DER SPIEGEL



GOLF

Falsche Bewegung

Trotz der gewaltigen US-Streitmacht wird der Seekrieg immer brutaler. Erstmals trafen die Iraner einen Tanker unter amerikanischer Flagge. *

Die Szenerie ist unwirklich und symbolkräftig zugleich. Gleich hinter dem Glasportal des Hyatt-Wolkenkratzers in Dubai drehen Araber in schneeweißen Kapuzenmänteln Bögen auf der spiegelblanken Fläche einer Kunsteisbahn. Der Friede, so hat es den Anschein, ist an diesem Ort nicht zu erschüttern. In die Luxuswelt teurer Boutiquen am Rand der Eisbahn dringt der Krieg nur als Gerücht.

Nicht so in den Suiten der Hotels hoch über dem Hafen-Creek. Hier haben amerikanische Fernsehnetze sogenannte Kriegs-Lageräume eingerichtet- "combat-situation rooms", in denen mit Funk- und Aufzeichnungsgeräten registriert wird, was auf dem Meer jenseits des Horizonts geschieht:

Notrufe von Tankerkapitänen, die von irakischen Mirage-Bombern oder iranischen Hochsee-Rennbooten angegriffen wurden, Kommandos englischer Minenräumer, das nervenfetzende Geratter von Hubschrauber-Rotoren und - in der Nacht - das wirre Lachen des "Philippino monkey", eines unbekannten Funkers, der die Frequenzen mit Bemerkungen wie "Ihr Hundesöhne, morgen seid ihr alle tot" abjagt.

Der Funkverkehr ist die einzige Kontaktstelle zu einem Konflikt, der seit den

ersten Scharmützeln zwischen der Supermacht USA und den fanatischen Revolutionswächtern des Iran vorige Woche täglich an Vehemenz gewann. Amerika, das in und vor dem Golf mehr Feuerkraft in Stellung gebracht hat als am "D-day" 1944 bei der Invasion der Normandie, mußte zunächst aus der Nähe machtlos zusehen, wie sich die verfeindeten Lager Irak und Iran im Golfkrieg immer mehr zerfleischten - mit der Gefahr daß die USA am Ende doch noch in den Mahlstrom des nun schon siebenjährigen Dauerkriegs hineingezogen würden.

Vorigen Freitag um 7.25 Uhr schien es so weit: Eine iranische Rakete vom Typ "Silkworm" schlug in die Aufbauten des 81000 Tonnen großen Tankers "Sea Isle City" ein. Das Schiff gehört zu jenen kuweitischen Tankern, die in schwer bewaffneten Konvois unter US-Flagge laufen. Vergebens hatten die Kuweiter versucht, die Rakete abzuschießen.

Die Silkworm (Sprengkopfgewicht 450 Kilogramm) traf die Sea Isle City, als sie mit langsamer Fahrt zu den Pumpen-Piers des kuweitischen Verladeterminals el-Ahmadi fuhr. Amerikanische Kriegsschiffe waren nicht in der Nähe, das Scheichtum gestattete ihnen bisher nicht, in die Hoheitsgewässer des Petro-Staates einzulaufen. An Bord der Sea Isle City wurden 18 Besatzungsmitglieder verletzt, darunter der amerikanische Kapitän und der amerikanische Funker.

Einen Angriff auf umgeflaggte Schiffe aber hatten das Pentagon und Präsident Ronald Reagan in der Vergangenheit stets als Anlaß für massive Vergeltung dargestellt. Die Silkworm-Stellungen, so sahen Ernstfallpläne vor, sollten zerstört werden - sowohl jene im Bereich der Straße von Hormuz wie auch die auf der Halbinsel Fao, von wo die Rakete auf die Sea Isle City abgeschossen wurde. Bis Samstag früh - eine schwüle Nacht lag dazwischen - hatten die Amerikaner nicht auf die Provokation geantwortet.

Die Eskalation war seit langem abzusehen gewesen. Am Dienstag voriger Woche feuerte die iranische Armee zum viertenmal in nur acht Tagen eine Rakete vom Typ Scud-B auf Bagdad ab. Das Geschoß explodierte neben einer Grundschule und tötete 32 Menschen, die meisten davon sechs- bis elfjährige Kinder. Teheran gab an, auf das Verteidigungsministerium gezielt zu haben, um irakische Angriffe auf Isfahan zu rächen.

Am Mittwoch bombardierten Artilleriegeschütze des Iran die Hafenstadt Basra (acht Tote). Tags darauf traf eine iranische Rakete den 275000 Tonnen großen Supertanker "Sungari", der an dem Verladepier vor Kuweit Öl aufnahm. 200 Kilometer weiter östlich setzten irakische Jagdmaschinen derweil den iranischen Charter-Tanker "Pegasus 1" in Brand, das 13. Großschiff innerhalb von nur zehn Tagen, das vor der Küste des Iran mit "Exocet"-Raketen angegriffen wurde.

Die bedrohliche Verschärfung des Tankerkriegs legte ein für Amerika blamables Paradox bloß: Obwohl es zunächst die Absicht der USA gewesen war, mit Hilfe von Geleitzügen und der Verstärkung ihrer Mittelost-Flotte die Schiffahrt im Golf sicherer zu machen, verwandelte sich das Meer, mit 224000 Quadratkilometern knapp um die Hälfte kleiner als die Ostsee, zusehends in einen Hexenkessel - wohl gerade wegen der amerikanischen Präsenz, die den Irak und den Iran zu vermehrter Aggression anstachelte.

Die Zahl der Zwischenfälle, bei denen Tanker in Brand geschossen oder von Maschinengewehr-Garben durchlöchert wurden, wuchs schneller als die der Kriegsschiffe, die das gefahrlose Navigieren im Golf garantieren sollten. Allein im September wurden 31 Tanker und Containerfrachter angegriffen. Vor Aufnahme der amerikanischen Geleitzüge nach Kuweit Ende Juli hatten Irak und Iran im monatlichen Durchschnitt nur sieben Schiffe angegriffen.

Neu war auch die Qualität der Waffen, die im Tankerkrieg zum Einsatz kamen. Auch auf der Sungari, einem US-Tanker unter liberianischer Flagge, war womöglich eine iranische Silkworm-Rakete eingeschlagen.

Erst am Dienstag hatte ein US-Konvoi die Gewässer vor Kuweit erreicht. Es war der bisher mächtigste Geleitzug, den die U. S. Navy in den Golf geschickt hatte: Ein Pulk von acht Kriegsschiffen hatte die Aufgabe, vier Tanker, unter ihnen die Sea Isle City, zu bewachen, ein Aufgebot, das die US-Marine sonst nur zur Bewachung eines Flugzeugträgers konzentriert.

Mit 45 Kriegsschiffen hat das Pentagon zwischen Kuweit und dem Golf von Oman eine furchteinflößende Armada aufmarschieren lassen. 16 Einheiten befinden sich gleichsam als harter Kern im Golf, angeführt vom 15000 Tonnen großen Flagg- und Dockschiff "LaSalle", von dem aus Konteradmiral Harold Bernsen seine Middle East Task Force befehligt.

Bernsens Vorgesetzter, Konteradmiral Dennis M. Brooks, befindet sich an Bord des atomgetriebenen Raketenkreuzers "Long Beach" im Golf von Oman, in dem der feuerkräftigste Teil der amerikanischen Einsatzgruppe kreuzt. Er besteht aus dem 79000-Tonnen-Flugzeugträger "Ranger", neun Begleit-Kriegsschiffen und mehreren U-Booten. Weiter im Norden, nahe der Straße von Hormuz, patrouilliert das mit Cruise Missiles bewaffnete Weltkrieg-II-Schlachtschiff "Missouri", begleitet von Raketenkreuzern, Zerstörern und Fregatten.

Ein knappes Dutzend sowjetischer und mehr als 30 Kriegsschiffe westeuropäischer Nato-Länder machen die Gemengelage fast schon unentwirrbar. Die französische Marine, angeführt von dem Flugzeugträger "Clemenceau", operiert in drei Gruppen, zumeist jedoch außerhalb des Golfs. Die sogenannte Armilla-Patrouille Großbritanniens, angeführt

von der Falkland-Fregatte "Andromeda", besteht aus neun Kriegsschiffen, darunter vier Minenräumern, die letzte Woche drei Golf-Minen entschärften. Wie Amerikaner und Briten, begleitet neuerdings auch die italienische Marine Konvois in Richtung Kuweit. Die drei italienischen Fregatten "Grecale", "Scirocco" und "Perseo" führen den Matrosen-Sold für drei Monate auf See mit sich.

Wie dramatisch sich die Lage im Golf zuspitzte, war an der Kakophonie der Funkwellen erkennbar, seit sich Hubschrauber der amerikanischen Sondereinheit "Task Force 160" Gefechte mit iranischen Revolutionswächtern an Bord des Landungsbootes "Iran Ajr" und dann, vorletzten Donnerstag, mit den Besatzungen von drei Schnellbooten geliefert hatten. Eines wurde mit Raketen versenkt, zwei weitere wurden schwer beschädigt.

Amerikanische Kriegsschiffe erfaßten nunmehr auch den internationalen Luftverkehr und forderten Besatzungen von Passagier-Jets auf, ihre Maschinen zu identifizieren. "Nicht bekanntes Flugzeug, dies ist ein US-Kriegsschiff", bekamen Piloten der Gulf Air beim Anflug auf den Flughafen des Emirats Schardscha nordöstlich von Dubai zu hören, "Ihre Absichten sind unklar, melden Sie Ihre Identität."

Im Südteil des Golfs patrouillierte der US-Zerstörer "Kidd", ein Schiff, das ursprünglich an die Marine des Schah geliefert werden sollte. Nun mußte es iranische Kriegsschiffe vor der Küste der Vereinigten Emirate auffordern, ihr Feuerleitradar nicht auf den Zerstörer auszurichten. "Iranisches Kriegsschiff, dies ist ein US-Kriegsschiff", so lautet die Standardformel, "schalten Sie Ihr Feuerleitradar sofort ab, dies ist die einzige Warnung."

Östlich der Schiffahrtsrinnen nach Kuweit und dem Ölverladehafen el-Ahmadi hatte Flotten-Befehlshaber Bernsen eine Art elektronisches Sperrgitter, abgestrahlt von mehreren Fregatten, errichtet. Zusätzlichen Rückhalt bildet eine schwimmende, 30 Meter breite und 120 Meter lange Plattform vor Bahrain, von der jene geräuscharmen und pechschwarz lackierten Angriffs-Helikopter vom Typ MH-6 aufgestiegen waren, die am 8. Oktober unweit der iranischen Insel Farsi die Rennboote der Revolutionswächter bekämpft hatten.

Ob es nach dem Angriff auf die Sea Isle City bei begrenzten Gegenmaßnahmen der Amerikaner bleiben würde oder ob Washington zum großen Schlag ausholen wollte, vermochte auf der westlichen Seite des Golfs niemand zu sagen. "Die größte Gefahr ist, daß jemand eine Bewegung macht, die falsch gedeutet werden könnte", meinte Tarik Abdu el-Rahman el-Muajjad, der Informationsminister von Bahrein.

Keith Graves, BBC-Korrespondent in Dubai, ging davon aus, "daß Amerika unweigerlich in einen Krieg mit dem Iran hineintreibt". Donald Kerr, Golf-Analytiker am Londoner Internationalen Institut für Strategische Studien, hielt dagegen: "Wahrscheinlich ist, daß Amerikaner und Iraner auf Distanz bleiben und der Flottenaufmarsch womöglich nirgendwo hinführt."

Teheran, deutete Kerr die Lage, habe in der Vergangenheit einen "gewissen Realismus" bewiesen, weil es einem Frontalzusammenstoß mit der US-Streitmacht auch nach früheren Zwischenfällen bewußt aus dem Weg gegangen sei.

Flottenchef Bernsen definierte die Aufgabe seines Verbands damit, den Krieg zwischen Iran und Irak so einzudämmen, daß er nicht auf die Anrainerstaaten an der westlichen Küste überschwappen könne. An einem solchen Patt aber ist dem irakischen Präsidenten Saddam Hussein nicht gelegen, der die Amerikaner gerne zu Gefangenen seiner Kriegführungs-Strategie machen und in den Kampf verstricken möchte, natürlich auf seiner Seite.

Teheran, so stichelte Saddam Hussein am Mittwoch, sei "feige" und wage nicht, amerikanische Kriegsschiffe zu attackieren. "Der Irak", so tönte er, "hat der aggressiven Natur des Chomeinismus das Genick gebrochen."

Der Angriff auf die Sea Isle City führte die Mullahs fürs erste aus dem Dilemma. Nach einer Serie von Demütigungen durch den "großen Satan" USA war der Mißmut unter den Revolutionären des Iran gewachsen, schien Teheran vor der Welt als Papiertiger dazustehen.

Nun aber triumphierte Präsident Ali Khamenei beim Freitagsgebet in der Universität von Teheran: "Woher die Rakete kam?" fragte er zynisch. Seine Antwort: "Der Allmächtige weiß es am besten."


DER SPIEGEL 43/1987
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