24.08.1987

Heß - Er war eine künstliche Größe

Den bizarren Selbstmord von Hitlers Stellvertreter nutzten Rechtsradikale letzte Woche, um die Legende vom anständigen Nationalsozialisten zu nähren. Doch Rudolf Heß, Hitlers letzter Mann im alliierten Kriegsverbrechergefängnis von Berlin-Spandau, war einer der fanatischsten und gehorsamsten Wegbereiter des Führers. *

Häftling Nr. 7 durfte keinen Blumenstrauß entgegennehmen, kein Besucher durfte ihm die Hand hinstrecken. Jede Berührung, "Umarmung und so weiter", war verboten. Die Lesebrille, durch die er zuletzt kaum noch sehen konnte, wurde an jedem Abend konfisziert.

Nichts sollte dem Häftling verbleiben oder zugesteckt werden können, was Selbstmord ermöglicht hätte. Ihn der Strafe halber am Leben zu halten war die Aufgabe von 19 Wärtern aus vier Nationen und von monatlich wechselnden Wachkompanien, Stunde um Stunde, 40 Jahre und 30 Tage lang. Dann versagten die Wärter.

Hinter den roten Backsteinmauern des "Allied Prison" in Berlin-Spandau vollzog sich am Montag letzter Woche das immer gleiche Ritual. Der einzige Häftling des düsteren Zwingbaus begab sich "wie gewohnt unter Aufsicht eines Gefängniswärters zu einem Häuschen im Garten des Gefängnisses", wo er seit 1983 an jedem Nachmittag "zu sitzen pflegte", wie es später in einer militäramtlichen Mitteilung hieß.

Ursprünglich stand da nur eine Gartenbank, damit der Gefangene bei seinen kurzen Spaziergängen im Gefängnisgarten rasten konnte. Seit er 1969 mit Magen- und Darmkomplikationen ins Krankenhaus mußte, war ihm täglich eine zweite Hofstunde eingeräumt worden. Er nutzte sie, sooft er konnte, zur Bewegung auf einem 200 Meter langen Trampelpfad.

Als er noch gut zu Fuß war, schaffte er den Turn in sechzig Minuten rund 28mal, jeweils 215 Schritte in eine Richtung. Doch mit den Jahren ließ die Kraft nach, und als er sich 1982 eine Rippenfellentzündung zuzog, setzte ihm die Gefängnisverwaltung das Häuschen hin, mit Glaswand, Sessel und Infrarot-Heizung für die kalten Tage.

Dort fand ihn die kurzzeitig unachtsame Wache vor, mit einem "Elektrokabel um den Hals" - das Ende von Rudolf Heß, einst Hitlers Stellvertreter, Reichsminister und SS-Obergruppenführer, 1946 im Nürnberger Kriegsverbrecherprozeß zu lebenslänglicher Haft verurteilt. Mit 93 Jahren, an der Schwelle des natürlichen Todes, verübte er Selbstmord - ein später Sieg über die Feinde, sein einziger.

Und was für eine makabre Ironie: Ausgerechnet dem Strang, dem er in Nürnberg entgangen war, gab er sich in Spandau anheim. Es war die letzte Szene in einem Schauerstück, das nicht seinesgleichen

hat. Von den Bewachern, die ihn in Spandau im Juli 1947 in Empfang nahmen, leben etliche längst nicht mehr. Das Gebäude, in das er eingeliefert wurde, ist über seine Haftzeit baufällig geworden. Die Alliierten, die ihn ins Gefängnis steckten, haben inzwischen selber Kriege angezettelt, die einen in Vietnam, die anderen in Afghanistan.

Er blieb in Verwahrung, als die sechs anderen NS-Verurteilten ihre Strafe abgesessen hatten oder vorzeitig freigelassen worden waren, und er fügte der erzwungenen Isolierung noch die selbstgewählte hinzu - den ersten Besuch seiner Familie duldete er nach 20 Jahren Haft. Der Mann, der da mit 93 den Kopf in die Schlinge legte, war schon zu Lebzeiten eine, wie die "Zeit" anmerkte, "überständige Figur in einem Strafritual, das Unrecht nicht mehr sühnen und Gerechtigkeit nicht mehr erreichen konnte".

Das heißt nicht, daß Rudolf Heß keine Strafe verdient hätte. Aber die monströse Umzingelung eines Einzelhäftlings in einem ursprünglich auf 600 Gefangene ausgelegten Kerker, mit dreieinhalb Meter hoher Stacheldrahtarmierung plus Elektrozaun mit 4000 Volt Spannung eine Wachkompanie im Tag- und Nachteinsatz - das alles gab dem Häftling Rudolf Heß mehr Bedeutung, als er als Nazi je hatte.

Er war, das notierte schon der weitaus intelligentere Propagandaminister Joseph Goebbels, eine "künstliche Größe", eine unsichere, verwirrte Erscheinung, die stets Halt brauchte. Daß Hitlers letzter Mann in Spandau noch ein paar Rätsel über seinen Exitus hinterließ und ein paar Altgetreue zu Spekulationen animierte, ob es denn wirklich Selbstmord gewesen sei, paßt auf merkwürdige Weise zum schillernden Wesen des Rudolf Heß, den so mancher, der ihm begegnete, schlicht für verrückt hielt.

Mit seinem Tode kam der Mann, den es schon früh zu Wahrsagern getrieben hatte, auf ähnlich bizarre Weise noch einmal in die Schlagzeilen wie 1941: als er in einer selbstverordneten, heute noch nebulösen Friedensaktion mit einer Me 110 nach Schottland flog- und bis 1945 in britischem Gewahrsam blieb.

Mag sein, daß Altnazis und Jungextremisten nun einen neuen Gedenktag haben - zum Märtyrer taugt der Sonderling kaum. Sein Tod dürfte die Sektenstärke der Rechtsradikalen nach Einschätzung von Verfassungsschützern keineswegs nach oben treiben, auch wenn die Experten nicht ausschließen, daß irgendwo gebombt wird. Am Freitag vergangener Woche wurden in Frankfurt zwei junge Neonazis verhaftet, die im Schließfach des Hauptbahnhofes einen Spreng- und einen Brandsatz deponiert hatten.

Vielmehr könnte die Fernwirkung des Heß-Abgangs, wenn es denn überhaupt eine gibt, woanders liegen: in der Verstärkung dessen, was die "Frankfurter Rundschau" sehr präzise das "Schlußstrichbedürfnis" der Deutschen nennt - genug gebüßt, Schluß damit.

Es gibt Nazis, die Schlimmeres getan haben und glimpflicher davongekommen sind als Heß - Albert Speer zum Beispiel, der die Rüstung für Hitlers totalen Krieg organisierte und damit das Sterben an den Fronten wie das Morden in den Konzentrationslagern verlängerte. Speers Lebenslüge, von der Judenvernichtung nichts gewußt zu haben, rettete ihn vor dem Galgen (20 Jahre).

Keine Frage, daß die Alliierten - genauer die Sowjets - Heß zur Extra-Buße ausersehen hatten. Die Siegerjustiz packte ihn weg, als gelte es, "den Teufel persönlich zu überwachen" (so die "FAZ"), und suchte ihm selbst jede Gelegenheit zu nehmen, sich mit der eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen.

In Nürnberg bekam er das Urteil des Tribunals, das ihn der Planung eines Angriffskrieges und Verbrechens gegen den Frieden für schuldig erklärte, nie zu Gesicht. In Spandau durfte sein Anwalt den eigenen Fall nicht mit ihm erörtern, kein Historiker ihn je befragen. Als er Besuch empfangen durfte, waren Gespräche über die Zeit zwischen 1914 und 1945 bei Strafe des Besuchsverbots untersagt. Alle Spuren seiner Vergangenheit waren im Gefängnis eliminiert: Beiträge über die Nazi-Zeit aus Zeitungen herausgeschnitten, zeitgeschichtliche Anspielungen in Briefen und Büchern geschwärzt.

Das erlaubte nicht nur dem uneinsichtigen Häftling, sich in das schützende Dunkel seiner Amnesien, Verdrängungen und Schrullen zurückzuziehen. Es verstellte auch der Nachwelt den Blick auf die wahre Rolle dieses, Bühnenbildners des Massenwahns", wie ihn der Historiker Bernd Martin einmal nannte. Heß hatte nicht nur den Führer-Kult kreiert, sondern ihn auch exerziert wie sonst keiner- Goebbels ausgenommen. Er war ein Nazi der "Kampfzeit" einer der fanatischsten Wegbereiter Hitlers.

In der "kritiklosen Treue" Hitler gegenüber, in der "stillschweigenden Ausführung seiner Befehle" sah er "allen Nationalsozialismus verankert". Furchterregend blickte er drein, wenn er so etwas in jungen Jahren sagte.

Seine Augen lagen tief im kantigen Schädel, darüber wölbten sich buschige,

pechschwarze Brauen. Die Weihe mit der er sich selbst zu umgeben pflegte, ließ sein Gesicht zur Maske erstarren.

Dahinter verbarg sich ein verklemmter Mann, der von Jugend an eine unstillbare Sehnsucht nach Vorbildern und Ersatzvätern, nach Verehrung und Unterwerfung hatte - Symptome früher Verletzung. Nie konnte der 1894 im ägyptischen Alexandria geborene Heß den "bleichen Schrecken" vergessen, den der Vater, ein deutscher Kaufmann, verbreitete, in einem "Ton, bei dem allein uns Kindern schon das Blut zu gerinnen drohte".

Der technisch begabte Heß, der zu den besten Piloten Deutschlands gehörte und Flugwettbewerbe wie, Rund um die Zugspitze" (1934) gewann, hatte eigentlich Ingenieur werden wollen. Vermutlich hätte er es damit zu etwas gebracht wie so manche Erfindung zeigt, die er später machte. Er kannte sich in Waffen aus und verdoppelte beispielsweise die Schußfolge der Mauserpistole und die Me 110, mit der er nach England flog, präparierte er selber. Aber der Vater wollte ihn zum Kaufmann machen.

Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges entriß ihn zwar der Fuchtel des Alten. Aber kaum war der Krieg zu Ende, da suchte der schwer verwundete, mit dem Eisernen Kreuz II dekorierte Leutnant erneut nach Autorität. Im diffusen Haufen verbitterter Ex-Soldaten und derangierter Kleinbürger, der dem "roten Spuk" der jungen Republik ein Ende setzen wollte, hielt er Ausschau nach dem "Retter", der ihm wieder Richtung und Lebensinhalt geben würde.

Zuerst wähnte er ihn in Gestalt des Münchner Ex-Generals und Geopolitik-Professors Karl Haushofer gefunden zu haben, der ihn zum Volkswirtschaftsstudium animierte und dessen Assistent er schließlich wurde. Aber der Auserwählte war der Professor nicht. Dem begegnete er vielmehr an einem Maiabend des Jahres 1920 im "Sterneckerbräu", wo eine Partei namens NSDAP mit einem Redner namens Adolf Hitler einen "Sprechabend" abhielt.

Heß war hin. "Der Mann, der Mann", stammelte er, als er Hitler zum ersten Male sah. Den geschlagenen Frontsoldaten, der unter der neuen Ordnung von Versailles und Weimar Qualen auszustehen hatte, überkam es "wie eine Vision". Da formulierte einer seine eigenen Emotionen und Sehnsüchte: Beseitigung der "November-Republik", Befreiung von Versailles, Bau eines "völkisch erneuerten" Reiches.

Rudolf Heß trat in die NSDAP ein und half der "Bewegung" auf die Beine. Er stellte eine Hundertschaft schlagwütiger Studenten für die SA auf, assistierte Hitler bei Kundgebungen und zeigte eine Beflissenheit, die bald Züge von Hörigkeit annahm.

Als Hitler im Juli 1921 in der Partei die Macht an sich riß, kam dem Helfer Heß,

was er für seine Sternstunde hielt: Gemeinsam mit Dietrich Eckart und Hermann Esser proklamierte er Hitler zu "unserem Führer" - Beginn jenes pseudoreligiösen Hitler-Kults, der später das Volk um den Verstand brachte.

Von einer Versammlung zur anderen zog Heß, um die Botschaft von der Ankunft des braunen Heilands zu verkünden. "Geht hinaus und berichtet: Deutschland wird leben, weil ein Adolf Hitler-lebt", rief Heß einmal einer Abordnung von Auslandsdeutschen zu. Auf einer Kundgebung tönte er: "Wir wählen Adolf Hitler, weil er durch seine Taten und sein Leben bewiesen hat, daß er die Verkörperung alles Guten im deutschen Menschen ist."

Gemeinsam mit Hitler stürmte er, eine Armeepistole in der Faust, am Abend des 8. November 1923 in den Münchner Bürgerbräukeller, um die dort versammelten Minister Bayerns zum Marsch gegen das "rote" Berlin zu zwingen, und gemeinsam mit Hitler zog er nach dem Scheitern des Putsches in die Landsberger Festungshaft, bald mit einem Notizblock dabei, die Gedanken des Nazi-Gurus festzuhalten - Geburtstunde von Hitlers "Mein Kampf".

Einen so ergebenen Jünger hatte Hitler gern um sich. Nach der Entlassung aus Landsberg wurde Heß sein engster Mitarbeiter: als Sekretär und Bürochef, als Verbindungsmann zur Außenwelt, als Vorzimmer-Figur, die den Chef gegen intrigierende und streitsüchtige Parteigenossen abschirmte - ein treuer Diener seines Herrn, der so honorig wirkte, daß Bittsteller ihn für das "Gewissen der Partei" hielten.

Insofern konnte nicht verwundern, daß Hitler seinen Paladin an die Spitze der Parteiorganisation setzte, als die NSDAP im Dezember 1932 in eine schwere Krise geriet - ausgelöst durch Rückschläge an den Wahlurnen und den Versuch des NS-Generalsekretärs Gregor Strasser, eine Regierungsbeteiligung der Partei auch ohne, ja gegen Hitler zu erzwingen.

Der Kampf Hitlers gegen Strasser endete mit dessen Sturz. Hitler zerschlug Strassers Lenkungsapparat, eine Parteiführung gab es praktisch nicht mehr. So driftete die Nazi-Partei führungslos durch die Politlandschaft, just in dem Augenblick, als die konservativ-reaktionären Mächte in Deutschland Hitler an die Macht ließen.

Allmählich begriff auch Hitler, wie gefährlich eine derart unberechenbar gewordene Partei ihm werden konnte. Er verstärkte nun die Zentralgewalt und ernannte Heß am 21. April 1933 zu seinem Stellvertreter in der Partei, ausgestattet mit der "Vollmacht, in allen Fragen der Parteileitung in meinem Namen zu entscheiden".

"Stellvertreter des Führers der NSDAP" - Rudolf Heß konnte es kaum fassen. Zum Dank ließ er auf die Partei einen Regen schwülstiger Erlasse niedergehen, die es Nazis zur Pflicht machten, dem Führer zu gehorchen - "um des Gehorsams willen" und weil Gehorsam "Ausdruck heldischer Gesinnung" sei.

Wer sich dem entzog, bekam es mit dem Fanatiker Heß zu tun. Als im Braunen Haus zu München am Nachmittag des 30. Juni 1934 das Schicksal des angeblich "hochverräterischen" SA-Chefs entschieden wurde, war Heß einer der Blutrünstigsten. "Mein Führer", schrie er, "es ist meine Aufgabe, Röhm zu erschießen!" Hitler überließ anderen die Drecksarbeit.

Den Eifer aber wußte er zu belohnen. Schon im Dezember 1933 war Heß zum Reichsminister ohne Geschäftsbereich ernannt und ermächtigt worden, Gesetzentwürfe der Ressortminister zu begutachten. Vom Juli 1934 an durfte er auch die Entwürfe der Entwürfe einsehen, und wiederum ein Jahr später mußte Heß auf Weisung Hitlers bei Ernennungen und Beförderungen höherer Beamter beteiligt werden - die Macht des Stellvertreters wuchs von Jahr zu Jahr.

Heß mag davon geträumt haben, "mit einer Fusion von Reichskanzlei und Parteisekretariat eine zentrale Schaltstelle der Macht, eine übermächtige Lenkungsbehörde" (so der Historiker Peter Diehl-Thiele) entstehen zu lassen. Doch genau das wußte Hitler zu verhindern.

Wo immer Heß einen zaghaften Versuch machte, sich und der Partei ein Stück Staatsmacht zu sichern, ließ ihn Hitler abblitzen. Er hintertrieb alle Bemühungen seines Vize, die NS-Reichsleitung von München nach Berlin zu verlegen, und unterband auch Bestrebungen, einen Seniorensenat der NSDAP "zur Beratung des Führers" zu bilden.

Schon gar nicht durfte Heß Kontrolle über die ihm, Hitler, unterstellten Gauleiter erlangen: Zusammenkünfte von Gauleitern waren nur in Anwesenheit Hitlers erlaubt, im Krieg sogar jedes Treffen von mehr als zwei Gauleitern verboten.

Heß war nicht der Mann, die Zurücksetzung durch den nach wie vor verehrten "Führer" und die parteiinternen _(Mit Fahne: Heinrich Himmler. )

Kompetenzkämpfe unbeschädigt zu überstehen. Er hatte das "Gewissen", der "Hagen der Partei" sein wollen und litt nun darunter, daß er ihr Dienstmann wurde und nur noch Bagatellen zu erledigen hatte.

Alle waren an ihm vorbeigezogen: der diabolische Propagandaminister Goebbels wie der dümmliche Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop und der brutale Heinrich Himmler. Mit dem Alkoholiker Robert Ley, Reichsorganisationsleiter, wurde Heß sowieso nicht fertig, und einem, der einmal sein Stabsleiter gewesen war, wuchs bald enorme Macht zu: Martin Bormann.

Zu alledem bestimmte Hitler bei Kriegsausbruch nicht ihn, den Stellvertreter, sondern den Luftwaffen-Oberbefehlshaber Hermann Göring zu seinem Nachfolger. Heß, meinte Hitler, sei ungeeignet: "Da weiß ich ja nicht, wer mir mehr leid tun soll - die Partei oder der Parteigenosse Heß."

Heß verfiel in Resignation. Er suchte Zuflucht bei Pendlern und Kurpfuschern und hatte noch seine beste Zeit, wenn er mit Ehefrau Ilse in die Alpen flüchtete. Das tat der passionierte Bergsteiger nun des öfteren, und es fiel allmählich auf daß Heß sich in der Öffentlichkeit zurückhielt - auch einigen NS-Gegnern.

Unter denen machte die Runde, daß Heß nicht mit allem einverstanden sei was so in Deutschland geschehe. Der Widerständler Ulrich von Hassell meinte bei Heß sogar "skeptische Anwandlungen gegenüber den Methoden seines Herrn und Meisters" wahrgenommen zu haben. Und so ähnlich schätzten ihn auch die Haushofers ein, der Geopolitik-Professor und dessen Sohn Albrecht, die mit anderen überlegten, wie Hitler samt seiner kriegssüchtigen Abenteurerpolitik zu stoppen sei.

Um Heß von Hitler fortzulocken, gaukelte Haushofer dem Freund das Trugbild eines "guten" Führers vor, der schlechten Beratern in die Hände gefallen sei. Es seien die "Radikalen", Leute wie Goebbels, Himmler und Ribbentrop, die Hitler wider sein besseres Selbst in eine katastrophale Politik trieben.

Das verfing. Denn Heß machte diese und die anderen Rivalen nicht nur für gewisse "Fehlentwicklungen" des Regimes verantwortlich, sondern auch dafür, daß er ins politische Abseits gedrängt worden war. Er rüstete zum Flug nach England. Die Deutschen hatten Polen schon überfallen, Frankreich schon überrannt, über der britischen Insel tobte die Luftschlacht, und der Krieg gegen die Sowjet-Union stand kurz bevor.

Die Maschine, eine Me 110, ließ er mit zusätzlichen Benzintanks in den Tragflächen ausstatten. Immer wieder setzte er sich in das Cockpit, um sich mit der Maschine vertraut zu machen. Am 10. Mai 1941, um 18.10 Uhr, startete er vom Fliegerhorst Haunstetten bei Augsburg.

Es war eine fliegerische Meisterleistung. Er mußte nicht nur die gesperrten Luftzonen über Deutschland meiden, sondern auch die britische Luftabwehr überlisten. Zudem starteten, was das Unternehmen zusätzlich erschwerte, 500 Bomber der Luftwaffe zu dem bis dahin schwersten Luftangriff auf London. Als er abflog, übergab Heß seinem Adjutanten Karlheinz Pintsch einen Brief an Hitler.

Flugziel war der Landsitz Dungavel des Herzogs von Hamilton, eines Bekannten der Haushofers, in der Nähe des schottischen Glasgow. Der Herzog war dazu ausersehen, dem Stellvertreter den Zugang zur britischen Regierung zu ebnen, der Heß sein Friedensangebot unterbreiten wollte.

Er landete nur 20 Kilometer vom Zielort entfernt auf einer Wiese - mit dem Fallschirm. Heß war zum ersten Mal in seinem Leben abgesprungen und hatte sich nur den linken Fuß verstaucht.

"Wenn alles gutgeht", hatte er seinen Adjutanten eingeweiht, "sitze ich um Mitternacht vielleicht am Kamin des Herzogs von Hamilton, und sein Butler serviert uns Tee." Statt dessen saß er in einer Bauernkate und ließ den angebotenen Tee kalt werden.

"Ich bin gekommen, um Frieden zu stiften", sagte er dem Herzog, der ihn anderntags aufsuchte. "Der Führer möchte den Kampf beenden ... Er will die Vernichtung Englands nicht." Der Herzog setzte den Kriegspremier Winston Churchill von der Botschaft des kauzigen Gefangenen in Kenntnis, doch der winkte ab: "Also, jetzt lassen wir zunächst Heß einmal Heß sein, ich schau'' mir die Marx Brothers an."

Dann hörte sich Ivone Kirkpatrick (1950 bis 1953 britischer Hochkommissar in Deutschland), der in den dreißiger Jahren Legationsrat in Berlin gewesen war und Heß kannte, die Erzählungen des herbeigeflogenen Deutschen an. Später schrieb er darüber: "Heß war ein überheblicher Narr, dem es einfach nicht einleuchten wollte, daß die Engländer an einem solchen ''Friedensangebot'' nicht interessiert sein konnten."

Als Hitler von der England-Mission seines Stellvertreters erfuhr, war er "ganz zerschmettert", wie Goebbels in seinem Tagebuch (das demnächst veröffentlicht wird) festhielt: "Im Communique vom Führer werden Wahnvorstellungen als Grund angegeben mit illusionistischen Friedensfühlern." Und er setzte hinzu: "So ein Narr war der nächste Mann nach dem Führer" (siehe Seite 90).

Bis zum heutigen Tag wird gerätselt, ob Heß mit oder ohne Wissen Hitlers seine Mission angetreten habe. Vieles spricht dafür, daß er auf eigene Faust, nicht im Namen Hitlers, handelte. Müßig ist die Spekulation, ob nicht ein realistisches Friedensangebot die Engländer in eine mißliche Lage hätte bringen können. Denn es gab keins.

Heß orientierte sich allein am Wunschdenken seines Führers, wie er es auch schon aus "Mein Kampf" kannte: Bündnis mit den Briten, den germanischen Brüdern, Garantie, notfalls gemeinsame Verteidigung des Empires, freie Hand für die Deutschen im Osten zur Eroberung von "Lebensraum".

Gleich nach seinen ersten Kontakten mit Heß hatte der Herzog von Hamilton an Churchill geschrieben: "Es ist in der Tat verblüffend, wie wenig die Nazis uns verstehen." Churchill ließ Heß dem Kriegsministerium als Kriegsgefangenen überstellen, "ohne außer acht zu lassen, daß man wegen politischer Verbrechen Anklage gegen ihn erheben könnte.

Es war schon in Heß angelegt, was nach seinem aberwitzigen England-Flug in britischer Haft zum Ausbruch kam: hypochondrischer Exaltismus und wirre Wahnvorstellungen.

In seinem Gewahrsam wähnte er "Mondsüchtige mit geladenen Gewehren", er fühlte sich verfolgt und gefoltert. Von den Wänden kratzte er den Kalk, um "Giftstoffe zu neutralisieren".

In seiner Nahrung vermutete er "Seife, Spülwasser, Dünger und faulen Fisch" und, "das Schlimmste", "Drüsensekrete von Kamelen und Schweinen".

Heß tauchte erst wieder auf, als die alliierten Siger 1945 in Nürnberg über die Nazi-Führer zu Gericht saßen. Beinahe hätten sie ihn nicht angeklagt - zumindest die Amerikaner hatten Skrupel, ihn vor das Tribunal zu bringen. Dann aber saß er doch auf der Anklagebank, ein schweigsamer, düsterer Sonderling, der vor sich hinstierte oder grinste.

Möglicherweise hätten ihn die Gerichtsmediziner für unzurechnungsfähig erklärt, was er, zeitweise, wohl auch war - hätte er nicht mannhaft erklärt, sein Gedächtnisschwund sei nur simuliert: "Ab nunmehr steht mein Gedächtnis auch nach außen wieder zur Verfügung." Und dann sprach er zur Überraschung aller ein Schlußwort:
" Es war mir vergönnt, viele Jahre meines Lebens unter "
" dem größten Sohne zu wirken, den mein Volk in seiner "
" tausendjährigen Geschichte hervorgebracht hat. Ich bereue "
" nichts. Stünde ich wieder am Anfang, würde ich wieder "
" handeln, wie ich handelte, auch wenn ich wüßte, daß am "
" Ende ein Scheiterhaufen für meinen Flammentod brennt. "

Heß wurde zu lebenslanger Haft verurteilt, was nicht dem Grunde, aber dem Strafmaß nach ein Fehlurteil war - und ein Kompromiß zwischen den Richtern der drei Westmächte und der Sowjet-Union. Die Sowjets hatten den Kopf des Stellvertreters gefordert.

Sie waren fest davon überzeugt, Heß sei im Auftrage Hitlers nach England geflogen, um die Briten in ein Kriegsbündnis gegen die Sowjet-Union zu locken. Höchstwahrscheinlich ist das eine der Erklärungen dafür, daß sie andere Verurteilte später vorzeitig freiließen, sich aber bei Heß aufs Njet versteiften.

Am 18. Juli 1947 wurde der Unbelehrbare mit einer Dakota der US-Luftwaffe von Nürnberg nach Spandau transportiert. Mit Handschellen war Heß an einem GI gefesselt, ebenso wie die übrigen sechs, die ebenfalls als "Hauptkriegsverbrecher" zu Freiheitsstrafen verurteilt worden waren.

Oberst Eugene Bird, amerikanischer Bewachungsoffizier und später Kommandant in Spandau, sah die sieben kommen - vorweg Ex-Reichsjugendführer Baldur von Schirach, "Häftling Nr. 1", mit einer "Aura von Unnahbarkeit", dann Ex-Marineoberbefehlshaber Karl Dönitz "mit ausdruckslosem Gesicht" dahinter der frühere Reichsaußenminister und Reichsprotektor von Böhmen und Mähren, Konstantin von Neurath, "jeder Zoll ein Berufsdiplomat".

Es folgten Dönitz-Vorgänger Erich Raeder, Ex-Rüstungsminister Albert Speer, der "keine Regung" zeigte, und Reichswirtschaftsminister Walther Funk, der im Bus "zu einem runden unordentlichen Knäuel zusammengekauert" war. Als letzter kam Häftling Nr. 7, Rudolf Heß - "gebeugt, leichenblaß, gehetzte Augen".

Mit dem Einzug der Gefangenen vollendete sich ein makabrer Kreislauf. Denn unter dem Nazi-Regime war der wilhelminische Ziegelbau Untersuchungsgefängnis für politische Häftlinge auf ihrem Weg in die Konzentrationslager gewesen. "Nun", schrieb der spätere Heß-Biograph Bird, "sollte Spandau einige von denen aufnehmen, die ihrerseits dieses Gefängnis mit ihren Gegnern gefüllt hatten."

Ein schauerlicher Platz: Neben 132 Einzelzellen, fünf Strafzellen und zehn großen Sälen für jeweils vierzig Häftlinge übernahmen die Alliierten eine Galgenanlage für "gleichzeitig acht Verurteilte" (Bird) sowie einen Hinrichtungsraum mit Guillotine und Blutrinnen. Die Todesstätte wurde unverzüglich umgebaut - zum Operationssaal.

Durch Strafverbüßung (Dönitz, Speer, Schirach) und vorzeitige Entlassung (Raeder, Funk, Neurath) leerte sich allmählich die Anstalt. Schließlich, 1966, blieb nur Rudolf Heß zurück, damals schon 72 Jahre alt.

Sein Tagesablauf - von der Essenszufuhr (rund 2000 Kalorien) bis zur Länge von Heß-Briefen (2000 Wörter) - war strengstens reglementiert.

Dem Heß-Sohn Wolf-Rüdiger waren die bis im Detail ausgefeilten Haftbedingungen nachgerade ein Ausdruck von "Isolationsfolter". Immerhin: Heß durfte fernsehen, mußte allerdings eine Woche vorher in einer Zeitschrift ankreuzen, was er sehen wollte: Heß bevorzugte Fußballsendungen und war in jüngster Zeit, wie der Sohn erzählt, von Steffi Graf begeistert.

Vier Leibärzte sorgten, in ständiger Konsultation, für beispiellose gesundheitliche Betreuung. Und die nahezu totale Isolation wurde kompensiert durch das eine oder andere Zugeständnis. Heß bekam Literatur über Astrologie, Fußball, Weltraumfahrt - und soll an die 7000 Bücher gelesen haben, von Schopenhauer bis Tolstoi, von Problemen der Krebsheilung bis zur Welternährungslage.

In der Bundesrepublik, die in den letzten Jahrzehnten, mehrfach ihren Strafvollzug humanisiert hat und wo eine

Verurteilung zu lebenslanger Haft nur noch in den seltensten Fällen tatsächlich Isolierung bis in den Tod bedeutet, erschien die Einzelhaft für den NS-Greis schließlich mehr und mehr als Anachronismus. Ein Ende des "Spandauer Irrsinns" ("Süddeutsche Zeitung") forderten beileibe nicht nur Neonazis und braune "Freiheit für Heß"-Sprayer.

Für eine Begnadigung des Hitler-Stellvertreters verwandten sich alle Bundesregierungen seit Adenauer. Auch der Berliner Bischof Kurt Scharf trat für den Alten ein, sogar der Nürnberger Chef-Ankläger Sir Hartley Shawcross. Willy Brandt intervenierte auf der Krim bei Breschnew, Bundespräsident Richard von Weizsäcker appellierte in seiner Weihnachtsansprache 1985 an die Alliierten, Heß aus Gründen der "Barmherzigkeit" zu begnadigen.

Doch die Russen blieben bei ihrem Nein. Sie sahen in Heß den Repräsentanten jenes Systems, das den Weltkrieg mit über zwanzig Millionen Toten allein auf russischer Seite verursacht hatte. Hinzu kam eine berlinpolitische Überlegung der Moskauer Führung: Nach einer Begnadigung des Häftlings wäre die, neben der alliierten Flugsicherung, letzte West-Berliner Viermächte-Bastion der Sowjets vorzeitig entfallen.

Der Häftling selber hatte jahrelang auf Gnadengesuche verzichtet. Erst im Frühjahr dieses Jahres besann er sich. Offenbar aufgrund von Meldungen, Gorbatschow erwäge eine Begnadigung, schrieb er wenige Monate vor seinem Tod an den Generalsekretär und gleichzeitig auch an die Staatsoberhäupter in Washington, London und Paris: "Ich bitte um Freilassung." Die Sowjets bestätigten lediglich den Erhalt des Briefs, die anderen nicht einmal das.

Schon in den siebziger Jahren, als die Gesundheit des Häftlings zusehends schwand, hatten sich die Westalliierten mit den Sowjets insgeheim auf ein gemeinsames Vorgehen im Fall des Heß-Todes verständigt: Die Prozedur, die zuletzt 1982 festgeschrieben wurde, sah das Ende der Spandauer Viermächte-Verantwortung und den sofortigen Abriß des Gebäudes vor.

Und wie eine geheime Kommandosache zirkulierten in den letzten Monaten in ausgewählten Berliner Amtsstuben Papiere über ein britisches Bauvorhaben, das gleich nach dem Gefängnisabriß in Spandau entstehen soll und über das keine Informationen "ohne schriftliche Zustimmung der örtlichen Dienststellen" weitergegeben werden durften: ein Dienstleistungszentrum mit Supermarkt Kegelbahn, Kino und Kirche für die Soldaten Ihrer Majestät.

Fertig formuliert war seit langem schon eine Viermächte-Verlautbarung für den Todesfall. Wortlaut:
" Ableben von Rudolf Heß "
" Rudolf Heß, einer der führenden "
" nationalsozialistischen Kriegsverbrecher, der im Jahre "
" 1946 vom Internationalen Militärtribunal in Nürnberg zu "
" lebenslanger Haft verurteilt wurde, ist am ... im "
" Spandauer Kriegsverbrechergefängnis gestorben. "
" Entsprechend einem Beschluß der Vier Mächte und nach "
" Treffen der erforderlichen Vorkehrungen wird die "
" sterbliche Hülle von Rudolf Heß den in der Bundesrepublik "
" Deutschland ansässigen Familienangehörigen zur Beisetzung "
" übergeben. "

Für ihre Vorbereitungen auf eine rasche Information der Öffentlichkeit wie auch für die Geheimniskrämerei um die Abrißpläne glaubten die Viermächte-Vertreter gute Gründe zu haben. Sie befürchteten seit Jahren, der Heß-Tod werde alten und neuen Nazis Auftrieb

geben, der rote Backsteinbau könnte zur braunen Kultstätte werden.

Doch kaum war Rudolf Heß am Montagnachmittag letzter Woche durch eigene Hand gestorben, da ging das Vorsorgekonzept der Alliierten zu Bruch: Begünstigt durch eine dilettantische Informationspolitik, konnte eine von rechts gesteuerte Kampagne gegen die alliierte "Selbstmordversion" (Heß-Anwalt Alfred Seidl) anrollen. "Bild" schlagzeilte: "Bekam Heß Sterbehilfe?"

Das Mißtrauen war durch eine Pannenserie geweckt worden. Obwohl Heß an Selbstmordfolgen und im britischen Militärhospital gestorben war, verbreiteten die Alliierten zunächst die vor Jahren vorbereitete Meldung vom Tod im Gefängnis. Später entschuldigten sich die Briten, die Sowjets hätten einer Änderung der vorformulierten Erklärung nicht zugestimmt.

Aber auch in der auf Betreiben der Briten nachgebesserten Zweitversion, die den wirklichen Sterbeort, das englische Militärhospital, nannte, fehlte jeder Hinweis auf einen Freitod. Daß der Gefangene mit einem "Elektrokabel um den Hals" aufgefunden worden war, wurde erst in einer dritten Erklärung bekanntgegeben - offen blieb weiterhin, ob Heß sich am Kabel erhängt oder von Hand erdrosselt hatte.

Erst im vierten Anlauf, Mittwochnachmittag letzter Woche, rückte die Schutzmacht mit der Meldung heraus, Heß habe in seiner Hosentasche einen kleingefalteten Abschiedsbrief an seine Frau Ilse mit "sehr kurzem Text" gehabt, durch den der Suizid belegt werde. Heß-Sohn Wolf-Rüdiger machte tags darauf Auszüge publik: "Liebe Ilse, diese Zeilen schreibe ich kurz vor meinem Tode ... Danke für alles, was Ihr für mich getan habt und was Ihr für mich versucht habt."

Ungeklärt blieb bis Ende letzter Woche, wie Rudolf Heß ans Kabel kam und ob er in der Anstalt, auf dem Transport oder erst in der Klinik gestorben war. In der britischen Erklärung heißt es lediglich: "Man nahm Wiederbelebungsversuche vor, und Heß wurde ins britische Militärkrankenhaus gebracht. Nach weiteren Versuchen, Heß wiederzubeleben, wurde er um 16.10 Uhr für tot erklärt."

Mysteriös erschien zunächst auch der Auftritt der Installationsfirma Frohberg-Elektro-Bau GmbH, die am Todestag auf dem Anstaltsgelände gewerkelt hatte. Vermutungen, daß Heß in den Besitz eines Kabelendes aus den Handwerkerbeständen gekommen sei, widersprach ein Frohberg-Bediensteter: Die Elektroarbeiten hätten außerhalb der besonders gesicherten Zone stattgefunden, zu der Heß Zugang hatte.

Spekulation ist, daß Heß sich mit dem Kabel der Infrarot-Heizung stranguliert hat, die 1983 im Pavillon des Gefängnisgartens installiert worden war. Noch Tage nach dem Selbstmord hüllten sich Alliierten-Sprecher in Schweigen.

Vertuscht werden sollte womöglich schlicht Schlamperei des Personals. Die Briten verlautbarten, daß der Bewacher den Häftling minutenlang allein gelassen habe; bei der Rückkehr "fand er Heß mit einem Elektrokabel um den Hals vor". Wegen Vernachlässigung der Aufsichtspflicht gab es letzte Woche Dissens unter den Westmächten.

Ein französischer Offizieller findet es "in der Tat ungewöhnlich, daß der Wächter sich entfernt". Die Amerikaner, die in diesem Monat als "Gewahrsamsmacht" für Spandau fungieren, halten dagegen, am Nachmittag des Selbstmordtages ha be die übliche gemischte Truppe - ein Franzose, ein Amerikaner und ein Engländer - Dienst getan. Die Alliierten hätten, so ein US-Sprecher, mithin "zu dritt gemeinsam die Verantwortung" zu tragen.

Zweifeln am Selbstmord, wie sie vor allem von rechtsaußen gestreut werden, stehen Obduktionsergebnisse entgegen. Nachdem schon eine von den Alliierten veranlaßte Untersuchung Tod durch Selbststrangulation ergeben hatte, ließen die Heß-Angehörigen den Leichnam am Freitag letzter Woche in München erneut obduzieren. Auch dabei wurden, wie Heß-Anwalt Seidl einräumte, "Druckstellen" am Hals registriert.

Daß alte Leute sich durch Selbststrangulation umbringen, ist, wie der Hamburger Rechtsmediziner Manfred Kleiber weiß, nicht gerade selten. Beim Erdrosseln kommt es, so Kleiber, zum Tod "durch eine Kombination von Ersticken und Unterbrechen der Blutzufuhr zum Gehirn". Zunächst tritt Bewußtlosigkeit ein, dann wird die Luftzufuhr unterbrochen. In selteneren Fällen kann es zum "Reflextod" kommen - durch Druck auf ein Ganglienzentrum an der Halsschlagader wird die Herztätigkeit gestoppt.

Entscheidend für das Gelingen eines Suizids durch Erdrosseln ist laut Kleiber das "Strangulationsmaterial": Es darf sich beim Eintritt der Bewußtlosigkeit nicht lösen, sonst kommt der Kandidat meist wieder zu sich. Damit ein fester Knoten gebunden oder ein Knebel gedreht werden kann, müsse das Material rutschfest sein: "Ein Elektrokabel würde sich schon ganz gut eignen."

Rechte Extremisten ließen derweil nicht davon ab, den Kabel-Toten zum braunen Märtyrer hochzustilisieren. In etlichen westdeutschen Städten, aber auch in Mailand, Wien und Madrid, wurden Gedenkwachen abgehalten oder neofaschistische Parolen gesprüht. Die rechtsextremistische "Freiheitliche Deutsche Arbeiterpartei" hetzte auf Flugblättern gegen die alliierten "Justizmörder", die allesamt den "Tod durch den Strang" verdienten.

In Berlin strömten Touristen busweise zum Spandauer Gefängnis. Anlieger _(Vordere Bankreihe, 2. v. l. )

mußten ihre Rasenflächen mit Prügeln und Absperrbändern gegen den Ansturm der Gaffer schützen, von denen viele durch ein uraltes Stadtgerücht angelockt worden waren: Die Sprengkammer im Zellenbau sei längst gebohrt, die Gefängnisbeseitigung unter Blitz und Donner gleich nach dem Heß-Ableben zu erwarten.

Statt dessen war lediglich der Abtransport von Akten und Mobiliar zu erspähen, der von den Alliierten vereinbarte letzte Amtsakt unter Viermächte-Verantwortung. Schlachtenbummler verlegten sich darauf, Abrißunternehmen mit Souvenir-Wünschen zu überhäufen. Besonders hoch notiert: Mauersteine und Fenstergitterteile vom Heß-Trakt.

Derweil hatten zwei Dutzend Heß-Fans vor der Anstalt einen Altar aufgebaut. Braune keiften Reporter an ("Scheißdreck") und übergaben Blumen, die verdatterte Polizisten tatsächlich in den Sperrbezirk vor dem Portal brachten. Einer, der den Hitler-Gruß entbot, wurde festgenommen. Rechtslastige Altberliner fanden sich mit Kerzen bewaffnet zur nächtlichen Mahnwache ein, junge Neonazis grölten, die Reichskriegsflagge schwenkend, das Deutschlandlied, erste Strophe.

Für den Erhalt des düsteren Gebäudes warben letzte Woche zwar vereinzelt auch Denkmalschützer und Stadtentwickler wie Hardt-Waltherr Hämer, der dafür plädierte, "auch die unbequemen Teile der Geschichte präsent" zu halten. Und der Kultursprecher der Berliner FDP erinnerte, bedenkenschwer, an "die Abrißsünden der Vergangenheit" und forderte eine Denkpause.

Am lautstärksten jedoch ertönten gegen den Abriß "irrationale und rechtsradikale Stimmen", wie Senatssprecher Winfried Fest erfuhr, der tagelang mit Protestanrufen überhäuft wurde. "Schauen Sie mal in Ihren Ausweis, ob Sie noch Deutscher sind", schalt einer, "Besatzerknecht!" pöbelte ein anderer.

Ebenso wie die Abriß-Order sorgte ein anderer Alliierten-Geheimbeschluß aus dem Jahre 1982 für tagelangen Medienrummel: die Entscheidung, den Leichnam der Heß-Familie zur Bestattung zu übergeben.

Anders als 1946, als die Leichen der zehn in Nürnberg hingerichteten Kriegsverbrecher verbrannt wurden und die Sieger die Asche in der Nähe des Münchner Tierparks in die Isar kippen ließen, war nun ein Totenkult um den Führer-Stellvertreter nicht mehr zu verhindern.

Zwar versuchten Polizei und Alliierte letzte Woche, die Überführung des Leichnams von Berlin in die bayrische Heimat der Heß-Sippe mit Hubschraubereinsätzen und Straßensperren, getarnten Fahrzeugen und Zickzackrouten vor Fernseh-Teams und etwaigen Rechtsterroristen abzuschirmen. Doch der Leichnam war noch nicht nach Wunsiedel gelangt, wo er im Heß-Familiengrab beigesetzt werden soll, da pilgerten schon die ersten Schaulustigen in das fränkische Städtchen.

Wunsiedel, bislang allenfalls durch den Kräuterschnaps "Sechsämtertropfen" bekannt, war "schlagartig voller Gerüchte und Reporter", wie Bürgermeister Karl Walter stöhnte, der letzte Woche "fast nur Programm Heß" abwickeln konnte. Das Hotel "Wunsiedler Hof" war wegen seiner exzellenten Lage mit Blick auf den evangelischen Friedhof im Nu belegt.

"Ich fürchte", sagt Bürgermeister Walter, "daß Wunsiedel zur Pilgerstätte für Unverbesserliche werden könnte." Dem CSU-Politiker wäre lieber gewesen, wenn die Alliierten Heß in Berlin hätten feuerbestatten lassen: "Dann wäre der ganze Rummel weg."

Der Rummel hatte am Dienstagabend letzter Woche begonnen, als auf dem Heßschen Familiengrab fünf Kerzen flackerten und ein paar Dutzend Flugblätter der "Hilfsgemeinschaft Rudolf Heß" beleuchteten. Tags darauf deponierten NPD-Mitglieder "Weihepostkarten" am Familiengrab. Am Donnerstag bereits ließ eine Heß-Bewunderin aus Berlin von Wunsiedler Gärtnergehilfen den ersten Kranz niederlegen.

Zugleich allerdings zeichneten sich auch schon Grenzen des Heß-Kults ab. In der Nazi-Szene registrieren Verfassungsschützer auch kritische Töne über den Spandauer. Ein Führer-Treuer aus Berlin tönte vor dem Berliner Gefängnis, der Hitler-Stellvertreter sei ein "Verräter" gewesen: "Weder in England noch in Nürnberg hat er sich wie ein deutscher Mann benommen."

Heß selber wiederum, der sich seinem Sohn gegenüber als "Grüner mit Verstand" bezeichnet hat, war lange vor seinem Tod auf Distanz zu den jungen Braunen gegangen. "In seinem Geist", notierte der ehemalige französische Militärpfarrer Charles Gabel, "hatte er das Blatt gewendet." Gabel: "Als wir von Neonazismus sprachen, hat er mir mehrmals gesagt, diese Menschen sind verrückt."

Mit Fahne: Heinrich Himmler. Vordere Bankreihe, 2. v. l.

DER SPIEGEL 35/1987
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Heß - Er war eine künstliche Größe