26.10.1987

Fernsehen IIBuona Fortuna

Das Bayerische Fernsehen entledigte sich per fristloser Kündigung seiner langjährigen Rom-Korrespondentin.
Franca Magnani, 62, Redakteurin im ARD-Studio Rom getragen vom Bayerischen Fernsehen, arbeitete gerade in Mailand an einem Film mit dem Arbeitstitel "Die Wende in der Stellung der Frau". Da wurde sie ziemlich abrupt in die Männerwelt ihrer Anstalt des öffentlichen Rechts zurückbeordert.
Wolf Feller, 57, TV-Chefredakteur aus München, der die Kollegin am Telephon als "Vorgesetzter und künftiger Fernsehdirektor" zu beeindrucken suchte, begehrte ein Gespräch über "die Zusammenarbeit im Studio Rom und das gesamte Arbeitsverhältnis".
Die Redakteurin, mit den Methoden Fellers aus dessen gut fünfjähriger Tätigkeit als Studioleiter in der italienischen Hauptstadt (1977 bis 1982) wohlvertraut, schlug für die Begegnung einen "neutralen Boden" vor, das Cafe Greco in Rom. Angesichts eines seit sieben Jahren andauernden Arbeitsgerichtsprozesses gegen den Münchner Sender wollte sie auch lieber ihren Anwalt dabeihaben.
Der Münchner reagierte schroff- mit einer fristlosen Kündigung. Zu einem persönlichen Rencontre kam es nicht mehr. Studioleiter Peter Mezger überreichte am Freitag vorletzter Woche das Papier. Franca Magnani verließ nach 23 Jahren ihre Arbeitsstätte an der Via Mario de Fiori und wünschte dem Studiochef und seinen zehn Mitarbeitern "buona fortuna".
Der Rausschmiß ist der vorläufige Endpunkt einer zehnjährigen Zerrüttung, die während der Ära Feller in Rom eingeleitet worden war. Damals wurde die Römerin, die bis dahin "völlig harmonisch" 13 Jahre lang mit wechselnden Studioleitern zusammengearbeitet und sich mit knappen und präzisen Tagesschauberichten und dem exotischen Charme ihrer Stimme ein anhängliches Publikum geschaffen hatte, von dem ehrgeizigen Feller mehr und mehr vom Bildschirm verdrängt.
Der CSU-Mann aus München versuchte, die Journalistin, Witwe eines kommunistischen Abgeordneten, per Mahnschreiben auszuhebeln. Intendant Reinhold Vöth stand dem durchsetzungsfreudigen Drängler zur Seite: "Wolf Feller ist in Rom die Nummer eins." Und der damalige Chefredakteur Rudolf Mühlfenzl erließ 1980 speziell für Rom eine "Dienstanweisung", in der Fellers Praxis bestätigt wurde: Vorschlag, Entscheidung und Abwicklung von Themen sollten nur noch in der Hand des Studioleiters liegen, angeblich, "um das Betriebsklima zu verbessern" (Magnani).
Doch das Klima in Rom verschlechterte sich zusehends. Franca Magnani klagte gegen die Dienstanweisung, von der sie sich "diskriminiert und beruflich zurückgestuft" fühlte. Obschon in ihrem Arbeitsvertrag der"Gerichtsstand Rom" festgeschrieben war, dauerte es sechs Jahre, bis das oberste italienische Verfassungsgericht die Zuständigkeit römischer Richter feststellte - und damit Franca Magnani recht gab.
Seit diesem Urteil vom Februar letzten Jahres hat sich nach dem Empfinden von Franca Magnani "die Situation noch erheblich verschlechtert". Jedenfalls ist sie seither nie mehr in der Tagesschau aufgetreten: "ICH wurde völlig isoliert und im Dunkeln gelassen."
Die einst gerngesehene und als Journalistin preisgekrönte Fernsehfrau saß nun täglich pünktlich von 9 bis 18 Uhr in ihrem Büro, las Zeitungen oder Bücher und quälte sich zuweilen "mit der großen moralischen Frage, ob man da einfach sitzen darf und nichts tun".
"Außer dem Prozeß hat sie kein Interesse mehr", mußte Studiochef Mezger erkennen, der vor gut einem Jahr nach Rom kam. Er ist "seit Ewigkeiten SPD-Mitglied", duzt sich mit Franca und hatte in Sachen Magnani anfangs "eigentlich einen sehr guten Willen".
Mezger erkannte auch auf manchen Gebieten die fachliche Überlegenheit der alteingesessenen Römerin, die in der Heiligen Stadt Gott und die Welt kennt: "Die hat natürlich Bombenkontakte hier." Doch weiß er auch das nach der Mühlfenzl-Anweisung deutliche Regiment inzwischen zu schätzen: "Ich kann da den Feller schon verstehen."
Franca Magnani beläßt es unerbittlich bei dem von ihr erklärten "Kriegszustand" gegen das Bayerische Fernsehen. Sie nutzt auch aus, daß es ihr Arbeitgeber unterlassen hat, sie schon zum 31. Juli 1980 in den Ruhestand zu versetzen - so jedenfalls war es in ihrem Vertrag ursprünglich fest vereinbart.
"Mit großer Heiterkeit" sieht die gefeuerte Redakteurin angesichts ihrer starken Position dem nächsten Gerichtstermin im Januar entgegen. Vorerst macht es ihr Spaß, dem Studio in Rom mit dem Gerichtsvollzieher zu drohen, um für unbezahlte Überstunden an die 300000 Mark einzutreiben.
Anstaltssprecher Ulrich Paasche hält den Pfändungsversuch für ungerechtfertigt: Die Abgeltung von Überstunden sei "bei dieser Gehaltsgruppe", der "höchsten tariflichen Gruppe", wie sie für Franca Magnani galt, "nicht üblich".
Ein Kernpunkt des bevorstehenden Gerichtsverfahrens wird sein, ob es Franca Magnani gelingt, sich auf den Bildschirm zurückzuklagen. Weil die Redakteurin früher zuweilen mehr als hundertmal jährlich in der Tagesschau aufgetreten ist, wurde für den Zeitpunkt der Klageerhebung ein Durchschnittssatz von 67 Beiträgen pro Jahr errechnet.
Das Bayerische Fernsehen sieht in diesem Punkt "eine politische Fragestellung von erheblichem Gewicht" (Paasche). Denn es gehe nicht an, "daß ein römisches Gericht die deutsche Tagesschau gestaltet". In der Tat könnte die Redakteurin den Bogen überspannen. Denn auch linksliberale Rundfunkräte in München, die Franca Magnani bislang gegen das "schäbige Verhalten" von Feller in Schutz genommen haben, jammern nun über "die alt gewordene Diva", die sich mehr und mehr "in die Rolle der Verfolgten und Märtyrerin" begebe und "riesige Probleme" mache.
Franca Magnani, drei Jahre vor der endgültigen Pensionsgrenze, sieht die Dinge realistischer. Selbst bei einem vollen Sieg vor den römischen Gerichten werde sie wohl nicht mehr auf den Bildschirm zurückkehren. Franca Magnani: "Das ist der Preis, den ich für mein Recht zu zahlen habe."

DER SPIEGEL 44/1987
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