09.11.1987

KUNST

Poltergeister gegen Karos

Die Photokünstler Anna und Bernhard Johannes Blume betreiben eine "Chaotisierung" der Kleinbürger-Küche. *

Hausfrau Anna Blume hat das Kartoffelmesser bereit und auch schon angesetzt, da bricht mit Urgewalt ein "Küchenkoller" aus.

Anstatt sich ordentlich schälen und zerkleinern zu lassen, wirbeln die Kartoffeln wild durch den Raum. Frau Blume sieht''s entgeistert und fällt samt Stuhl in die Ecke.

Kein Wunder, daß der knipsende Ehemann - sei es vor Schreck, sei es in Verzückung - bei solchem Aufruhr mit der Belichtungszeit nicht klarkommt und obendrein die Kamera verreißt. Egal, der Koller ist auf dem Film. Das Ereignis hat stattgefunden, es wird durch zehn "Photos aus dem wirklichen Leben" unwiderleglich beglaubigt. Oder?

Die Wirklichkeit, in der Übersinnliches so zwanglos das Banale durchdringt, ist, natürlich, die der Kunst. In ihr agiert das Kölner Ehepaar Anna und Bernhard Johannes Blume, je 50, virtuos mit Photosequenzen voll turbulenten Rollenspiels und befremdlicher Objektmagie. Ganz und gar grotesk, aber auch monströs-bedrohlich nehmen sich die Bilder aus, wenn sie - wie für eine jetzt in der Basler Kunsthalle gezeigte Ausstellung _(Bis 15. November. Ab 4. März 1988 beim ) _(Kölnischen Kunstverein. Katalog 44 ) _(Seiten; 12 Franken. )

- wändefüllend auf Einzelformate wie 2,20 mal 1,27 Meter vergrößert werden. Da scheint mit der dargestellten Szenerie auch der Schauraum zu beben, und die von den Blumes vorgespielte Rage wirkt in Lebensgröße oder mehr unheimlich lebensecht.

So geht es bei "Vasen-Extasen", die in 32 Episoden dem Künstler-Mann zusetzen, so bei einer "Mahlzeit", die ihm sichtlich schlecht bekommt, in einem aus allen Fugen geratenen "Trauten Heim", durch das Frau Anna geschleudert wird, bis sie (dämonisch?) grinsend kopfüber ins Bild hängt, bei einem kurzen geisterhaften "Tellertraum" und eben beim "Küchenkoller".

Dergleichen pflegen Anna und Bernhard Johannes Blume in einer ehemaligen Büro-Etage im Kölner Stadtteil Ehrenfeld mit bescheidenem Aufwand zu inszenieren und sich dabei teils wechselseitig, teils mit Selbstauslöser abzulichten. Kein Photo wird montiert: Die Kartoffeln sind wirklich durch den Küchenraum gewirbelt, und für die Kopfüber-Aufnahme mußte Anna Blume sich ans Trapez hängen. Sie versteht es auch, wie von überirdischer Hand geworfen durch das Interieur zu hopsen. Die Dynamik und das Gespenstische vieler Photos kommen schlicht durch Unschärfe zustande. Doch die umwerfende Komik die allemal zu Blume-Sequenzen gehört, steckt zum gut Teil auch in dem Milieu, das da, nur wenig übertrieben, vorgeführt wird und das sich bereits in der krätzeähnlichen "Felsentapete" manifestiert.

Erst recht zu - wahrhaft penetrantem - Ausdruck kommt dieses Milieu durch die Aufmachung der jeweils handelnden Person. Während nämlich Anna Blume zivil sehr kurzgeschoren, in Jeans und Schlabber-Sweatshirt auftritt, stülpt sie als Photomodell eine Perücke von hausfraulicher Lockenfülle über und preßt sich beispielsweise in ein abenteuerlich großgemustertes Kleid, dessen Design einem Tapezierer in der Nachfolge Joan Miros eingefallen sein könnte.

Ehemann Bernhard Johannes seinerseits, privat gleichfalls kragenlos und gern mit einer Art Strickhalbkugel auf dem Schädel, verwandelt sich vor der Kamera in einen properen Herrn mit scharfen Bügelfalten und ausdrucksvoll kariertem Hemd oder Jackett: Es ist eine idealtypische, übrigens schon halb historische Kleinbürgerwelt, die sich in solchen Figuren und deren Kulisse verkörpert.

Es ist, ironisch und vielleicht auch ein bißchen nostalgisch gespiegelt, die Heimatsphäre des Dortmunder Briefträgersohnes Bernhard Johannes Blume. Wirklich hat er die Ausstattung seines Photokunst-Studios der elterlichen Wohnung nachempfunden, und wirklich steht dort auch das echte Sofa, auf dem Vater Blume schlief und seinen Herzinfarkt bekam. Arzttochter Anna kann das distanzierter sehen, hatte aber immerhin aus Familienbeständen

eine große Kollektion weißer Vasen im Geschmack der fünfziger Jahre einzubringen.

Künstlerkollegen, nämlich Studenten an der Düsseldorfer Akademie, waren die beiden schon, als sie sich Anfang der 60er Jahre kennenlernten. Aber bevor aus nun über 20jähriger Ehe die innige "Photogamie" von heute werden konnte, hat Anna Blume erst, frauentypisch, zwei Töchter großziehen und das nötigste Haushaltsgeld im Schuldienst verdienen müssen. Mit photorealistisch gezeichneten Matronen in grell gemustertem Habit hielt sie dann um 1980 Typen fest, die auf ihr "Küchenkoller"-Selbstporträt vorausdeuteten.

Unterdessen hatte sich der männliche Photokünstler Blume längst im Singular einen Namen gemacht und unter anderem, 1977, auch an der Documenta teilgenommen. Das Metier lag ihm seit der Kindheit nahe: Sein Schlafraum hatte Mutter Blume, einer Photolaborantin, zugleich als Dunkelkammer gedient. Die bemühten Posen der Leute auf hier entwickelten Amateurphotos erregten sein brennendes Interesse.

Daß Blume danach erst einmal als Kino- und Kaufhausmaler Geld verdient hat, merkt man vor allem noch den Zeichnungen an, die er fast ständig nebenher produziert und von denen die Basler Galerie Littmann, parallel zur Photo-Schau der Kunsthalle, eine Auswahl zeigt (bis 22. November): Sogar "Heilsgebilde" wie Kreuze, Kelche und Oblaten werden nur piktogrammartig in schematischen Strichen dargestellt.

Tiefe Wirkung in Blumes Werk und Diktion hat außerdem ein späteres Philosophiestudium hinterlassen: Bei witzigen Lichtbildvorträgen zeigt er die "Reine Vernunft" oder das "Ding an sich" als weißen Quader vor, erklärt die Veranschaulichung von Gedanken zur "Ideoplastik" und nennt die - auch schmerzbehaftete - Selbstdarstellung ohne Wimperzucken eine "masovisuelle Ipsation".

Theorie steckt jedenfalls auch in den neuen und großen Blume-Gemeinschaftsarbeiten, mit denen die Künstler eben "nicht nur unser Herkunftsmilieu abstreifen" wollen. Es soll, am Beispiel des scheinobjektiven Mediums Photo, zugleich um Konventionen gehen, "sich und andere zu objektivieren" - auch wenn die Blumes nicht als Dozenten der Erkenntniskritik daherkommen, sondern als Poltergeister.

Als aufrechter Gratulant mit einem Kunstblumen-Strauß steht der Herr dieser Schöpfung zwar, gleichsam selber eine Vase, im Mittelpunkt der "Vasen-Extasen". Auf anderen Photos der Sequenz scheint er hingegen als überforderter Zauberlehrling mit Vasen jonglieren zu wollen, und rechts unten steckt er wahrhaftig in einer großen, maßgerecht aus Styropor gefertigten Blume-Vase.

Was immer die Vasen antreibt, das Motiv der rebellierenden "Küchenkoller"-Kartoffeln liegt nahe: Sie sträuben sich gegen das Messer. Das macht aus ihnen zugleich Symbole im Geschlechterkampf.

Denn "die unvollkommen-runde Frühkartoffel", so Blume, werde, als Chip zugerichtet, zum "Opfer analytisch-geometrisch-männlicher Zerteilung". Solch ein Opfer ist auch die durch ihre Rolle geknechtete Hausfrau. Die Kartoffeln stellen Metaphern, ja für den Beuys-Freund Blume "wirkliche Seelenteile" dar, "photogene Manifestationen" eines frustrierten Weibs-Gemüts, das sich in die Kunst katapultiert.

So soll es sein, das ist die "Heilserwartung" der Blumes. Die bürgerlichen Rituale sind erstarrt, so wie die Möbel, sprachlich paradox, einen "Inbegriff von

Immobilität und Tod" bedeuten. "Chaotisierung der Verhältnisse" tut not.

Die ursprünglich runde Frühkartoffel, aus deren geometrischen Teilen sich das Wort "Mahlzeit" legen läßt, sperrt in der Klotzform ungenießbar-reiner Vernunft dem Darsteller-Paar die Münder. Trotzdem verschluckt, wird das Unbekömmliche auf einen Fliesenboden erbrochen, dessen Raster Blumes kleinen Hemdkaros und auch den "gekachelten Bildsystemen" des mystisch-konstruktiven Malers Piet Mondrian verwandt ist.

Bis das Photo stimmte, hat Blume die Szene mehrfach wiederholen müssen. Und daß ihm dann ganz unverblümt "kotzübel" war, das macht die Darstellung erst so richtig schön "authentisch".

Jürgen Hohmeyer

Bis 15. November. Ab 4. März 1988 beim Kölnischen Kunstverein. Katalog 44 Seiten; 12 Franken.

DER SPIEGEL 46/1987
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