27.07.1987

PARAPSYCHOLOGIENetter Schlemihl

Uri Geller, der Gabelbieger, schrieb seine Lebenserinnerungen. Hochmögende Politiker und Wirtschaftler fielen auf ihn herein. *
Es war bei "Drei mal Neun" mit Wim Thoelke, da passierte es: Allenthalben meldeten sich TV-Zuschauer in deren Haushaltungen stehengebliebene Uhren wieder liefen, defekte Toaster wieder glühten, kaputte Glühbirnen wieder leuchteten.
Vor allem aber verbog sich zuhauf bis dahin gebrauchstüchtiges Besteck zu vielfältig verkrümmter Schrottware - Uri Geller hatte, im Januar 1974, zum ersten Mal zugeschlagen. Fast zwei Jahre verbrachten die Deutschen im Geller-Wahn, dann verschwand der paranormale Schlemihl aus Israel an den ihm zustehenden Bestimmungsort - in der Versenkung.
Von dort aus hat er sich jetzt wieder gemeldet - mit einem biographischen Bericht über sein übersinnliches Tun und Treiben während der vergangenen zehn Jahre. "Der Geller-Effekt" heißt das Buch, es ist nun auf Deutsch erschienen, und Humbug-Gläubige, die es kaufen, gibt es genug. _(Uri Geller, Gay L. Playfair: "Der ) _(Geller-Effekt". Ariston Verlag, Genf; ) _(264 Seiten; 33 Mark. )
Nur für die Sache des Guten und des Westens, so versichert der Autor seiner immer noch nach Millionen zählenden Anhängerschar von Psidioten, habe er seine Para-Kräfte eingesetzt - etwa in den Diensten der CIA oder gar im staatlichen Auftrag.
"Können Sie für uns Öl suchen?" habe 1976 der mexikanische Präsident Luis Echeverria den damals 30jährigen Geller gefragt. Nichts leichter als das, antwortete der, und siehe: 1978 teilte die Regierung "der Öffentlichkeit mit, Mexiko werde sich in Kürze zum größten Öllieferanten der Welt entwickeln" - worauf die Welt zwar immer noch wartet, aber was kann Geller schon für großmäulige Politiker-Erklärungen.
"Laufen Sie über, es ist gut für Sie, laufen Sie doch über", befahl Geller, im Auftrag der CIA, während einer Party
auf Long Island einem "Mann der sowjetischen Botschaft". Telepathiert, getan, der Kommunist konnte gar nicht anders: "Etwa um diese Zeit herum suchte Arkadij Schewtschenko, der stellvertretende Uno-Generalsekretär, in den USA um Asyl nach" - was ebenfalls ein schöner Erfolg gewesen wäre, hätte sich der Russe tatsächlich auf besagter Party befunden.
Vor allem aber galt Uris telepathische Obsorge dem gerade gewählten US-Präsidenten Jimmy Carter, der kundgetan hatte, er halte wenig von Psi und viel von Entspannungspolitik. Als der präsidiale Konvoi durch Washington fuhr, wartete Geller am Straßenrand - "ich zielte bewußt und feuerte eine komprimierte Ladung psychischer Energie auf den Präsidenten ab kraft meiner Vorstellungen: Psi-Phänomene, Überlegenheit der Russen, Geld".
Und tatsächlich: Carter gab, einer allerdings nicht bestätigten Meldung der "New York Times" zufolge, eine Untersuchung über "die Gefahr eines Psi-Krieges" in Auftrag. Und auch von einem Ausverkauf der freien Welt an den Russen hat Jimmy abgesehen.
Daß Uri Geller, der Gabelbieger, "nichts anderes ist als ein guter Tricckünstler von wunderbarer Routine", hat der Weltklasse-Illusionist James ("The Amazing") Randi schon vor über zehn Jahren nachgewiesen. Um so unterhaltsamer lesen sich in den Lebenserinnerungen des Parapsychotikers jene Passagen, die deutlich machen, daß CIA-Agenten, aber auch veritable Wirtschaftskapitäne tatsächlich an Gellers angebliche Psi-Fähigkeiten glauben.
Um 1976 herum muß es gewesen sein, als dieses sympathische Schlitzohr erkannte, daß es wesentlich einträglicher sei, statt Millionen von TV-Zuschauern nur eine ausgesuchte Klientel von Psi-Gläubigen zum Narren zu halten. Geller zog sich von der Show-Bühne zurück, schor sich die moppartige Schwarzmähne zum Kurzhaarschnitt der Staatstragenden und begab sich in den Dienst der Wirtschaft. Heute ist er Multimillionär und besitzt ein Anwesen in London samt Autos, Frau und Kindern.
350000 Dollar beispielsweise zahlte ihm die australische Minengesellschaft Zanex, damit er auf der Südsee-Insel Malaita Gold und Diamanten finde - daß die Summe gezahlt wurde, ist ebenso nachweisbar wie die Tatsache, daß die Suche erfolglos war. Anderen Auftraggebern erging es nicht besser.
Nur die Südkoreaner, die haben ihn ordentlich beschissen. Zehn Millionen Dollar sowie den höchsten Orden ihres Landes versprachen sie Geller für das Aufspüren von Tunnels, die das nordkoreanische Kommunisten-Regime hundertfach unter der Demarkationslinie am 38. Breitengrad hatte buddeln lassen.
Heerscharen von Soldaten schaufelten nach Uris Anweisungen und fanden tatsächlich zwei, vielleicht auch drei (so genau weiß er es nicht mehr) der unterirdischen Gänge - doch nebbich: "Nun sitze ich daheim in London und warte. Bis jetzt hat mir noch niemand einen Scheck über zehn Millionen Dollar geschickt."
Vielleicht hat diese Säumigkeit ihre Erklärung darin, daß auch Südkoreanern das Gesetz der Wahrscheinlichkeit bekannt ist. Oder wurde Geller nur deshalb nicht entlohnt, weil er dem hellseherischen Ansinnen eines südkoreanischen Zwei-Sterne-Generals nicht nachzukommen geruhte? "Uri, vergessen Sie diese Gänge einen Augenblick lang", hatte der ihn angehauen, "wann werde ich zum Drei-Sterne-General befördert?"
Warum aber macht er sich all die Mühe und quält sich auf der Suche nach Bodenschätzen durch Ödeneien, Urwälder und Gebirge - wo er doch vermittels Hellseherei viel einfacher zu Geld kommen könnte, etwa beim Roulette?
Das hat Geller auch einmal versucht, aber auch nur einmal. Denn nachdem er 1975 ein Londoner Spielkasino - durch "mehr als Glück oder Zufall" - um 17000 Pfund erleichtert hatte, "passierte etwas ebenso Grauenhaftes wie Unerklärliches".
Auf der Heimfahrt, so erinnert sich der Autobiograph, "gab es eine Explosion in meinem Kopf", geisterhaft echote sein Schmerzensschrei; dann brach er, von einer Tonnenlast zu Boden gedrückt, zusammen. "Warum hast du deine Fähigkeiten mißbraucht?" fragte ihn ein zur Stimme gewordener Gedanke. Uri fühlte sein Ende nahen.
Da warf er flugs das gebündelte Geld durchs Autofenster, worauf ihm erstens besser und zweitens klar wurde: "Überirdische Kräfte sind nicht unser Allgemeineigentum, und wenn man die Gesetze des Universums, denen auch diese Kräfte unterliegen, mißachtet, dann bekommt man das früher zu spüren, als man glaubt." _(Im Pool vor seiner Londoner Villa. )
Uri Geller, Gay L. Playfair: "Der Geller-Effekt". Ariston Verlag, Genf; 264 Seiten; 33 Mark. Im Pool vor seiner Londoner Villa.

DER SPIEGEL 31/1987
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Netter Schlemihl