26.10.1987

„Helft uns wenigstens beim Abtreten“

In der Bundesrepublik ist ein „Glaubenskrieg“ um Ersatzdrogen entbrannt. Darf der Staat, wie in Nordrhein-Westfalen geplant, Junkies mit Stoff aus der Retorte von Hoechst versorgen? Sind Ärzte „Dealer im weißen Kittel“, wenn sie Süchtigen einen Trank mit dem synthetischen Opiat Methadon geben? Durch Aids ist die Diskussion brisant geworden,Tausende von drogenabhängigen Prostituierten sind infiziert. Der Rechtsmediziner Bschor:"Eine der gefährlichsten Virusschleusen in die heterosexuelle Normalbevölkerung ist offen. *
Als hätte "Irma la Douce", natürlich "Sonntags nie", den "Mann mit dem goldenen Arm" aufgegabelt: So ein Pärchen waren Isa und Jo, ein bißchen "Bonnie und Clyde" in ihrem Bruch mit den gesellschaftlichen Normen und in ihrer existentialistischen Philosophie ein wenig "Außer Atem".
Mittelstandskinder waren sie beide und aus der vorgezeichneten Wohlanständigkeit schon sehr früh ausgeflippt in die Scheinwelt der Drogen. Isa tippte in der Staatskanzlei Briefe für die Regierung Rau, bis sie auffiel, weil sie high war. Die Therapie, in die sie vermittelt wurde, brach sie schon nach einer Woche ab. In der Düsseldorfer Junkieszene stieß sie auf Jo.
Der hatte schon eine Heroin-Karriere hinter sich: Als Schüler der erste Schuß, nach der mittleren Reife eine Langzeittherapie, während der er gemustert und für tauglich befunden wurde. Warum ihn die Bundeswehr "ausgerechnet" als Sanitäter ausgebildet und eine Zeitlang auch verwendet hat, ist ihm "bis heute ein Rätsel". Daß man ihn nach der Entdeckung von Fehlbeständen in den Medikamentenschränken "möglichst unauffällig" entließ, aus gesundheitlichen Gründen, verstand er "schon eher". Eine zweite Therapie in der besonders gestrengen Institution von Daytop in Ratingen schlug ebenfalls fehl.
Isa und Jo richteten sich miteinander und mit Äitsch ein, wie Heroin im Junkiejargon genannt wird. Mit ihren langen braunen Haaren, dem sinnlichen Kindergesicht und einer Figur wie die der "Barbie"-Puppe fing sich Isa mühelos die Freier ein, wenn sie über die Düsseldorfer Charlottenstraße spazierte. Und auch Jo schuf sich dort im Revier von Schwulenbars eine Klientel, die zudem seine Eloquenz zu schätzen wußte: ein Pärchen mit "Bockschein", das den regelmäßigen Gang zum Gesundheitsamt wie einen Treppenwitz absolvierte.
"Aus der Sicht eines Junkies ging es uns relativ gut", sagt Jo. Sie lebten in den Tag hinein, sie träumten den Standardtraum aller Süchtigen, "irgendwann einmal aufzuhören", und schmückten ihn aus mit einem Kind, das sie dann haben wollten.
Aus, vorbei: Als Isa sich wieder einmal auf dem Gesundheitsamt einfand, verdonnerte sie der Doktor, nie mehr auf den Strich zu gehen, andernfalls hätte sie härteste strafrechtliche Konsequenzen
zu befürchten. Denn Isa war mit dem Virus infiziert, durch das Aids ausbrechen kann. Bei Jo war der Test zwar negativ, aber wußte er denn, ob er nicht schon morgen positiv war?
Sie erlebten entsetzliche Wochen in Angst und in Trauer. "Wahrscheinlich kann man das nicht in Worte fassen", so Jo. Doch allmählich fingen sie sich wieder, während sie sich immer mehr von ihrer Zukunftsperspektive verabschiedeten. "Aufhören?" fragte Jo auf seiner Schreibmaschine: "Schon ohne Aids schafft es kaum einer, und mit dem Bewußtsein, daß der Tod jeden Tag näher rückt, willst du die Motivation aufbringen, den Kampf gegen deine eigene Sucht zu führen? Insbesondere, wenn du schon vorher weißt, daß dein dann cleanes Leben sowieso nur kurz ist? Na also!" Nein, sie wollten und werden "weiterschießen und dies bis zum bitteren Ende".
Wie aber sollten sie jetzt, "da für uns der Strich ja nun gestorben war", das Geld für den Stoff auftreiben? Naheliegend wäre gewesen, selber zu dealen, aber das kam für dieses Pärchen nicht in Frage: "Wie hätten wir jemals wieder in den Spiegel schauen können, wenn wir den Stoff, der uns langsam umbringt, auch noch weiterverbreitet hätten."
Es blieb, was sie das "Marderspiel" nannten. Wenn in der Region ein Autoradio verschwand, dann war es vielleicht Jo, der es sich geholt hat, weil Isa gerade auf Turkey war und vor Entzugsschmerz heulte. Kam er aber heim mit einem "Pack", wurde aus dem zittrigen, zähneklappernden Wesen, das sich in seiner Phantasie den Aids-Tod wie ein Video fortwährend vorspielte, wieder sein Isa-Schatz, unheimlich gut drauf.
Die zwei, sie 22, er 27, wirkten nun nicht mehr wie die Antihelden aus der Flimmerwelt, dazu sahen sie viel zu elend aus. Das ständige Hasten und Hecheln in dem miesen Milieu der Kleinkriminalität machte sie kaputt, mehr noch dieser entsetzliche Mangel mit den bohrenden Schmerzen in jeder Zelle zwischen den rar gewordenen Spritzen des künstlichen Glücks.
Schließlich kam ihnen eine, wie sie selber fanden, "wahnsinnige Idee". Warum nicht nun, da sie keine Angst mehr vor Repressalien hatten durch ihr neues Bewußtsein,"diese Welt wahrscheinlich sowieso bald verlassen zu müssen", staatliche Stellen mit ihrem Elend konfrontieren? Sie gingen zur Polizei, und daß ihnen ein menschlich anteilnehmender Beamter zuhörte, tat ihnen gut, aber im nachhinein wurden sie ständig auf offener Straße kontrolliert.
Dann sprachen sie auf dem Gesundheitsamt vor, und es war wie "ein Wunder": Sie wurden verstanden, sie drangen vor bis zum Chef, der sich seinerseits Sorgen über Aids und Prostitution machte. Zu einem weiteren Gespräch mit dem Junkiepaar begaben sich zwei Vertreter des Gesundheitsministeriums eigens in das Amt, derart wichtig wurde das Problem eingeschätzt.
Beflügelt von so viel Ehre, doch auch frustriert von der Ergebnislosigkeit der Gespräche, begannen Isa und Jo, die Szene zu agitieren: Sie verteilten einen "Junk-Express", worin sie die Prostituierten zu einer Sammlungsbewegung aufriefen, genannt "The Final Countdown". Das war im Frühling dieses Jahres.
Wie Isa und Jo hängen in der Bundesrepublik mindestens 60000, vielleicht auch 90000, gelegentlich oder ständig an der Nadel. Über die Spritze, die in Junkiekreisen rundum geht wie bei den klassischen Indianern die Friedenspfeife, haben sich viele von ihnen das neue Virus eingefangen.
Wie Epidemiologen rekonstruierten, indem sie eingefrorene Blutproben auftauten und mit dem seit 1985 verfügbaren Antikörpertest auf HIV untersuchten, tauchten in der Drogenszene die ersten Infizierten bereits 1978 auf, und zwar in New York, und schon 1980 war das Virus auch bei italienischen Süchtigen nachweisbar. Seren aus jenem Jahr von West-Berliner Fixern, die ins Gefängnis kamen und deshalb Blutproben abgeben mußten, waren noch alle negativ. 1982 war aber auch in diesem Kollektiv der erste Häftling infiziert, 1983 war es schon jeder zehnte und 1984 jeder fünfte. 1985, als sich im Tropenmedizinischen Institut West-Berlins über 80 Drogenabhängige freiwillig untersuchen ließen, hatte schon ein Drittel Antikörper im Blut, und 1986 waren es bereits zwei Drittel, bei den Lebenden mehr noch als bei den obduzierten Drogentoten, von denen die Hälfte infiziert war.
In rund 500 Blutproben von Süchtigen vornehmlich aus dem süddeutschen Raum, die im Münchner Max-von-Pettenkofer-Institut untersucht wurden, fand der Mikrobiologe Lutz Gürtler im vorigen Jahr Antikörper bei 30 Prozent der Männer und 40 Prozent der Frauen: niedrigere Raten, als sie etwa bei Drogenabhängigen im italienischen Bari (76 Prozent), im schottischen Edinburgh (65 Prozent), im spanischen Valencia (48 Prozent) oder im schweizerischen Bern (42 Prozent) gefunden wurden.
Von den Süchtigen weiblichen Geschlechts geht mindestens die Hälfte, es könnten aber auch drei von vier sein, auf den Strich; die männlichen Junkies sind eher mit Dealen und Klauen beschäftigt, aber mindestens jeder zehnte verkauft sich auch selbst.
Rechnet man nur die jeweils optimistisch niedrigen Zahlen hoch, so gehen in der Bundesrepublik von wenigstens 7000 Prostituierten beiderlei Geschlechts gefährliche Infektionsketten aus. Nach pessimistischem Kalkül könnten es aber auch über 20000 sein, die das Virus durch ihr Gewerbe verbreiten. Als die Sexualreports noch Mode waren, bekannte, Ende der 70er Jahre, jeder dritte Mann, daß er schon Kunde von Prostituierten war. Die wenigsten Junknutten
werden wie Isa bei der Kontrolle auf den Gesundheitsämtern als Virusträger erkannt. Denn süchtige Prostituierte sind in der Regel nicht registriert und haben auch wenig Motivation, sich durch einen Antikörpertest Klarheit zu verschaffen. Selbst wenn sie wissen sollten, daß sie den unberechenbaren Killer im Leib haben: Die wenigsten können mit dem Anschaffen aufhören wie Isa.
Sie haben weder einen Jo, der für sie klaut, noch das Geschick, selber in die kriminelle Geschäftswelt einzusteigen, aber sie stehen unter dem Diktat ihrer Sucht. Wenn der Mangel anfängt, weh zu tun, und wenn der Freier ohne Gummi will und mit einem Blauen winkt: Sie tun''s, wie Isa und Jo aus ihrer Szene wissen und Leute von der Sitte auch anderswo immer wieder hören.
Da kann selbst die Seuchenpolitik des bayrischen Staatssekretärs Peter Gauweiler wenig greifen: Wenn seine Ordnungshüter ausschwärmen, verdächtige Prostituierte samt Kunden einer Zwangsuntersuchung zuzuführen, mögen sie ja in Einzelfällen erfolgreich sein und dürften doch an dem sozialen Dschungel scheitern. "Denn wie soll man", so versetzte sich Jo in die Jäger, "Zigtausende, die schon ein jahrelanges Verstecktraining hinter sich haben, kontrollieren können, wenn alle aus Angst in den Untergrund abtauchen?"
In seinem "Junk-Express" machte es Jo der Szene überdeutlich: _____" He, Leute, klar müßt Ihr verrecken, aber Ihr braucht " _____" doch nicht allein zu sterben. Immerhin seid Ihr wie " _____" biologische Waffen, und niemand kann verhindern, daß Ihr " _____" sie auch einsetzt. Und dann, Herr Gauweiler, dann ist " _____" erst wirklich die Katastrophe da ... " _____" Und dann werden sie ausschwärmen und uns jagen wie " _____" die Tiere. Ihr könnt Euch das nicht vorstellen? Nun gut, " _____" versetzt Euch nur lächerliche 55 Jahre zurück. Wenn Ihr " _____" damals prophezeit hattet, daß man in nur zehn Jahren " _____" Millionen Menschen nur aufgrund ihres Glaubens in Lager " _____" stecken und buchstäblich vernichten wird, man hätte Euch " _____" genauso ausgelacht, wie manche von Euch uns auslachen . "
Damit das düstere Szenarium nicht wahr wird, appellierte die Aktion "The Final Countdown" an "alle Junkies", für einen legalen Weg bei staatlichen Stellen zu kämpfen: "Helft uns wenigstens beim Abtreten - Polamidon."
So nannte man bei Hoechst ein synthetisches Opiat, das 1942 erfunden wurde: willkommen geheißen in Krankenhäusern und bei der Wehrmacht zur Linderung von Schmerzen der vielen Kriegsopfer. Die hochwirksame Substanz, die polarisiertes Licht nach links dreht und entsprechend L-Polamidon heißt, darf nach den strengen Vorschriften des bundesdeutschen Betäubungsmittelgesetzes nur auf einem gesonderten Rezept, mit Kopie für das Bundesgesundheitsamt, und nur in medizinisch begründeten Fällen verordnet werden. Das weniger wirksame, aber billiger herzustellende Gemisch aus links- und rechtsdrehenden Verbindungen bürgerte sich in den USA als Methadon ein. Es befindet sich im bundesdeutschen Katalog der Rauschdrogen, die (wie auch Heroin) nicht verschrieben werden dürfen.
Mit genau dem Stoff machten dagegen 1963 der Pharmakologe Vincent Dole und die Psychiaterin Marie Nyswander in New York einen aufsehenerregenden Versuch: Sie stellten Süchtige von Heroin auf Methadon um und verhalfen ihnen auf diese Weise, sich vom kriminellen Milieu zu entfernen.
20 Jahre später, als sich die Washingtoner Regierung über den Stand der
Wissenschaft berichten ließ, lebten an die 85000 US-Bürger mit der legalen Droge. Inzwischen sind es einige zehntausend weniger geworden. Die einen hielt auch Methadon nicht an der Kandare, die anderen senkten in jahrelangen Prozessen die Dosierung, bis sie schließlich ganz auf das Opiat verzichteten. Außerdem wurden als Gegengewicht Abstinenztherapien forciert. Zugleich wurde der Zugang zur legalen Droge erschwert, so daß heutzutage lange Wartelisten bestehen.
Die sogenannte Substitution durch Methadon oder auch das linksdrehende Levomethadon (identisch mit dem deutschen L-Polamidon) verbreitete sich in der ganzen Welt, und zwar derart, daß schon die WHO mahnte, vorsichtiger mit dem künstlichen Opiat umzugehen. Während die Ersatzdroge etwa in Italien recht ungeordnet und daher wenig effektiv eingesetzt wird, gibt es in der Schweiz gut durchdachte Methadonprogramme für 1500 Teilnehmer. In den Niederlanden sind es sogar 6000, ein Viertel aller Konsumenten harter Drogen, die von öffentlichen Stellen oder auch Bussen mit dem legalen Stoff versorgt werden. In Westeuropa lehnen nur noch die Regierungen von Norwegen und der Bundesrepublik eine Substitutionstherapie für Süchtige ab.
Eine Phalanx Tausender von Fachleuten, die in Westdeutschland mit Drogenproblemen befaßt ist, hält fest an der Einstellung, daß es für Abhängige nur einen staatlich geebneten Weg geben darf: den der Abstinenztherapie. Sie fanden ihren politischen Vollstrecker im Bonner Drogenbeauftragten Manfred Franke, einem Sozialdemokraten, der schon der sozialliberalen Koalition diente und noch heute im Bundesgesundheitsministerium sitzt. "Solange ich hier etwas zu sagen habe", pflegt er zu sagen, "wird es von der Bundesregierung aus keine Methadonprogramme geben."
Die Gegner der Substitution haben ethische Argumente, die sich höchst ehrenwert ausnehmen gegen den pragmatischen Kompromiß, zu dem sich viele Länder der Welt durchgerungen haben: ein Kompromiß zwischen dem Ziel, die Volksgesundheit durch Prohibition harter Drogen zu schützen, und der Einsicht, daß diese Prohibition keineswegs zumal in einem freiheitlichen System, ja noch nicht einmal in ummauerten Gefängnissen, total durchsetzbar ist und daß den Opfern geholfen werden muß. Sie durch legale Drogen in etwa den Alkoholikern gleichzustellen, die sich auch nicht in den Untergrund begeben müssen, um an ihr Rauschmittel zu gelangen, wird in anderen Ländern als Akt gesellschaftlicher Fairneß begriffen. "Wir respektieren den freien Willen, auch des Abhängigen", sagt etwa der Amsterdamer Stadtrat Jan van Dijk.
Eine Patentlösung ist Methadon nicht, nur das Mittel zweiter Wahl.
Jahrelang gab es in der Bundesrepublik kaum eine Diskussion, ob nicht auch ein Mittel zweiter Wahl ein Mittel sein könnte. Wer in dieser Richtung laut dachte, wurde von der herrschenden Linie schnell als Sektierer abqualifiziert. Seit aber Aids ein "neues Argument" liefert, ist ein "Glaubenskrieg um Methadon" entbrannt, wie Professor Asmus Finzen, langjähriger Chef des psychiatrischen Landeskrankenhauses Wunstorf bei Hannover, in der "Frankfurter Allgemeinen" schrieb. Sein Kollege, der Privatdozent Karl-Ludwig Täschner,
Chef der Psychiatrie im Bürgerhospital Stuttgarts, konterte sogleich, einen "Glaubenskrieg" gebe es nach seiner Kenntnis nicht, seien doch die Fachleute "einhellig" gegen eine Einführung von Methadon.
Bei der Desavouierung einer Methode, die anderswo angesehene Befürworter fand, schwangen in der Bundesrepublik stets auch handfeste wirtschaftliche Interessen der Therapiekonzerne mit, um so mehr, als sie sich zunehmend gegen den Vorwurf der Uneffektivität ihrer kostspieligen Bemühungen wehren müssen. Die Langzeittherapien (60000 bis 120000 Mark) sind bloß für jeden zehnten, vielleicht auch nur jeden zwanzigsten Junkie attraktiv und gehen außerdem zu mindestens 70 Prozent schief.
Viele Plätze in den oft idyllisch gelegenen Umerziehungshäusern werden nur deshalb besetzt, weil verurteilte Fixer statt Strafe die Therapie wählen: eine ungünstige Zwangskonstellation, die sich nicht immer, doch oft negativ auf den Erfolg auswirkt. Trotz aller Bemühungen in der Bundesrepublik: Über 90 Prozent der Drogenabhängigen ist mit dem System, so wie es heute ist, nicht zu helfen.
Daß Methadon geeignet ist, den Leidensdruck Süchtiger zu mindern, räumen selbst die schärfsten Kritiker ein, und gerade deshalb lehnen sie die Substitution ab: Denn nach ihrer Vorstellung soll gerade das Leid zur Abstinenz motivieren. Dieses Konzept hat manches für sich, aber doch auch eine zynische Komponente. Während bei Alkoholabhängigen der Leidensdruck, mit dem sich in der Therapie recht gut arbeiten läßt, durch die Sucht allein entsteht, wird er bei Drogenabhängigen zusätzlich durch Verfolgung und Verdrängung in Kriminalität und Prostitution erzeugt, so daß am Ende ein Ruin der sozialen Integrität steht: Nach der Erniedrigung auf dem Strich und im Knast wird der Weg zurück in die etablierte Gesellschaft sehr viel schwieriger.
Keine Frage, die Kritiker der Substitution haben recht: Durch Methadon bleiben Abhängige abhängig, es wird nur das Mittel gewechselt. Heroin staatlich zu verfolgen und Methadon staatlich zu verteilen, hat hauptsächlich gesellschaftspolitischen Wert. Pharmakologisch macht es nur kleine, aber feine Unterschiede, mit welchem Opiat substituiert wird. In Großbritannien werden in Einzelfällen sogar Herointabletten verschrieben, die sich nicht auflösen und nicht für Injektionen verwenden lassen. Methadon ist aber als Ersatzdroge besser geeignet, weil es in Tropfenform eingenommen werden kann und weniger euphorisierend als Heroin ist, dafür aber 24 bis 36 Stunden wirkt, während ein Schuß des großen H allenfalls sechs Stunden anhält.
Opiate, gleichgültig ob sie nun aus dem Saft des Schlafmohns gewonnen werden wie das Heroin oder ob sie aus der Retorte kommen wie das Methadon, gleichen in der Wirkung den Endorphinen, die, wie sich schon im Namen ausdrückt, körpereigene Morphine sind. Diese Zaubersubstanzen passen wie Schlüssel zu Rezeptoren, die sich geballt im Zwischenhirn befinden, genau da, wo die Lust erzeugt und der Schmerz gedämpft wird. Die Endorphine mit ihren Rezeptoren sind der biochemische Ausdruck des Lustprinzips, die archaische Steuerung menschlichen Tuns: eine wissenschaftliche Entdeckung, die sich vor allem der Forschung nach den Mechanismen der Opiatsucht verdankt. _(Mit amtsärztlichen Bescheinigungen, ) _(wonach ihr letzter Test auf HIV negativ ) _(war. )
Wie mit den körpereigenen Stoffen reagieren die Rezeptoren im Gehirn mit den Opiaten, von denen das Heroin das stärkste der Menschheit bekannt gewordene Euphorikum ist. Es vermag dem Hirn das zu zeigen, was die Mythen der Völker in längst vergangenen oder noch fernen Zeiten oder an unbestimmten Orten beschrieben: ein Paradies.
Aus der Erfahrung eines absoluten Glücks resultiert das Wesentliche der Sucht: die psychische Abhängigkeit. Die Erinnerung an jenes wunderbare Gefühl treibt einen Abhängigen, es wieder und wieder zu suchen. Aber das Gefühl kann in seiner höchsten Form nicht wiederkehren, weil das Gehirn eben nur einmal das erste optimale Mal erlebt und die Wiederholung als matter, wenn auch noch als ungeheuer euphorisierend verzeichnet. Unter der Droge kann sich ein Abhängiger damit abfinden, daß sein absolutes Glück unwiederbringlich ist; mangelt ihm aber die Droge immer wieder, steigert sich sein Verlangen zur Sucht, die ihn schließlich beherrscht.
Zugleich stören Opiate - und hierin liegt die Ursache für die körperliche Abhängigkeit, wie sie auch viele Medikamente erzeugen - allerfeinste Abläufe in jeder einzelnen Nervenzelle, die jedoch immer wieder nach einem Gleichgewicht ihres Stoffwechsels strebt und die Wirkung der Fremdstoffe mindert: Deren Dosis muß mithin gesteigert werden, was wiederum eine zelluläre Anpassung nach sich zieht - und so fort. Irgendwann aber hört dieser Prozeß auf, weil die Flexibilität der Zellen zur Änderung ihres Stoffwechsels begrenzt ist. In diesem individuell verschiedenen Bereich liegt, pharmakologisch gesehen, die Idealdosis für einen Drogenabhängigen: Während sie ihm ein Maximum an Wohlbehagen bringt, ohne ihn zu betäuben, würde sie einen Menschen, der den allmählichen Prozeß der Toleranzsteigerung nicht durchgemacht hat, völlig wegtreten lassen und womöglich töten.
Ein Junkie der freien Wildbahn kann aber sein Quantum selten konstant halten. Hört die Wirkung des Opiats auf, so vollzieht sich die zelluläre Anpassung umgekehrt, mit rasender Geschwindigkeit und schmerzhaften Turbulenzen in jeder Nervenzelle. Die Menschen zittern und krümmen sich, frieren und schwitzen zugleich, sie erbrechen und haben Durchfall, aber am schlimmsten sind die Angstzustände und Depressionen. Die körperlichen Qualen des Entzugs und die seelische Sehnsucht nach Rückkehr ins einst erfahrene Paradies schaukeln einander noch hoch.
Ist aber wieder Stoff da, betäuben Junkies zumeist mehr als nur ihre körperlichen Schmerzen, sie flüchten aus ihrer unguten Situation in Sphären, wo sie kaum noch ein Signal aus der Umwelt erreicht. Der körperlich und psychisch ruinöse Wechsel zwischen Mangel und Exzeß ist charakteristisch für die Fixer der gegenwärtigen Szene. Von den klassischen Morphinisten der 20er Jahre sind
dagegen etliche sozial angesehen geblieben und alt geworden, sofern sie ihrem Laster mit über Jahrzehnte gleichgebliebenen Dosen frönten. Und noch heute praktizieren in der Bundesrepublik ein paar greise, doch noch immer süchtige Doktoren. In den USA gibt es eine Reihe von Vietnam-Veteranen, die Heroin kontrolliert gebrauchen, ohne daß sie krank oder sozial auffällig wären.
Die Szeneleute von heute weg vom unkontrollierten und hin zum kontrollierten Opiatgebrauch zu bringen, das genau ist der Sinn von Methadonprogrammen. Die elendigsten Fixer aber sind nicht nur süchtig nach betäubendem Stoff, sondern auch süchtig nach dem inneren Chaos, nach dem Thrill von Leid und Lust, dem chemischen Ersatz von Abenteuer schlechthin.
Nur ein Teil der Abhängigen kann und will, nach internationalen Erfahrungen, den entscheidenden Schritt von der Unordnung in eine gewisse Ordnung ihres Stoffwechsels vollziehen. Hier nun wenden die Gegner der Substitution ein, daß genau dieser Personenkreis auch für Abstinenztherapien infrage käme. Im Ausland machten Fachleute dagegen die Erfahrung, daß sie durch die legale Droge überhaupt erst an diesen Typus von Abhängigen herankamen.
Was die bundesdeutschen Kritiker besonders verstört: Wie sich im Ausland zeigte, vermißten viele Junkies trotz Methadontranks den "Kick" oder den "Flash", eben dieses "Feeling", wenn gleich nach dem Nadelstich die Euphorie durch den Organismus brauste, daß sie sich immer wieder sogenannte Sonntagsschüsse von Heroin gaben oder ein High-Gefühl durch vielfältige andere Drogen erzeugten. Durch routinemäßige, doch unerwartete Urinkontrollen werden aber solche Exzesse offenbar.
Sehr gelassen sagt dazu der Zürcher Psychiatrieprofessor Ambros Uchtenhagen, Leiter der schweizerischen Methadonkommission, "daß Rückfälle in Heroinkonsum, aber auch Polytoxikomanie praktisch zur Karriere des Methadonpatienten gehören. Das ist aber kein Grund, um eo ipso gegen Methadonbehandlungen zu sein". Es kommt vielmehr darauf an, daß für die Abhängigen verständige Therapeuten da sind, um solche Krisen zu besprechen. Ist die Methadondosis optimal, werden die Rückfälle mit der Zeit sehr selten. Und wenn nicht, tauchen die Fixer sowieso wieder in die Szene ab oder sie werden nach den vorab festgelegten Regeln vom Programm ausgeschlossen.
Je offener die Begleiter auf die Neigung der Junkies zu Exzessen eingehen und mit ihnen genau das Risiko besprechen, desto geringer wird die Gefahr, daß sie durch die sich steigernde Wirkung verschiedener Substanzen zu Tode kommen. Zum Beispiel entsteht durch Methadon und bestimmte Tranquilizer eine teuflische Kombination. Auch das Methadon selbst ist mörderisch, wenn mehrere Tagesdosen auf einmal eingenommen
werden. Es führt wie auch jedes andere Opiat in der Überdosis zu einer tödlichen Atemlähmung und verhält sich damit ähnlich wie Barbiturate und Narkosemittel.
Daß überall auf der Welt Todesfälle durch die legale Droge oder ihre Beteiligung zu beklagen waren, hat die bundesdeutsche Therapeutenszene verschreckt. Eine Analyse der Todesfälle in der Schweiz zeigte aber, daß immer Regelverstöße die Ursache waren und oft genug Ärzte schuld, die sich die schwierige Substitution zugetraut hatten, ohne speziell geschult oder gar in Programme eingebunden zu sein.
Als James Cooper, ein maßgeblicher Mann im Washingtoner National Institute on Drug Abuse. in der Bundesrepublik auf das Problem angesprochen wurde, sagte er: "ICH kann Ihnen kategorisch erklären, und ich mußte diese Antwort vor dem Kongreß geben, daß die Todesrate unter Methadon, wenn man große und verschiedene Zahlenreihen miteinander vergleicht, die niedrigste ist. Die zweitniedrigste Rate liegt bei Patienten aus drogenfreien stationären Einrichtungen, die höchste Rate bei unbehandelten Gefangenen."
Von der bundesdeutschen Junkieszene sterben, ohne daß Aids schon einkalkuliert wäre, in jedem Jahr mindestens zwei Prozent. Sie sterben aus Versehen, weil sie den gestreckten Stoff von der Straße nicht richtig dosieren können, oder sie sterben mit Absicht, weil ihr Leidensdruck unerträglich geworden ist. Weil Heroin nach den Mechanismen des kriminalisierten Marktes immer wieder knapp wird, weichen sie auf andere Substanzen aus und vergiften sich mit gefährlichen Kombinationen. Und wenn sie nicht direkt durch Drogen sterben, so sterben sie an ihrer körperlichen Schwäche. Sie ziehen sich ständig Eiterbeulen zu, weil sie das Heroin nie rein kaufen können, sondern stets vermischt mit allem Erdenklichen, was weiß und pulvrig ist wie Ata oder Gips.
Sie holen sich, wenn die Spritze rundum geht, nicht nur Aids, sondern auch die Gelbsucht, sie fangen sich bei der Prostitution alle erdenklichen Geschlechtskrankheiten ein, trauen sich aber oft nicht zum Arzt. Durch ihr ständiges Hasten nach dem nächsten Schuß essen und schlafen sie nicht regelmäßig. Ihr schlechter Gesundheitszustand ist weniger eine Folge der Opiate als ihrer Situation, die wiederum ein Produkt der Gesetzgebung ist.
Richtig dosiert haben Opiate relativ wenig Nebenwirkungen. So ist ein auffälliger Effekt von legalen Ersatzdrogen, daß sich bei den Empfängern der Gesundheitszustand sehr bald entschieden bessert. Nach verschiedenen US-Studien schädigt Methadon weder Leber noch Lunge, Herz oder Nieren. Eine schweizerische Kommission, die der Berner Regierung 1984 Bericht zu erstatten und dafür Berge von wissenschaftlichem Material gesichtet hatte, nannte als "häufigste Nebenwirkungen" in der Anfangsphase einer Methadoneinnahme "vermehrtes Schwitzen, Obstipation, Potenzstörungen, Schlafstörungen und Konzentrationsstörungen".
Diese negativen Auswirkungen verschwanden aber zumeist sehr bald: "Zusammenfassend kann man heute sagen, daß gesundheitliche Schäden oder Funktionsstörungen durch Methadon in gut geführten Programmen gering sind." Das Fazit der Schweizer Experten lautete: "Bei lege artis indizierter und durchgeführter Behandlung bestehen ausgewiesene Chancen für eine volle Erwerbstätigkeit, für eine Normalisierung der Lebensführung, für die Fahrtauglichkeit sowie für eine allenfalls zusätzlich indizierte Psychotherapie."
Menschen unter Methadon werden dagegen von deutschen Experten gern "Zombies" genannt, wie etwa auf einem hessischen Symposium zu hören war, im "Zustand der chronischen Vergiftung" wie der Psychiater Täschner zu sagen pflegt, weder fähig zu einer "klaren Entscheidung", noch dazu, "über das eigene Leben nachzudenken".
Gleichwohl: In der vorbildlichen Zürcher Substitutionstherapie haben 83 Prozent der 107 Teilnehmer eine geregelte Arbeit. Dagegen gelingt es in schlecht organisierten Methadonprogrammen zahlreichen Abhängigen nicht, sich aus dem Sog der Szene zu befreien.
Wenn einem Junkie von heute auf morgen die Droge umsonst gegeben wird, so entsteht in seinem Leben ein riesiges Loch. Gestern noch war sein Tageslauf vorgezeichnet von der Jagd nach dem nächsten Schuß, sein Verstand rotierte nur in dieser einen Richtung, sein soziales Geschick und seine Beziehungen galten nur dem einen Zweck. Um diese Leere produktiv zu nutzen und etwas Neues aufzubauen, braucht er massive soziale Hilfe.
Klappt der Ausstieg nicht, so ergibt sich ein Schreckenstypus von Süchtigen, wie eine Arbeitsgruppe des Tropenmedizinischen Instituts in West-Berlin warnte: Während die Junkies, als sie noch den Gesetzen der freien Wildbahn gehorchten, aus der Szene durchaus ein Identitätsgefühl bezogen hätten, erlebten sie durch Methadon einen "Bruch in der Identität" und dämmerten sediert dahin in einer "erniedrigenden Abhängigkeit", wenn sie sich nicht einen Reiz durch illegale oder halblegale Aktivitäten verschafften. Derart ungünstig ist die Prognose nach niederländischen Erfahrungen vor allem dann, wenn junge Leute schon kriminell waren, bevor sie drogenabhängig wurden.
Es ist richtig (und für Kritiker eine unerträgliche Vorstellung), daß im Ausland
vom Steuerzahler finanziertes Methadon immer wieder auf dem Schwarzmarkt auftaucht. In der Regel muß der Patient einmal am Tag in einer Ambulanz erscheinen, wo man ihn kennt und wo er unter Aufsicht seine Droge, getropft in ein Glas Wasser oder Saft trinkt. Die Schwachstellen im System entstehen dann, wenn Methadon fürs Wochenende, für die Ferien oder für Geschäftsreisen mitgegeben wird.
Je intensiver sich das Begleitpersonal mit ihrer Klientel beschäftigt, desto genauer kennt es seine Pappenheimer und kann für unsichere Kantonisten, wenn sie denn reisen müssen, eine beaufsichtigte Einnahme bei einem Arzt oder in einer Apotheke organisieren, den Vertrauenswürdigen aber durchaus mehrere Dosen mitgeben.
Ob ein Akt von sozialer Heilung durch Methadon gelingt, ist eine Frage des Charakters und der Fähigkeiten sowohl der Patienten als ihrer Betreuer und auch die Frage, wie die Gesellschaft die (von den Schweizern) "ausgewiesenen Chancen" verstärkt oder ruiniert.
Da brauchte er keine Schweizer, die ihm ein Licht aufsteckten, das ging dem West-Berliner Professor für gerichtliche und soziale Medizin, Friedrich Bschor, von selber auf. Seit 1969 kam er mit vielen hundert Drogenabhängigen für seine renommierten Langzeituntersuchungen auf "durchaus oft faszinierende Weise" ins Gespräch. Schließlich fiel ihm auf, daß viele Konsumenten harter Drogen irgendwann von selber aus ihrer Sucht herauswuchsen wie aus Kinderschuhen, ohne daß sie eine Therapie gemacht hätten.
Der Anteil derer, die durch ihre Lebenserfahrung, ihr Älterwerden und durch einschneidende Erlebnisse ernüchterten, war sogar größer als die Erfolgsrate der Abstinenzinstitutionen. Es kam also vor allem darauf an, die Leute in der schwersten Phase ihrer Drogenkarriere, wenn sie für eine Abstinenzpredigt überhaupt nicht empfänglich waren, schlicht am Leben zu halten. Daß hierbei eine Substitution hilfreich sein könnte, war für Bschor einfach ein zwingender Schluß aus seinen Erkenntnissen.
Doch unbeirrt hielt der langjährige West-Berliner Drogenbeauftragte Wolfgang Heckmann fest an der Überzeugung, Methadon sei eine "Kapitulation vor der Sucht", und polemisch wetterte er: "Wenn der Dealer einen weißen Kittel trägt."
Vergebens, doch seit Jahren unermüdlich, forderte der Bremer Professor für Resozialisierung und Rehabilitation, Stephan Quensel, "eine Änderung unserer so durch und durch reaktionären und tumben Drogenpolitik". Seine These: "Das Problem ist nicht die Droge, sondern unsere Drogenpolitik."
Es war eine kleine Sensation, als plötzlich auch von einem Vertreter des Systems vorsichtige Zweifel an der herrschenden Linie zu hören waren. Im September
1985 stellte der nordrhein-westfälische Gesundheitsminister Hermann Heinemann die Ergebnisse einer Studie der bestens renommierten Hammer Therapiekette vor, die gleichwohl nur 33 Prozent Erfolge zu vermelden hatte. Der SPD-Politiker referierte die Erkenntnis der Fachleute, daß "soziale und berufliche Integration der Möglichkeit und Fähigkeit zur Drogenfreiheit vorausgeht und nicht umgekehrt". Und dann warf er die Frage nach Methadon auf: "Können wir uns damit abfinden, daß wir 70 Prozent der stark Drogenabhängigen hoffnungslos sich selbst überlassen, ohne auch nur genauestens vorbereitete und sorgfältig durch Ärzte kontrollierte Versuche dieser Art ernsthaft und sachlich diskutiert zu haben?"
Heinemann reiste in die USA, nach Holland und in die Schweiz, um sich selbst Substitutionsprogramme anzusehen. Immer sicherer wurde er in seinem Urteil, daß die bundesdeutsche Drogenpolitik zu eng sei und "sehr stark ideologisch befrachtet". Deshalb lud er vor einem Jahr internationale Experten zu einem Symposium nach Düsseldorf ein. Eine Reihe von deutschen Teilnehmern war derart beeindruckt, daß sie Heinemann versicherten, sie hätten ihre Meinung über Methadon geändert. Der geladene Drogenbeauftragte der Bundesregierung Franke erschien nicht und verkündete statt dessen politisch den "Schluß der Debatte".
Sie ging erst richtig los. Denn in den Kliniken tauchten nach den Homosexuellen immer mehr Aidskranke aus der Drogenszene auf. In einem Memorandum vom April dieses Jahres warnten die Frankfurter Professoren für Infektologie, Eilke Brigitte Helm und Wolfgang Stille, vor der "schleichenden, sukzessiv aber exponentiell ansteigenden Katastrophe" und forderten "aufwendige Substitutionsprogramme für HlV-infizierte Süchtige ... in noch zu errichtenden, großen Spezialambulanzen/Sozialstationen". Nun brachten Gegner als neustes Argument vor, gerade bei Virusträgern würde die Immunabwehr durch Methadon zusätzlich geschädigt. Stille: "Das ist ein reines Gerücht."
Selbstverständlich gaben die Frankfurter Infektologen ihren Aids-kranken Patienten, sofern sie drogenabhängig waren, Polamidontropfen als "Akt der Humanität". In der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" wurde einer dieser Fälle beschrieben: Günther G., groß abgebildet, "hat sich in der Klinik gut erholt", so hieß es. "Auf dem Bett zu liegen und die Außenwelt nur durch das Fenster zu betrachten, fällt Günther G. zunehmend schwer. Er will raus, normal leben." Die Ärzte behielten ihn nur noch auf ihrer Station, weil es kein Methadonprogramm gab, an das sie ihren Aids-Patienten hätten überweisen können.
Der Fall Günther G. hatte eine Fortsetzung, die nicht in der Zeitung stand. Der Mann wurde schließlich auf seinen Wunsch doch entlassen, geriet schnell in
den Sog der Szene und brachte sich wenig später um. "Sein Schicksal", so Stille, "ist uns sehr nahegegangen."
Auch in der Berliner Universitätsfrauenklinik Charlottenburg sorgten sich die Ärzte, was aus ihren drogenabhängigen Patientinnen würde, wenn sie mit einem Baby im Arm wieder entlassen wurden. Während der Schwangerschaft erhielten sie Polamidon, wie seit den 70er Jahren in der Klinik üblich weil ein Drogenentzug unter diesen Umständen medizinisch nicht geboten ist. Nach dem internationalen Wissensstand schädigen Opiate die Frucht nicht, während etwa das Zellgift Alkohol die Körper der Feten verkrüppeln und ihr Gehirn schädigen kann. Obschon wohlgeformt, müssen die Methadon-Babys allerdings gleich nach der Geburt einen unangenehmen Drogenentzug durchmachen.
Seit 1985 entbanden die Charlottenburger Gynäkologen 42 Frauen, die HlV-positiv waren. Während bei einigen der Schock und die Verantwortung für ihr Kind derart wirkten, daß sie eine Abstinenztherapie begannen, schlugen sich andere mit ihrer Sucht, ihrem gefährdeten Baby und den Gedanken an ihren nähergerückten Tod hilflos herum.
Dem inzwischen emeritierten Rechtsmediziner Bschor erschien das Elend derart schreiend und zudem "eine der gefährlichsten Virusschleusen in die heterosexuelle Normalbevölkerung hinein weit offen", daß er den Anstoß zu einer Aktion gab: Im April forderten 29 Hochschullehrer in einem Memorandum an den Senat, "die bisherigen Betreuungsangebote durch medikamentengestützte Süchtigenhilfe zu erweitern". Mit dem Ziel, "die noch nicht HlV-infizierten Drogenabhängigen vor einer Infektion zu bewahren und durch die so erst mögliche persönliche Betreuung und Beratung der Infizierten die übrige Bevölkerung zu schützen''. Erreicht hat die Ärzteinitiative in West-Berlin nichts.
Unerledigt liegt seit Anfang Juli beim Petitionsausschuß des Deutschen Bundestages eine Eingabe von einem Hannoveraner Kreis "Eltern drogenabhängiger Kinder", die Hunderte von Unterschriften für eine Substitutionstherapie sammelten und mit den Photos ihrer Söhne und Töchter appellierten: "Laßt unsere Kinder nicht sterben."
Nicht mit dem gewöhnlichen Leid aber mit dem Argument Aids räumte der Düsseldorfer Gesundheitsminister Heinemann schließlich Bedenken bei seinen Kabinettskollegen aus. Mitte Juli verkündete er, daß in Düsseldorf, Bochum und Essen Polamidon ausgegeben werden soll, unter der Bedingung, daß die Empfänger an einem Begleitprogramm zur Rehabilitation teilnehmen.
Erhalten soll die Ersatzdroge nur, wer mindestens 22 Jahre alt ist, seit mehreren Jahren abhängig von Opiaten (aber nicht auch noch von Alkohol) ist und zwei gescheiterte Abstinenztherapien hinter sich hat. HlV-Positive sollen aber bereits mit 18 angenommen werden, sie müssen nur einen Therapieversuch nachweisen, und wenn sie Prostituierte sind, reicht auch der Ausstieg aus ihrem Gewerbe. Das soziale Programm soll ihnen helfen, daß sie mit ihrer Infektion besser fertig werden und sich verantwortungsvoll gegenüber der Allgemeinheit verhalten.
Der für fünf Jahre vorgesehene Modellversuch und seine wissenschaftliche Begleitung wird das Land 5,4 Millionen Mark kosten. Die Droge selbst, die nur in bestimmten Krankenhäusern ausgegeben, aber nicht fürs Wochenende mitgegeben werden soll, macht den geringsten
Teil der Kosten aus, nämlich bloß 164250 Mark: Hoechst liefert den Staatskunden die reine Chemikalie zum Selbstkostenpreis; sie wird in den Hospitälern zum Trank aufbereitet, so daß eine Tagesdosis bloß auf 1,20 Mark kommt. Die Originalflasche L-Polamidon mit zehn Millilitern, ausreichend etwa für zwei Tagesdosen, wird von Hoechst normalerweise an den Großhandel für 6,01 Mark abgegeben und kostet in Apotheken 11,10 Mark (Schwarzmarktpreis: rund 200 Mark).
In der Szene ging ein Ansturm auf die legale Droge los, und auch viele Eltern spritzender Kinder erkundigten sich auf den Gesundheitsämtern. In Ahlen drohten drei Junkies der örtlichen Drogenberatungsstelle an, sie würden sich absichtlich mit Aids infizieren, um in das Substitutionsprogramm zu rutschen.
Solcher Wahnwitz wirkte kontraproduktiv denn er verwandelte sich zum ernsthaften Argument der gegnerischen Front, die sich unterdessen formierte. In der psychiatrischen Landesklinik Düsseldorf, die als eine der Ausgabestellen vorgesehen war, verweigerten die 14 Vorstandsärzte einstimmig aus "zwingenden ethischen Gründen" die Mitarbeit. Die CDU-Opposition versuchte, durch einen Antrag im Landtag das Projekt zu stoppen, unterlag aber in der Abstimmung.
Durch organisatorische Schwierigkeiten verzögerte sich der für den 1. Oktober
angekündigte Beginn des Versuchs. Nun stehen die Probleme einer Selektion an, die Dieter Sawalies, Leiter der größten Entzugseinrichtung des Landes und prinzipieller Befürworter eines sinnvollen Methadoneinsatzes, für "unmenschlich" und "skandalös" hält.
Im Düsseldorfer Gesundheitsministerium wird das "Potential der in Frage Kommenden" auf 3000 bis 5000 geschätzt, von denen etwa 1500 bis 2000 "geeignet" für eine Substitution sein dürften. Ausgewählt werden aber in jeder der drei Städte nur jeweils 25: Nachdem eine Sozialanamnese in einer Drogenberatung aufgenommen und die medizinische Indikation von einem der drei ausgewählten Ärzte festgestellt ist, sollen die Unterlagen einer vierköpfigen Bewilligungskommission vorgelegt werden, zu der auch der Drogenbeauftragte des Landes, Hans-Adolf Hüsgen, gehört. Wie immer dieses Gremium seine Entscheidungen treffen mag, es wird für Aufruhr in der Szene sorgen.
In der Aktion "The Final Countdown" sammelten sich bereits an die 30 Prostituierte, "voller Hoffnung", so Jo, doch je geringer sie ihre Chancen sehen, an den legalen Stoff zu kommen, desto öfter sind von ihnen "Verzweiflungssprüche" zu hören: "Dann machen wir Krieg", Krieg als die "biologischen Zeitbomben".
Bedingt durch den Gegendruck, hat Heinemann seinen Versuch klein angelegt, und deshalb kann er nur unzureichend als Aids-Prophylaxe wirken, weil viel zu viele Infektionsketten durch Prostituierte weiter bestehen werden. Dabei hat der SPD-Mann Heinemann sein Konzept ausdrücklich als Gegengewicht gegen den CSU-Weg Gauweilers erklärt: "Seuchen-, ordnungs- und polizeirechtliche Auflagen, die Prostitution zu unterlassen beziehungsweise Kondome zu benutzen, gehen an der realen Situation der drogenabhängigen Beschaffungsprostituierten völlig vorbei. Ihre praktische Kontrolle ist unmöglich. In Frage kommt nur die (lebenslange) überwachte ,Absonderung'' bei gleichzeitig sofortigem ,kaltem Entzug''. Eine hohe Selbstmordrate ist vorhersehbar."
Dazu Gauweiler: "Wie lange werden wir uns bei der Bekämpfung von Aids noch mit derart unsachlichen Argumenten herumschlagen müssen? Der Verzicht auf eine seuchenrechtliche Intervention wird am Ende zahlreiche Angehörige gerade der Risikogruppen Gesundheit und Leben kosten." Ein spektakuläres Methadonprogramm wie in Nordrhein-Westfalen lehnt er ab: "Eine Mitwirkung des Staates bei der Verbreitung destruktiver Drogen kann nicht in Frage kommen."
Er hat jedoch mit dem Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik München, Professor Hanns Hippius, ein Konzept für einen undramatischen, eher stillen Einsatz von Polamidon in Einzelfällen beraten: Die Verordnung der Ersatzdroge
steht im Ermessen des Arztes, aber er muß vor einer Behandlung einen zweiten, gutachtenden Arzt einschalten, dem ein noch zu erarbeitender Kriterienkatalog vorgegeben wird. Damit keine Massenpraxen für Süchtige entstehen, soll ein Arzt nur einer begrenzten Anzahl von Patienten Polamidon verschreiben dürfen, auf den Spezialrezepten, deren Kopien sowieso dem Bundesgesundheitsamt vorgelegt werden müssen. Durch eine Vernetzung zwischen den Ärzten und den Sozialen Diensten staatlicher Institutionen soll sichergestellt werden, daß die Drogenabhängigen Hilfe zur Lösung von der kriminogenen Szene erhalten.
Auch in Niedersachsen will die CDU-Regierung von Januar nächsten Jahres an Erfahrungen mit der Ersatzdroge sammeln lassen, "nicht wuchtig, sondern ganz bescheiden", wie der Epidemiologe Adolf Windorfer vom Sozialministerium sagt. Drei bis vier Leute sollen im Umfeld von Hannover etwa 30 Drogenabhängige, nicht bloß infizierte, von der Beschaffungsprostitution abbringen, für sie Sozialpläne entwerfen und ihnen auch Polamidon vermitteln.
Im CDU-Land Baden-Württemberg dagegen sieht der Drogenbeauftragte Franz Lux "durch das Vorpreschen Nordrhein-Westfalens keinerlei Handlungsbedarf: Auch Aids ändert nichts daran, daß wir Methadon ablehnen". In Rheinland-Pfalz kommen der Sozialministerin Ursula Hansen Ersatzdrogen "so vor, als ob man den Teufel mit dem Beelzebub austreiben will".
Methadonbefürwortern wurde in Hessen, von einer CDU/FDP-Koalition regiert, sogar ein staatlicher Maulkorb verpaßt. In einem Schreiben an "die Träger der Drogenhilfe" teilte das Sozialministerium mit: "Nach erneuter Überprüfung
hat der Minister persönlich entschieden, daß es in Hessen bei der Ablehnung von Substitutionsprogrammen für Spritzgiftabhängige bleibt. In die Prüfung wurden auch die Gesichtspunkte einbezogen, die sich aus der Aids-Problematik ergeben." Andersdenkenden wurde angedroht,"daß die Forderung nach der Einführung oder Duldung von Substitutionsprogrammen durch überwiegend über öffentliche Zuschüsse finanzierte Mitarbeiter geeignet sein kann, sehr problematische Situationen zu schaffen".
In dieser Atmosphäre wird eine Tagung zum Politikum, zu der die Professoren Helm und Stille als Referenten internationale Methadonexperten und deutsche Befürworter Mitte November nach Frankfurt eingeladen haben.
So notwendig angesichts der jeden Tag fortbestehenden Ansteckungsgefahr das öffentliche Trommeln auch ist, so kann es paradoxerweise fatale Nebenwirkungen haben, solange der Einsatz von Ersatzdrogen nicht vom politischen Willen in der gesamten Bundesrepublik getragen wird. Zweifelsohne wird durch die Diskussion über Aids und Methadon bei niedergelassenen Ärzten die Hemmschwelle sinken, so daß sie die Substitution probieren, ohne daß sie die nötigen Kenntnisse haben und ohne daß sie leisten können, was das Wichtigste ist: die begleitende Sozialtherapie.
Schon jetzt ermittelt die Frankfurter Staatsanwaltschaft gegen 20 Ärzte wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz. Oberstaatsanwalt Jochen Schroers ist zwar "nicht grundsätzlich gegen eine Therapie mit Ersatzdrogen", aber doch entschieden gegen medizinischen Wildwuchs: "Die Ärzte verschreiben verschiedenste Mittel in großen Mengen, ohne sich zu vergewissern, ob ihre Patienten sie auch einnehmen, und wir greifen sie auf, wenn sie das Zeug auf dem Schwarzmarkt verkaufen. So geht es nicht." Nach Kenntnissen der Polizei gingen manche Süchtige regelrecht auf "Doc-Tour" und tischten jeden Werktag einem anderen Arzt eine rührselige Geschichte auf, um eine Woche später als treuer Patient wieder in derselben Praxis zu erscheinen.
In der Bundesrepublik wurden bereits einige Ärzte zu Freiheitsstrafen und Berufsverboten verurteilt, nicht allein wegen der Verschreibung von Substitutionsdrogen, sondern weil sie die Sorgfaltspflicht außer acht gelassen hatten. Mediziner, die für minder schuldig gehalten wurden, erhielten Geldstrafen. Andere Kollegen wurden dagegen freigesprochen. Die juristische Argumentation folgte regelmäßig Gutachtern, deren Expertisen so ausfielen, wie es ihrem jeweiligen Standort in dem medizinischen Schulenstreit entsprach. Dem einen galt als "Kunstfehler", was dem anderen "ärztlich begründet" erschien: eine für einen Rechtsstaat prekäre Situation, hängt doch das Urteil letztlich von der Wahl des Sachverständigen ab.
Der Bundesgerichtshof hat sich 1979 sophistisch aus der Affäre gezogen: _____" Die Verschreibung eines Betäubungsmittels an einen " _____" Süchtigen zum Zwecke der Entziehungskur ist trotz " _____" medizinischer Indikation dann nicht ärztlich begründet, " _____" wenn der Arzt keine ausreichende Vorsorge dafür trifft, " _____" daß der Patient das Mittel verschreibungsmäßig gebraucht. "
So klar einerseits die Auflagen sind, so zweifelhaft ist andererseits, was denn die höchsten Richter mit ihrer Formulierung zum "Zwecke der Entziehungskur" gemeint haben mögen: die Entziehung des verbotenen Heroins oder die Entziehung auch des Methadons durch systematisch heruntergesetzte Dosen. Unklar auch, wie lange so eine Kur dauern darf: nur kurz oder auch Jahre, wie es internationalen Erfahrungen entspricht? Bis sich die höchsten Richter nicht präziser fassen, ist die Rechtslage in der Bundesrepublik dubios.
Gegen den Kieler Arzt Gorm Grimm wird seit fünf Jahren immer wieder ermittelt, inzwischen füllen die Akten seiner diversen Verfahren fünf Meter im Regal. Verurteilt wurde er nie, aber, wie er sagt, "der schleichende Kampf ist zermürbend". Grimm verschreibt seit zwölf Jahren und inzwischen über 200 Patienten Codein, ein Opiat mit geringer Rauschwirkung, das nicht unter das Betäubungsmittelgesetz fällt. Wenngleich auch er den Beistand staatlicher Stellen vermißte, die seinen Patienten beim Aufbau einer neuen Existenz hätten helfen können, haben sich doch die meisten Empfänger der Droge auf Krankenschein sozial stabilisiert und in einem Selbsthilfeverein gegenseitig bestärkt. Eine von Grimm betreute Mutter mit einem kleinen Kind gab unlängst im Fernsehen ein beeindruckendes Beispiel für eine gelungene Substitution.
Aber gerade Grimm, der alle erdenkliche Literatur zum Problem der Ersatzdrogen studierte und selber ein Buch darüber geschrieben hat, sieht nun das "Chaos" kommen: "Ärzte, die sich auf diese Therapie einlassen, brauchen dringend eine Grundausbildung und klare Richtlinien." Solange sich aber die Ärztekammern auf den Standpunkt stellen, Drogenabhängigen Drogen zu geben, sei "ärztlich unbegründet", wird die Fortbildung behindert, "auf fast schon kriminelle Weise", wie Grimm seinen Standesorganisationen vorwirft.
Immer mehr Kollegen tun, wie er weiß, heimlich, was er offen tut, und fragen ihn zu Behandlungsdetails um Rat, den er auch gibt. Aber was die Ärztekammern versäumten, kann er nicht leisten: "Durch das Verdikt gegen die Substitution geht nun die Katastrophe in die andere Richtung los." Die Hamburger Ärztekammer immerhin hat die Problematik begriffen. Verschiedene Gremien diskutieren gegenwärtig eine neue Strategie.
Der Münchner Psychiater Hippius beobachtete in Kollegenkreisen einen Bewußtseinswandel in der Schmerztherapie. Hatte die Drogenwelle einstmals in der Ärzteschaft eine irrationale Antihaltung gegen Opiate erzeugt, so daß diese Medikamente selbst schwerkranken Krebspatienten vorenthalten wurden, obwohl sie deren letztes bißchen Leben hätten schmerzfrei und angenehm machen können, sieht er nun Ansätze zu einer realistischen Einstellung: die Möglichkeiten dieser Substanzen zu begreifen, aber ihren Schaden, den sie durch eine unkontrollierte Verbreitung anrichten können, zu begrenzen.
Sofern sich ein Umschwung auf breiter Basis einstellte und politische Vorgaben ergingen, die sowohl der Verschreibungsangst in bezug auf Opiate als auch der Verschreibungswut verantwortungsloser Mediziner entgegensteuern, könnten auch in der Bundesrepublik niedergelassene Ärzte in ein Konzept eingebunden werden, wie es jetzt in der
Schweiz versucht wird. Während jahrelang Methadon nur in besonderen Programmen ausgegeben werden durfte, wurde unter dem Aids-Schock auch niedergelassenen Ärzten die Verordnung erlaubt. Sie brauchen aber eine spezielle Bewilligung, die ihnen gewährt wird sofern sie zur Fortbildung bereit sind. Das nötige Wissen können sie sich überall da aneignen, wo bereits jahrelange Erfahrungen gesammelt wurden. Zwar wird die Liberalisierung des Methadons von Fachleuten kritisiert, die prinzipiell für Ersatzdrogen nur in Kombination mit Sozialtherapie sind, aber die Verfechter der neuen Linie argumentieren, die Bekämpfung von Aids habe Priorität vor der Bekämpfung der Drogen.
Isa und Jo bekamen auf einen Brief, den sie im Frühjahr an Minister Heinemann schrieben, keine persönliche Antwort. Die Antwort wurde ihnen praktisch zuteil. Als Vorlauf zu Heinemanns Substitutionsprogramm erhalten das Pärchen und eine Freundin, die drei Gründungsmitglieder von "The Final Countdown", jeden Tag in der Abstellkammer einer renommierten Arztpraxis, an die sie das Gesundheitsamt vermittelt hat, ein Glas Wasser, in das L-Polamidon, genau dosiert mit einer Spritze, getropft wird: ein bitter schmeckender Trank .
Zunächst war die Dosis zu niedrig, so daß die drei sich immer wieder Schüsse von Heroin gaben, was sie auch auf dem Gesundheitsamt meldeten. Als die Dosis erhöht wurde auf fünf Milliliter, hörte ihr Hunger nach Äitsch auf. Erfahrungsgemäß wird sich aber wieder ein Gewöhnungseffekt einstellen, so daß sie mehr Tropfen brauchen werden, bis schließlich dieser Prozeß zum Stillstand kommt. Für das Wochenende wird jedem eine Originalflasche mit zehn Millilitern ausgehändigt.
Isa und Jo konnten schon bald "von einem Erfolg sprechen, denn zum erstenmal seit mindestens einem Jahr können wir ohne illegale Aktionen überleben". Auch gesundheitlich "geht es aufwärts", wie sie sagen. Sie schlafen und essen wieder regelmäßig.
Dieser Vorlauf aber ist nach Ansicht des Düsseldorfer Staatsanwalts Hans Hallmann "strafbar". Er hat ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Auch das offizielle Programm Heinemanns ist ihm suspekt: "Die Wahrscheinlichkeit, daß aus der Bundesrepublik Strafanzeigen kommen, ist sehr groß." Er selber hält "absolut nichts" von Ersatzdrogen für Süchtige: "Die bleiben alle im Sumpf, und das ganze Volk wird in dieser Frage gespalten sein."
Mit amtsärztlichen Bescheinigungen, wonach ihr letzter Test auf HIV negativ war.

DER SPIEGEL 44/1987
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