abzuschütteln". Alsdann habe der Politiker, "wieder in der Nähe des Airports, einen fast 1,80 Meter großen Mann, dunkelblond und glattrasiert, bekleidet mit Jeans, blauem Pullover und Popelinejacke", getroffen.
"Die beiden", fabulierte die Illustrierte weiter, "sprachen knapp eine halbe Stunde spazierengehend miteinander."
Gabely, in der Story als "Stern"-Mitarbeiter apostrophiert, hat von alledem nichts bemerkt, "das hat niemand gesehen". Er habe zwar versucht, dem Politiker im Taxi hinterherzufahren,
aber der Chauffeur "hat sich geweigert, einem Kollegen zu folgen".
Zudem weiß niemand besser als der Journalist, daß die vermeintliche "Stern"-Enthüllung vom Treffen mit dem großen Unbekannten rein zeitlich gar nicht stimmen kann. Denn Gabely war auch der erste, der Barschel wieder aufspürte, nachdem der - um ziemlich genau 15.30 Uhr - am Flughafen mit dem Taxi verschwunden war.
Kaum zu Hause in der Genfer Innenstadt, begann der Reporter anhand einer Hotelliste systematisch die großen Häuser telephonisch abzuklappern. "Schon beim zweiten Anruf", unter "B" wie "Beau-Rivage", wurde er fündig. Ein "Docteur Barschel" sei eingetroffen, erfuhr er von der Telephonistin: "Soll ich Sie mit Zimmer 317 verbinden?" Das war gerade eine Stunde später.
Die mehrfache, verkehrstechnisch äußerst schwierige Umrundung des Flughafens und dann noch einen knapp halbstündigen Dialog, von dem der "Stern" schrieb, hält der ortskundige Gabely für "völlig ausgeschlossen". Theoretisch möglich sei eine Gesprächszeit "unterwegs von fünf, allerhöchstens zehn Minuten" - und auch das nur, wenn das Einchecken in dem alten Prunkhotel in Windeseile erledigt gewesen wäre.
Bis zum Ende der vergangenen Woche gab es auch keinen Beleg dafür, daß "Roloff" oder jemand anders dem ehemaligen Ministerpräsidenten wirklich Informationen übergeben hat. Die von der Familie referierten Sätze Barschels, er habe "einen wichtigen Mosaikstein" zu seiner Entlastung bekommen, weisen ins Leere: In seinem Hotelzimmer jedenfalls wurde das ominöse Photo nicht gefunden, auf das Barschel so große Hoffnungen gesetzt haben soll.
Vielmehr nährte die Debatte der vergangenen Tage den Verdacht, daß es sich bei dem Photo um ein Phantom-Bild gehandelt haben konnte. Verdächtig dunkel waren die von den Verwandten überlieferten telephonischen Andeutungen Barschels über den Mann, der auf dem Bild zusammen mit dem Enthüller Pfeiffer zu sehen sei - und der einen Zusammenhang offenbaren sollte, den sich "niemand hätte träumen lassen".
Der Mann sei ein Politiker, vermutete in Genf Bruder Eike. Uwe habe ihn am Telephon auf die Frage, was das Photo denn zeige, vertröstet: "Du kennst dich im politischen Leben nicht so aus." Ein "bekannter Paßfälscher und Krimineller" - so wiederum soll Barschel den "Mister X" auf dem Bild seiner Frau Freya gegenüber charakterisiert haben.
Kaum glaublich schien letzte Woche, daß sich ein Mann wie Barschel wegen eines solchen Photos nach Genf zu konspirativen Treffs begibt: Was sollte mit einem solchen Bild zur Entlastung Barschels bewiesen werden? Wer auch immer mit Pfeiffer zusammen abgelichtet worden sein mag - das Bild hätte nicht die Frage beantwortet, welche Manipulationen Barschel im Wahlkampf zu verantworten hatte.
Daß Barschel wirklich ein Treffen mit "Roloff" hatte, beweisen auch nicht seine Aufzeichnungen über das Aussehen des Mannes, die "Stern"-Reporter auf dem Nachttisch fanden. Den geheimnisvollen Zettel ("Wer ist R.R.?") mit der Personenbeschreibung ("dunkelblonde Haare, Popelinejacke") kann Barschel verfaßt haben, um eine falsche Spur zu legen.
Bis Ende letzter Woche beruhten alle Komplott-Theorien auf Informationen, die Uwe Barschel selber verbreitet hatte. Präziser noch: auf Informationen seiner Familie über das, was Barschel an Informationen verbreitet haben soll. Für die
Ermittler in Genf stellte sich in der vergangenen Woche die Frage, was von diesen Überlieferungen glaubhaft ist und was nicht. Drei Möglichkeiten blieben, wie es auch gewesen sein könnte: *___Ein Unbekannter, der sich Roloff nannte, hat sich zwar ____zuvor mehrfach bei Barschel gemeldet, in Genf aber war ____niemals ein Treffen vorgesehen. Der angebliche Termin ____war nur ein Vorwand für Barschel, zu anderen Zwecken ____nach Genf zu fahren. *___Roloff hat sich tatsächlich mit Barschel in Genf ____getroffen, war aber nur ein Aufschneider, der nichts zu ____bieten hatte, was Barschel hätte helfen können. *___Roloff ist eine Phantasiefigur. Niemals hat sich eine ____Person mit diesem Namen bei Barschel gemeldet. Der Mann ____war erfunden, um eine Komplott-Theorie in die Welt zu ____setzen.
Für die Möglichkeit, daß es den bedrohlichen Anrufer, der sich auch im Feriendomizil auf Gran Canaria gemeldet haben soll, in Wahrheit niemals gegeben hat, spricht zumindest ein Umstand: Die Telephonnummer, die der Unbekannte angeblich in Gran Canaria angerufen hat, um Barschel zu erreichen, hätte er, wie Eike Barschel selbst einräumt, "gar nicht gehabt haben können" - die Nummer war nur wenigen Barschel-Vertrauten bekannt.
So war bis Ende letzter Woche nicht auszuschließen, daß es für die nebulösen Hinweise auf das Mordkomplott um Uwe Barschel eine ganz einfache Erklärung gibt: Sie waren samt und sonders Bestandteile einer großen Inszenierung, die Barschels trauriges Ende verschleiern sollte, "um Schimpf und Schande von seiner Familie abzuwehren" (ARD-Fernsehen).
Spekulationen über diese Variante wurden in der vergangenen Woche auch in der schweizerischen Presse gehandelt. Den einheimischen Berichterstattern, die acht Tage lang die Vorgänge verfolgt hatten, schien die Sachlage klar zu sein. So favorisierte die Genfer Tageszeitung "La Suisse" die "Hypothese machiavelique" - die Annahme, daß ein kalt berechnender Machtmensch seinen Selbstmord als Mord konstruiert hat, "um Zwietracht in seinem Land zu säen".
An Merkwürdigkeiten in den Erklärungen der Familie mangelt es nicht. Merkwürdig, daß der nach eigenem Selbstverständnis kluge Konzeptionist Barschel insgesamt zweimal bei seiner vergleichsweise unerfahrenen Schwester Folke in Kiel anklingelte, um sie bezüglich seiner Aktivitäten um Rat zu fragen.
Unerklärlich, daß auch seine Ehefrau Freya, die doch um die angeblichen Gefahren wußte, in denen sich ihr Mann an diesem Wochenende befand, von Gran Canaria aus keinen Kontaktversuch unternahm.
Erstaunlich schließlich, daß am Samstag in Las Palmas nur noch für einen einzigen Flug ein freier Platz zu buchen war - ausgerechnet nach Genf, dem angeblich lange vorher vereinbarten Treffpunkt mit dem "berüchtigten R. R.", so Polizeisprecher Vaudroz. Ursprünglich hatte Barschel versucht, ein Ticket nach Zürich zu bekommen - wäre das Treffen dort verabredet gewesen wie hätte er den Unbekannten, von dem er nur einen Decknamen wußte, nach Genf umdirigieren sollen?
In die Reihe der Ungereimtheiten gehört desgleichen jene Hartnäckigkeit, mit der sich der Barschel-Klan von Beginn an weigerte, jede andere Deutung als die eines Mordes zuzulassen. Selbst der anfangs noch möglich erscheinende Herzschlag wurde brüsk zurückgewiesen. "Natürlicher Tod", so die Verwandten unbarmherzig, "ist ausgeschlossen." Wußte die Barschel-Familie oder ahnte sie zumindest, welche Version ihr prominentestes Mitglied wahrhaben wollte?
"Eisern entschlossen", so formulierte die "Zeit", sei die Familie, "den Toten zu rehabilitieren". Ebensogut aber kann es Barschel selber gewesen sein, der den Tod als letzte Chance der Rehabilitierung sah. Schon der letzte handschriftliche Brief Barschels aus dem Urlaubsflugzeug an seine Mitarbeiterin Brigitte Eichler ("Hoffentlich sehen wir uns in guter Stimmung bei uns zu Hause wieder") könnte Teil eines geplanten Verwirrstücks gewesen sein.
Vertuschte Selbstmorde, getarnt als Mord oder auch als Unfall, sind, wie Kriminologen wissen, nicht eben selten. Oft spielt das Interesse von Angehörigen eine Rolle, an Versicherungssummen zu kommen, die im Falle eines Freitodes nicht oder nicht problemlos ausgezahlt werden. Und im politischen Meinungskampf läßt sich, ungeachtet anders lautender offizieller Untersuchungsergebnisse, trefflich mit Mordtheorien operieren.
So geschah es im Falle der toten Terroristen von Stammheim, in denen Sympathisanten und Angehörige noch immer Mordopfer wähnen. Ähnliches vollzog sich nach dem Tod des Führer-Stellvertreters Rudolf Heß, der nach Ansicht seiner Anhänger nicht freiwillig aus dem Leben geschieden, sondern von seinen alliierten Bewachern erdrosselt worden ist.
Im Fall Barschel wäre ein als Mord inszenierter Selbstmord zweifellos geeignet, einer Legendenbildung Vorschub zu leisten, die zumindest Barschels Angehörigen willkommen sein muß. "Vielleicht", gab die "Süddeutsche Zeitung" unter Genfer Beobachtern kursierende Spekulationen wieder, "vielleicht ist es den Barschels ganz recht, wie das so lief: Das geht aus wie bei Marilyn Monroe - noch Jahre danach werden Zweifel bleiben, und Barschels bürgerliche Ehre ist damit nicht völlig perdu".
Geschick, Trickreichtum und schauspielerische Begabung jedenfalls hatte Barschel oft genug bewiesen, gerade in nahezu ausweglosen Situationen - so in seiner wohlinszenierten Pressekonferenz, in der ihm sein "Ehrenwort" glatt über die Lippen ging, aber auch schon am Tag vor der Landtagswahl, als Pfeiffers Vorwürfe publik wurden.
Diesen Augenblick beschrieb, einen Tag nach dem Tod in Genf, in einem Nachruf des "Hamburger Abendblattes" dessen Kieler Korrespondent Herbert _(Mit Helmut Kohl und dem Bremer ) _(CDU-Landesvorsitzenden Bernd Neumann. )
Wessels, ein langjähriger Barschel-Kenner: _____" Ich habe die Empörung in seinen Gesichtszügen " _____" gesehen, sein Ringen um die richtige Antwort auf das " _____" Ungeheure das sich dort seinen erbarmungslosen Weg zu " _____" bahnen begann. " _____" Inzwischen bin ich überzeugt, daß ich mit einigen " _____" anderen Journalisten zu einer wohlinszenierten " _____" Überraschungsparty geladen war. Barschel und seine " _____" Mitarbeiter wußten, daß an diesem Tage etwas in dieser " _____" Qualität auf sie zukommen würde. Wir sollten Zeugen der " _____" Fassungslosigkeit sein. "
Ob dieser Mann so weit gegangen ist, seinen Tod als Verwirrstück zu inszenieren - exakt wird das wohl nie zu klären sein. Seinen Parteifreunden jedenfalls kam die Mordtheorie nicht ungelegen.
Unionspolitiker und einige unionsnahe Blätter ließen erkennen, daß die von der Genfer Polizei als "Fabel" bezeichnete Mordtheorie ihnen viel besser ins politische Konzept paßt als die Selbstmord-Version. Ein Freitod, der außer Zweifel stünde, würde in den Augen vieler Wähler nicht zuletzt jene CDU-Politiker in Bonn und Kiel belasten, die ihren Parteifreund von einem Tag auf den anderen hatten fallenlassen.
Die "Bild"-Zeitung - die in Kiel nach Feststellung der "Bremer Nachrichten" mittlerweile "von Abgeordneten aller Parteien als ''Zentralorgan für Desinformation'' eingestuft wird" - nutzte letzte Woche noch die abenteuerlichsten Argumente, um die Mordthese zu stützen. Beispiel: "Für den Mord spricht ... daß Barschel mit geschlossenen Augen in der Wanne lag - der Mörder muß sie ihm zugedrückt haben." Gerichtsmediziner wissen, daß Schlafmittelvergiftete durchaus mit geschlossenen Augen sterben können.
Das Schwesterblatt "Bild der Frau" bot sogar übersinnliche Kräfte auf, um die favorisierte These zu propagieren - Schlagzeile: "Seher ''sprach'' Barschel im Jenseits: ''Es war Giftmord!''"
Mit der fetten Titelseiten-Schlagzeile "Anzeige: Pfeiffer Ost-Agent" versuchte "Bild" derweil, den Barschel-Helfer, der viele Jahre lang für die CDU gearbeitet hatte, dem Osten in die Schuhe zu schieben. Erst auf Seite acht, im Kleingedruckten, erfuhren die "Bild"-Leser, worauf sich die Verdächtigung stützte: auf eine anonym eingegangene Anzeige, deren Angaben laut Bundesanwaltschaft "in wesentlichen Teilen nicht mit nachrichtendienstlichen Erfahrungssätzen in Einklang stehen"; ein Ermittlungsverfahren war daher gar nicht erst eingeleitet worden.
Ebenfalls lediglich aufgrund eines anonymen Briefes hatte "Bild" den Barschel-Mitarbeiter zwei Tage zuvor einem westlichen Geheimdienst zugeordnet: Pfeiffer sei, so der Hinweis, Mitarbeiter des bremischen Verfassungsschutzes - eine Darstellung, die er selber ebenso wie die Behörde dementierte.
Schon in den Wochen zuvor war Pfeiffer kaum irgendwo so ins Zwielicht gerückt worden wie in Blättern des Springer-Konzerns.
Unisono taten die Springer-Zeitungen verwundert, wie so einer überhaupt in die Kieler Staatskanzlei gelangen konnte. Dabei hätten sie die Antwort selber geben können: Pfeiffer hat bis zum heutigen Tag einen Anstellungsvertrag mit dem Springer-Verlag. Eigens für das Wahlkampfjahr 1987 war er an Barschels Regierungspressestelle ausgeliehen worden; erst jetzt soll das Arbeitsverhältnis aufgelöst werden.
Die "Welt" deutete lediglich an, Pfeiffer sei der Kieler Staatskanzlei "von CDU-Seite als kompetenter und zupackender Journalist empfohlen" worden. Die Einstellung, so "Bild am Sonntag", sei erfolgt aufgrund von Zeugnissen, in denen- "wie''s bei Beurteilungen so üblich ist" - "nur Gutes" gestanden habe, außerdem sei Pfeiffer "wie ein seriöser Biedermann" aufgetreten. Das Blatt schien es nicht fassen zu können: "Hätten die Männer um Uwe Barschel doch mal nachgefragt ..."
Die angemahnte Nachfrage war gar nicht nötig: Pfeiffer war nach eigener Darstellung von der höchsten Instanz des Springer-Verlags vermittelt worden - vom Vorstandsvorsitzenden Peter Tamm, gleichermaßen persönlich befreundet mit Uwe Barschel wie mit Bundeskanzler Helmut Kohl. Eigentlich war Pfeiffer im September vorigen Jahres, damals leitender Redakteur der CDU-nahen Bremer Wochenzeitung "Weser Report", vom Springer-Verlag für ein neues Tageszeitungsprojekt (Arbeitstitel: "Der Tag") angeheuert worden. Damit sollte der "Hamburger Morgenpost" Paroli geboten werden, die der Verlag Gruner + Jahr gerade gekauft und tüchtig aufgemöbelt hatte. Als das Konkurrenzblatt jedoch nicht gleich den von den Springer-Strategen befürchteten Auflagensprung machte, wurde das Vorhaben eingestellt.
Für Pfeiffer fand sich rasch ein Ersatzjob. Am 7. November traf sich im Zimmer des damaligen stellvertretenden Springer-Vorstandsvorsitzenden Günter Prinz, aber ohne dessen Beisein, der Kieler Regierungssprecher Gerd Behnke mit Pfeiffer und Prinz-Büroleiter Gerd Rattmann. Zehn Tage später führte Barschel selber im Schwarzkopf-Herrenhaus Steinhorst ein Vorstellungsgespräch mit Pfeiffer, das, so der derzeit geschäftsführende Ministerpräsident Henning Schwarz, "etwa zwanzig Minuten" dauerte.
Noch bevor Pfeiffer, am 22. Dezember, einen Arbeitsvertrag der Kieler Staatskanzlei erhielt, hatte der Springer-Verlag am 11. Dezember, bereits schriftlich bestätigt, daß Pfeiffers Vertrag mit dem Zeitungskonzern "für das Jahr 1987 ruht" und "ab 1. Januar 1988 wieder gilt".
Die Freistellung des Leih-Redakteurs Pfeiffer für den schleswig-holsteinischen Wahlkampf ging so glatt, daß sich auch die Lübecker Staatsanwaltschaft für die Umstände des fliegenden Wechsels interessierte. Sie hat deshalb sechs führende Springer-Manager als Zeugen gehört: neben Tamm und Rattmann das Vorstandsmitglied Christian Herfurth, das stellvertretende Vorstandsmitglied Ehrhard van Straaten, Personaldirektor Gerhard Menzel und den Leiter der "Bild"-Zentralorganisation, Friedhelm Voss.
Bei den Vernehmungen stellte sich heraus, daß der Springer-Verlag neben der personellen auch eine finanzielle Wahlkampfhilfe leistete. Denn obschon Pfeiffer in Kiel nach "BAT 1 b, Fallgruppe 1 a" bezahlt wurde (Monatsgehalt: etwa 5700 Mark), reichte dies bei weitem nicht an die mit Springer vereinbarten Bezüge (9000 Mark) heran.
Die Differenz beglich das Haus Springer.
Am 23. November, sechs Tage nach dem Steinhorster Einstellungsgespräch, hatte Rattmann bereits einen Weg gefunden, wie das Aufgeld unauffällig transferiert werden konnte: In einer Hausmitteilung an van Straaten schlug der Prinz-Bürochef vor, Pfeiffer pro forma einen Auftrag für ein Gutachten zu erteilen und dieses gut zu honorieren.
Schon drei Wochen später, am 15. Dezember, meldete Rattmann Vollzug: Das "Gutachten" Pfeiffers, ein dürres Papier über ein "kostenloses Bremer Wochenblatt", liege vor, die Pauschale könne "Anfang des Jahres" 1987 überwiesen werden: 50000 Mark.
Aus Unterlagen, die Ermittler sichergestellt haben, ergibt sich, daß der Springer-Verlag ein massives Interesse an der Verpflichtung Pfeiffers hatte und daß Barschel gewußt haben muß, daß er sich mit Pfeiffer einen Mann fürs Grobe in die Regierungszentrale geholt hat.
In einem Brief vom 9. November an Barschels Pressechef Behnke schrieb Pfeiffer: _____" Es war erfrischend und ermunternd zugleich, mit Ihnen " _____" gesprochen zu haben. Ich habe mich fest entschlossen und " _____" dies fiel mir nicht schwer, für den Wahlsieg der CDU in " _____" Schleswig-Holstein zu kämpfen wie ein potentieller " _____" Olympiasieger. Ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit " _____" Ihnen als gestandenen Journalisten und werde mein Bestes " _____" tun, den mir vorauseilenden Ruf als hartnäckigen, " _____" ideenreichen und belastbaren Kollegen auch gerecht zu " _____" werden. "
Am 7. Dezember schrieb Pfeiffer an den Springer-Manager Rattmann: _____" ... dies gilt auch für meine in Kiel begonnene " _____" Tätigkeit, die im wesentlichen so beschrieben werden " _____" kann, das Image des Ministerpräsidenten einerseits " _____" aufzupolieren, andererseits das Ansehen des " _____" Gegenkandidaten wirkungsvoll zu demontieren. Nach meiner " _____" bisherigen psychologischen Einschätzung wird es wohl hier " _____" zu einer optimalen Zusammenarbeit kommen, über deren " _____" Verlauf ich Ihnen regelmäßig berichten werde. "
Am 24. Dezember entbot Pfeiffer Rattmann Weihnachtsgrüße und fuhr dann fort: _____" In Kiel läuft es bisher nach meiner Einschätzung " _____" optimal, was meinen Arbeitseinsatz angeht ... nur glaube " _____" ich, daß den Kollegen hier mitunter der richtige Biß " _____" fehlt, der gute Boulevardjournalisten auszeichnet. Indem " _____" ich dem Hause Springer weiterhin alle Ehre zu machen " _____" versuche, verbleibe ich bis zur nächsten " _____" Zwischennachricht ... "
Am 30. Dezember übersandte Pfeiffer Neujahrswünsche an Uwe Barschel und schrieb: _____" ... wünsche ich Ihnen für 1987 nicht nur Gesundheit, " _____" sondern vor allem einen deutlichen Wahlsieg am 13. " _____" September. Was mich angeht, so möchte ich dabei als " _____" ehrgeiziger Mensch im Sinne sportlichen Gewinnens kräftig " _____" mithelfen. "
Pfeiffer weiter an Barschel: "Dies bedingt natürlich einen persönlichen Einsatz ohne stetige Einhaltung starrer Dienstwege. Aus diesem Grund möchte ich auf Ihr Angebot zurückkommen, ein persönliches Gespräch unter vier Augen zu führen."
Mit Helmut Kohl und dem Bremer CDU-Landesvorsitzenden Bernd Neumann.

DER SPIEGEL 43/1987
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