26.10.1987

FERNSEHEN IAuf Wiedersehen

Trotz eines Arbeitsgerichtsurteils soll „Report“-Chef Franz Alt sein Magazin an diesem Dienstag nicht allein moderieren dürfen.
Ein jammervolles Bild. Stotternd krampfhaft die Köpfe übers Manuskript gebeugt oder starr die Augen auf den Teleprompter gerichtet, verlasen die "Report"-Autoren die Ankündigungssätze zu ihren Magazin-Beiträgen. Moderator Franz Alt beschränkte sich verdrossen auf ein karges "Guten Abend" und "Auf Wiedersehen", derweil ein am Pult stehender Chefredakteur verlegen lächelnd um Zuschauergunst flehte.
Dieses Laienstück an TV-Magazin-Präsentation vom Typus "Häschen-Schule", so die "Zeit", sendete der Südwestfunk Baden-Baden am 22. September. Am Dienstag dieser Woche soll es mit anderen Themen erneut zur Aufführung gelangen. Nicht der überaus populäre CDU-Journalist Alt wird, wie von 1972 bis zum letzten September, "Report" allein moderieren. Die Autoren werden wie zu basisdemokratischen Zeiten bei "Panorama" und "Monitor" in den frühen Siebzigern in ihre Beiträge selbst einführen.
Was wie neulinker Fortschritt einherkommt, ist ein weiterer Versuch, den kritischen TV-Mann Alt in seiner Funktion als Redaktionschef und Moderator des TV-Magazins zu demontieren. CDU-Mitglied Willibald Hilf, Südwestfunk-(SWF-)Intendant, der dem Parteifreund schon mal den "Aufbau unangreifbarer Meinungsmacht" samt "Mythenbildung" vorwarf, in Wahrheit aber mit Alts Themen- und Autorenauswahl hadert, will den leibhaftigen Mythos, wenn er schon nicht selber weicht, nun mit allen Mitteln auf Null bringen.
Allemal am elegantesten, so der Hintergedanke, geht das über die feine Baden-Badener Bühne, wenn die Präsenz auf dem Bildschirm beschnitten wird, der Alt seine Popularität verdankt. Dabei scheren sich Hilf und seine Truppen nicht um ein Urteil des Arbeitsgerichts Karlsruhe, das vor drei Wochen verkündet wurde und dem "Report"-Chef das vertraglich gesicherte Recht auf die Alleinmoderation zuspricht.
Alt, perplex über die rüde Hilf-Behandlung: "Urteile interessieren die nicht." Pressesprecher Horst Walker, ein Hilf-Helfer, sieht das differenzierter:
Das Arbeitsgerichtsurteil sei "nur ein Feststellungsurteil ohne Bindewirkung", Berufung sei eingelegt. Falls der Widerspenstige seinen Anspruch auf Alleinmoderation an diesem Dienstag per einstweiliger Verfügung doch noch durchsetzen wolle, sei auch dafür schon vorgesorgt - "per hinterlegter Schriftstücke".
Damit scheint ein jahrelanger Kampf zwischen kritisch-aufmüpfiger Berichterstattung und öffentlich-rechtlichem Prinzip mehrheitsfähiger Ausgewogenheit dort zu enden, wo derlei zu enden pflegt: im Dickicht kleinkarierter Rechtshändel.
Begonnen hatte der Konflikt zwischen Intendant und Redaktionschef, als sich der einst politisch handsame "Report"-Moderator 1982/83 für die Friedensbewegung einzusetzen begann und Kritik an Nachrüstung, Umweltsünden sowie der Atomenergie übte. Ein vom Intendanten Hilf 1983 ausgesprochenes Auftrittsverbot für den Moderator mußte einen Monat später auf Gerichtsbeschluß hin rückgängig gemacht werden. Dabei mußte der auf dem TV-Schirm zuweilen wie ein vom Geist erleuchteter Asket wirkende Alt nachgeben: Fürderhin, so hatte er im gerichtlichen Vergleich zugesagt, wolle er sich bei Friedensthemen zurückhalten.
Einen knallenden Höhepunkt erreichten die Alt-Hilf-Querelen zu Beginn dieses Jahres. Da hatte die konservative Mehrheit im SWF-Fernsehausschuß einen Bericht des Report-Redakteurs Wolfgang Moser gerügt, der - gestützt auf dubiose Quellen- Kernkraftwerken ziemlich unbewiesen den Verdacht anhängte, ihre Emissionen könnten Mißbildungen bei Mensch, Tier und Pflanzen auslösen. Moser wurde versetzt ins regionale Vier-Wochen-Magazin Schauplatz Europa". Alt erhielt eine Abmahnung, weil er gegen "Lobbyisten der Atomwirtschaft" (Alt) protestiert hatte.
Öl ins Baden-Badener Fernseh-Feuer goß dann zur Jahresmitte noch einmal Moser mit einer Interview-Äußerung. Hilf, so Moser in einem Trierer Szeneblatt, sei vor seinem Wechsel aus Helmut Kohls damaliger Staatskanzlei in Mainz zum Funkhaus am Fuße des Schwarzwalds "mit 5000 Mark geschmiert" worden. Der angegriffene Intendant hielt dagegen, er habe nur als CDU-Politiker ohne "den Anflug eines Unrechtsbewußtseins" Geld für die Partei gesammelt.
Moser erhielt die fristlose Kündigung und "Report"-Chef Alt ein weiteres Mal eine Abmahnung, weil er in der Juni-Sendung die Zuschauer mit einem ahnungsvollen apokalyptischen Abschiedsgruß erschreckt hatte: "Auf Wiedersehen in fünf Wochen - wenn es uns dann noch gibt." Als Alt danach vor dem Gericht obsiegt und in den "Tagesthemen" bundesweit einen Kommentar hatte sprechen dürfen, lästerte Moderator-Kollege Hanns Joachim Friedrichs hernach vor der Kamera: "Diesen Kommentar sprach Franz Alt - ganz allein."
Über die fristlose Kündigung von Moser soll vor dem Arbeitsgericht Karlsruhe in dieser Woche befunden werden. Für den Wahrheitsfanatiker Alt stand schon vorher fest, daß mit zweierlei Maß gemessen worden ist: Der Programmbeirat des deutschen Fernsehens rügte, ausweislich eines Protokolls, zwar pauschal die TV-Magazinsendungen; doch in einem Protokoll für den SWF-Hausgebrauch wurde daraus eine namentliche Kritik an Alts Moser und dem "Report"-München-Redakteur Heinz Klaus Mertes. Aber während Moser gekündigt wurde, klagt Alt, "steigt Mertes auf": Der - rechte - Journalist ist als Nachfolger von Günther von Lojewski, Chef der bayrischen Fernseh-Magazin-Ausgabe, im Gespräch. Besonders schmerzlich für Alt: Mertes würde dann Alleinmoderator sein, wie die Chefs der anderen Magazine "Panorama" und "Monitor" auch.

DER SPIEGEL 44/1987
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