21.09.1987

MUSIKTHEATERSeufzer fürs Oberstübchen

Der israelische Komponist Josef Tal hat in seiner neuen Oper- Uraufführung am letzten Samstag in Berlin - die eigene Zunft besungen: Sein „Turm“ steht für die Macht der Musik. *
Ein reizender alter Herr, dieser Josef Tal, 76, aus Jerusalem - witzig und gewitzt, virtuos im Gedankenspiel, sattelfest im kompositorischen Handwerk, immer noch auf dem Quivive, wenn er die zeitgenössischen Strömungen seines Metiers abhorcht und bei dem geschickten Recycling doch eine eigene Note findet.
In seiner neuen Oper "Der Turm", der das Staatstheater Kassel als Gast der Berliner Festwochen am vergangenen Samstag im Berliner "Theater des Westens" eine respektable Uraufführung verschaffte, hat dieser pfiffige Senior sogar ein rockiges Intermezzo für Pop-Band geschrieben, "keine Frage des Alters", wie er kokettiert, "sondern bloß meine Neugier".
Aber Josef Tal ist, wenn er als Apostel der Versöhnung auftritt, als religiöser Schwärmer und leicht entflammbarer Schöngeist, auch ein rücksichtsloser Komponist. Auf eine plausible Story beispielsweise, mit der er dem Publikum den Zugang zu seinem Gedanken"Turm" erleichtert hätte, legte er keinen großen Wert. Musik zu schreiben, die in einem großen dramatischen Bogen der gängigen Opernkundschaft über den Abend helfen könnte, kam ihm nie in den Sinn. Und so mißriet sein "Turm" letztlich zu einem Stück aus dem philosophischen Privatseminar.
Natürlich hat auch Tals jüngster Versuch fürs Musiktheater (im Mai 1988 folgt in Hamburg die einaktige Kammeroper "Der Garten") genau wie die Opern "Ashmedai" (Hamburg 1971) und "Die Versuchung" (München 1976) mit der Lebens- und Leidensgeschichte des Komponisten zu tun.
Nachdem der Musiker im vornazistischen, "champagnerhaft prickelnden" Berlin traditionellen und neutönerischen Satz studiert hatte, floh er 1934 nach Palästina. Er verlor seinen Vater im KZ, einen Sohn später im Sechstagekrieg. Er mußte sich als Photograph und Pianist durchschlagen, bis er wieder Fuß fassen und in Israel schließlich bedeutende Musik-Institutionen gründen oder leiten konnte. Heute zählt er zu den Doyens der Avantgarde. Für ihn, versteht sich, ist Musik "in einem höheren Sinne eine Sprache über alle Grenzen, Rassen und Konfessionen hinweg".
Natürlich hat "Der Turm", 1981 durch eine Konzertreise in den USA angeregt. 1984 in Berlin fertiggestellt, auch mit "Babel" und dem "Turmbau" zu tun, wie das Werk in Anspielung auf den alttestamentlichen Bericht ursprünglich betitelt werden sollte, also mit der Sprachverwirrung als göttlicher Strafe für den Größenwahn der Menschen.
Der "Turm" indes (Libretto: der 1985 in England verstorbene Autor Hans Keller)
wuchs über private Erfahrungen und biblische Überlieferungen hinaus und seinen Machern über den Kopf. Er verlor in diffusem weltanschaulichen Gewölk schließlich immer mehr an Kontur.
Heute, so kommentiert Tal die Aktualisierung seines Themas, verstünden die Menschen zwar, was sie sagten, redeten aber dennoch ständig aneinander vorbei. Nur die Musik biete ihnen mangels fester Vokabeln und festgefahrener Begriffe eine Sprache, die Streit, Mißdeutungen und Rechthaberei ausschließe - ein Medium also von wahrhaft paradiesischer Keuschheit.
Ein Thema fürs Opernhaus? Tal: "Eine schwierige Frage", aber keine Antwort. Eine atonale Partitur? Tal: "Alles, was nicht tonal ist, ist atonal." Ein abendfüllendes Menetekel für 15 Sänger, drei Sprecher, Chor und großes Orchester samt Tamtam, Tom-Tom, Gong und Guiro? Tal: "Musik ist nicht bloß Rausch- und Ausdrucksmittel." Nein, aber taugt sie tatsächlich als Transportmittel einer naiven, hausgemachten Heilslehre von der völkerverbindenden Kraft der Töne?
Wirr und verwirrend ist vor allem die erste Hälfte dieses knapp zweistündigen Zweiakters: kompositorisch mehr eine Kantate mit zerrissenen, häufig abrupt endenden Klangbildern und -brocken, szenisch eine revuehafte Abfolge von Schnappschüssen aus allerlei zwischenstaatlichen und -menschlichen Beziehungen.
Politiker kauderwelschen in deutsch, englisch und hebräisch über die Baupläne ihres Turmes, dazu schwenkt das Volk unter lautem Gekreisch blaue Fahnen. Ein Ehepaar streitet in gesprochenen Vorwürfen und gesungenen Geständnissen, ob sein Bund fürs Leben an Meinungsverschiedenheiten über die Atomrüstung oder an seelischer Entfremdung zerbrochen sei. Ein Rabbiner erläutert einem Wissenschaftler das "Wunder, daß sich "mehrere Religionen auf ein gemeinsames Gotteshaus ganz oben im Turm geeinigt" hätten. Nach dem Liebesakt philosophiert ein katholischer Jüngling bei Kerzenschein und softem Schmelz der Holzbläser mit einer Jüdin über die Vereinigung der Künste.
Fahrig wie die Szenenfolge, die Tal "dem Stil filmischer Praktiken" nachgebaut hat und die die Regisseure Siegfried Schoenbohm und Rainer Winter auch in verschachtelten Guckkästen ablaufen lassen, sind auch orchestrale Grundierung und der Einsatz der Stimmen. Mal dreht das volle Orchester in schriller Erregung auf und durch, dann wieder skandiert es das mehrsprachige Parlando bloß durch ein paar ruppige Ackorde oder kleckert still vor sich hin.
Nur einmal, im Finale des zweiten Aktes, hat Tal einen brillanten Dreh gefunden, um sein Glaubensbekenntnis effektvoll unter die Hörer zu bringen - er würgt seine Oper radikal ab.
Eben noch hat die Pop-Band dem Volk auf der Bühne zum Tanz aufgespielt, da werden plötzlich vier rote Stühle und Notenständer hereingetragen, und es erscheinen vier befrackte Herren für ein Streichquartett von der soignierten Art klassischer Kammermusik-Darbietungen.
Doch bevor die Spieler zum ersten Strich ansetzen, schallt eine Stimme aus dem Off: Nun werde sich gleich "die Handlung einer Oper ohne Worte abspielen", raunt es aus dem Lautsprecher. Der "Sinn" der "musikalischen Klänge" sei "dem Gespräch der Instrumente zu entnehmen", das Publikum möge "in den Straßen einer akustischen Stadt spazierengehen".
Nach diesem Appell zu innerer Sammlung applaudieren die Massen auf der Bühne, lassen sich nieder und lauschen stumm: heftigen, grell explodierenden Klangwallungen; langen, langsamen, in jaulenden Seufzern ersterbenden Melodiefetzen; Tongespinsten von faszinierend fahler Leere.
Für ein paar Minuten wenigstens kann Tal, dieser naive Sänger der Musik, übermitteln, was er mit seinem Hohenlied auf die Tonkunst wohl hat sagen wollen. Aber um sich dieser beklemmenden kleinen Nachtmusik hinzugeben, bedarf es keiner Riesenpartitur, keines Opernhauses, keiner 250 Mitwirkenden. Man braucht nur Muße im Oberstübchen und ein stilles Kämmerlein in irgendeinem Elfenbeinturm.
Klaus Umbach
Von Klaus Umbach

DER SPIEGEL 39/1987
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