09.11.1987

POPInnere Stärke

Der „Stille Beatle“ George Harrison läßt wieder von sich hören. *
Daß er in grauer Vorzeit ein richtiger Beatle war, versucht George Harrison, 44, heute mit einer Bestimmtheit herunterzuspielen, als wolle er sich böse Geister vom Leibe halten.
Als bloße Episode in seinem langen Leben schätzt der "Stille Beatle" das Jahrzehnt ein, in dem er zusammen mit John, Paul und Ringo die Welt entflammt hat. Nun läßt der "reiche, auf harmlose Weise exzentrische englische Gentleman" ("Rolling Stone") nur noch alle paar Jahre etwas von sich hören, wenn ihn der Drang befällt, ein Bündel neuer Songs aufzunehmen.
Jetzt war es wieder einmal so weit. Fünf Jahre nach seinem letzten Flop mit der LP "Gone Troppo" kam in der letzten Woche das Harrison-Album "Cloud Nine" heraus - das Ergebnis einer Heimarbeit, zu der ihn weder Streß noch Geldsorgen gezwungen haben.
Und doch gab es in den letzten Jahren keinen günstigeren Zeitpunkt, die Platte eines Ex-Beatles herauszubringen, als gerade jetzt. 1987 wurde die Beatles-Industrie neu angekurbelt, als das Evergreen-Repertoire erstmals auf Compact Disc in die Läden kam. Außerdem stand das 20jährige Jubiläum des "Sgt. Pepper"-Albums an. Nicht nur die Beatles-Nostalgie hat derzeit Konjunktur. Die LP-Hitlisten sind vollgestopft mit dem Zombie-Rock der sechziger und siebziger Jahre.
In dieses Klima der Pop-Restauration paßt das neue Album des Beatles George vorzüglich. Der Gitarrist ist nicht von der Ambition beflügelt, wie in besten Beatles-Zeiten mit neuen Klängen oder Arrangements zu überraschen. Sein einfaches Rezept: "Ich will Platten wie vor 20 Jahren machen."
Zusammen mit dem Produzenten und Instrumentalisten Jeff Lynne von der Siebziger-Jahre-Band "Electric Light Orchestra", einem erklärten Fan der Liverpooler Vier, hat Harrison versucht, sozusagen ein postumes Beatles-Album einzuspielen und den bekannten Sound zu imitieren. Da klingt dann beispielsweise der selbstironische Song "When We Was Fab" fast wie "I Am The Walrus", und in den meisten Stücken wimmert Harrisons Gitarre wie in "While My Guitar Gently Weeps".
Und nur selten hat Harrison wirklich etwas mitzuteilen. So im Song "Wreck Of The Hesperus", in dem ein Rock-Sänger in den Vierzigern sein Leben bilanziert und beteuert: "Ich bin nicht das Wrack von Hesperus, ich fühle mich eher wie Big Bill Broonzy" (der 1958 gestorbene Blues-Veteran).
Und mit der Genugtuung und Erleichterung eines Rock-Altstars, der miterlebt hat, wie etliche seiner Dinosaurier-Kollegen schon früh dahingerafft worden sind, triumphiert Harrison: "Noch bin ich kein Wrack."
Im Gegenteil. In seiner Abwesenheit vom Rummel der Musikszene ("Einsamkeit" ist ein Schlüsselwort der "Cloud Nine"-Songs) pflegte er weitgehend ein beschauliches Dasein im Kreise seiner Lieben, der (zweiten) Ehefrau Olivia und des neunjährigen Sohns Dhani, in seinem geräumigen viktorianischen Anwesen in Henley-on-Thames.
Eine Zeitlang trieb sich der Autonarr umher an den Formel-1-Rennstrecken dieser Welt, um sich ein bißchen Thrill ins Leben zu holen, und in letzter Zeit beruhigt er seine Nerven hauptsächlich mit Gärtnerarbeiten in seinem weitläufigen Park. Nur eine seiner Aktivitäten verrät noch den alten Innovationsgeist der Beatles. Denn seit Harrison 1979 seinen Freunden von der britischen Klamauk-Truppe Monty Python bei der Produktion ihres Films "Das Leben des Brian" aus einer Finanzklemme half, betätigt er sich als mutiger, risikobereiter und sogar erfolgreicher Filmproduzent.
Die kleine, aber feine Harrison-Firma "Handmade Films" konzentriert sich auf die Herstellung von Kinostücken, an die sich große Studios nicht herantrauen. "Handmade"-Filme wie "Mona Lisa" stützten den guten Ruf, den das britische Kino neuerdings wieder besitzt.
Viele Veteranen der sechziger Jahre, die die Drogen-Turbulenzen der Beatles-Ära überlebten, mühten sich um ihren inneren Frieden, als der Katzenjammer kam. Harrison fand sein Seelenheil in der Beschäftigung mit fernöstlicher Religion und Musik, die ihn schon früh fasziniert hatten. Er glaubt an die Wiedergeburt und ist davon überzeugt, daß meditative Nabelschau den menschlichen
Fortschritt durchaus beflügeln könnte.
So ist der vergeistigte Ex-Beatle dazu fähig, sich heftig über den katastrophalen Zustand englischer Stadtviertel zu empören. Aber statt die verantwortlichen Politiker zu attackieren, empfiehlt er seinen Mitbürgern, in sich zu gehen, "geistig zu werden" und "innere Stärke" zu entwickeln. Dann werde sich das Problem schon von selber lösen.

DER SPIEGEL 46/1987
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