04.01.1988

RAUBDRUCKEMaxi und die Detektive

Polizisten und Detektive, die in Berlin ein Buchfälscher-Syndikat ausheben halfen, sind nun selber dran: wegen des Einsatzes von Wanzen. *
Abgerechnet wurde im "Elefanten" oder in der "Roten Harfe". In den Spelunken am Heinrichplatz, wo das autonome Kreuzberg am schwärzesten ist, standen regelmäßig Berlins Raubdruck-Hausierer Schlange und lieferten ihre Abendkasse einem Stammgast ab.
"Maxi", so der Name des Geldeintreibers, gilt als oberste Autorität der Berliner Raubdrucker-Szene. Er strich nach amtlichem Überschlag im Jahre 1987 "eine sechsstellige Gewinnsumme" ein. Auf den nächsten großen Zahltag allerdings wird er einige Zeit warten müssen. In einer fast 18 Stunden dauernden Durchsuchungsaktion quer durch die Stadt gelang Berliner Strafverfolgern in der Woche vor Weihnachten ein "bisher einmaliger Schlag". Fünf Verdächtige wurden festgenommen, die Lagerbestände in zwei Kreuzberger Kellern beschlagnahmt und, erstmals, Druckerei und Binderei der illegalen Produzenten enttarnt.
Richtig spektakulär wurde die Jagd auf Maxi, weil die Fahnder zudem belastendes Material gegen andere Täter fanden: Die Ermittlungen richten sich nun auch gegen Mitarbeiter der süddeutschen Detektei Contra GmbH, die vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels gegen Raubdrucker eingesetzt waren, und gegen Polizeibeamte des Berliner Gewerbeaußendienstes. Sie sollen bei der Vorbereitung des großen Schlages illegale Mittel eingesetzt haben.
Mitte Dezember hatte die Frau eines Kreuzberger Hauswarts die Polizei gerufen, da sich rund um ihr Anwesen Verdächtiges rege. Die Funkstreife sistierte in einem vor dem Haus geparkten Bauwagen zwei Detektive, die mit einem Frequenzsuchgerät, einem Scanner, Funksignale überwachten. Die zu dem Empfänger gehörige Wanze fanden die Polizisten auch: Sie steckte im Keller des Hauses, den die Detektive lange schon als Bücherlager der Raubdrucker ausgemacht und observiert hatten.
Der Arbeitgeber der beiden Herren nennt sich "Kriminalistischer Fachdienst", nicht von ungefähr. Der eine Detektiv ist ein Frankfurter Ex-Polizist,
der andere steht noch in hessischen Staatsdiensten und hatte sich für die Privataktion krank schreiben lassen.
Dran sind nun auch Berliner Kollegen, die das illegale Treiben zumindest geduldet haben. Dank der perfekten Abhörausstattung der hessischen Detektive waren auch Gespräche diverser Anwohner mitgeschnitten. Deshalb zog die Polizei auf der Suche nach Abhörgeschädigten mit den Bändern durchs Haus. Unter den ersten, die Anzeige erstatteten, fanden sich die verhafteten Raubdrucker.
Die schräge Koalition aus Gewerbepolizisten und privat geheuerten Polizeifachleuten hat der Staatsanwaltschaft zwar den Ansatzpunkt zum Rundumschlag geliefert, den Anklägern zugleich aber auch nachhaltig ins Handwerk gepfuscht. So kritisiert ein Strafverfolger die juristisch wenig handfest abgefaßten Ermittlungsergebnisse der freischaffenden Ganovenjäger: "Das sind Schupos, die keine Ahnung haben, wie man beweiskräftig überführt."
"Absoluten Dilettantismus" sehen Staatsanwälte auch bei der Verfolgung der Raubdruck-Händler mit Detektivautos; die Beschatter seien zumeist bemerkt und Mal um Mal durch Fluchtmanöver abgeschüttelt worden.
Eine private Großfahndung war aufmarschiert: Nach Justizangaben pirschten für 250 000 Mark Honorar sieben Detektive in drei Autos durch Deutschland mit Schwerpunkt West-Berlin. Die Erfolge hielten sich in Grenzen. Von den fünf Verdächtigen, die bei der Großfahndung vorübergehend festgenommen worden sind, war vorher nur einer im Visier der Detektive gewesen.
Ein Jahr lang operierten die Privatfahnder ungehindert unter den Augen der Polizei - Wanzeneinsatz inbegriffen. Den Detektiven sollen sogar Daten aus dem polizeilichen "Informationssystem für Verbrechensbekämpfung" (ISVB), etwa die Namen von Autohaltern, zugesteckt worden sein. Dieser Verdacht brachte zwei Beamten des Berliner Gewerbeaußendienstes Ermittlungen wegen Strafvereitelung im Amt, Verletzung von Privatgeheimnissen sowie Verstoßes gegen das Datenschutzgesetz ein.
Detektive, die mit der Polizei paktieren, weil sie dort Freunde haben oder selbst mal beschäftigt waren, sind der Berliner Justiz so geläufig wie die gelegentliche Privatnutzung der Polizeidateien.
Vor allem aber, so der zuständige Oberstaatsanwalt Wolfgang Schomburg, zugleich in Berlin Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Juristen (AsJ), kommt "einiges ins Rutschen", wo als Folge der Kungelrunden "das staatliche Gewaltmonopol objektiv aufgehoben wird und Private illegale nachrichtendienstliche Methoden anwenden dürfen".
Zwar scheiterten bislang alle Versuche konservativer Sicherheitspolitiker, den Lauschangriff durch die Polizei als legales Fahndungsmittel im Gesetz zu verankern. Aber nach dem Kreuzberger Modell wäre dies dann doch noch geschafft - durch die Hintertür und nach dem Motto: "Laß einfach die Detektive ran, die werden sich schon nicht erwischen lassen" (AsJ-Schomburg).
Nach Enttarnung des Mithörskandals trennte sich der Börsenverein zwar umgehend von seinen Knattertons. Doch den seit Jahren üblichen Einsatz der Detektive rechtfertigt der Verein, in dem fast 6000 Verlage und Buchhandlungen zusammengeschlossen sind: Anders sei der überschwappenden Raubdruck-Welle nicht Herr zu werden.
Was die Berliner Fahnder nach ihrer Aktion zu den Asservaten nahmen, meist in gefälliger Qualität und im originalgetreuen Mehrfarben-Cover, ging "in der Titelauswahl die SPIEGEL-Bestseller-Liste durchaus rauf und runter" (ein Fahnder). Luciano De Crescenzos "Also sprach Bellavista" war ebenso darunter wie Isabel Allendes "Geisterhaus" oder Patrick Süskinds "Taube".
Urheberrechtsverletzungen, die seit Mitte 1985 von Amts wegen verfolgt werden (Höchststrafe: fünf Jahre), rechnen sich für die Buchräuber. Die Tausender-Auflage von Gabriel Garcia Marquez' "Die Liebe in den Zeiten der Cholera" war in Berlin zu einem Herstellungspreis von 3000 bis 6000 Mark gefertigt worden. Das Original kostet 39,80 Mark das Stück, Raubdrucke waren für 12 bis 15 Mark pro Exemplar zu haben.
Die immensen Profitmöglichkeiten haben die Schwarzdrucker-Zunft gewandelt: Dem Trieb nach der schnellen Mark fiel längst die Mischkalkulation früherer Jahre zum Opfer, als der lukrative Verkauf gängiger Belletristik noch das Angebot verquaster Anarchotitel oder verschollener Kulttexte ermöglichte. Raubdrucker spöttelten, so 1985 in einem SPIEGEL-Interview, über die "Krise des Eigentums im Zeitalter der Reproduzierbarkeit". Was ein Bestseller-Autor, so damals einer der Berliner Köpfe der Raubdrucker-Branche, "an Tantiemen verloren hat, hat er durch unsere Werbung gewonnen".
Doch das Tucholsky-Wort "Macht unsere Bücher billiger", noch zur Apo-Zeit das Credo der Politdrucker, verfängt selbst bei zeitweiligen Weggefährten nicht mehr. Noch 1969 entschied der Berliner Linksverleger Klaus Wagenbach, "daß kein sozialistischer Autor das Recht haben darf, seine Werke der Benutzung zu entziehen". Jahre später wollte er mit den "Gangstern" der Raubdrucker-Zunft nichts mehr zu tun haben.
Die in Berlin jetzt erstmals sichtbar gewordene Infrastruktur scheint straff unter Kontrolle. "Maxi" konnte es sich leisten, einem streng disziplinierten Verteiler-Korps die Bücherkeller frei zugänglich zu machen - im einen Fall lag der Schlüssel an der Tür, im anderen waren 23 Schlüssel im Umlauf. Trotzdem wagte niemand aus dem Kreis der mittlerweile rund 50 Syndikatsverdächtigen, sich an der Sore zu vergreifen. Und so bald wird sich auch kaum ein Gruppenmitglied die 10 000 Mark verdienen wollen, die von einem Buchverlag auf den Boß ausgelobt wurden.
Wenn die Rede nämlich auf Maxi kam, erinnert sich ein Befrager, wurden die Festgenommenen "ganz bleich". Einer von ihnen begründete sein Schweigen: "Ich gehe doch lieber in den Knast als in den Sarg."

DER SPIEGEL 1/1988
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