Die grüne Bundestagsabgeordnete und Ärztin Heike Wilms-Kegel kam wegen einer Sitzung der Aids-Enquete-Kommission verspätet zum Fraktionstreffen. Thema des Tages: Gentechnik. Ihre Kollegin Regula Schmidt-Bott verlangte gerade, "die Anwendung und Erforschung gentechnischer Methoden grundsätzlich abzulehnen". Heike Wilms-Kegel entsetzt: "Ihr wollt also wirklich die Entwicklung eines Impfstoffes gegen Aids verbieten?" Betretenes Schweigen in der Runde.
Mit Gesetzesvorschlägen zum umstrittenen Thema haben nicht nur die Grünen ihre Schwierigkeiten. Christen in allen Parteien zweifeln, ob es dem Menschen erlaubt ist, per Gentechnik in die Schöpfung einzugreifen. Die Zukunftstechnologie verspricht jedoch Riesengewinne für die Industrie. Der Gesetzgeber hinkt der aktuellen Entwicklung hinterher: Längst zeugen deutsche Wissenschaftler Kinder im Reagenzglas, experimentieren an Embryos, züchten gefrierresistente Erdbeeren und kreuzen Schafe mit Ziegen. Wo hört Nutzen auf und fängt Mißbrauch an? Können Gesetze Mißbrauch verhindern?
Im Bonner Justizministerium wird an Entwürfen gearbeitet. Per Gesetz soll festgestellt werden, daß die Mutter eines Retortenbabys nicht die Eizellen-Spenderin ist, sondern die Frau, die das Kind zur Welt bringt. Auch sollen Samenspender nicht mehr länger anonym bleiben dürfen, sondern unter Umständen in die Vaterpflicht genommen werden. Ein einziger Entwurf sieht strafrechtliche Konsequenzen vor: das Embryonenschutzgesetz. Es verbietet die Erzeugung menschlicher Embryonen zu Forschungszwecken und Experimente nach der ersten Zellteilung.
Industrie, Deutsche Forschungsgemeinschaft und Bundesärztekammer lehnten diesen Entwurf bereits ab. Sie befürchten, daß das Strafrecht die Freiheit der Forschung einschränkt, und setzen auf die Selbstverpflichtung der Ärzte und Wissenschaftler. Sozialdemokraten und Grünen dagegen ist der Entwurf zu unverbindlich. Er enthält, so die SPD in einer Stellungnahme, "gefährliche Lücken" und will "zu allem Überfluß schwangere Frauen auch noch mit einem Bein ins Gefängnis bringen".
Einen eigenen Gesetzentwurf wollen die Sozis jedoch nicht vorlegen. Sie lehnen Experimente an Embryonen grundsätzlich ab. Bei der künstlichen Befruchtung soll der Arzt nur so viele Eizellen entnehmen und befruchten dürfen, wie er ohne Verzug wieder einpflanzen kann. Damit würde verhindert, was heute schon Praxis ist - daß Wissenschaftler befruchtete Eizellen tiefgefroren einlagern, um sie später wieder zum Leben zu erwecken.
Einig sind sich alle Parteien, daß die Erzeugung genetisch identischer Menschen (Klonen) und das Kreuzen von Menschen und Tieren (Chimären- und Hybridbildung) genauso zu verbieten sind wie etwa das Testen der Gene von Arbeitnehmern ohne deren Einwilligung. Die CDU hält jedoch vorgeburtliche und Reihenuntersuchungen für "wünschenswerte Verfahren", um allgemein behandelbare Krankheiten festzustellen. Sozialdemokraten wollen dagegen diese genetische Analyse nur für "schwerste Erbkrankheiten und Risikogruppen" erlauben. Allenfalls könnten heilende Eingriffe in kranke Zellen in Betracht kommen.
Die Grünen hatten sich bisher eindeutig gegen alle Gen- und Fortpflanzungstechniken gestellt und den "sofortigen Stopp" öffentlicher Gelder für gentechnische Forschung und ein "Verbot industrieller Nutzung dieser Methoden" gefordert.
Dieser Beschluß, so die Grünen-Fraktionssprecherin Bärbel Rust, sei nicht mehr haltbar: "Gerade grüne Frauen haben besondere Angst vor Umweltgiften und Strahlenbelastung und lassen eine Fruchtwasseruntersuchung machen, um festzustellen, ob das Kind gesund ist." Ein gesetzliches Verbot dieser Tests hält sie für abwegig: "Denn dann gehen die Frauen - wie früher zum Abtreiben - ins Ausland." Keine Frau dürfe jedoch zu dieser Untersuchung gezwungen und womöglich zur Abtreibung
gedrängt werden, wenn das Kind behindert ist.
Uneins sind die Grünen in der Frage eines genetischen Eingriffs in kranke Zellen. Auf diese Weise lassen sich schon bald bestimmte Erbkrankheiten vermeiden. Immer wenn sie mit Müttern von schwerstbehinderten Kindern gesprochen habe, so Heike Wilms-Kegel, frage sie sich, ob diese Eingriffe nicht doch zu bejahen seien.
"Auf keinen Fall", kontert die Psychologin Regula Schmidt-Bott. Denn: "Vorgeburtliche Untersuchungen und Eingriffe in kranke Zellen sind ein Schritt in Richtung auf den genormten Menschen."
Aus demselben Grund - weil sie die Vorstufe zur Menschenzüchtung sei - lehnen die meisten Grünen auch die künstliche Befruchtung ab. Sie setzen auf Aufklärung über die Ursachen von Unfruchtbarkeit.
Auch von feministischen Samenbanken, in den USA von Frauen gepriesen, die "ohne Männer" Kinder bekommen wollen, möchten die Grünen nichts wissen. Besser als das "typisch deutsche" Verbieten aber sei eine Kampagne gegen das gesellschaftliche Verständnis, daß eine Frau nur dann vollwertig ist, wenn sie Kinder hat" (Regula Schmidt-Bott).
"Gibt es nicht die Möglichkeit, die Chancen der Gentechnik zu nutzen und ihren Mißbrauch auszuschließen?" fragte auf der Fraktionssitzung einer der wenigen anwesenden Männer. "Die größte Chance", unterstützte ihn Heike Wilms-Kegel, "besteht in der gentechnischen Produktion von Medikamenten. Es wird nach Impfstoffen gegen Aids, Hepatitis und Allergien geforscht."
Einwand von Kritikern: Wer die Suche nach einem Impfstoff gegen Aids erlaube, könne auch die Forschung nach Stoffen nicht verhindern, die gegen Umweltgifte und Atomstrahlen immun machen. Im Pentagon werde bereits am "atomkriegsresistenten Soldaten" gebastelt.
"Die Gentechnik", so Regula Schmidt-Bott, "ist keine neutrale Sache, die positiv oder negativ angewendet werden kann. Es steckt die Wahnvorstellung dahinter, Leben zu optimieren, das heißt, Menschen, Tiere und Pflanzen schöner, besser und schneller zu machen."
DER SPIEGEL 43/1987
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