27.07.1987

WAFFENTECHNIKPulver im Turm

Bei der Bundeswehr begann die Erprobung eines neuartigen Automatgewehrs, das erstmals hülsenlose Munition verfeuert. *
Das Gewehr sieht überhaupt nicht mehr aus wie ein Gewehr für den Schützengraben, eher wie ein Klarinettenkoffer für den Orchestergraben eines Opernhauses. Auf dem olivgrünen Gebilde ist sogar ein Tragegriff montiert, in dem sich die Zieloptik verbirgt.
Eine winzige, knapp streichholzlange, viereckige Säule, aus der die Spitze eines Projektils ragt - das ist seine geheimnisvolle neue Patrone. Wenn sie zündet, bleibt nichts von ihr übrig.
"Die Deutschen haben das Wundergewehr erfunden", schrieb die Londoner "Times" über die seltsame Ballermann-Kombination. Fast zwei Jahrzehnte hat Thilo Möller, Entwicklungschef der Waffenfirma "Heckler & Koch GmbH" in Oberndorf am Neckar, mit seinen Technikern an dem neuartigen, automatischen Feuerrohr gearbeitet. Nun endlich ist das "Gewehrsystem G 11", das im Vergleich zu herkömmlichen Automatwaffen laut Möller eine "wesentlich höhere Trefferwahrscheinlichkeit" garantiert, für den Truppendienst reif geworden.
Mit ratternden Salven und peitschenden Einzelschüssen haben Spezialisten der Bundeswehr vor kurzem begonnen, das Gewehr G 11 für seine Eignung als neue Standardware der bundesdeutschen Vaterlandsverteidiger zu erproben. Bis zum Jahre 1989 sollen sich die Waffentester ein Urteil bilden. Geben sie, woran viele Experten schon heute nicht mehr zweifeln, ihr Okay, soll "das System mit seiner einmaligen Technologie von 1990 an allen Teilstreitkräften zugeführt werden" (so Oberstleutnant Peter Trittermann, Sprecher für Rüstungsangelegenheiten im Bundesministerium für Verteidigung).
Ob Grenadier, ob Kanonier - alle sollen dann ihre Automatgewehre vom Nato-Typ G 3 oder ihre Uzi-Maschinenpistolen abgeben und dafür das neue Köfferchen-Gewehr übernehmen: Die Umrüstung kostet den Steuerzahler weit über eine Milliarde Mark. Mit diesem Aufwand, schrieb das Militärfachblatt "Wehrtechnik", finanziere die Bundeswehr "technisch wie auch taktisch einen Umbruch".
"Es gibt keinen Zweifel", rühmte auch der von Experten verfaßte Almanach "Jane's Infantry Weapons" das neue deutsche Schießgewehr, "daß es sich hier um die bedeutendste Entwicklung auf dem Gebiet der Handfeuerwaffen handelt, seit der erste Hinterlader vorgestellt wurde" - und das war immerhin vor rund 150 Jahren. Damals erfand der Thüringer Schlossermeister Nikolaus Dreyse das "Zündnadelgewehr" samt einer brauchbaren Einheitspatrone.
Das neue G 11 ist das leichteste, kürzeste, einfachste und am wenigsten empfindliche aller automatischen Gewehre. Es verfeuert Geschosse des Kalibers 4,7 Millimeter, des kleinsten Kalibers, das je für ein Militärgewehr gewählt wurde, fast so klein wie bei einer simplen Luftbüchse (siehe Graphik Seite 152).
Die Vorzüge des feuerspeienden Leichtgewichts sehen die Militärs vor allem darin, daß erstmals auch ein Automatgewehr ein nahezu rückstoßfreies und bislang unerreicht zielgenaues Schießen ermöglicht. Geschafft haben dies die Oberndorfer Konstrukteure mit Hilfe zweier grundlegender technischer Entwicklungen: Das G 11 hat einen neuartigen, walzenförmigen Schnellverschluß und verschießt als erstes Gewehr der Welt eine hülsenlose Munition aus Pulverpreßlingen, die ohne Rückstände verbrennen.
Statt herkömmlicher Patronen, bei denen das Geschoß auf eine pulvergefüllte Metallhülse gepfropft ist, wird beim G-11-System das Projektil förmlich eingebacken in einen viereckigen, massiven Pulverturm, den die Munitionsexperten der Dynamit Nobel AG entwickelt haben.
So gelang es Möller und seinen Wehrtechnikern in Oberndorf, der Crux herkömmlicher Automatgewehre beizukommen.
"Der Schütze", so Möller, "schießt im Ernstfall einen großen Prozentsatz seiner Munition vorbei." Ursache ist der bisher unvermeidliche Rückstoß. Er läßt beim Abfeuern einer Dauerfeuersalve die Geschoßgarbe nach schräg oben "auswandern", wie die Ballistiker diese zwangsläufige Zielflucht nennen.
Doch auch der gezielte Einzelschuß, so die militärische Erfahrung, ging bislang infolge von Schützenstreß und Zielfehlern meist daneben. Daher bietet das neue Gewehr zusätzlich zum Einzel- oder Dauerfeuer noch einen "automatisch begrenzten" Drei-Schuß-Feuerstoß "mit definierter Streuung". Damit werde bewirkt, meint ein Firmensprecher, "daß zumindest ein Geschoß des Feuerstoßes sein Ziel erreicht und den Gegner kampfunfähig macht".
Hohen Anteil an der raschen Schußfolge hat aber auch der kurze, unorthodoxe "Treibmittelkörper". Wegen seiner viereckigen Form läßt er sich besonders leicht aus dem 50-Schuß-Magazin dem mit 30 Millisekunden je Schuß nachladenden "Walzenverschluß-System" zuführen.
Das Mini-Kaliber und das Einsparen der schweren Patronenhülsen mindern außerdem das Kampfgewicht der Waffe. Sogar mit 50 Schuß im Magazin und einem gefüllten Reservemagazin wiegt das G 11 weniger als das herkömmliche G 3 ohne eine einzige Patrone. Ein weiterer technischer Vorteil: Das G 11 hat als einziges Automatgewehr keine Öffnung für den Hülsenauswurf - sonst unweigerlich die "Achillesferse" für das Eindringen von Staub und Wasser, mithin Ursache potentieller Störungen.
Als erste Truppe hatte sich die U.S. Army im Jahre 1936 vom gebräuchlichen Repetiergewehr getrennt und ein halbautomatisches Selbstladegewehr eingeführt. Sein Benutzer brauchte nur noch abzudrücken, konnte aber keine Salven feuern. Das erste vollautomatische Gewehr entwickelten im Zweiten Weltkrieg die Deutschen. Es war das Sturmgewehr 44, technischer Vorläufer moderner Automatwaffen wie der sowjetischen AK 47 "Kalaschnikow". Die Leistungsgrenzen all dieser Typen liegen beim Problem des Rückstoßes.
Das Hochrasanzgeschoß des G 11 hat sich trotz seines Kleinstkalibers von nur 4,7 Millimeter bei den Tests sogleich als eines der unheilvollsten Projektile erwiesen. Noch auf 600 Meter kann es Stahlhelme und Panzerwesten durchschlagen. Dabei wurde das auffallend lange Spitzgeschoß nur für Kampfentfernungen bis zu 300 Metern entwickelt, "da die geforderten Kampfentfernungen immer geringer werden" (so Möller).
Diese - in der pervertierten Logik der Militärs - als "Vorzüge" gepriesenen Eigenschaften haben mittlerweile schon die Waffentechniker befreundeter Armeen wie der Streitkräfte Norwegens, Dänemarks, der Niederlande, Großbritanniens, Portugals und Frankreichs aufhorchen lassen. "Wir freuen uns nicht nur aus Gründen der Standardisierung", meinte Bundeswehrsprecher Trittermann, "daß unser G-11-System nun auch für andere Nato-Staaten interessant geworden ist."
Die Amerikaner haben sich sogar für 3,8 Millionen Dollar eine eigene Variante bestellt. Sie wird entwickelt von der Bonner "GHGS" ("Gesellschaft für hülsenlose Gewehr-Systeme mbH ), die zu gleichen Teilen der Firma Heckler & Koch und der Feldmühle-Tochter Dynamit Nobel AG gehört. Projektleiter auch hier: Thilo Möller.
Als gewiß gilt, daß über kurz oder lang auch jene das System G 11 nutzen werden, die es nicht einfach ordern können, aber haben möchten.
"Dem Ostblock ist es bisher immer gelungen, unsere Waffen zu kopieren", meint Oberstleutnant Trittermann. "Die werden es wohl auch diesmal schaffen."
[Grafiktext]
SCHÜSSE OHNE HÜLSEN Das neue Gewehr G 11 (schematisch) Zieloptik (zugleich Tragegriff) Magazin (Kapazität 50 Schuß) Rohrlänge: 540 mm Walzenverschluß Kaliber: 4,7 Millimeter Länge: 75 Zentimeter Gewicht (ohne Munution): 3,6 Kilogramm Feuerarten: Einzelfeuer, Drei-Schuß-Feuerstoß, Dauerfeuer Zum Vergleich: das Nato-Gewehr G 3 Kaliber: 7,62 Millimeter Länge (mit Schulterstütze): 102,5 Zentimeter Gewicht (ohne Munition): 4,4 Kilogramm Feuerarten: Einzelfeuer, Dauerfeuer Hülsenauswurf Verschluß Rohrlänge (ohne Mündungsdämpfer): 450 mm Magazin (Kapazität 20 Schuß) Hülsenlose Munition für das Gewehr G 11 Zündsatz und Treibladung verbrennen rückstandslos Gewicht der Gefechtspatrone: 5 Gramm Munition für das Gewehr G 3 Gewicht der Gefechtspatrone: 24 Gramm
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 31/1987
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