19.10.1987

NACHRUFJOSEPH KARDINAL HÖFFNER †

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Ein Bollwerk ist gefallen. Um Joseph Kardinal Höffner, Erzbischof von Köln und ehemaligen Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, einen "Konservativen aus Überzeugung" ("Frankfurter Allgemeine"), trauern etliche der 26 Millionen bundesdeutschen und manche der rund 900 Millionen Katholiken in der Welt. Unter Höffners Regie flossen aus bundesdeutschen Kirchengeldern über zwei Milliarden Mark ins ärmere katholische Weltreich.
Einfluß auf Kirche und Gesellschaft nahm der Dr. phil., Dr. theol., Dr. theol., Dr. rer. pol. bereits, als er zwischen 1945 und 1962 Professor für christliche Gesellschaftslehre zuerst am Trierer Priesterseminar, dann an der Universität Münster war. Das Land Nordrhein-Westfalen und der Bund beriefen den Westerwälder Bauernsohn, der gesellschaftspolitisch keineswegs ein Hinterwäldler war, in verschiedene wissenschaftliche Beiräte.
Der diplomierte und promovierte Volkswirt warb schon früh für Mitbestimmung der Arbeitnehmer und die Beteiligung der Arbeiter an der Kapitalbildung, für die Anpassung der Renten an die volkswirtschaftliche Entwicklung und einen Familienlastenausgleich für Kinderreiche. Er forderte Wohnungseigentum für jedermann und so hohe Reallöhne, daß auch Wenigerverdienende noch davon sparen könnten.
Höffners Einfluß auf die Kirche wuchs, als er 1962 zum Bischof von Münster, 1969 zum Erzbischof von Köln und 1976 zum Primus unter den bundesdeutschen Bischöfen aufstieg. Im Vatikan regierte er fortan im Hintergrund mit: Der Kenner der Kirchen-Zentrale (acht Jahre Studium in Rom) war nicht nur Teilnehmer des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962 bis 1965) und sämtlicher Bischofssynoden. Er galt auch als einer der Initiatoren für die Wahl Karol Wojtylas zum Papst.
Nach Bekanntwerden des Skandals um die Vatikanbank im Jahre 1982 war es vor allem Höffner, der die Verantwortlichen im Vatikan zu überzeugen suchte, den Erzbischof und Bank-Chef Paul Casimir Marcinkus abzusetzen - vergeblich. Höffner hatte auch dafür gesorgt, daß der deutsche Bank-Methusalem Hermann Josef Abs, 86, in den Rat der vier Weisen berufen wurde, der den finanziellen Schaden für die Vatikanbank begrenzen sollte.
Des Kardinals Amtsführung verlief dank seines gradlinigen und bescheidenen Charakters ohne Affären - ein Leben, gut für eine typisch katholische Heiligenbiographie.
Seine schriftliche Hinterlassenschaft ist immens, allerdings, wegen ihres professoralen Durchschnittsstils ohne Originalität und Leben, nur schwer lesbar. Sein Werkverzeichnis von 1933 bis 1983 zählt 3652 Titel; mittlerweile dürften es um 4000 sein. Seine Aufsätze, Reden, Predigten und Bücher zu kirchlichen und gesellschaftspolitischen Problemen erreichten - kirchlich forciert - eine Auflage von 2,8 Millionen Exemplaren und wurden in zwölf Sprachen übersetzt.
Doch trotz solcher Superlative herrscht über seinen Tod unter Deutschlands Katholiken nicht nur Trauer: Bei den Anhängern einer aufgeschlossenen Kirche galt der Kölner Oberhirte als "empörend altmodisch" ("Rheinischer Merkur").
So einsichtig der Volkswirt Höffner in der Sozialpolitik argumentierte, so unzugänglich für Vernunftsargumente blieb der Kleriker Höffner in kirchlichen Fragen. Sein theologisches Denken war zeitlebens auf Katechismus-Niveau gestützt.
"Die Kirche ist das Lebensprinzip der menschlichen Gesellschaft", formulierte er allen Ernstes den römisch-katholischen Anspruch, "das unter dem Bischof geeinte und geordnete Gottesvolk." Kirchliche Äußerungen hätten deshalb auch "eine andere Qualität als die Verlautbarungen anderer Gruppen".
Nachdem das Zweite Vatikanische Konzil zahlreiche Katholiken zum Nachdenken statt zum Nachbeten ermuntert hatte, diagnostizierte Höffner: "Schwere Krisen" seien "in die Kirche eingebrochen". Wo Katholiken zu anderen als den kirchlich verordneten Ergebnissen kamen, sprach Höffner von "maßloser Emanzipation", von "verwirrendem Pluralismus der permissiven Gesellschaft", von "Subjektivismus", "Horizontalismus". Dem hielt er die Maxime geistiger Unmündigkeit entgegen: "Gehorchenkönnen gehört zum christlichen Menschenbild."
Nur wenn es für die Kirche selber von Nutzen schien, wie Anfang der siebziger Jahre bei der staatlich verfügten Abschaffung der Konfessionsschulen, reklamierte er "Toleranz und Gewissensfreiheit".
Der zwanghaft verengten theologischen Weltsicht entsprach eine verkniffene Altmänner-Moral: vorehelicher, außerehelicher, homosexueller, zölibatärer Geschlechtsverkehr, Ehescheidung, Abtreibung, Geburtenregelung - unantastbare Tabus. Der Export von Verhütungsmitteln in die Dritte Welt, dozierte der Theologe, sei ein neokolonialer Trick, die Entwicklungsländer klein zu halten.
Als Höffner von der Presse um ein Wort des Protestes gegen Folter, Mord und Hunger in der Dritten Welt gebeten wurde, winkte er ab: Ein Bischof könne nicht "unentwegt" protestieren, noch dazu ohne Beweis für die angeblichen Greueltaten. Er protestierte lieber gegen "Fälle, die hier bei uns vorkommen", gegen "die modernen Aufklärer".
Mit seinem sturen Festhalten am Überlieferten verkannte der oberste bundesdeutsche Katholiken-Führer wichtige innerkirchliche Entwicklungen. Die Bedeutung der lateinamerikanischen Befreiungstheologie, Chance für ein Überleben der Kirche in der Dritten Welt, blieb ihm verschlossen. In der Bundesrepublik trug er durch das Beharren auf überflüssigen Traditionen dazu bei, seine Kirche weiter ins gesellschaftliche Abseits zu manövrieren.
Das kritische Katholiken-Blatt "imprimatur" kreidete ihm dies als "persönliche Schuld" an. Die Zeitschrift, an der zahlreiche Priester mitarbeiten, zieht "eher eine negative Bilanz seiner Amtszeit".

DER SPIEGEL 43/1987
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