09.11.1987

LEICHTATHLETIKSchreibt ihn raus

Der frühere Diskus-Weltrekordler Wolfgang Schmidt, in der DDR über ein Jahr lang inhaftiert, durfte legal in die Bundesrepublik ausreisen. *
Im goldenen Westen ist bislang kaum ein Spitzensportler aus der DDR zu Ansehen und Wohlstand gekommen. So war der geflüchtete Vizeweltmeister am Reck, Wolfgang Thüne, unter den neuen Turnbrüdern bald ebensowenig gelitten wie der jetzt in der Türkei spielende Fußball-Torwart Jürgen Pahl bei den Profi-Kollegen von Eintracht Frankfurt.
Nachdem der Kraulspezialist Axel Mitbauer 20 Kilometer durch die Ostsee von Ost nach West geschwommen war, gehörten ihm zwar tagelang die Schlagzeilen in der bundesdeutschen Presse. Aber er geriet schnell wieder in Vergessenheit, dem Läufer Jürgen May oder den Kickern Dirk Schlegel und Frank Lippmann erging es kaum anders.
Bayern Münchens Libero Norbert Nachtweih ist vor allem deshalb ein Fall für die interessierte Öffentlichkeit, weil er wie kein anderer prominenter Republikflüchtling die Tücken des Kapitalismus verkannte. Der auf immerhin eine halbe Million Mark Jahreseinkommen geschätzte Profifußballer hatte sich mit dem Erwerb von Bauherrenmodellen so übernommen, daß er beim Amtsgericht München Vergleich anmeldete.
Am Montag voriger Woche wechselte nun abermals ein bekannter DDR-Athlet zum Klassenfeind. Er kam mit dem Zug und ganz legal: Wolfgang Schmidt, 33, Ex-Weltrekordler im Diskuswerfen, Olympiazweiter 1976 in Montreal und Europameister 1978 in Prag. Nach jahrelangem Streit mit den Behörden war seinem letzten von insgesamt vier Ausreiseanträgen stattgegeben worden. Fürs erste fand er Unterkunft bei Verwandten in Hamburg.
Wie die anderen ostdeutschen Sportler vor ihm erhofft sich Schmidt im Westen zumindest die Fortsetzung einer ehedem glanzvollen Karriere - und wie die meisten von ihnen könnte auch er scheitern.
Als sein großes sportliches Ziel nennt Schmidt die Teilnahme an den Olympischen Spielen im nächsten Jahr in Seoul als Mitglied der bundesdeutschen Mannschaft. Die Kosten für seine Vorbereitung will der nach Auskunft von Freunden "mittellose Athlet" durch den Verkauf seiner Lebensgeschichte auf dem bundesdeutschen Medienmarkt bestreiten.
Doch nach den Zulassungsbestimmungen des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) darf der Diskuswerfer frühestens 1990 für die Bundesrepublik starten. Die bei einem Wechsel der Nationalität automatisch fällige dreijährige Sperre könnte nur mit Zustimmung des Nationalen Olympischen Komitees der DDR verkürzt werden.
Darauf zu hoffen erscheint Kennern als geradezu naiv. Denn mit Jürgen Schult, dem derzeitigen Diskus-Weltrekordler, hat die DDR einen ihrer wenigen Goldmedaillenkandidaten für Seoul in der Männerleichtathletik. Dessen Chancen durch die Freigabe eines ernsthaften Gegners selbst zu schmälern, widerspräche der bisherigen Praxis total.
Als Schmidt mit dieser Lage konfrontiert wurde, fiel ihm, so ein Beobachter, "die Kinnlade runter". Dann ging er in den Kraftraum einer Hamburger Sporthalle und quälte sich an den Hanteln.
Mit den veränderten Verhältnissen hatten die Grenzgänger von Ost nach West immer schon beträchtliche Probleme. So war der einstige DDR-Coach Lothar Pöhlitz, seit sieben Jahren Leichtathletik-Bundestrainer, nach eigenem Bekenntnis häufiger versucht, aus lauter Frust "in den Tisch zu beißen". Groß geworden in einem System, das den einzelnen zwar reglementiert, ihm andererseits aber optimale Bedingungen für sportliche Höchstleistungen schafft, kamen sich die meisten DDR-Cracks in der neuen Heimat etwas verlassen vor.
Daß Wolfgang Schmidt die Anpassung leichter fallen wird, ist kaum anzunehmen. Gewiß geriet er mit den Ost-Funktionären anfangs über Kreuz, weil er sich von ihnen nicht länger drangsalieren lassen mochte. Doch letztlich gemeint hat der Opponent wohl weniger das System als den eigenen Vater. Ernst Schmidt,
Jahrgang 1920, hat immer im Einklang mit der jeweils geltenden Parteidoktrin gelebt. Als Jugendlicher war er Nationalsozialist, nach dem Krieg wurde er SED-Mitglied. Er hat die Systeme akzeptiert, weil sie ihm ermöglichten, was er wollte: im Sport Karriere machen. Erst als Kugelstoßer, dann als Funktionär. Er brachte es so schließlich zum DDR-Cheftrainer für Wurf und Zehnkampf.
Und er plante die Karriere seines Sohnes bis ins Detail. Den neunjährigen Wolfgang hetzte er bereits bis zur Erschöpfung über die Aschenbahn, an einer Scheibenhantel im Korridor der elterlichen Wohnung mußte der Knabe regelmäßig die Muskulatur stärken. Wie eine vom Ehrgeiz zerfressene Eislaufmutti wachte Vater Schmidt streng über die Bewältigung des Pensums.
Ihm sei es, so Ernst Schmidt, vor allem darum gegangen, den Sohn "an Pflichtbewußtsein, Selbstüberwindung und Selbstdisziplin zu gewöhnen".
Wolfgang Schmidt kuschte vor dem übermächtigen Vater. Er trainierte wie besessen, entwickelte sich zum Modellathleten (1,99 Meter groß, 110 Kilo schwer), der auch bei internationalen Wettkämpfen nahezu unbezwingbar war. Schmidt avancierte zum Kapitän des Leichtathletikteams der DDR, und als er in Prag Europameister geworden war, wünschte Erich Honecker telegraphisch "auch in der Zukunft noch viele schöne sportliche Erfolge".
Vordergründig verhielt Schmidt sich nicht weniger angepaßt als die anderen Stars im DDR-Sport. Er lieferte auch stets die erwünschten Sprüche, etwa: Den Amerikaner Mac Wilkins zu besiegen sei auch deshalb wichtig, "weil ich eine andere Gesellschaftsordnung vertrete, für die ich auch mit sportlichem Erfolg einstehen möchte".
Doch offenbar suchte der Leistungsdruck immer mehr nach einem Ventil. Ob er den Klassenfeind Wilkins nach einem Wettkampf betont herzlich umarmte oder ob er mit einer kanadischen Freundin zum Entsetzen der Funktionäre in einem Dresdner Hotel nächtigte - mit seinen im sozialistischen Kollektiv verpönten Soloeinlagen triezte Wolfgang Schmidt vor allem den Vater.
Der beklagte dann auch öffentlich die "allzu große Selbstverständlichkeit", mit der die jungen Leute "die schwer erkämpften Vorzüge" des Staates hinnähmen. Das ging gezielt gegen den Sohn, dessen "Entwicklung der eigenen Persönlichkeit", laut der Ost-Berliner Journalistin Heidi Fischer ein besonderer Vorzug der sozialistischen Gesellschaft, offenbar ins Stocken geraten war.
Womöglich wäre der Eklat mit Langzeitfolgen dennoch vermieden worden, wäre da nicht jener 28. Juli 1980 gewesen. An diesem Tag, so sahen es die Planspiele der DDR-Funktionäre vor, sollte Wolfgang Schmidt in Moskau olympisches Gold holen.
Doch Schmidt, am Fuß verletzt, war vor seinem letzten Versuch nur Vierter, der Sowjetrusse Wiktor Raschtschupkin führte. Als Schmidt den Ring betrat, irritierten die Besucher im Leninstadion den Konkurrenten ihres Landsmannes mit Pfiffen und Gejohle, der Wurf mißlang prompt. Da stürmte Schmidt aus dem Käfig, postierte sich in der Kurve und drohte dem chauvinistischen Brudervolk mit der Faust.
Das war die Schlüsselszene, die Schmidts weiteren Weg bestimmte. Das glauben zumindest seine Sportfreunde im Westen wie Wilkins, der Schwede Ricky Bruch oder der Bundesdeutsche Alwin Wagner. Schmidt galt in der DDR fortan als Abweichler, ohne Rücksicht auf Erfolge und internationale Reputation wurde er fallengelassen.
Zwei Jahre vergingen nach dem Moskauer Vorfall, bis die Anklagebehörde Schmidt ein Sündenregister mit über 30 angeblichen Vergehen präsentierte. Darin waren enthalten, als schwerstwiegende Delikte, verbotene Westkontakte, versuchte Republikflucht, unerlaubter Waffenbesitz. An der Wand in Schmidts Wohnzimmer war eine antike Pistole entdeckt worden.
Dem "Sonnyboy", so das "Sportecho", war endgültig jener "legere Habitus" zum Verhängnis geworden, den die DDR-Zeitungen in Erfolgszeiten an ihrem Star noch bewundert hatten. Schmidt wurde im August 1982 zu einer Haftstrafe verurteilt.
Wie die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" berichtete, ist Schmidt im Gefängnis in Frankfurt an der Oder "nicht nur verhört, sondern auch gefoltert" worden. Er sei für zehn Tage in eine Einzelzelle gekommen, die Tag und Nacht erleuchtet blieb. "Die Nahrung bestand aus trockenem Brot und Wasser, als Bett diente eine Liege ohne Decken und Kissen", so die "FAZ". Und:, Die provozierenden Ohrfeigen und Kinnhaken nahm er meist nur noch im Unterbewußtsein wahr."
Als Schmidt zum "Tag der Republik" im Oktober 1983 wie auch ein begrenzter Teil anderer Strafgefangener amnestiert wurde, fand er sein im Rohbau zurückgelassenes Einfamilienhaus zu seiner Verblüffung fertiggestellt vor. Ein offenkundiger Versuch der Behörden, sich mit dem einstigen Star wieder auszusöhnen oder ihn zumindest von seinem _(Beim Hanteltraining am 3. November in ) _(einer Hamburger Sporthalle. )
Fluchtvorhaben abzubringen. Längst war bei der Staatssicherheit durchgesickert, daß Schmidt sich absetzen wollte.
Im Ausland bemühten sich derweil Schmidts Freunde um seine Ausreise. Seine kanadische Freundin bot Geld, bis zu 150000 Mark. Und Schmidt selbst stellte erst Ausreiseanträge, plante dann Fluchtversuche, die aber von der Stasi immer vorzeitig aufgedeckt wurden. Im Herbst letzten Jahres ließen die Beamten erkennen, daß sie jede Aktion minuziös aufgezeichnet hatten und mit Photos belegen konnten.
Dabei forderten dann die Behörden den gelernten Elektronikfacharbeiter plötzlich auf, einen neuen Ausreiseantrag zu stellen. Sie hatten offenbar erkannt, daß der einstige Topathlet zu einem permanenten Risikofall geworden war, der zudem ständig systemkritische Berichte in den westlichen Medien provozierte.
Bewirkt hatte dies jemand, von dem Schmidt wohl am wenigsten Hilfe erwartet hätte - von seinem Vater.
Als der renitente Sohn bei den Mächtigen in Ungnade fiel, hatte sich Ernst Schmidt, seiner Lebensmaxime entsprechend, für das System und gegen den Sohn entschieden. Um seinen Posten als Cheftrainer zu retten, hatte er sich schriftlich von seinem Sohn losgesagt.
Den üblichen Repressalien entging er dennoch nicht, sein Abschied wurde still vollzogen. Bis zur Pensionierung vor zwei Jahren arbeitete der degradierte Cheftrainer als Materialwart für Disken, Kugeln und Speere.
Im Juni letzten Jahres durfte der Rentner Ernst Schmidt erstmals auf Besuch in den Westen reisen. Hier traf er sich mit zwei Journalisten, die in den Jahren zuvor immer wieder über den Fall berichtet hatten. Ihnen berichtete Ernst Schmidt von den Nöten seines Sohnes, der ihm mit auf den Weg gegeben hatte: "Wenn ich die DDR nicht verlassen darf, werde ich langsam, aber sicher verrückt. Ich spüre, daß es so kommen muß, daß es sich nicht aufhalten läßt."
Ernst Schmidt bat die Reporter: "Schreibt ihn raus."
Beim Hanteltraining am 3. November in einer Hamburger Sporthalle.

DER SPIEGEL 46/1987
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