28.09.1987

Von Adenauer systematisch zermürbt

Von Augstein, Rudolf

Rudolf Augstein über Daniel Koerfers "Kampf ums Kanzleramt" *

Bekanntermaßen sagt ein Bild mehr als tausend Worte. Bekanntermaßen darf man den Klappentext eines noch so würdigen Buches nicht ernst nehmen.

Die Deutsche Verlags-Anstalt hat mit Daniel Koerfers Buch über das Verhältnis zwischen Adenauer und Erhard zumindest die zweite Regel außer Kraft gesetzt. Sieht man auf dem Titelbild die beiden einträchtig und haßerfüllt vereint und liest man den Klappentext, so weiß man in etwa Bescheid. _(Daniel Koerfer: "Kampf ums ) _(Kanzleramt. Erhard und Adenauer. ) _(Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart; 896 ) _(Seiten; 58 Mark. )

Es war Ludwig Erhard, der mit Recht verkannte Kanzler, der 1949 bewirkt hat, daß CDU und CSU im Bundestag fünf Sitze mehr hatten als die SPD; Kurt Schumacher hatte mir am Vorabend der Wahl genau das Gegenteil prophezeit. Nicht völlig ausgeschlossen ist, daß der SPD-Führer Kurt Schumacher mit der Regierungsbildung betraut worden wäre, wenn er die stärkste Fraktion angeführt hätte.

In der CDU war die Hälfte der wichtigen Leute für eine große Koalition, aber die beiden wichtigsten Leute waren es eben nicht, Adenauer und Erhard: Ich vermute, gegen die beiden hätte nichts laufen können. Aufschluß darüber gibt Koerfers Buch. Zu Anfang hat Adenauer den Ludwig Erhard geradezu umworben, mit sicherem Instinkt.

Ab 1953, als er durch die Kanzler- und Amerikanerwahl sicheren Boden unter den Füßen hatte, witterte er sofort, daß Erhard sein Nachfolger werden wollte. Adenauer fand Gedanken über seine Nachfolge "ungezogen" (Gerd Bucerius). Zwar wußte er, daß er irgendwann sterben würde, aber wie so viele bedeutende Leute wollte er unterstreichen, daß es für ihn keinen Ersatz gäbe.

Was die Moral der Bundesrepublik angeht, so hat Adenauer sie auf immer verdorben. Wer Leute wie Brentano, den Fraktionsvorsitzenden und späteren Außenminister, und Ludwig Erhard, den geborenen, wenn auch nicht gerade für das Kanzleramt geborenen Nachfolger so behandelt, wie Adenauer es sich nicht verkneifen konnte, der ist zumindest im Inneren kein konstruktiver Politiker.

Erhard, der "gute Mensch vom Tegernsee", wird verkannt, weil er sich die ganze Zeit bemüht hat, die "historische Lüge" zu widerlegen, er könne kein Bundeskanzler sein. Als Conrad Ahlers und ich, frisch aus dem Gefängnis, 1963 bei ihm vorsprachen, hatte er keine andere Floskel zur Hand als: "Ich bin ja tolerant."

Ja, das war er eben, kein Parteipolitiker, sondern tolerant nach allen Himmelsrichtungen. Wahr ist aber, daß er dreimal mit äußerstem Mut, gestützt auf gute Gesellen, politisch gegen Adenauer, der von Wirtschaft nichts verstand, durchgedrungen ist.

Zum ersten hatte er, noch mit Billigung Adenauers, den ganzen Bezugsscheinkram gleichzeitig mit der von den Amerikanern ausgearbeiteten Währungsreform abgeschafft. Klassische Anekdote: General Clay sagt zu Erhard: "Wie konnten Sie die alliierten Gesetze und Vorschriften abändern?" Klassische Antwort: "Ich habe die Vorschriften nicht abgeändert, ich habe sie abgeschafft."

Dann kam 1951 die Koreakrise, und alle Länder horteten Rohstoffe. Erhard leistete dagegen erfolgreich hinhaltenden

Widerstand, indem er mit nachtwandlerischer Sicherheit behauptete, in fünf Monaten wäre der ganze Spuk zu Ende. Er hatte und behielt recht.

Die "Gefälligkeitsdemokratie" ist nicht von Erhard, sie ist von Adenauer eingeführt worden. Er tat, was in der Geschäftsordnung der Bundesregierung nicht vorgesehen war, er intrigierte mit den Interessenverbänden gegen den zuständigen Minister. Als der Finanzminister Fritz Schäffer, der Wirtschaftsminister Erhard und der Präsident der Notenbank Wilhelm Vocke im Mai 1956 zusammentrafen, um nach Mitteln zu suchen, die überschäumende Konjunktur zu bremsen, witterte Adenauer eine Verschwörung. Von Wirtschaft verstand er, wie gesagt, nichts, wohl aber etwas von Machtfragen.

Als einziger Vertreter der Bundesregierung begab er sich am 23. Mai 1956 zu einem Essen von rund 1000 Wirtschaftskapitänen in den Kölner Gürzenich, das aus Anlaß der 7. ordentlichen Mitgliederversammlung des Bundesverbandes der Deutschen Industrie stattfand. Fritz Berg, BDI-Vorsitzender, wetterte gegen die Wirtschafts- und Finanzpolitik der Regierung. Adenauer, der nun wirklich nicht wußte, wovon die Rede war, hielt eine denkwürdige Ansprache, in der auch der Satz vorkam: "Je einfacher denken, ist oft eine wertvolle Gabe Gottes." Er lobte Berg. Er sprach den später zum geflügelten Wort erhobenen Satz: "Die Situation ist da."

Zur Strafe mußte das Kabinett einberufen werden. Adenauer aber erklärte in dieser Kabinettssitzung schlicht, er habe die Rede des Herrn Berg gar nicht hören können. Geboren war die "Nischenlüge", von der der zweitwichtigste Mann in Adenauers Mannschaft ebenfalls Gebrauch machen würde, Hans Globke. Dieser Verfasser der gräßlichsten Kommentare zu den Judengesetzen hatte in einer Ecke gestanden, als er auf den Führer schwören mußte.

Seit dem Gürzenich lief eigentlich nichts mehr zwischen Adenauer und seinem wichtigsten Minister. Sehr wohl konnte man Zweifel haben, ob Adenauer noch voll geschäftsfähig war und ob Erhard der geeignete Nachfolger sein würde. Die Aspiranten Gerstenmaier, Schröder und Strauß hegten diesen Verdacht, sie pflegten ihn auch. So schlecht, wie Erhard später das Regierungsgeschäft betrieb, hätte es nicht unbedingt kommen müssen. Er war und wurde von Adenauer und Strauß systematisch zermürbt.

Es kam die Präsidentschaftsfrage 1959, als Heuß ging. Die SPD stellte Carlo Schmid als Kandidaten auf, einen angesehenen Bürgerpolitiker. CDU und CSU mußten reagieren. Sie sahen die Chance, Adenauer ins Präsidentenamt

abzuschieben, vor allem Eugen Gerstenmaier, der ambitionierte Bundestagspräsident, sah sie.

Auf den Gedanken, das Grundgesetz zu lesen, kam Adenauer nicht. Schlicht behauptete er, die Möglichkeiten dieses Amtes seien bisher gar nicht genutzt worden - ein Fußtritt gegen Heuß.

Jeden Zweifel, ob er das Amt denn auch wirklich antreten solle, schrieb der damalige Bundesinnenminister Schröder mit. Und Schröder war es, der dem Alten im Urlaubsort Cadenabbia das Grundgesetz erklärte.

Es kam, wie es kommen mußte: Adenauer zog seine Bereitschaft zurück. Vor dem Mauerbau in Berlin 1961, vor der SPIEGEL-Affäre im Jahre 1962 war dies die erste Staatskrise. Adenauer bescheinigte dem Gerstenmaier, er, Adenauer, könne den Haß in den Augen eines anderen Menschen erkennen. Gerstenmaier rannte empört aus dem Zimmer. Der Alte war aus härterem Holz. "Meine Herren, Sie können ja das konstruktive Mißtrauensvotum einbringen", sagte er den Opponenten ins Gesicht.

Das konnten sie nun nicht. Aber alle wußten, daß Adenauer den Erhard als Kanzler unbedingt verhindern wollte und daß er im übrigen keinen anderen von ihm gebilligten Nachfolger zur Verfügung hatte. Sicher war Erhard, der zwar in bezug auf seine eigenen Belange dämlich, im übrigen aber zu schwach war, diesem harten Menschen entgegenzutreten, von da an erledigt.

Aber Adenauer war auch nicht mehr der alte. Nach wie vor beanspruchte er Dinge per Richtlinienkompetenz zu beurteilen, von denen er nichts verstand. Und honigsüß machte er seinen Stellvertreter fertig, als der nach dem Mauerbau in Berlin auftrat und den Satz sprach: "Ich stehe hier auf deutschem Boden." Alliierter Boden war und ist es. Erhard war kein großer Außenpolitiker. Aber als Kanzler vertrat er mit seinem Außenminister Gerhard Schröder die einzig vernünftige, die richtige Position. Ob die USA West-Berlin und Westdeutschland schützen würden, war zwar nicht sicher. Daß aber Frankreich und Charles de Gaulle an ihre Stelle treten würden, war ausgeschlossen.

Die SPIEGEL-Affäre 1962 machte dem Adenauer-Regiment ein Ende. Der durch Skandale angeschlagene Strauß nutzte die Kuba-Krise, um seinen altbösen Feind, den SPIEGEL, zu erledigen. Das ging nun schief, der SPIEGEL blieb, und Strauß ging.

Außer meinem Freund Wolfgang Döring, dem damals stärksten Mann in der FDP, wünschte die Mehrheit dieser Partei eine Übergangskanzlerschaft Ludwig Erhards. Die würde nicht lange währen. Danach sollte Strauß Kanzler werden.

Durch die SPIEGEL-Affäre stand dieser nun nicht mehr zur Verfügung. Die FDP mußte sich mit einem Kanzler Erhard und einem Außenminister Schröder arrangieren.

Daß und wie Kanzler Erhard gescheitert ist, mag man in Koerfers Buch nachlesen. Jedenfalls zählt Ludwig Erhard aufgrund seiner molligen Natur zwar zu den schwachen, aber auch zu den unterschätzten Kanzlern der Bundesrepublik Deutschland.

Er war nicht nur ein anständiger Mensch. Auf dem Gebiet, das nach heutiger Geschichtserkenntnis das wichtigste ist, auf dem Gebiet der Wirtschaft, gab es neben Karl Schiller keinen, der die Menschen mehr fasziniert hat. _(Erste Reihe: Erhard, Bundespräsident ) _(Lübke, Adenauer. )

Daniel Koerfer: "Kampf ums Kanzleramt. Erhard und Adenauer. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart; 896 Seiten; 58 Mark. Erste Reihe: Erhard, Bundespräsident Lübke, Adenauer.

DER SPIEGEL 40/1987
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