24.08.1987

Gegen den Mann, den Gegner

Von Noack, Hans-Joachim

SPIEGEL-Reporter Hans-Joachim Noack über den fünfmaligen Ruder-Weltmeister Peter-Michael Kolbe *

Steif bläst der Wind von Nord, während der Rennruderer Peter-Michael Kolbe mächtig an Tempo gewinnt. Sein Trainer, Jürgen Düse, der ihn in Hörweite in einem Motorboot begleitet, liest die sprunghaft ansteigenden Frequenzen - Schläge pro Minute - von einer Stoppuhr ab. "31 ... 32 1/2 ... 35!" brüllt er dem Sprintenden über das aufgewühlte Wasser zu.

Bei 37, schließlich 37 1/2, wirkt der hochaufgeschossene Athlet in seinem eleganten gelbweißen Flitzer derart angespannt, als müsse ihm nun irgendwo ein Muskel reißen.

Wie im Fieber glänzen da Kolbes hervorquellende Augäpfel - dunkle Röte schießt in seine fahlen Züge. Aber immer noch gleitet das gertenschlanke 8,30 Meter messende Gefährt das seine größte Breite unter dem Rollsitz mit eben gerade 27 Zentimetern erreicht schwerelos. Selbst bei einem langangezogenen Spurt, wie er angesichts der ungünstigen Wetterlage wohl kaum mehr zu überbieten ist, rudert der Skuller einen fehlerfreien sogenannten Schiffsdurchlauf.

Kein "Stampfer" erschüttert das Boot. Keinerlei Unregelmäßigkeit schleicht sich bei diesem Naturtalent in die Winkelstellung von Armen und Beinen inklusive der beteiligten Körperpartien. Mit der Präzision einer Maschine arbeiten die hauptsächlich beanspruchten "Gelenkpaare" Fußgelenk/Kniegelenk, Kniegelenk/Hüftgelenk, Hüftgelenk/ Schultergelenk.

Erst als er sich eine Pause gönnt, wird erkennbar, was das an Energien gekostet hat. Greinend wie ein kleines Kind hängt er inmitten des Ratzeburger Küchensees weit vorgebeugt in der Gabel der gekreuzten Skulls, fast dem Heulen nahe. Aus unerfindlichem Anlaß beschimpft er den Trainer, ehe sich die Wut in Gelächter auflöst.

Doch dem Coach, dem 50jährigen Kriminaloberkommissar Düse, gefallen solche Reaktionen eines abrupten Stimmungswechsels. Er weiß: Sein Mann braucht Entladung, das reinigt die Psyche; das wird ihm von neuem Spannung bringen.

Später, nach anderthalb Stunden scharfen Intervalltrainings, balanciert der Star des Deutschen Ruderverbandes in der Hocke auf einem Schiffsbock und ist die Leutseligkeit in Person. Gut geht's ihm - "prima, bestens"; er könne sich kaum erinnern, sich je so ausgeglichen gefühlt zu haben.

Peter-Michael Kolbe bereitet sich auf die Weltmeisterschaften vom 24. bis 30. August in Kopenhagen vor. Fünfmaliger Titelträger ist er bereits, und kaum ein Experte zweifelt, daß es ihm auch zum sechsten Male gelingen wird, der Konkurrenz davonzufahren. Es sei denn, der Finne Pertti Karppinen ginge in Dänemark an den Start und fände zu seiner alten Klasse zurück.

Lässig erschlägt der Skiffer aus Hamburg mit der flachen Hand eine Wespe, die ihm auf den Oberschenkel gekrochen ist. Alsdann erhebt er sich zur vollen Größe seiner stattlichen 1,91 Meter und stolziert mit durchgedrücktem Rückgrat über die Anlegerplattform. Schön sieht das aus. Ästhetisch wie er rudert, präsentiert er nun sich selber. Die ganze Gestalt, so wird danach der ihn betreuende Sportarzt Alois Mader rühmen, eine einzige makellos proportionierte "hochaktive Körpermasse".

Und: Mens sana in corpore sano. "Der Michel", sagt der Vorsitzende des Kolbe-Klubs RC Hamburg, Günther Gudert, über den 34jährigen Industriekaufmann, habe sich nun auch charakterlich "ungeheuer zum Positiven verändert". Sein Schützling, schwärmt der Kripomann Düse, sei "schlichtweg ein anderer Mensch, das große Vorbild, geworden".

Da freut er sich und legt grinsend die weißen Zähne frei. Denn natürlich ist ihm bewußt, daß man ihn nicht immer so sah. Er kennt sein Image als ein vermeintlich zur Unnahbarkeit neigendes Naturell - der mit Abstand erfolgreichste Ruderer der Republik hat die Kräche noch alle parat, die er im Gefolge seiner nahezu fünfzehnjährigen Karriere mit Funktionären oder Journalisten ausfocht.

Hat er sich also tatsächlich gewandelt? Er zuckt mit den Schultern; es erscheint ihm gut möglich, daß er verbindlicher geworden ist. Zwar entgleisen Kolbe wie eh und je die Gesichtszüge zu einem Ausdruck schieren Unverständnisses, wenn er die Namen von "Verbands- und Vereinsmeiern" hört, aber er schweigt dazu.

Statt sich in den üblichen Animositäten zu verzetteln, versucht er sich zu konzentrieren, das ihm noch verbleibende "unwiderruflich letzte Jahr" zu nutzen, seinen Lebenstraum zu verwirklichen.

Kopenhagen, sosehr er auch dort um den WM-Titel zu fighten verspricht, ist dabei "nur Durchgangsstation". Das wahre Ziel heißt Seoul - im insgesamt vierten Anlauf, nachdem ihm 1980 in Moskau die bundesdeutschen Boykotteure den Start verwehrten und 1976 respektive 1984 eben jener Karppinen die Oberhand behielt, will er endlich den Olympiasieg.

"Einen Willen, auch so 'n büschen Ruhe", brauche man dazu schon, sagt er lapidar, in dem ihm eigenen Understatement und bewegt sich tänzelnd am Ufer des Arunger Sees, seinem "Hausgewässer". Seit 1982 lebt er im 22 Kilometer entfernten Oslo, hat da die norwegische Journalistin Aina Moberg geheiratet und arbeitet als Repräsentant einer Schweinfurter Kugellagerfabrik.

Mag sein, daß es die einlullende skandinavische Schläfrigkeit ist, die den Deutschen so entstreßt wirken läßt. Von Spannung äußerlich keine Spur; entschieden pflegt er den Stil fast eines Müßiggängers. Kaum ein Wochenende verstreicht, an dem er nicht in seine im schwedischen Grenzgebiet liegende Waldhütte zieht, wo er nächtens auf Auerhähne und Füchse jagt.

Doch der Schein überdeckt das Sein, und er ahnt das auch. Von jeher trägt der auf Auseinandersetzung fixierte Kolbe eine Mühelosigkeit zur Schau, die er als Bestandteil des Wettkampfes empfindet. Beinahe schon zwanghaft werden so Laissez-faire und Leichtigkeit vorgegaukelt, wo in Wahrheit ein Perfektionist am Werken ist.

Seit Ende vergangenen Jahres besitzt er deshalb praktisch seinen Privatklub, den RC Hamburg, den er ungeniert "meinen Rennstall" nennt. Pate steht, als Sponsor, das Unternehmen Hag AG ("Kaffee Hag"), dessen Firmen-Logo der einzige Aktive jetzt auf dem Schiffsbauch trägt.

Die nicht zu unterschätzende Öffentlichkeitsarbeit besorgt nach Auskunft des Vereinsvorsitzenden Günther Gudert "die 'Bild'-Zeitung" - er schreibt da als Fachredakteur.

Der Ruderklub Peter-Michael Kolbe: eine Lobbyisten-Gemeinschaft, die die Funktionäre zunächst mit Mißtrauen erfüllte. Aber sei's drum. Daß der Zusammenschluß, wie die Deutsche Sporthilfe ursprünglich vermutete, nur als platte Geldwaschanlage fungiert, hat sich nicht belegen lassen. Soll der extravagante Hanseat sich also verhalten, wie er will. Zumal den erfolgsversessenen Verbandsoffiziellen hinreichend klar ist, wie wenig sie international ohne ihn noch zu melden hätten.

"Kolbe in der Form seines Lebens", trommelt "Bild" aus der Feder Guderts in einem Vierspalter im Hinblick auf Kopenhagen und hat wohl recht damit.

In der Tat schob der Weltmeister seinen Einer nie zuvor schneller über die 2000-Meter-Strecke als in der laufenden Regatta-Saison. Ständig fährt er nun um die sieben Minuten, manchmal auch darunter und erreicht so Zeiten, an die er vor einem Jahrzehnt kaum zu denken gewagt hätte.

Andererseits: Die pure Geschwindigkeit ist es höchstens erst in zweiter Linie, weiß der Champion, aus der er die nötige Sicherheit gewinnen könnte. Der Rennruderer rennt ja nicht gegen die Uhr, sondern "gegen den Mann, den Gegner" - und in Kolbes Fall einen bestimmten Gegner.

Achtmal hat er in diesen Sommer das Boot bestiegen, hat immer gewonnen und doch stets das gleiche Mangelgefühl gehabt: Kurze Erleichterung hinter der Ziellinie, dann die bedauernde Einschränkung, "daß ja er nicht dabei gewesen ist".

Er - umschrieben wird so der ewige Rivale, der in Kolbes Tag- und Nachtträumen längst einen festen Platz eingenommen hat. So befriedigend der Sieg auch sein mag, er bestätigt, daß er nur halb so schön ist, wenn er nicht über den Finnen Pertti Karppinen errungen wird.

Wo bleibt Karppinen? Wie steht es nun wirklich mit jenem 34jährigen Zwei-Meter-Koloß aus Raisio, der dem Hamburger die bittersten Enttäuschungen seiner Laufbahn beigebracht hat? Kommt der noch nach Kopenhagen oder ist er tatsächlich verletzt? Oder läßt er die WM nur listig passieren, um sich so ungestörter auf Seoul vorzubereiten?

Oder: Stimmt am Ende doch, daß der Finne bloß kneift, seit ihn der Deutsche im vergangenen Jahr in Nottingham geradezu brutal in Grund und Boden fuhr? Der RCH-Vorsitzende Gudert hält das für ausgemacht. "Keine Frage, der hat die schiere Angst", sagt er bei einem Kaffee-Hag-Empfang ein wenig unempfindsam glucksend ins Sektglas und erklärt das Thema "als zu 80 Prozent" für erledigt.

Kolbe sieht das offenbar anders, aber was soll's: Was bringt das schon, sich womöglich noch selbstquälerisch mit einem Menschen zu befassen, der sich notorisch Schweigsamkeit auferlegt hat. Kaum je ist man in den immerhin mehr als zehn Jahren über ein knappes "Hey" zur Begrüßung hinausgekommen. Der finnische Feuerwehrmann, ein Konzentrationswunder und Kraftpaket, wird von seinem Widersacher zwar nicht gehaßt, doch er erscheint ihm fremd, fast als Unperson.

Also soll die generelle Perspektive davon nicht berührt werden - egal gegen wen: Das Gold muß her. Peter-Michael Kolbe, der "an und für sich beste Ruderer der Welt", als den sein Trainer Düse ihn einschätzt, will nun endlich den Lohn; und er meint das auch so.

Denn der Wettkampfsport, das Skullen und mithin die vermutlich härteste Disziplin überhaupt, ist für Kolbe nie ein Selbstzweck gewesen. Als Sohn kleiner Leute aus dem Hamburger Arbeiter-Stadtteil Hammerbrook denkt er ähnlich wie seine Mutter, der schlicht "das Herz wehtut", wenn sie darüber grübelt, "welcher Aufstand für Boris Becker gemacht wird".

Daß die Emporkömmlinge des Tennis so unter dem Aspekt der Verwertbarkeit ganz und gar über der von ihm betriebenen Sportart stehen, schmerzt den nüchternen Meisterruderer schon ein bißchen. Er erhofft sich keine Reichtümer, aber wer weiß: Der angestrebte Olympiasieg könnte da unter Umständen doch noch "etwas in Bewegung bringen". Peter-Michael Kolbe nennt

solche Überlegungen in seiner manchmal staksigen Ausdrucksweise "Zielbezogenheit". Was immer er auch tut - nichts geschieht zur Zeit aus sich heraus, soll das deutlich machen. Und selbst wenn er so in seiner Waldeinsamkeit auf dem Hochstand sitzt, sitzt er da "im Zusammenhang mit Seoul: im Bewußtsein, daß ich Entspannung brauche".

Bisweilen kommt ihm das selber ziemlich albern vor. Lieber wäre er der, für den alle Welt ihn hält - nämlich ein Mensch des leichten Sinnes und der lockeren Hand -, statt sich derart sklavisch an ein vorgegebenes Programm zu binden. "Lächerlich", entfährt es ihm ohne Koketterie, "eine Telephonzelle nur deshalb nicht zu betreten, weil da vorher einer drin stand, den ich niesen hörte."

Doch er hat sie gemieden. Eine Erkältung schmeißt einen Mann in seiner Klasse um Wochen zurück; er will sich später keine Vorwürfe machen müssen.

Woran liegt es dann aber, daß er gleichwohl im Verdacht steht - wie ihn etwa der frühere Olympiasieger Moritz von Groddeck äußert -, sich schon wieder nicht richtig einzustellen? Der Ruderexperte sieht ihn "halbherzig herumeiern", vor allem in puncto Karppinen, dem er von der Psyche her unterlegen sei.

Karppinen, Karppinen. Heftig stochert Kolbe in einem Osloer Restaurant in seinem Fischteller und verbittet sich, so belehrt zu werden. "Völliger Quatsch", sagt er nölig; man brauche ja bloß die Resultate der Weltmeisterschaften und der Olympischen Spiele zu addieren, um in diesem Duell auf Gleichstand - derzeit 4:4 - zu kommen.

Nein, daß ihr Mann in bezug auf den Finnen einen Komplex entwickelt habe, glaubt auch Ehefrau Aina Moberg nicht. "Angst hat der Michael keine", sagt sie nach einer langen Pause in ihrer leisen, verhaltenen Tonlage, "sondern ein Charakterproblem." Der Michael könne nicht siegen, nur um einen sportlichen Wettkampf zu gewinnen, der müsse zugleich auch immer "mit den dazugehörenden Menschen spielen".

Erklärt sich so, als Ausdruck von Überheblichkeit, jenes beinahe schon legendäre Fiasko 1976 in Montreal? Hat Kolbe da, als er gegen Pertti Karppinen haushoch führte, sträflich "gespielt" und über das Spiel seinen Rhythmus zerstört?

"Psychologie", sagt er mit hängender Unterlippe: er mag solche Deutungen nicht. Statt sich in Geheimniskrämerei zu ergehen, will er die Fakten bewertet wissen: Erwiesen ist, daß der Rivale aufgrund seines größeren Gewichts mehr in den Muskeln sich bildende leistungshemmende Milchsäure toleriert. Folglich müsse er, Kolbe, auch keinen Seelenarzt aufsuchen, um sich dessen außerordentlich starkes Finish verständlich zu machen.

Ja natürlich sieht der Weltmeister auch "die Komponente Mensch", ohne die er nicht rudern würde. Ohne Zielbezogenheit wäre das Schinderei - "bloß Bekloppte steigen dann noch ins Boot".

Zweimal hat er's versucht, hat sich von der Qual befreit und ist dann doch wieder zurückgekehrt. "Nicht auszuhalten war das", erinnert sich Aina Moberg an eine Zeit, in der der auf Leistungsvergleich gedrillte Athlet sich selber "sinnentleert" fühlte.

Es gehört zu den angenehmen Eigenschaften des Peter-Michael Kolbe, daß er darüber zu reden vermag. Was wird nach Seoul? "Genau, das ist die Frage" - er gibt zu, daß er vor der Zukunft "Bammel" hat.

Aber erst kommt ja noch das letzte Jahr; "kommt hoffentlich Karppinen", dem er von Herzen wünscht, noch dabei bleiben zu können. Ohne ihn kein High Noon. Nur "der Finne ist die entscheidende Dimension".


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