21.09.1987

„Mein Gott, die Einschaltquoten!“

Seit vor elf Jahren Thomas Gottschalk mit Blendax-Lächeln und provokanten Sprüchen im TV debütierte, hält die Heiterkeit im deutschen Fernsehen an. Jetzt wird der Show-Geselle Meister: Mit der Präsentation von „Wetten, daß...?“ am 26. September führt der Entertainer zum erstenmal durchs große Show-Programm. *
Es war vor Jahresfrist an einem Samstagabend um halb acht, als ein Greisenpaar sich durch einen schmalen Stahlring wand. Die Artisten Maria, 61, und Franz, 85, präsentierten in "Na sowas" ungewöhnliche Stellungen. "Passen Sie auf!" rief daraufhin der Präsentator Thomas Gottschalk, 37, der Dame zu, "in Ihrem Alter erkältet man sich schnell die Eierstöcke."
"Mach zuerst mal deinen Hosenladen zu, du bist hier schließlich im Fernsehen", riet er lax einem kleinen Gast erst neulich in "Na siehste!"
In der Münchner "Radio-Show" widmete der flotte Moderator den Softie-Song "These Times are Hard for Lovers" einer Hörer-Oma. Denn, O-Ton Gottschalk: "In diesem Alter ist die Liebe wirklich hart."
In insgesamt 75 "Na sowas"-Sendungen waren vor Gottschalks Humor weder Hannelore Kohl noch Uri Geller oder Professor Barnard gefeit. Ob Greis, ob Kind: Mit seinen Gästen riskiert der Moderator eine Lippe. Dennoch - oder gerade deswegen? - ist er nach Kuli zum beliebtesten Präsentator gewählt worden.
Als Thomas Gottschalk 1982 "Na sowas" übernahm, annoncierte ihn die ZDF-Ansagerin als "Deutschlands Sonnyboy Nummer eins"; "Sonny Tommy" nannte ihn die "Frankfurter Rundschau" in seinem dreieinviertelstündigen "Na siehste!"-Plappermarathon von der Funkausstellung. Ungebremst durfte darin gottschalkhafte Schwatzsucht Stilblüten treiben.
Als einen übermütigen Jungen, als "Deutschlands Charmeprinz" ehrte ihn die Boulevard-Presse. Seine Zungenfertigkeit, eine Art rhetorischer Cunnilingus, verzaubert jung und alt - verwegen stufte ihn die "FAZ" als "Liebling der Großmütter und der Teenager" ein.
Gottschalk, der Pop-Schalk, der Hofnarr der Nation. Mal spielt er den Lachmann, mal den Flachmann: "Rasendfröhlich", so die "Zeit", gehe es immer auf seinen Bühnen zu.
Thomas Gottschalk ist eine Weiterentwicklung des Modells Dieter Thomas Heck - im Radio gehärtet, entdeckt von der ARD, perfektioniert vom ZDF.
Nun, Wende im TV, tritt der betagte Jüngling, der bisher nur in den Seitenschiffen der bundesdeutschen Fernsehunterhaltung zelebrieren durfte, vor den glitzernden Hochaltar des ZDF. Für zunächst ein Jahr übernimmt Sonny Tommy am 26. September Frank Elstners Freakshow "Wetten, daß...?" "Endlich", jubelte die Programmzeitschrift "Gong", "ist der Show-Geselle Meister." Aus "Wetten, daß...?" will er eine "tolle Nummer" machen.
Sorgt nun der Provo für Unruhe in dem ausbalancierten Samstagabendprogramm? Verglichen mit der dirigierten Heiterkeit, die Hans Rosenthal verströmte, dem Beamtenfrohsinn des Frank Elstner oder den schwitzenden Bemühungen eines Wim Thoelke, ist Thomas Gottschalk tatsächlich eine erfreuliche Erscheinung: keß, respektlos, blond gelockt. Ist Gottschalk der Top-Schalk, der Entertainer der neunziger Jahre?
Kuli, der Meister jovialer Gemütlichkeit, schließt jedenfalls am 21. November endgültig seine "EWG"-Spielplatzbude. "Dalli, Dalli" ist bereits ersatzlos gestrichen worden. Rudi Carrell, rapide alternder Fernseh-Beau, verabschiedet zum Jahresende die öde "Verflixte 7".
Die großen Quiz-Shows siechen dahin, die Blütezeit der abendfüllenden TV-Belustigung ist vorbei. Mit Einschaltquoten von mehr als 50 Prozent, mit 20 Millionen Sehern pro Sendung, glänzt allein noch "Wetten, daß ...?"
Unter Gottschalk nun soll die Sendung, für die sich Kandidaten wie für eine Olympiade vorbereiten, um einmal im Glanz des Fernsehlichts als Sieger dazustehen, skurriler werden.
Elstners verbindliche Ausgewogenheit liegt Thomas Gottschalk nicht: "Mein Gott, die Einschaltquoten!" Lieber mache er eine vernünftige Sendung für diejenigen, die sie sehen wollen, "als daß ich versuche, mich durch tausend Kompromisse auf 60 Prozent Zuschauer zu hieven". Gottschalk verspricht, daß jetzt die Wetten kommen, vor denen einst Frank Elstner "Muffe hatte".
Dabei verkündete Thomas Gottschalk vor gut zwei Jahren in einem Interview: "Der Samstagabend ist für mich passe. Um 20.15 Uhr wird's ernst. Da bin ich ungern, weil ich dann der ganzen Nation dienen muß."
Heute will er sehen, wie weit man am Samstagabend gehen kann, ohne das Publikum zu verschrecken. Mit dieser Ungewißheit muß fortan der Sender leben, "denn das Risiko Gottschalk ist auf dem Mainzer Lerchenberg bekannt" (Gottschalk).
Im Moment schütteln Klima- und Generationswechsel ohnehin die deutsche TV-Showbranche. Die Jungen drängeln ans Mikrophon, neuer Geist weht in den Studios, zugleich ächzen die Unterhalter in den etablierten Anstalten unterm Wettstreit der Systeme. "In den 90er Jahren geht es darum, die Wettbewerbsfähigkeit von ARD und ZDF zu erhalten und zu sichern", sagt ZDF-Redakteur Manfred Tesch.
Übereinstimmend prophezeien die Experten, daß "die großen Hallenshows mit ihrem ungeheuren Aufwand aussterben wie die letzten Dinosaurier" (Tesch). Die ARD setzt auf "Kleine Shows mit Wettbewerbscharakter" und auf "das Lachen", wie der WDR-Programmchef Günter Struve mitteilt. Und RTL-Unterhaltungsboß Jochen Filser, einst im Bayerischen Rundfunk Erfinder der Hamster-Show "Vier gegen Willi", sieht ebenfalls "kürzere Unterhaltungsformen, beste Sendeplätze", immer mehr "live und Lachen".
Der Quicki also ist gefragt, das Shorty, die 45-Minuten-Kurzweil, der tobsüchtige Spaß. Game-Shows, die vom grellen Witz, von drastischer Animation, vor allem von der Schadenfreude leben.
Immer dreister biedern sich die Entertainer den niederen Instinkten an, die Lust am zynischen Jux, am puren Schwachsinn feiert Urständ. Gottschalk kann da gut mitfeiern. "Bald mit anbiedernder, munterer Geschwätzigkeit, bald mit kleinen Witzchen", so die "Neue Zürcher Zeitung" über Gottschalk,
"stets aber in der Gewißheit, daß auf diesem Forum der Eitelkeiten letztlich nur einer Anrecht auf Eitelkeit habe: Gottschalk." In diesem Irrwisch hat die Schnattergans Gisela Schlüter ihr männliches Gegenstück gefunden.
Schrill wie die spielt Thomas Gottschalk Moderator. Zum engen Jäckchen trägt er Beutelhosen, den Ego-Trip führt er in adidas-Turnschuhen auf. Vor Millionen kann sich der Exzentriker rühmen, den verwegenen Geschmack seiner Frau Thea, einer Boutiquen-Besitzerin in Schwabing, zu seinem modischen Imperativ erkoren zu haben. Mit breiten Schultern ausstaffiert, ist Gottschalk freilich ein Mann ohne Ecken und Kanten.
Keine Gefahr droht dem Samstagabend-Publikum: Überschäumende Heiterkeit wird durch Artigkeit gebremst. Respektlosigkeiten - "Ich bin ja kein Bürgerschreck" - nimmt er mit seinem Lausbublächeln den giftigen Dorn. Sein Markenzeichen ist die gefahrlose Provokation. Der Duz-Unsitte, dieser verlogenen Rhetorik des Familienprogramms, hat er im deutschen Fernsehen zum endgültigen Durchbruch verholfen.
Erst unlängst hatte er das in der IFA-Eröffnungssendung um die Verleihung der Berolina bewiesen, sein Nachmittag-Plappermarathon
"Na siehste!" geriet bisweilen zum Peinlichkeitsrekord. Dabei hatte der Entertainer gerade in dieser Show versucht, seinen Unterhaltungswert zu testen: Einer Kindernummer ließ er immerhin eine Diskussion ums Vermummungsverbot folgen.
"Journalistische Unterhaltung" nennt das der Moderator. Gottschalk kann nur zu Topform auflaufen, wenn er in solchen heiß-kalten Bädern plätschern kann.
Allerdings: In Topform prahlt Tommy ein wenig zuviel. Gottschalk, der Lächler, redet dann immer zuviel ins Unreine. "Toll", "super", "prima" lauten, logisch, auch die Attribute, mit denen er seinen Gemütszustand zu preisen weiß. "Zu laut" befand ihn Karl-Heinz Köpcke - worauf der blonde Schelm dem "Tagesschau"-Rentner empfahl, das Hörgerät leiser zu stellen.
Thomas Gottschalk wuchert mit den Pfunden, für die er nichts kann ("Ich hab mir nie im Leben irgend etwas hart erarbeitet"), aber sein Repertoire ist schnell erschöpft. Seinen diversen Gesprächspartnern geht der Grapscher gern ans Leder. Auf diese Weise überträgt sich der Spaß, den der Blonde an seinem Treiben hat, handgreiflich auf jedermann. Prominenten Zeitgenossen tritt er gern auf den Schlips.
Doch in "Na sowas" blitzte auch gelegentlich etwas von Tommys Gabe auf, sozusagen im Plapperslalom die unterschiedlichsten Menschen zusammenzubringen. Aus diesem Miteinander, so der Moderator, entwickelte ich vor der Kamera zeitgemäße Unterhaltung- "und nicht bei dem Magier, der zum tausendsten Mal eine Jungfrau zersägt".
Schließlich ist die endgültige Samstag-Unterhaltung entweder schon gefunden oder fällt keinem mehr ein. Im Fernsehen reduziert sich Unterhaltung nämlich bis heute auf zwei Genres: auf Gewinnspiele oder auf Rätselspiele. Mit diesen ist auch das deutsche Farbfernsehen grau geworden.
Als die Welt noch heil und das Fernsehen noch schwarzweiß war, hatten die Rätselspiele schon als ansteckende Krankheit gegolten. "Quiz ist wie eine Seuche", schrieb die Münchner "Abendzeitung" im Jahre 1956; eingeschleppt war der Bazillus natürlich aus Amerika, wo er bereits schrecklich wütete. Allein die drei großen US-Sendegesellschaften strahlten um diese Zeit pro Woche über 70 Rate- und Frage-Spiele aus.
Von den vielen Quiz-, Rate-, Frage-, Wett- und Spiel-Spielen, die unter der Aufsicht etwa von Kulenkampff oder Frankenfeld, Rudi Carrell, Hans Rosenthal, Wim Thoelke, dem unvergeßlichen Maegerlein oder dem vergeßlichen Blacky Fuchsberger stattfanden, fielen im Lauf der Jahre nur zwei aus dem Rahmen: Lembkes Schweinderl-Show "Was bin ich?" und "Wünsch dir was" mit Vivi Bach und Dietmar Schönherr.
"Wünsch dir was", 24 Folgen in den Jahren 1969 bis 1972, verschlug dem
Publikum den Atem. Das war, wie es damals hieß, "gesellschaftlich relevante" Unterhaltung und brachte bislang Unbekanntes in die gute Stube: einen Teenager mit durchsichtiger Bluse etwa, einen gruseligen Griff in einen Schlangenkasten und Katastrophenkribbel durch eine Autobesatzung unter Wasser.
Solche Sachen kämen dem Schweinderl-Lembke nie in den Sinn - und nicht nur deswegen ist sein Quiz das allerungewöhnlichste: Es ist das älteste bestehende fossile Brennelement aus dem Jahr 1955, und das hält auf Dauer auch kein Hund aus; auf den Studio-Kläffer Struppi folgte der Terrier Jacky.
"Was bin ich?" ist eine Lizenzausgabe der englischen Erfolgsserie "What's my line?" Nach jeder Lembke-Sendung fließen 500 Mark Gebühren zu den Briten - ein Klacks, verglichen mit den Summen, die andere berappen: bis zu 20000 Mark pro Sendung. Die meisten der Sendungen, die über deutsche Fernsehschirme toben, sind im übrigen ausländischen Show-Erfindern eingefallen.
Tritt nun auch der große Blonde mit dem Engelshaar aus den "Wetten, daß...?" Kulissen, Lizenzgeber und Show-Erfinder Frank Elstner kassiert bei jeder Sendung mit. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger wird Gottschalk nämlich nur als Präsentator honoriert- mit, geschätzten, 20000 Mark am Abend.
Wetten, daß er - auch im Gegensatz zu Elstner - dann an einem Abend kein Sakko mehr durchschwitzt! Denn seine selbstsichere Schnoddrigkeit hat sich der Unterhalter auch jahrelang als Moderator in Bierzelten oder auf Musikgalas, auf Vertretertagungen oder als Platten-Leger in niederbayrischen Discos antrainiert.
Auch heute noch behält Gottschalk seine Schlagfertigkeit in solchen Nebenzimmer-Veranstaltungen. Vergangenen Samstag war er als Moderator einer Show der deutschen Sauerkonserven-Hersteller gebucht: "Mir graut's zwar jedesmal davor, doch das sind die Geschichten, die Kohle bringen." Sein Beruf ist "Gesichtsvermieter", und das hielt er auch schon in fünf Filmen hin.
Doch Vorsicht! "Der Gottschalk darf sich nicht abnutzen", sagt er. "Ich bin heute so weit, daß ich mich in fast jede Position reindenken kann, und sage, ich würde es besser machen."
So kann er sich gut vorstellen, eines Tages der Kuli der Nation zu werden. Denn der, so Gottschalk, sei der Beweis dafür, "daß man in diesem Beruf alt werden kann, ohne zum Hanswurst zu werden".

DER SPIEGEL 39/1987
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