14.12.1987

Waterkantgate: „Moralisches Vakuum“

Der schleswig-holsteinische CDU-Vorsitzende Gerhard Stoltenberg wird für die Landespartei zur Belastung *
Gerhard Stoltenberg legt Wert auf klare Kompetenz-Verteilung. Wenn etwa die schleswig-holsteinische CDU, wie im zurückliegenden Wahlkampf, Zeitungen und Broschüren herausgibt, dann "obliegt das der Landesgeschäftsstelle". Ihm als dem Landesvorsitzenden sei allenfalls "vielleicht die Grundstruktur der Inhalte vorgetragen" worden, aber "nicht, wer daran mitwirkt".
Denn er habe, sagt der Bonner Finanzminister, seinen "beruflichen Mittelpunkt in der Bundeshauptstadt", und da könne er sich "nicht um Details der Landespolitik kümmern".
Nicht nur auf das "Flensburger Tageblatt" wirkte Stoltenberg "merkwürdig fern", als er am Mittwoch vergangener Woche vor dem Untersuchungsausschuß des Landtags zu seiner Kenntnis der Vorgänge befragt wurde, die der Zeuge als "sogenannte Kieler Affäre" apostrophiert. Stoltenberg, so der Zeitungskommentar, "schien einen Bericht über ein ihm fremdes Land zu geben".
Immerhin war Stoltenberg, 59, von 1971 bis 1982 Ministerpräsident in Kiel, und Landesvorsitzender seiner Partei ist er seit nunmehr 16 Jahren. Doch die Distanz, die er bei seinem Ausschuß-Auftritt zum Kabinett seines Amtsnachfolgers Uwe Barschel wie zu den Managern seiner Provinzpartei hielt, war kühl kalkuliert: Sie ermöglichte ihm, "persönliche Verantwortung" für Entgleisungen in Parteipublikationen ebenso abzulehnen wie für die "Machenschaften" des Medienreferenten Reiner Pfeiffer in der Staatskanzlei.
Denn natürlich hatte Stoltenberg auch mit Barschel eine "Arbeitsteilung verabredet". Er habe sich, versicherte der Landesparteichef, niemals in die "operativen Angelegenheiten" des Ministerpräsidenten eingemischt, allenfalls "Berufungen von Ministern" und "manchmal bei Staatssekretären" habe man "gemeinsam erörtert".
Nur ein Jubel-Journalist wie Friedrich Karl Fromme von der "Frankfurter Allgemeinen" konnte über Stoltenbergs vorgeschützte Unkenntnis Erleichterung empfinden: Wenn dem Bonner Minister "von CDU-Leuten im Lande gelegentlich nachgeredet wurde", er vernachlässige seine Pflichten als Landesvorsitzender, so schlage ihm dies "nun zum Guten aus".
Eher trifft zu, was die "Süddeutsche Zeitung" schon vor Wochen konstatierte: "Ein Landesvorsitzender, der von dem Komplott nichts wußte", das Barschel gegen die SPD geschmiedet habe, stelle "fast eine genauso große Belastung dar wie ein Vorsitzender, der über diese Machenschaften im Bilde war".
Daß sich jetzt Stoltenbergs Strategie rächt, die Landespartei nur als Hausmacht für bundespolitische Ambitionen in Anspruch zu nehmen, sie aber im übrigen mit linker Hand von Bonn aus zu führen, hat auch der Ehrenvorsitzende der schleswig-holsteinischen CDU und frühere Ministerpräsident Kai-Uwe von Hassel erkannt. Vorige Woche schlug von Hassel öffentlich vor, einen der vier Stellvertreter Stoltenbergs als geschäftsführenden Landesvorsitzenden zu berufen - nachdem der Bundesfinanzminister auf ein entsprechendes Fernschreiben von Hassels zehn Tage lang nicht reagiert hatte.
Seinen spektakulären Vorstoß rechtfertigte der Ehrenvorsitzende mit der "wachsenden Ungeduld" unter Parteifreunden: "Auf Schritt und Tritt" werde er darauf angesprochen, daß sich an der Parteispitze etwas ändern müsse.
Eine derart despektierliche Anregung, meinte das "Hamburger Abendblatt", sei noch vor kurzem undenkbar gewesen, weil sie "einer Majestätsbeleidigung gleichgekommen wäre". Daß im Landesvorstand der Hassel-Vorschlag sogleich aufgegriffen und die Funktion der Stellvertreter gestärkt wurde, ist ein Beleg dafür, wie sehr Stoltenbergs Ansehen auch in der Partei gelitten hat.
In der öffentlichen Meinung erlebt der einstige Publikumsliebling ohnehin einen rapiden Kurssturz: Auf der Popularitätsskala der Demoskopen lag Stoltenberg noch vor einigen Monaten an der Spitze aller Unionspolitiker; in den Emnid-Umfragen des SPIEGEL wie beim ZDF"Politbarometer" übertrumpfte er stets den Bundeskanzler, und er galt als Favorit, wenn über einen Nachfolger Helmut Kohls spekuliert wurde.
Nun aber ist sein Image ramponiert. Einerseits macht der Finanzminister in der Diskussion über Steuerreform und Konjunkturprogramm eine unglückliche Figur, andererseits verdrießt er seine Anhänger durch ungeschicktes Taktieren bei der Bewältigung der Waterkantgate-Affäre: Erst zog er sich den Zorn vieler Parteigänger zu, die glaubten, Stoltenberg habe Barschel überstürzt fallengelassen; jetzt wächst die Kritik, weil er zaudert, das an den Ferkeleien beteiligte Personal auszuwechseln.
Vergangene Woche kündigten deshalb die Liberalen die koalitionsähnliche Kooperation mit der CDU auf. Die "fast vollständige politische Lähmung" der Union, begründete FDP-Landeschef Wolf-Dieter Zumpfort den Abfall der Freidemokraten, habe "zum Überdenken unserer Position gezwungen". Mit einem "Geschlossenheitsgrad, wie wir ihn lange nicht mehr gehabt haben"
(Zumpfort), beschloß der Landeshauptausschuß der Liberalen, die Bündnis-Zusage auszusetzen - einstimmig bei einer Enthaltung.
Da half es dem CDU-Landesvorsitzenden auch nicht, daß er zu dem formalistischen Hinweis Zuflucht suchte, seine Partei sei für Barschels schmutzige Tricks nicht verantwortlich zu machen. Im Gegenteil: Die aus dieser spitzfindigen Betrachtungsweise resultierende Weigerung, sich beim SPD-Oppositionsführer Björn Engholm, dem Opfer der Umtriebe, zu entschuldigen, ist in den Augen der Liberalen erst recht ein "unwürdiges Schauspiel".
Wenn schon, angesichts der erdrückenden Beweislage, Barschels Ehrenwort Makulatur geworden ist, so sollen die Aktionen allein aus dem Verantwortungsbereich des ehemaligen Ministerpräsidenten gekommen sein. "Wir haben uns geirrt", sagt Stoltenberg, "wenn wir allen Aussagen Uwe Barschels nach der Landtagswahl Vertrauen geschenkt haben." Aber "ob Irrtum hier mit dem Begriff Schuld zu verbinden" sei, windet er sich, "das müßte sehr sorgfältig diskutiert werden".
Für die These, daß die Untaten nur einem kranken Hirn entsprungen sein könnten, die Partei aber nichts damit zu schaffen habe, lieferte die Lübecker Staatsanwaltschaft pünktlich einen Tag vor Stoltenbergs Anhörung im Ausschuß einen scheinbaren Beleg. Die Ermittlungsbehörde, die sich zunächst mit einseitigen Recherchen zur Entlastung des CDU-Ministerpräsidenten den Vorwurf der Parteilichkeit eingehandelt hatte, veröffentlichte ein 50seitiges Gutachten von zwei Ärzten der Lübecker Universitätsklinik, wonach Barschel seit Jahren Medikamentenmißbrauch betrieb (siehe Kasten Seite 96).
"Manche Enthüllungen kommen, als ob sie jemand gerufen hätte", kommentierte die "Süddeutsche Zeitung" den wundersamen zeitlichen Zufall. Die Handlungen, zu denen Pfeiffer von Barschel angestiftet worden sein will, befand Stoltenberg anderntags vor dem Ausschuß, seien nicht nur "verwerflich, sondern auch absurd" gewesen. Will heißen: Auf die Idee, den Machterhalt mit einer anonymen Steueranzeige gegen den SPD-Konkurrenten, mit detektivischer Bespitzelung und Psychoterror zu sichern, könne doch nur jemand kommen, der nicht mehr klar im Kopf sei.
Auch dem Bonner CDU-Generalsekretär Heiner Geißler kam die von den Staatsanwälten verbreitete Mediziner-Expertise gelegen. Geißler: "Uwe Barschel war krank." Ebenso begierig stürzte sich die "FAZ" auf den Befund: Wenn sich "das Rätsel auf so einfache wie trostlose Weise lösen" sollte, dann müsse es "wenigstens ein Ende haben mit dem fast schon kindlichen Rufen nach 'Entschuldigungen' ".
So einfach mag es der frühere CDU-Obmann im parlamentarischen Untersuchungsausschuß, Trutz Graf Kerssenbrock, sich und seinen Parteifreunden allerdings nicht machen. "Juristisch", meint er, "mag die Schuld Uwe Barschels durch den Medikamentenmißbrauch geringer sein." Aber "für die politische Bewertung" könne dies "überhaupt keine Rolle spielen".
Ohnehin ist zweifelhaft, ob Anfang des Jahres, als die Aktionen gegen Engholm ausgeheckt wurden, Barschels psychische Verfassung durch die Tranquilizer bereits angegriffen war.
Sicher ist indes lediglich, daß sich Barschel, wie sich jetzt herausstellte, seit 1980 von drei verschiedenen Ärzten unter anderem große Mengen der Psycho-Pille "Tavor" verschreiben ließ, die zunächst gegen "Schlafstörungen und morgendliche Anlaufschwierigkeiten", aber auch gegen Flugangst helfen sollte. Allein von einem Arzt in Mölln wurden Barschel seit April 1980 insgesamt 74 Rezepte für zusammen 3670 Tabletten des starken Beruhigungsmittels verschrieben. Davon nahm Barschel, laut ärztlichem Gutachten, anfangs durchschnittlich zwei Milligramm pro Tag.
Erst nach der ersten SPIEGEL-Veröffentlichung über die Waterkantgate-Affäre steigerte Barschel die tägliche Dosis auf mutmaßlich mehr als zehn Milligramm. "Derartige Tageshöchstmengen", merkten die Gutachter dazu an, "haben wir nur in seltenen Fällen als Begleitmedikation bei psychisch schwerkranken Patienten benötigt." Obendrein nahm Barschel noch verschiedene andere Medikamente ein: etwa den Angsthemmer "Diazepam-ratiopharm" und das Einschlafmittel "Azutranquil".
All diese Arzneimittel hatte der ehemalige Ministerpräsident, wie Witwe Freya Barschel der Staatsanwaltschaft berichtete, bei sich, als er am 10. Oktober von Gran Canaria nach Genf startete
- "in einer Tüte, die ihm sein Arzt mitgegeben hatte".
Die beiden Gutachter, die sich nur auf Karteikarten und Krankenakten, aber weder auf eigene psychiatrische Untersuchungen Barschels noch auf sonstige ärztliche Befunde stützen, äußern sich zurückhaltend und allgemein über die Wirkung überhöhter Tranquilizer-Dosierung. "Bei gezielter mißbräuchlicher Einnahme von Benzodiazepinen" wie Tavor könne "der angstlösende Effekt dazu benutzt werden, sich über die Bedenken hinsichtlich vermuteter oder antizipierter Folgen rechtswidriger oder moralisch bedenklicher Handlungen hinwegzusetzen". Bei chronischem Dauergebrauch in höherer Dosierung könne "die Hemmschwelle auch unbeabsichtigt und vom betreffenden Patienten nicht mehr kritisch reflektiert herabgesetzt werden".
Nach Ansicht der Gutachter waren "die Herrn Dr. Barschel durch ärztliche Verschreibung zur Verfügung gestellten Benzodiazepinmengen" jedoch "für die Indikation 'Angstsymptomatik beim Fliegen' in keiner Weise gerechtfertigt". Denn der Dauergebrauch von Tavor wäre bei einer "situativ ausgelösten Angst" unnötig gewesen.
So ist zu vermuten, daß Barschel über die Jahre, mit zunehmendem Gewöhnungseffekt, die Psycho-Pillen schluckte, weil ihn seine steile Polit-Karriere überforderte - mit 25 stellvertretender Landesvorsitzender, mit 29 Chef der CDU-Landtagsfraktion, mit 34 Minister.
Als Barschel 1982, mit 38 Jahren, Regierungschef wurde, wußten etliche Kabinettsmitglieder - darunter der Minister für Bundesangelegenheiten und jetzige geschäftsführende Ministerpräsident Henning Schwarz - allerdings auch, daß der junge Aufsteiger in früherer Zeit bereits in psychiatrischer Behandlung gewesen war.
Mitte der siebziger Jahre hatte der damalige CDU-Fraktionschef mehrere schwere Autounfälle verursacht. Daraufhin wurde Barschel an der Medizinischen Hochschule Lübeck behandelt. Einer der Ärzte, berichtete ein CDU-Politiker dem SPIEGEL, habe damals geäußert, Barschel zeige typische Symptome von Menschen, "die sich überschätzen".
Gleichwohl kam Stoltenberg an dem ehrgeizigen Karriere-Politiker nicht vorbei, als er seinen Nachfolger zu bestellen hatte. Der nach der Bonner Wende ins Kabinett Kohl eintretende Finanzminister mußte indes von den früheren Barschel-Therapien Kenntnis haben - durch Henning Schwarz, seinen Jugendfreund aus gemeinsamer Oldesloer Schulzeit, der spätestens seit 1979 Bescheid wußte.
Mit diesem Informationsstand mag auch zu erklären sein, warum Stoltenberg seinem Zögling nur ein Stückchen Macht abtrat, seinen beherrschenden Einfluß als Landesparteichef jedoch beibehielt. Denn die Konstellation, daß die beiden Ämter nicht in Personalunion verbunden sind, ist in unionsregierten Bundesländern ungewöhnlich, die einzige Ausnahme neben Schleswig-Holstein ist derzeit Niedersachsen.
Wo die Spitzenfunktionen nicht in einer Hand liegen, ergibt die Ämtertrennung durchaus einen Sinn, wenn dadurch der Regierungschef von der Parteiarbeit entlastet wird. In Schleswig-Holstein hingegen verzichtete Barschel keineswegs freiwillig auf den Parteivorsitz: Stoltenberg wollte ihn nicht räumen.
So blieb Barschel im Schatten des Übervaters lediglich dessen Kieler Statthalter, der von Stoltenberg nicht einmal in alles eingeweiht wurde, was von Bonn aus an der Förde getrickst wurde - wie etwa der illegale U-Boot-Handel der Howaldtswerke-Deutsche Werft AG und des Ingenieurkontors Lübeck (siehe Kasten Seite 98).
"Wo Stoltenbergs Stern strahlt, bleibt Uwe Barschel blaß", schrieben Regionalblätter. Bei Landesparteitagen hatten Journalisten den Eindruck, als müsse der Ministerpräsident "an einem Katzentisch Platz nehmen".
Barschel schien es "als Herabsetzung anzusehen, daß er nur mit der halben Macht ausgerüstet worden ist" (so 1983 die "Schleswig-Holsteinische Landeszeitung"). Im selben Jahr verzichtete Barschel deshalb darauf, wieder stellvertretender Landesvorsitzender zu werden - weil er nicht erster werden durfte, wollte er auch nicht zweiter bleiben.
Auch wenn Stoltenberg die Insignien der Macht nicht aus der Hand geben mochte, ließ er als Parteiführer die Zügel
doch zunehmend schleifen. Die Arbeit vor Ort erledigt seit 1980 ein Mann seines Vertrauens, den er als Generalsekretär installierte: Rolf Rüdiger Reichardt, 47. Der ehemalige Bundeswehr-Oberstleutnant, dem das Verteidigungsministerium ein vorzügliches Zeugnis ausstellte (Stoltenberg: "Ich habe noch nie eine so gute Personalakte gesehen"), kommandiert die Landespartei ganz nach dem Geschmack des Vorsitzenden.
Im zurückliegenden Wahlkampf, bescheinigt ihm Stoltenberg, habe der Partei-General "sehr gute und selbstlose Arbeit geleistet". Er könne, sagte der Landesvorsitzende vorige Woche vor dem Untersuchungsausschuß, "bis zum heutigen Tag nicht erkennen", wieso "Persönlichkeiten und Mitarbeiter der CDU" mit den Aktivitäten aus der Staatskanzlei "in Verbindung gebracht werden".
Dabei ist es längst kein Geheimnis mehr, daß Reichardt und CDU-Pressesprecher Günter Kohl (der Ende des Monats den Posten aufgibt) nicht nur Pfeiffer, sondern auch andere Bedienstete der Staatskanzlei verfassungswidrig als Mitarbeiter an Parteipublikationen beschäftigt haben: *___Bei der dreimal erschienenen Wahlkampf-Zeitung ____"Schleswig-Holstein am Wochenende" fungierte Pfeiffer ____als Chef vom Dienst, der tagelang während der ____Arbeitszeit die Herstellung in der Preetzer Druckerei ____überwachte; der damalige Regierungssprecher Gerd Behnke ____las als Barschels Aufpasser Druckfahnen. *___Die Broschüre "Schönes Schleswig-Holstein" wurde mit ____"Leistungsbilanzen der Regierung" (Behnke: ____"Abfallprodukte unserer Arbeit") gefüllt; für ein ____Geleitwort Stoltenbergs ("Mein Freund Uwe Barschel") ____fertigte Ghostwriter Pfeiffer den ersten Text-Entwurf - ____der war, worüber Stoltenberg noch im nachhinein froh ____ist, nicht so recht nach seinem Stilgefühl weshalb er ____ihn in drögem Beamten-Deutsch "in Bonn selbst ____weitgehend neu gefaßt" hat. *___Hauptautor der Broschüre "Betr. Engholm" war ____Staatskanzlei-Referent Jürgen Lambrecht; das Werk, laut ____Stoltenberg ursprünglich konzipiert als "Sammlung ____dokumentierter Zitate", ist ein zusammengeklittertes ____Pamphlet voller persönlicher Verunglimpfungen.
Der SPD-Spitzenkandidat wird darin als "geländegängiger Opportunist" mit einem "Gummi-Rückgrat" beschimpft, der "die Posaune des Ostens" blase und aus "Liebedienerei zu den Grünen" eine "wirksame Bekämpfung von Terrorismus und Kriminalität" verhindere.
Die Pseudo-Dokumentation traf genau die Gemütslage der Parteichristen. Er habe, sagt Stoltenberg, "gehört, daß es den Wunsch nach einem Nachdruck gab", und dies "zustimmend zur Kenntnis genommen".
Von derselben Machart waren auch die anderen CDU-Druckwerke - bis hin zu der verleumderischen, später gerichtlich untersagten Behauptung in der Wahlkampf-Zeitung, die SPD wolle "Sex mit Kindern straffrei" lassen. In Stil und Sprache folgten die Zuarbeiter aus der Staatskanzlei der Devise des Stoltenberg-Sprechers Kohl, der im CDU-Mitgliederblatt "Schleswig-Holstein Kurier" dafür plädiert hatte, die "vornehme Zurückhaltung" gegenüber der SPD "abzulegen".
An dem Unflat, der da ausgekübelt wurde, findet Stoltenberg nichts auszusetzen. "Nur in einem Fall", konzedierte der Landesvorsitzende vor dem Ausschuß, sei "die Grenze überschritten worden" - die der zulässigen Zusammenarbeit von Regierungsstellen und Partei: In einem CDU-internen Rundschreiben Reichardts war Pfeiffer mit Telephon-Durchwahl (596-2514) als Ansprechpartner für Parteimitglieder genannt worden.
"Solange dieser Mann die CDU Schleswig-Holsteins führt", hatte die "Zeit" nach dem Landesparteitag Anfang November in Timmendorfer Strand über Stoltenberg geschrieben, "wird seine Partei die Dimension der politischen Katastrophe nicht begreifen und schon gar nicht bewältigen." Wer die Hemmungslosigkeit im Umgang mit dem politischen Gegner für normalen Wahlkampfstil ausgibt, kann schwerlich Konsequenzen ziehen.
So sind denn auch für Stoltenberg letztlich die Wähler schuld, daß der CDU die leidige Diskussion über Barschels schmutzige Tricks aufgezwungen wurde. "Am 13. September", klagte der Parteichef, "fehlten uns weniger als 2000 Stimmen für das entscheidende Mandat."
Da weiß sich Stoltenberg mit großen Teilen der Parteibasis einig: Hätte es rechnerisch zu der Wunsch-Koalition mit der FDP gereicht, wäre die Affäre schon durch Mehrheitsentscheidung erledigt worden. Auf die Empfindungen des Parteivolkes nimmt auch der von Barschel selbst noch eingesetzte Übergangsregent Schwarz, 59, Rücksicht, wenn er Entschuldigungen für "verfrüht" und für "organisatorisch nicht passend" erklärt.
SPD-Chef Hans-Jochen Vogel findet es bemerkenswert, daß sich aus der CDU "jetzt auch Leute entschuldigen, die von uns nie in jenem Zusammenhang gesehen worden sind", beispielsweise der Bonner Umweltminister Klaus Töpfer oder der hessische Ministerpräsident Walter Wallmann.
Nur die beiden höchsten Repräsentanten der betroffenen Landespartei, Stoltenberg und Schwarz, bringen derlei nicht über sich - obgleich Kommentatoren von rechts bis links die Nord-CDU vorige Woche zu einer versöhnenden Geste ermunterten. Die konservative Wochenzeitung "Rheinischer Merkur/ Christ und Welt" empfahl, die Partei "sollte soviel Größe haben, sich durch Gerhard Stoltenberg bei Barschels Opfer Björn Engholm zu entschuldigen". Das "Hamburger Abendblatt" nannte eine Entschuldigung "ein Zeichen von Mitmenschlichkeit, das gerade von einem Christdemokraten erhofft wird".
Stoltenberg ist damit offenbar überfordert. Früher, so die "Hamburger Morgenpost", habe der "große Klare aus dem Norden" als "pflichtbewußt" und "gradlinig" gegolten. Jetzt sei "sein Kern zu bewundern": "ein politisches und moralisches Vakuum" - mit dem "Charme einer beleidigten Leberwurst".

DER SPIEGEL 51/1987
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