Volker Knapp juckte es in den Fingern. An dem "komischen Kasten" (Knapp) konnte er einfach nicht vorbeigehen, ohne das "Ding mal auszuprobieren".
Die eigentümliche Maschine, von weitem einem Kopierer ähnlich, die dem Geschäftsmann auf dem Münchner Flughafen auffiel, ist ein Selbstbedienungsautomat der Autovermietung Sixt. Wer eine Kreditkarte besitzt, kann damit Leihwagen für seinen Zielflughafen bestellen.
Knapp schob seine American-Express-Karte in den Apparat und wartete. Doch die Maschine spuckte, zu Knapps Vergnügen, die Karte einfach wieder aus. So ein sensibles System, meinte er schadenfroh, sei eben äußerst anfällig.
Knapp ist von der Konkurrenz, Chef des Autovermieters Hertz in Frankfurt. Es gefällt ihm, daß auch bei Sixt nicht immer alles klappt. Seit einiger Zeit nämlich macht Sixt den Mitbewerbern schwer zu schaffen. 1977 schloß Sixt einen Kooperationsvertrag mit Budget Rent a Car. Seitdem ging es mit dem Münchner Unternehmen rasch aufwärts. Hinter der VW-Tochter InterRent sowie den Weltfirmen Avis und Hertz ist Sixt mit 87 Millionen Mark Umsatz bereits der viertgrößte Autovermieter der Bundesrepublik.
In diesem Jahr will Hauptaktionär Erich Sixt das Geschäft nochmals um 25 Prozent steigern. Die anderen Firmen schaffen allenfalls 15 Prozent.
Sixt hat mit spektakulären Angeboten Unruhe in das gemächliche Mietwagen-Geschäft gebracht. Selbst Hertz-Manager Knapp muß einräumen, daß die Münchner "einiges ausgelöst" hätten. Das Interesse für Mietwagen sei gestiegen, die Kunden seien aber auch "viel preisbewußter" geworden.
Am meisten Aufsehen erregte Sixt, als er vor dreieinhalb Jahren den Mercedes 190 E "zum Preis eines Golf" anbot, rund 40 Prozent billiger als üblich. Den frechen Slogan ließen sich die Konkurrenten nicht bieten und überzogen Sixt mit einem Gerichtsverfahren wegen unlauteren Wettbewerbs. Den Werbespruch dürfen die Münchner nicht mehr benutzen. Doch der Ruf eines günstigen Anbieters ist geblieben, auch wenn die Konditionen der anderen Vermieter inzwischen ganz ähnlich sind.
Vom Preiskampf hat sich nun der Wettbewerb auf den Service verlagert. Auch Hertz hat inzwischen auf dem Flughafen München einen neuen Buchungsservice eingerichtet. Wer kurz vorm Abflug noch schnell einen Leihwagen bestellen möchte greift zum Hertz-Telephon im Warteraum. Auf Knopfdruck meldet sich die Reservierungszentrale in Frankfurt und stellt am Zielflughafen den gewünschten Wagen bereit.
Das Telephon werde bereits bis zu 100mal am Tag benutzt, sagt Hertz-Chef Knapp. Allerdings bestellen nicht alle Anrufer einen Wagen: Es sind auch gelangweilte Reisende dabei, die sich die Wartezeit mit einem kostenlosen Ferngespräch vertreiben wollen. Da der Geschäftsreisende es gern kommod hat, locken einige Vermieter nun mit dem Autotelephon, meistens sogar ohne Aufpreis.
Der Nutzen solcher Geräte allerdings ist begrenzt. Der Kunde darf zwar aus dem Leihwagen selbst telephonieren, anrufen kann ihn niemand. Die Nummer des Telephons bleibt geheim. Der Grund: Die Verleiher möchten die hohen Anschaffungskosten über die Gebühren wieder hereinholen. Im Schnitt verlangen sie 70 Pfennig je Einheit.
Auch sonst suchen die Vermieter ständig nach Ideen, die ihnen neue Kunden zutreiben können. Sie bieten nicht nur Porsche-Cabrios und Geländemobile, sondern auch Luxusfahrzeuge mit mehrsprachigem Chauffeur an. Bei Sixt gibt es sogar Flugzeuge für Selbstflieger.
Ob skurrile Luxusangebote nun wirklich mehr Leute in Leihwagen locken, ist umstritten. Die Leute bei Sixt setzen auch auf technische Neuerungen wie ihren Buchungsautomaten, der den Kunden zumindest Zeitvorteil verspricht.
Der Rent-o-mat der Münchner ist allen Einrichtungen anderer Firmen weit voraus. Er liefert innerhalb 40 Sekunden einen gedruckten Mietvertrag. Der Kunde braucht am Zielflughafen nur noch in seinen bestellten Golf Turbo-Diesel oder Mercedes 300 E einzusteigen.
Nach Anfangsschwierigkeiten funktionieren die Automaten inzwischen ebenso zuverlässig wie die ähnlich konstruierten Geldautomaten der Banken. Die Fehlerquote liege nahe Null, versichert Sixt-Manager Reinhold Friedrich.
Elf Geräte sind bereits in den Warteräumen der Flughäfen München, Hamburg und Bremen installiert. Weitere sollen in Hannover, Saarbrücken, Nürnberg und Berlin aufgestellt werden.
Das dauert bisweilen länger, als den Münchnern lieb ist. Die Flughafenverwaltung in Düsseldorf etwa sperrt sich gegen die Neuerung aus "grundsätzlichen Erwägungen" und "aus Platzgründen", ähnlich die Stuttgarter. Die Frankfurter wollen nur einen Computer für alle Autovermieter zulassen. Die Sixt-Manager wollen sich davon nicht aufhalten lassen. "Unser System wird sich durchsetzen", sagt Vertriebsleiter Friedrich, und "irgendwann auch weltweit".
DER SPIEGEL 43/1987
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://corporate.spiegel.de finden Sie Angebote für die Nutzung von SPIEGEL-Content zur Informationsversorgung von Firmen, Organisationen, Bibliotheken und Journalisten.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.