DER SPIEGEL



STROM

Riegel sprengen

Bundesdeutsche Industrie-Unternehmen wollen billigen Atomstrom aus Frankreich; die heimischen Strom-Unternehmen wehren sich heftig. *

Einer aufregenden Tätigkeit sind die Manager des Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerkes AG (RWE) nie nachgegangen.

Die Herrscher über Deutschlands größten Stromkonzern befinden sich in der angenehmen Lage, ihr Produkt, den elektrischen Strom, praktisch ohne Konkurrenz verkaufen zu können. Der Preis bildet sich nicht am Markt, die Herren setzen die Tarife da an, wo sie die Kosten und einen angemessenen Gewinn einspielen.

Mit dieser Beschaulichkeit könnte es in der Essener Zentrale des RWE bald vorbei sein.

Gefahr zieht von jenseits der deutschen Grenzen herauf. "Größte Risiken" macht RWE-Vorstandsmitglied Günther Klätte für sein Unternehmen aus, ja sogar "für unsere Volkswirtschaft und unser Staatswesen". Und wie Klätte denken viele Elektrizitätsmanager.

Der Feind steht im Westen, "die Franzosen kommen" ("Bonner Energie-Report"). Mit Stromlieferungen zu Billigpreisen will Frankreichs staatliches Monopolunternehmen Electricite de France (EdF) den deutschen Elektrizitätswerken Kunden abjagen. Ein Ende der Monopol-Ruhe zeichnet sich ab.

Wie kein anderes Land hat Frankreich in kaum anderthalb Jahrzehnten seinen Park von Atomkraftwerken ausgebaut. 75 Prozent des Stroms fließen in Frankreich aus Kernkraftwerken, in Deutschland sind es 34 Prozent. Gepäppelt mit staatlicher Hilfe, verfügt die EdF über riesige Mengen Strom, den in Frankreich keiner braucht.

Das ehrgeizige französische Atomprogramm beruht auf Verbrauchsschätzungen, die, nach neuen Erkenntnissen, für 1990 um etwa 25 Prozent über dem voraussichtlichen Bedarf liegen. Schon jetzt muß die EdF regelmäßig Atommeiler abschalten.

Den Strom aus seinen überflüssigen Kraftanlagen versucht Frankreich in die Leitungsnetze der übrigen Europäer zu drücken. Derzeit exportiert die EdF fast 30 Milliarden Kilowattstunden, das entspricht knapp zehn Prozent des Stromverbrauchs in der Bundesrepublik. Hauptabnehmer sind Großbritannien, die Schweiz und Italien. Zu Zeiten des Spitzenverbrauchs kaufen auch bundesrepublikanische Elektrizitätsversorgungsunternehmen schon mal Franzosen-Strom.

Bis zum Ende dieses Jahrzehnts will Frankreich seinen Export auf 50 Milliarden Kilowattstunden steigern. Für die neunziger Jahre erwarten westdeutsche Experten, daß die Franzosen den Export elektrischer Energie noch verdoppeln wollen.

Die hochindustrialisierte Bundesrepublik erscheint den exportfreudigen Franzosen als ein besonders aussichtsreicher Kunde. Auch wenn sich die Deutschen noch sträuben - der Durchbruch soll spätestens 1992 gelingen.

Dann, so gelobten im vergangenen Jahr die EG-Mitgliedstaaten, sollen endgültig alle Grenzen im Europa der zwölf fallen. Der Verkehr von Waren und Dienstleistungen soll von Schlagbäumen nicht mehr behindert werden.

Spätestens von 1992 an wäre es jedem Abnehmer in der Bundesrepublik freigestellt, den Strom bei dem zu kaufen, der ihn am billigsten liefert. "Man muß die innerhalb der EG noch vorhandenen Riegel sprengen", verlangt der Pariser Industrieminister Alain Madelin, "damit die Industriellen im Ausland in Frankreich Strom kaufen können." Außenhandelsminister Michel Noir will das Thema Stromverkauf auf die Tagesordnung des deutsch-französischen Gipfeltreffens im nächsten Monat setzen.

Etliche deutsche Unternehmen können es gar nicht abwarten. Vor allem Firmen, die für ihre Produktion viel elektrische Energie verbrauchen - wie beispielsweise Chemie-, Kupfer-, Zink- und Stahl-Unternehmen -, lauern auf den Billig-Strom aus Frankreich.

Der Preisvorsprung der Franzosen ist enorm. Die Vereinigung Deutscher Elektrizitätswerke (VDEW) rechnet vor, daß französischer Strom bis zu 20 Prozent billiger ist als der aus bundesdeutschen Kraftwerken. "Der deutsche Strom", sagt Hans-Jürgen Budde, Geschäftsführer der Vereinigung Industrieller Kraftwirtschaft (VIK), "ist zu teuer."

Schon vor über vier Jahren wollte der Chemie-Multi BASF in Ludwigshafen Strom kaufen, den die EdF zu einem konkurrenzlos "attraktiven Preis" anbot. Damals verstand es das Rheinisch-Westfälische Elektrizitätswerk, in dessen Versorgungsgebiet die BASF liegt und dem dort alle Leitungen gehören, den Franzosen-Strom abzuwehren.

Seither aber werden die Manager der stromfressenden Industrien nicht müde, die Wettbewerbsnachteile aufzuzählen,

die sie durch den Verzicht auf importierten Strom hinnehmen müssen.

Ein Strompreisunterschied von nur einem Pfennig pro Kilowattstunde, rechnen VIK-Experten, mache für die Stahlindustrie eine Mehrbelastung von 200 Millionen Mark im Jahr aus, 240 Millionen sind es für die chemische Grundstoffindustrie.

Die Folgen malt Axel Lippert von der Leverkusener Bayer AG so aus: "Produkte mit großen Stromkostenanteilen werden am europäischen Markt auf Sicht nicht konkurrenzfähig sein."

Als Beispiel führte Lippert in einem Hearing des Landtags von Nordrhein-Westfalen die Chlorherstellung an. Rund die Hälfte aller Produktionen bei Bayer hängt mehr oder weniger vom Basisartikel Chlor ab.

Die Herstellungskosten von Chlor werden bis zu 70 Prozent durch Strom bestimmt. Weil die EdF nun kürzlich den großen Chlorproduzenten einen Tarif geboten habe, "der bei der Hälfte des Preises liegt, den wir hier an der Rheinschiene bezahlen müssen", sind für Lippert die Konsequenzen klar: "Billiges Chlor zu importieren ist aus Sicherheitsgründen unrealistisch. Folgeprodukte müssen dann also dahin wandern, wo es möglich ist, das billige Vorprodukt einzusetzen."

Doch auch bundesdeutsche Kraftwerksbetreiber haben stichhaltige Gründe dafür, den Billig-Strom aus Frankreich nicht über die Grenzen zu lassen.

Wie kein anderer Industriezweig wurden die bundesrepublikanischen Stromerzeuger in die volkswirtschaftliche Pflicht genommen. Um den heimischen Bergbau zu erhalten und den Absatz deutscher Kohle langfristig zu sichern, verpflichteten sich die Elektrizitätskonzerne Mitte der siebziger Jahre, regelmäßig bestimmte Mengen Kohle zu verstromen.

Vor sieben Jahren verlängerten sie diesen "Jahrhundertvertrag": Bis 1995 wollen die Kraftwerke 630 Millionen Tonnen Steinkohle verfeuern (Förderung 1986: gut 80 Millionen Tonnen).

Mehr als die Hälfte der Kohle rollt inzwischen in die Stromfabriken. Der Einsatz von deutscher Steinkohle zur Elektrizitätserzeugung allerdings ist unwirtschaftlich, denn die Förderkosten liegen extrem hoch.

So kostet Strom aus Steinkohle von der Ruhr oder Saar nach Berechnungen der Branchenexperten derzeit acht Pfennig pro Kilowattstunde. Mit billiger Importkohle liegt der Preis teilweise unter 3,5 Pfennig, Kernkraftwerke liefern Strom für 3,5 bis 4,5 Pfennig - wobei allerdings die Milliarden-Subventionen des Staats für die Kernkraft in der offiziellen Kalkulation tunlichst ausgespart und womöglich die Rücklagen für die Lagerung des strahlenden Abfalls zu niedrig angesetzt werden.

Den teuren Strom aus Steinkohle subventionieren direkt die Verbraucher. Ihrer Stromrechnung wird der sogenannte Kohlepfennig aufgeschlagen - seit dem 1. Juni 7,5 Prozent -, der den Betreibern der Kohlebergwerke als Zuschuß für die kostspielige Primärenergie zugute kommt. Den "Kohlepfennig" wie die staatlichen Subventionen für die deutschen Zechen will Bonn allerdings stark reduzieren.

Zudem würden dann auch noch Stromeinfuhren, da kein höherer Stromverbrauch

zu erwarten ist, zu Lasten des deutschen Kohle-Stroms gehen. Die Strommanager lassen keinen Zweifel, daß sie im Fall von Elektrizitätseinfuhren aus Frankreich "den Jahrhundertvertrag in Frage stellen" (RWE-Finanzchef Friedhelm Gieske). Zwangsläufig würden dann weitere Arbeitsplätze im Steinkohlenbergbau vernichtet.

Veba-Chef Rudolf von Bennigsen-Foerder, nebenher Aufsichtsratsvorsitzender der Ruhrkohle AG, hält noch ein anderes Argument parat. Die Franzosen wollten, so sagt er, "zu Dumpingpreisen den Strom liefern" - also zu Tarifen, die unter den tatsächlichen Gestehungskosten liegen.

Richtig daran ist: Die EdF erhielt lange Zeit Milliarden sogenannter Dotationen aus dem Pariser Staatshaushalt. Mit dem Geld bezahlten die Strommanager ihre Investitionen, die Subventionen glichen Verluste aus.

Mit dem Staat im Rücken häufte das Unternehmen gigantische Schulden an: 220 Milliarden Franc (66 Milliarden Mark); bis 1990 werden es 250 Milliarden sein. In diesem Jahr erwartet die EdF einen Verlust von 200 Millionen Franc.

Die Strompreise erlaubten es nicht, erläutert EdF-Präsident Pierre Delaporte, "die Anstrengungen zur Entschuldung zu verstärken".

Vorteilhaft ist für die EdF überdies der Umstand, daß der Bau von Kernkraftwerken in Frankreich steuerlich begünstigt wird. "In Deutschland sind die Kernkraftwerke um die Hälfte teurer als in Frankreich", behauptet RWE-Vorstand Klätte.

Die Franzosen bauen ihre Kernkraftwerke auch deshalb billiger, weil sie - ohne nennenswerten Widerstand in der Bevölkerung - in großen Serien ihre Reaktorblöcke hochziehen. Sie geben weniger Geld für Sicherheit aus; die Planungs-, Genehmigungs- und Bauzeiten sind deutlich kürzer.

Zudem hegen Experten den Verdacht, die EdF werde zusätzlich dadurch begünstigt, daß die Staatsgesellschaft Cogema, die für die Entsorgung zuständig ist, teilweise über den Militärhaushalt finanziert wird.

Angesichts solch ungleicher Ausgangsbedingungen wollen es deutsche Stromerzeuger wie das RWE einfach nicht hinnehmen, daß die fremdländischen Lieferanten die Rosinen picken und "wir dann den Ramsch versorgen können" (Klätte). Die Rosinen, das sind allemal die industriellen Großabnehmer - beim RWE gehen 40 Prozent des erzeugten Stroms an diese Kunden.

Für die deutschen Kraftwerksbetreiber wären Stromimporte großen Stils um so mißlicher, als sie selber - ermuntert durch staatliche Subventionen für die Entwicklung der Atomkraft in Höhe von bislang 25 Milliarden Mark - trotz aller Warnungen munter am Bedarf vorbeiplanten.

Überkapazitäten belasten heute die Kostenrechnungen. Als am 15. Januar dieses Jahres die Temperaturen auf minus 25 Grad sackten, verbrauchten die Bundesdeutschen so viel Strom wie niemals zuvor: Die Kraftwerke lieferten 58400 Megawatt (MW).

Die Stromversorger aber verfügten über eine Leistung von 88700 MW. Selbst nach Abzug aller erforderlichen Reserven, die zur sicheren Stromversorgung vorgehalten werden müssen, blieb eine Überkapazität von 9600 MW.

Die Kraftwerkbetreiber sind sicher, daß sie im Laufe der nächsten Jahre in diese "freie Leistung", wie sie schamhaft ihre Überkapazitäten nennen, hineinwachsen. Das allerdings hat eine Voraussetzung: Es darf kein Strom aus Frankreich kommen.


DER SPIEGEL 43/1987
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