19.10.1987

USA

Gemeine Fragen

Hinter der Niederlage von Reagans Richter Bork im Senat steckte auch der Kampf zweier mächtiger Lobbyisten. *

Einen offiziellen Titel hat der Mann nicht, obwohl er im Dienst des Weißen Hauses steht. Und für seine Arbeit, so sagt er jedenfalls und schnappt selbstbewußt an seinen breiten, rot-blau gestreiften Hosenträgern, bekommt er keinen Cent. Alles tut er großherzig "für mein Land".

Genauer: für die Republikaner. Tom Korologos, 54, hilft konservativen Gesinnungsfreunden, Karriere zu machen. Wann immer Präsident Ronald Reagan einen Kandidaten für ein politisches Amt vom Senat bestätigen lassen muß, klingelt in Korologos' Bürosuite in Washingtons geschäftiger K-Street das Telephon: "Tom, wir brauchen Ihre Hilfe."

In der amerikanischen Demokratie ist es üblich, daß sich Bewerber um hohe Posten in Regierung oder Justiz von Helfern betreuen lassen - Lobbyisten, die zwischen Weißem Haus und dem Capitol jeden und alles kennen.

Die Spezialität des Amerikaners griechischer Abstammung ist es, Bewerber heil durch die gefürchteten Hearings des Senats zu schleusen. Jeder Anwärter auf einen wichtigen Posten muß sich, so will es die US-Verfassung, von den Senatoren vorab examinieren lassen. Korologos nimmt die Kandidaten bei ihren Auftritten vor den "Todesgremien", wie die Prüfungsausschüsse in Washington genannt werden, "an die Hand".

Ohne seine Unterstützung, davon ist er überzeugt, gingen selbst ausgebuffte Anwärter im Washingtoner Gewirr von komplizierten Verfahrensregeln und Kompetenzen unter. "Es ist nicht einfach", sagt er, "vor Fernsehkameras und Politikern die Hosen runterzulassen, über Trinkgewohnheiten Auskunft zu geben und sich zu erinnern, ob man mal in einem High-School-Test geschummelt hat."

Um seine Klienten vor Peinlichkeiten zu bewahren, spielt Korologos mit ihnen vor Beginn des Hearings alle Themenbereiche durch. Dabei fragt der Trainer, um Schwachpunkte und Gedächtnislücken zu finden und rechtzeitig auszumerzen, "meinen Mandanten die gemeinsten und beleidigendsten Fragen", etwa: "Wann haben Sie zum letzten Mal Ihre Frau geschlagen?"

Außerdem verabredet Korologos Privatissima mit skeptischen Senatoren und

gibt den Kandidaten Verhaltensregeln mit auf den Weg in den Anhörungssaal. Pünktlich sollten sie nach seiner Maßgabe sein und bescheiden austreten, wenn nicht gar demütig. Auf jeden Fall sollten sie sich provokante Antworten vor dem erlauchten Gremium verkneifen, auch wenn die Interviewer sie noch so stark reizen.

Korologos begleitete unter anderen Henry Kissinger und Alexander Haig durch die Anhörungen, als sie Außenminister werden wollten, sowie Gerald Ford und Nelson Rockefeller nach ihrer Nominierung zum Vizepräsidenten.

Ein heikles Problem hatte Korologos bei dem Bundesrichter-Kandidaten William Rehnquist zu lösen, der zeitweilig von Tabletten abhängig gewesen war. Korologos schaffte es, die Senatoren von einem peinlichen öffentlichen Verhör abzubringen und sich mit dem Gutachten eines unabhängigen Mediziners zufriedenzugeben - Rehnquists Nominierung wurde bestätigt.

Bei seinem letzten Klienten aber nutzten alle Künste nichts: Robert H. Bork, ultrakonservativer Jurist und Kandidat von Präsident Ronald Reagan für das Amt eines Obersten Bundesrichters, fiel im Rechtsausschuß des Senats durch.

Korologos und die anderen Strategen des Weißen Hauses hätten Bork, so der Vorwurf von Republikanern, zu defensiv verkauft. Ursache für die Niederlage war aber auch ein Klasse-Lobbyist der Gegenseite, dessen Wirkung Korologos unterschätzt hatte: Ralph Neas, 41, Chef der Leadership Conference on Civil Rights, einer Dachorganisation für 185 Bürgerrechtsvereinigungen.

Neas, Republikaner wie Reagan, steuerte von seinem Souterrain-Büro am Washingtoner Dupont Circle die Anti-Bork-Kampagne und versuchte, Senatoren gegen den Richter zu beeinflussen. Zu Hilfe kamen dem kraushaarigen Rechtsanwalt dabei ausgezeichnete Kontakte zum Kongreß, wo er lange Jahre als Assistent der Senatoren Edward Brooke und David Durenberger gearbeitet hatte. Mark Gitenstein, Jurist im Rechtsausschuß des Senats, über Neas: "Er hat einen guten Draht zu den gemäßigten Republikanern" - eben jenen, die schließlich gegen Bork stimmten.

Außerdem gelang Neas, der selbst die Fahrstuhlführer des Senats beim Namen kennt, ein taktisch kluger Schachzug: Entgegen allen Erwartungen überzeugte er 75 Interessengruppen, nicht vor dem Senatsausschuß gegen Bork aufzutreten. Die Anhänger des Kandidaten hätten dann, so das Kalkül von Neas, die Diskussion über Borks fragwürdige Rechtsphilosophie in eine Debatte über seine Kontrahenten und deren Aktivitäten umwandeln können.

Ebenso wie Neas hat Korologos einige Jahre im Kongreß gearbeitet. Der gelernte Journalist war 1962 als Mitarbeiter des Utah-Senators Wallace Bennett nach Washington gekommen und 1971 zu Präsident Richard Nixon ins Weiße Haus gewechselt, wo er für Verbindungen zu Senat und Repräsentantenhaus sorgte. Nach der Watergate-Affäre und Nixons Sturz diente er ein Jahr Präsident Gerald Ford und eröffnete dann mit einem Kompagnon sein Lobbyisten-Büro.

Neas und Korologos gehören zu den schillerndsten Persönlichkeiten unter den 25000 registrierten Washingtoner Lobbyisten. Während sich Neas allerdings vor allem den Schwachen der US-Gesellschaft widmet, bevorzugen seine Kollegen durchweg finanzstarke Kunden.

Ihrer Verbindungen und Erfahrungen bedienen sich Unternehmen, die ihre Interessen im Gesetzgebungsprozeß wahren wollen aber auch Rechte, denen der Einfluß der Linken zu groß ist, ausländische Regierungen, die bessere Beziehungen zum Weißen Haus brauchen, und eben Aufsteiger wie Bork, die etwas werden wollen.

Einem, der in dieser Grauzone von Big Business und Politik mit ein bißchen zu viel Geschick seine Fäden zog, wird der Prozeß gemacht: Michael Deaver, bis 1985 enger Berater Ronald Reagans, dann Lobbyist mit direkter Beziehung zum Oval Office. Dabei geriet er mit dem Gesetz in Konflikt, weil er die Schamfrist von einem Jahr zwischen Rücktritt und Arbeitsbeginn nicht einhielt und, so der Vorwurf, den Kongreß belog.

Von Deaver erbte Korologos die lukrative Interessenvertretung der Firma Boeing, die absprang, als Deavers Stern zu sinken begann. Außerdem setzt sich Korologos für die Belange von Eastern Airlines und der Nationalen Baseball-Liga ein.

Sein Motto: "Es ist egal, ob man Zucker verkauft oder Mister Bork. "


DER SPIEGEL 43/1987
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