14.12.1987

EISHOCKEY

Sodom und Gomorrha

Die Affäre um den ECD Iserlohn entpuppt sich als eine Provinzposse besonderer Güte.

Meistens donnerstags, kurz nach zwölf, war in Iserlohn Zahltag. Dann saß der Bauunternehmer Heinz Weifenbach, 48, mit qualmender Zigarre der Marke "AI Capone jr." auf der grauen Sesselgarnitur im Kellergeschoß-Büro. Die Lohnempfanger, meist kräftige Männer, stiegen einzeln zu ihm die enge Wendeltreppe hinunter.

Als sei er einem Hollywood-Film der vierziger Jahre entsprungen, zog Weifenbach ein Bündel Geldscheine aus der Jackentasche und zahlte bar. Je nach Laune des rundlichen Potentaten war's manchmal etwas mehr oder auch weniger.

Die Männer, die da brutto gleich netto nach Art der Schwarz- und Leiharbeiter im bundesdeutschen Baugewerbe am Finanzamt vorbei entlohnt wurden, kamen nicht vom Bau, sondern geradewegs vom Eis. Nach dem Training befahl ein Zettel an der Kabinenwand die Eishockey-Spieler des ECD Iserlohn zum Lohnempfang, weil Klubpräsident Weifenbach gerade mal wieder flüssig war.

In letzter Zeit aber war die frohe Botschaft immer seltener angepinnt. Das Finanzamt Iserlohn forderte 5,8 Millionen Mark an Steuern ein, erwirkte Haftungsbescheide gegen Weifenbach und dessen Lebensgefährtin Margarete "Maxi" Adams, die dem Bauunternehmer

auch als Schatzmeisterin des Klubs dient. Ende Oktober stellte der Fiskus schließlich Konkursantrag.

In seiner Not lockte Weifenbach die immer mißmutigeren Cracks mit einem Versprechen aus "Tausendundeiner Nacht" aufs Eis. 1,5 Millionen Mark, so versicherte er treuherzig, würden aus Libyen fließen" wenn der Klub ab sofort für das "Grüne Buch" des Revolutionsführers Muammar el-Gaddafi werben würde. Den Vertrag habe er persönlich in Tripolis abgeschlossen. In Wahrheit war der Deal zwischen Tripolis und Iserlohn der schöne Traum eines kleinen Mannes, der sich eine Weile wie ein großer fühlte und nun schlicht pleite ist.

Die Geschichte aus der Provinz hat in der Eishockey-Bundesliga reichlich Vorbilder. Schwarzgelder wurden und werden gezahlt. Finanzämter forderten Steuernachzahlungen, Klubs gingen in Konkurs oder verloren die Lizenz. So blieben in den letzten Jahren acht Vereine, von Krefeld bis Bad Tölz, von Berlin bis Freiburg, auf der Strecke.

Bevor Heinz Weifenbach kam, galt der Kölner Dr. Jochem Erlemann als einsame Spitze unter den bunten Eishockey-Mentoren. Der Anlageberater trieb Gehälter und Ablösesummen in die Höhe und ließ seine Spieler in von Pierre Cardin geschneiderten Klubjacketts von Käfer-Bufetts naschen - bis er 1982 wegen Betrugs und Untreue zu acht Jahren Haft verurteilt wurde.

Doch jetzt scheint festzustehen, daß der kumpelhafte Maurer aus dem Sauerland im Phantasien-Land des Eishockeys eindeutig neuer Herrscher ist.

Weifenbach hat jene inzwischen einschlägige Karriere des schnellen Geldes hinter sich, ohne die im deutschen Sport Präsidenten kaum noch denkbar sind. Mit 24 Jahren gründete er ein Bauunternehmen und baute zusammen mit einem Onkel und einem Vetter Trabantenstädte rund um Iserlohn. Als seine Spezialität rühmt er noch heute ein schlüsselfertiges Eigenheim für 199500 Mark. Der Volksmund, sagt der Maurer von Deilinghofen, einem kleinen Ort bei Iserlohn ehre ihn, indem er den Heimatort in "Weifenhofen" umbenannt habe, "weil ich die Hälfte des Ortes gebaut habe".

Doch bei den besseren Ständen blieb dem Aufsteiger die rechte Anerkennung stets versagt. Also versuchte der diccköpfige Poltergeist, über sein Ehrenamt den ersehnten Status zu erreichen. Es schien zu klappen: Wenn Freundin Maxi zum Geburtstagsempfang des Präsidenten lud, versammelten sich auf der Terrasse beim Büfett vom "Bären alle Honoratioren. In anrührenden Reden wurde der ECD Iserlohn dann als "großer

Werbeträger" der Stadt gefeiert. Weifenbach kaufte Jahr für Jahr ein neues, teureres Team zusammen. Regelmäßig fehlte jährlich eine Million Mark, um den Etat auszugleichen. Das Defizit wurde aufgefangen, indem der Spieler netto, der Fiskus nichts bekam.

Um die mißliche Lage zu kaschieren, bediente sich Weifenbach einer bewährten Methode vom Bau: Er heuerte Gastarbeiter an. Schließlich waren es so viele, daß der gut Deutsch sprechende Kanadier Gates Malo befürchtete: "In dieser Mannschaft verlerne ich Deutsch sehr schnell." Zuletzt waren drei Viertel aller Iserlohner Spieler nicht in Deutschland geboren. "Eine Söldnertruppe", urteilte Bundestrainer Xaver Unsinn mit deutschtümelnder Verachtung, die es nicht wert sei, "daß sich das deutsche Eishockey für sie engagiert".

Insgeheim muß auch Weifenbach so gedacht haben. Zwar ließ er zu einer Weihnachtsfeier den Bariton Eugene Holmes von der New Yorker Met einfliegen, der Arien aus Porgy und Bess darbrachte. Die Spieler aber hausten in engen, spartanisch eingerichteten Wohnungen, so daß ein Steuerfahnder nach einer Hausdurchsuchung erklärte, dort habe es "wie Sodom und Gomorrha" ausgesehen und die Beamten hätten "erst mal aufräumen müssen".

Zynisch brüstete sich Weifenbach gegenüber Freunden: "Ihr müßt mal sehen, wie die hausen, die fressen ihre eigene Scheiße." Der chronische Geldmangel führte bei dem Kanadier Earl Spry dazu, daß ihm der Strom abgedreht wurde. Nach einer Hausdurchsuchung packte der zweifache Weltmeister aus der CSSR, Jaroslav Pouzar, seine Habe ins Auto und fuhr sie tagelang spazieren.

Schon im März letzten Jahres ließen die Staatsanwälte alle 2O Profis festnehmen, um sie zur Offenlegung ihrer Verträge zu zwingen. Weifenbach und seine Maxi verbrachten ebenfalls eine Nacht hinter Gittern.

Der Herrscher aus Deilinghofen, der von dem defekten Wasserhahn bis zur Gehaltszahlung alles selbst in die Hand nimmt, kam noch mal davon. Ehe das Finanzamt durchblickte, waren einige der Profis schon längst wieder weg.

Der Umstand, daß in Klein- und Mittelstädten, in denen die Eishockey-Bundesliga vornehmlich zu Hause ist, die Verbindung zwischen Honoratioren und Behörden besonders gut funktioniert, erklärt wohl auch, daß der ECD Iserlohn ungestört knapp sechs Millionen Mark Steuerschulden aufhäufen durfte.

Ungerührt konnten Weifenbach und seine Freunde ihrem Drang zur Selbstdarstellung nachgeben. Zur engeren Clique gehörte Jürgen Medenbach, der gerade eine sechseinhalbjährige Haftstrafe wegen Steuerhinterziehung absitzt. Im Prozeß wurde er als "einer der größten Zuhälter Nordrhein-Westfalens" bezeichnet. Als Ehrenpräsident in Iserlohn ließ sich der Anlageberater Mario Ohoven feiern, der für 250000 Mark Werbung auf den Trikots betrieb.

Ein anderer Weifenbach-Spezi sitzt derzeit wegen Verdachts der Veruntreuung in Untersuchungshaft. Fritz Engelbrecht aus dem ECD-Beirat wird verdächtigt, am Konkurs einer Heidelberger Leasing-Firma, die Iserlohner Eishockey-Profis mit Autos versorgte, mitgewirkt zu haben.

Als sich die Reihen der Freunde lichteten, war Weifenbach offenkundig gezwungen, zu ausgefallenen Maßnahmen zu greifen: dem angeblichen Coup mit Gaddafi. Zum Reisemarschall erkor er Hans Meyer, 73, einen früheren Klubpräsidenten und CDU-Bürgermeister des Nachbarstädtchens Hemer.

Meyer gilt in der Region als Libyen-Fachmann, seit er vor Jahren auf Vermittlung eines pakistanischen Geschäftsmannes mit libyschem Paß erstmals nach Tripolis reiste, um Exportchancen für die Industrie von Hemer auszuloten. Die heftige Reisetätigkeit, mal mit Journalisten, mal mit Industriellen, blieb zwar ohne Ergebnis, Meyer wurde in der Heimat dennoch gefeiert.

Der CDU-Mann war nämlich bei einem Besuch im Beduinenzelt des Revolutionsführers unerschrocken auf Gaddafi losgegangen - und hatte ihn wie einen alten Freund umarmt. Anschließend sprach Meyer als erster Deutscher vor dem Volkskongreß.

Was die beiden Biedermänner in der ersten Dezemberwoche in Tripolis, wenn sie denn dort waren, verhandelten, ist ungewiß. Meyer mag sich nur daran erinnern, Weifenbach "vorgestellt" zu haben, dann habe er "Orangen gepflückt".

Weifenbach weiß noch von Verhandlungen mit dem Sekretär des "Weltzentrums zur Verbreitung des Grünen Buches". Nur: Der Name des Verhandlungspartners ist ihm schlicht entfallen.

Als Beweis bietet er einen leeren, unadressierten Briefumschlag mit dem Zentrum in Tripolis als Absender. Zweifler beschied er bündig: "Glauben Sie einfach dran, das ist doch für beide Seiten einfacher."

Zweiflern wie Kritikern hält der bedrängte Präsident inzwischen die Zeitläufe entgegen: "Die moralisch-ethische Zeit ist eh vorbei."

Den Vertrag mit Gaddafi kenne im übrigen der ehemalige "ECD-Sponsor für alle Fälle" Engelbert Himrich, und der habe ihn auch vorfinanziert. Doch Himrich weiß von nichts und ließ barsch erklären, er werde "die Million lieber mit meiner Sekretärin durchbringen, als sie Weifenbach zu geben".

Angesichts der Bedrängnis verschwand Weifenbach Mitte vergangener Woche. Statt seiner tauchten beim Amtsgericht Iserlohn seine Anwälte mit einer filmreifen Überraschung auf: 100000 Mark in kleinen Scheinen sollten erst mal die nächsten Spiele des ECD sicherstellen.


DER SPIEGEL 51/1987
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