01.02.1988

MATHEMATIKVöllig korrekt

An nordrhein-westfälischen Schulen darf eine richtig gelöste Rechenaufgabe als falsch bewertet werden - wenn es ein Lehrer so beschließt. *
Mit der Berechnung von Zinstagen hat Gerhard Becker, Mathematik-Lehrer am Düsseldorfer Max-Planck-Gymnasium, so seine Schwierigkeiten.
Als das Thema Anfang letzten Jahres wieder mal in der siebten Klasse dran war, bemerkte Ernst-Wilhelm Timpe bei der Durchsicht der Mathe-Hausaufgaben seiner Tochter Isabel, daß Lehrer Becker den Schülern einen falschen Berechnungsmodus für Zinstage beigebracht hatte: "Der Einzahlungstag und der Auszahlungstag werden nicht mitgerechnet."
Vater Timpe, als Diplom-Handelslehrer für Industriebetriebslehre, kaufmännisches Rechnen und Buchführung selber vom Fach, korrigierte die Hausaufgabe: "Der Einzahlungstag wird nicht, der Auszahlungstag wird mitgerechnet." Auf die Frage seiner Tochter, an welche Berechnung sie sich in der bevorstehenden Klassenarbeit halten solle, antwortete der Vater: "An die richtige. Wenn was schiefgeht, werde ich mit dem Lehrer reden."
Es ging schief. Zwar hatte Isabel die betreffende Aufgabe objektiv richtig gelöst. Aber Lehrer Becker hatte ihr zwei Punkte abgezogen, weil Isabel die Zinstage nicht so berechnet hatte, wie er es von den Schülern verlangte.
"Nichts leichter zu klären als dies", dachte Vater Timpe und griff zum Telephonhörer, um mit Lehrer Becker zu reden. Doch was unter Einsichtigen in fünf Minuten hätte vom Tisch sein können, dauerte neun Monate, wand sich durch die Schulbürokratie bis hinauf zum Kultusministerium und verhalf der Vernunft dennoch nicht zum vollen Erfolg - ein Musterfall von Borniertheit in einer verkrusteten Schul-Hierarchie. Fazit des Falles: Etwas sachlich eindeutig Richtiges darf von einem Lehrer als falsch bewertet werden, wenn er es so will.
Vater Timpes Telephonat mit Lehrer Becker dauerte nicht 5, sondern 20 Minuten und verlief ergebnislos: Dem Lehrer war nicht mal begreiflich zu machen, daß er objektiv falsch hatte rechnen lassen - entgegen der Darstellung im Mathematik-Buch der Klasse, in allen einschlägigen Fachbüchern, der Praxis der Banken und der Regelung im Bürgerlichen Gesetzbuch.
Vater Timpe liege, so faßte der Lehrer seinen Standpunkt nach dem Telephonat in einem Brief zusammen, "objektiv völlig falsch", der Vater sei überdies "aggressiv", "rechthaberisch", habe einen "belehrenden Ton" und bringe "unnötigerweise Isabel, sich selbst und mich in Autoritätsprobleme".
Lehrer Becker beharrte auf seiner Rechnung: Selbst wenn sie "nicht in allen Punkten mit der üblichen Praxis in Übereinstimmung zu bringen" sei, halte er eine "solche klassenweise getroffene Verabredung für völlig in Ordnung";
die Note von Isabels Klassenarbeit müsse deshalb "natürlich bestehen bleiben". Beckers Rat an den Vater: "Am besten verkehren Sie mit mir nur noch schriftlich oder, mir noch lieber, überhaupt nicht mehr."
Der Vater bat erst den Klassenlehrer, dann den Direktor um Vermittlung - vergebens. Timpes Sicht der Dinge sei, so das Ergebnis der Gespräche, allenfalls eine von mehreren möglichen Ansichten. Da blieb nicht mehr viel von dem Spruch einer Werbe-Broschüre der Schule: "Das Max-Planck-Gymnasium legt Wert auf umfassende Allgemeinbildung, Meinungsvielfalt und Weltoffenheit."
Selbst eine Kopie der Klassenarbeit wurde dem Vater trotz mehrfacher Bitten verweigert. Um seiner Tochter "für richtig errechnete Zinstage" dennoch "die dafür vorgesehenen zwei Punkte" zu verschaffen, formulierte Timpe eine Aufsichtsbeschwerde an den zuständigen Regierungspräsidenten in Düsseldorf.
Doch die Leitende Regierungsschuldirektorin Birgit Beul hatte wenig Zugang zur Sache und verwechselte in ihrem Antwortschreiben an Timpe Zinstage-Ermittlungen mit Wertstellungsregelungen. Dafür allerdings hatte sie ein markiges Urteil parat: Lehrer Becker habe "zutreffend", "völlig korrekt" und "pädagogisch sinnvoll" gehandelt, "so daß ihm eher Anerkennung als Kritik auszusprechen ist".
Der Vater dagegen habe seine Tochter "in einen Autoritätskonflikt" manövriert, "der für ein Kind ihres Alters kaum lösbar sein dürfte" - worüber sie gerne mit dem Vater noch ein persönliches Gespräch führen wolle.
"Wenn ein Englisch-Lehrer Schülern das falsche 'the water is cooking' beibringt statt des richtigen 'the water is boiling'", fragte Timpe die Regierungsschuldirektorin in diesem Gespräch, "sollen Eltern den Lehrer dann korrigieren?" Beul-Antwort: Man solle zur Vermeidung eines Konflikts dem Kind nahelegen, die vom Lehrer verlangte falsche Vokabel zu benutzen. Man müsse im Leben halt Kompromisse schließen.
Für Isabels Vater allerdings schien das eher "die Selbstaufgabe echter Pädagogik zu sein - ein Beitrag zu Anpassertum, Autoritätshörigkeit und obrigkeitsstaatlichem Verhalten".
Um sich zu vergewissern, ob so was im sozialdemokratisch regierten Nordrhein-Westfalen der Pädagogik höchster Schluß sei, trug Timpe den Fall auch noch dem Kultusministerium vor. Doch hier fiel die Antwort - nach sechs Monaten Wartezeit - noch abwegiger aus.
Zwar erhielt Timpe vom Ministerialrat Hans-Gerd Langewiesche im Auftrag des Kultusministers wenigstens in einem Punkte erstmals recht: "In der fachlichen Auseinandersetzung über das Problem der Berechnung von Zinstagen", so Langewiesche, stimme er der "vorgetragenen Argumentation" zu. In der Tat dürften "Modellbildungen" des Lehrers im Unterricht "nicht gegen kaufmännische Grundregeln verstoßen", was er dem Lehrer Becker auch mitteilen werde - für künftige Fälle.
Doch: "Aus der Tatsache, daß im Unterricht diese Grundregeln nicht völlig beachtet und andere Vereinbarungen getroffen wurden", so der Spruch der höchsten NRW-Schulinstanz, könne doch "nicht ohne weiteres abgeleitet werden, daß damit die Korrektur des Fachlehrers nicht korrekt sei".
Langewiesche wies die Timpe-Beschwerde zurück - "aus den genannten Gründen".

DER SPIEGEL 5/1988
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