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Willkommenes Alibi

Die Kommerzkanäle Sat 1 und RTL plus kämpfen um Frequenzen, über die sie ihr Publikum auch ohne Kabel erreichen können. *

Auf den Kanälen der privaten Fernsehsender wird leichte Kost serviert - alte Filme, ein bißchen Showgeklingel und ein paar einfältige Quizsendungen. Aufregend ist das alles wirklich nicht.

Spannender geht es draußen zu, außerhalb der Studios. Da raufen sich die Planer der Kommerzkanäle Sat 1 und RTL plus um die Senderechte.

RTL-Programmdirektor Helmut Thoma schwärzt die Privatkonkurrenz öffentlich an, Sat 1 habe mit "unhaltbaren Versprechungen" in Berlin eine Lizenz erschlichen. "Der ganze Fall", fordert Thoma, "muß noch mal verhandelt werden." Den RTL-Manager ärgert, daß der Mainzer Sat 1 bei der Vergabe der einzigen freien Berliner TV-Frequenz den Vorzug bekam. Das kränkt.

In Mainz wiederum stichelt Sat-1-Geschäftsführer Jürgen Doetz fremdenfeindlich gegen die Kollegen in Luxemburg. RTL sei "ein Reichweiten-Hasardeur", der die deutsche Fernsehlandschaft "zum Rummelplatz für Ausländer macht". Doetz will nicht hinnehmen, daß RTL plus in Nordrhein-Westfalen die besseren Sendetürme und damit wohl auch die meisten Zuschauer bekommen soll. Das schmerzt.

Der Streit der TV-Firmen geht um die sogenannten terrestrischen Frequenzen. Über diese Wellen - ohne Kabel, ohne Satellit - schicken ARD und ZDF ihre Sendungen zum Publikum.

Mehr als 30 Millionen Deutsche, schätzt die Bundespost, könnten auch

Sat 1 und RTL plus einzeln oder gemeinsam schon bald auf dem Luftweg erreichen. Dann hätten die Kommerzfunker in vielen Regionen ganz normal über die Hausantenne die gleichen Reichweiten wie die öffentlich-rechtlichen Anstalten - und wohl bald ähnliche Werbeeinnahmen.

Eifrig fahnden Spezialtrupps der Post nach freien TV-Frequenzen. Bonns Postminister Christian Schwarz-Schilling will die Republik mit einem Netz von Sendern überziehen, damit das Kommerzfernsehen rascher vorankommt.

Bislang sind die Privatsender fast ausschließlich per Kabel zu empfangen, die nur in kleinen Teilbereichen verlegt sind. Auch der Direktsatellit TV Sat, der Mitte November in eine Umlaufbahn gebracht werden soll, wird zur schnellen Verbreitung nicht beitragen. Technische Übertragungsprobleme sind noch immer nicht gelöst, für den Empfang ist zudem eine Spezialantenne erforderlich.

Als Ausweg bleiben die terrestrischen Frequenzen. Sie werden in München und Mainz, in Koblenz und seit August auch in Berlin genutzt. Im nächsten Frühjahr sollen vier Sender im nördlichen Niedersachsen den Betrieb aufnehmen.

Erbittert kämpfen Sat 1 und RTL plus um die besten Sendeplätze. Häufig nämlich steht auf den Fernsehtürmen für die beiden Konkurrenten nur ein einziger Kanal zur Verfügung.

Bisher kam vor allem Sat 1 zum Zuge. Dort bestimmen der konservative Springer-Verlag und die genossenschaftliche DG Bank, die Hausbank des Filmhändlers Leo Kirch, die Richtung.

So hatte Sat 1 wenig Schwierigkeiten, in unionsregierten Ländern Sendelizenzen zu erhalten. Daß im Medienstaatsvertrag die Gleichbehandlung beider Sender festgeschrieben wurde, schien bei solchen Entscheidungen ohne Belang.

In Rheinland-Pfalz etwa darf Sat 1 nahezu konkurrenzlos senden. Rund 1,5 Millionen Zuschauer können dort, wenn sie denn wollen, das Programm empfangen. Für RTL plus werden jetzt nach heftigen Protesten wenigstens ein paar Restfrequenzen nachgerüstet, die allenfalls 300000 Zuschauer erreichen.

Die Ministerpräsidenten der Union, schrieb die "FAZ" über die Stimmung in den Staatskanzleien, "sehen Sat 1 als ihr Kind". Der Balg aus Luxemburg wurde von Anfang an geschnitten.

Zwar sind, neben der Essener "WAZ", auch die konservativen Verlage "FAZ" und Burda an RTL plus beteiligt. Die Mehrheit aber - 85 Prozent - teilen sich die Luxemburger Medienholding CLT und der Gütersloher Bertelsmann-Konzern.

Bertelsmann ist guten Christdemokraten schon deshalb verdächtig, weil im Konzern Blätter wie der "Stern" erscheinen. Auch der Verhandlungsführer des deutsch-luxemburgischen Senders war den Medienstrategen nicht geheuer: Manfred Lahnstein, 49, bei Bertelsmann seit 1984 Vorstand für den Bereich Elektronische Medien.

Bis zu seinem Wechsel nach Gütersloh gehörte Lahnstein in Bonn zu den führenden Sozialdemokraten, zuletzt als Finanzminister im Kabinett Helmut Schmidt. Fortan reiste der rechte SPD-Mann für RTL plus als medienpolitischer Diplomat durch die Bundesländer. Doch den Stallgeruch der Genossen wurde Lahnstein so schnell nicht los. Für unionsregierte Länder war Lahnsteins Herkunft willkommenes Alibi, den Privatkanal aus Luxemburg weitgehend auszugrenzen. Unionspolitiker pflegen noch immer das absurde Vorurteil, der Luxemburger Leicht-Sender verbreite ein linkes Programm.

Als etwa RTL-Unterhändler Anfang des Jahres in Kiel nachfragten, wie es denn in Schleswig-Holstein für RTL plus aussehe, blitzten sie erst einmal ab. "Bringen Sie Ihr Lahnstein-Problem in Ordnung, dann sehen wir weiter", hieß es damals in der Kanzlei des Ministerpräsidenten.

Niedersachsens Regierungschef Ernst Albrecht zierte sich ebenfalls, mit Lahnstein zu verhandeln. Bei Gesprächen mit Bertelsmann-Managern, erinnert sich ein Teilnehmer, "tat Albrecht so, als sei Lahnstein gar nicht anwesend".

Ganz so schwarz sieht die Lage für das Bertelsmann-Fernsehen inzwischen nicht mehr aus. In den meisten Bundesländern wurden in den vergangenen Monaten auch für RTL plus freie TV-Frequenzen geortet. Hamburg und Schleswig-Holstein im Norden teilen die neuen Wellen ebenso gleichmäßig zwischen den beiden Sendern auf wie Bayern im Süden.

Umkämpft ist jetzt vor allem das sozialdemokratisch regierte Nordrhein-Westfalen. Dort können mit der ersten Senderkette sieben Millionen Zuschauer erreicht werden, mit dem zweiten Netz aber nur vier Millionen.

Die Chancen für RTL plus stehen nicht schlecht. Nordrhein-Westfalen ist das Stammland des Medienriesen Bertelsmann. Zudem will der Kommerzsender Anfang nächsten Jahres nach Köln umziehen und von dort aus senden.

Sat-Chef Doetz freilich gibt das größte Bundesland noch nicht verloren. Die Frequenzen würden erst 1988 endgültig vergeben, meint Doetz, und bis dahin könne noch viel passieren.

Im Kampf um die Lizenzen haben die privaten Sender gemeinsame Interessen nicht übersehen. Vereint wollen sie demnächst eine Kampagne starten, die das Publikum über die Möglichkeiten des terrestrischen Empfangs aufklären soll. "Sonst merken die Zuschauer womöglich gar nicht", so Programmchef Thoma, "daß wir auf Sendung sind."


DER SPIEGEL 43/1987
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