16.11.1987

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Eine geheime Generalprobe zur Landung in der Normandie 1944 endete als Desaster. Vor Englands Küste starben 749 US-Soldaten. Der Vorfall wurde über Jahrzehnte erfolgreich vertuscht. *
Der Panzer, der die Landung in der Normandie verpaßte, steht am Ortseingang von Torcross in Devon an der englischen Südküste. Britische Freiwillige haben ihn vor drei Jahren aus dem Meer geborgen. Für Touristen ist das stählerne Relikt aus dem Zweiten Weltkrieg beliebtes Photomotiv.
Seit Sonntag finden sie neben dem Sherman-Tank eine Tafel: "Von den Vereinigten Staaten dem Andenken an die 749 Männer gewidmet, die vom 26. bis 28. April 1944 bei 'Exercise Tiger' am Strand von Slapton Sands starben." Zur Enthüllung der Inschrift hatten sich Regierungsvertreter aus Washington und eine Ehrenformation der US-Streitkräfte angesagt.
Die Yankees kamen zu einem Stück; mühsamer amerikanischer Vergangenheitsbewältigung. Denn mehr als vier Jahrzehnte lang hatte das offizielle Amerika die Umstande um den Tod der GIs am Strand bei Torcross vertuscht, verschleiert und verdrängt.
Der Grund: Die 749 Soldaten waren nicht im Heldenkampf gegen die Nazis gefallen, sondern wurden - knapp sechs Wochen vor der Landung in der Normandie - Opfer einer Übung, die zur Katastrophe geriet.
Bei der "Exercise Tiger"-Generalprobe für die Invasion in Frankreich rammten amerikanische Landungsschiffe einander, beschossen sich US-Truppen gegenseitig mit scharfer Munition, ertranken Wehrpflichtige, weil sie ihre Ausrüstung nicht kannten. Schnellboote der weithin schon außer Gefecht gesetzten Kriegsmarine Hitlers hatten leichtes Spiel, als sie schließlich auch noch in das amerikanische Truppenchaos hineinschossen.
Die Übung an der Küste der alliierten Engländer forderte mehr Tote als der spätere Ernstfall an "Utah Beach", östlich von Cherbourg im von den Deutschen besetzten Frankreich. "Vermißt im Ärmelkanal", belog das US-Oberkommando die Angehörigen von Exercise-Tiger-Opfern. Alte in Devon munkeln, daß tote Amerikaner noch heute in unmarkierten Massengräbern bei Torcross lägen.
Das bestreiten die US-Behörden vehement. Sie erklären, weshalb sie die Katastrophe verheimlichten: "Sicherheits-Erfordernisse der damaligen Zeit schlossen aus, daß der Zwischenfall zugegeben wurde. Das Opfer der gestorbenen Soldaten ist deshalb nie gebührend gewürdigt worden.
Es würde wohl bis heute nicht anerkannt, wenn nicht ein besessener englischer Einzelgänger dem Vorgang nachgegangen wäre und das Geheimnis - mit der Bergung des Sherman-Panzers auf eigene Kosten - buchstäblich ans Tageslicht gezerrt hätte.
Ken Small, 53, Besitzer der Pension "Cove Guest House" in Torcross, investierte 16 Jahre Arbeit und 60000 Mark: "Ich wollte die Tragödie aufklären - und ein Ehrenmal für die Opfer." Small kam diesem Ziel näher, als er
voriges Jahr in der US-Kongreß-Abgeordneten Beverly Byron eine einflußreiche Verbündete fand. Die Demokratin aus Maryland erzählte der amerikanischen Öffentlichkeit von den vergessenen Toten von Slapton Sands und gewann den Kongreß für die Gedenktafel mit den 749 Namen.
"Mögen diese Männer mit dem Wissen ruhen", heißt es in der Inschrift, "daß die Tragödie wesentlich zu dem Erfolg der Invasion in der Normandie am 6. Juni 1944 beitrug."
Exercise Tiger, die Probe zur Invasion, war für Slapton Sands bei Torcross angesetzt worden, weil dieser südenglische Strand der als Landeziel ausersehenen Utah Beach in der Normandie verblüffend ähnelt. Die Gegend war zudem schon seit Ende 1943 den Amerikanern als Truppenübungsgelände überlassen worden.
Ende April sollten dort 30000 GIs unter Gefechtsbedingungen an Land gehen. Sie waren im nahen Plymouth zusammengezogen und auf Landungsschiffe verladen worden.
Eine verhängnisvolle Kette von Unfällen begann sofort nach dem Auslaufen. Der zur Sicherung des Konvois eingesetzte britische Zerstörer "Scimitar" kollidierte mit einem Landungsschiff und mußte zurück in den Hafen. Die beschädigte "Scimitar" ließ jene Lücke offen, durch die später die deutschen Schnellboote stießen.
Ein Teil der Landungstruppen wußte nicht, daß für die Übung scharfe Munition ausgegeben worden war - Folge: Verletzte und die ersten Toten.
Viele der jungen, durchweg unerfahrenen Soldaten sprangen ins Meer - mit fatalen Folgen: Die GIs hatten Schwimmwesten, die über der Brust getragen werden müssen, wie Gürtel angelegt, um Waffen und Gepäck besser tragen zu können. Damit schlugen die schwerbeladenen Soldaten im Wasser wie Puppen um und ertranken. Zeugen berichteten von Hunderten von Körpern, die - kopfunter, Beine nach oben - in der See trieben.
Die Verwirrung war perfekt, als plötzlich Torpedos einschlugen. Zwei Landungsschiffe sanken, und ein drittes wurde schwer beschädigt.
Neun deutsche Schnellboote hatten das Chaos vor der englischen Küste ausgemacht und zu einem Überfall genützt. Korvettenkapitän und Eichenlaubträger Bernd Klug kommandierte den Einsatz, der wesentlich gefahrloser war als das Üben beim Feind.
Bei den Alliierten löste das Desaster bei Slapton Sands Entsetzen aus. "Ich erhielt die Nachricht nach einem langen, schweren Arbeitstag", schrieb der Oberste Befehlshaber Dwight D. Eisenhower an seinen Generalskollegen George Marshall, "das war keine Neuigkeit für einen geruhsamen Feierabend."
Eisenhower tat offenbar als General und später sogar als Präsident sein Bestes, um den Fall zu vertuschen. Zeugen der Katastrophe wurden unter Androhung von Kriegsgerichtsverfahren zum Schweigen verdonnert. US-Militärpolizei hielt 300 bei der Invasionsübung verwundete Soldaten im Krankenhaus von Sherborne wie Gefangene.
An der Küste begann nach der Katastrophe eine hektische Suche: Unter den 30000 Teilnehmern an Exercise Tiger befanden sich etliche Geheimnisträger, die echte Pläne für die Landung in der Normandie kannten. Die Alliierten fürchteten, daß Schnellboote einige der Offiziere aufgefischt und in deutsche Gefangenschaft gebracht haben könnten. Sie waren erleichtert, als sich herausstellte, daß alle Geheimnisträger zur Stelle waren - lebend oder als Leichen.
Die Leichen beschäftigten die Bewohner der Grafschaft Devon bis heute. Dorothy Seekings, 64, die 1944 als Brotlieferantin Zutritt zum Sperrgebiet der Amerikaner hatte, will gesehen haben, wie Bulldozer Berge von Leichen in Massengräbern verscharrten. Die Amerikaner behaupten dagegen, alle aufgefundenen Toten entweder auf den Heldenfriedhof bei Cambridge oder in die USA gebracht zu haben.
Informationen über Exercise Tiger aber sind in britischen und amerikanischen Archiven kaum zu finden. Allenfalls gab es Berichte vom deutschen Schnellbootangriff auf die übenden US-Truppen.
Das erschütterte den ehemaligen Polizeiangehörigen und Damenfriseur Ken Small, als er 1970 aus Nordengland nach Torcross zog, um dort eine Pension zu übernehmen. Small hörte die Geschichten von Exercise Tiger und den toten Soldaten. Er fand bei Strandwanderungen Erinnerungsstücke an die Ereignisse von 1944 - Patronenhülsen, Knöpfe, Koppelteile.
Sporttaucher erzählten dem Zugezogenen, daß 300 Meter vor der Küste im Meer ein Sherman-Panzer liege. Small drängte die Behörden in Großbritannien und den USA, den Tank zu heben und als Denkmal aufzustellen. Als er jahrelang nicht weiterkam, entschloß er sich. 40 Jahre nach dem Geschehen, zur Selbsthilfe. Im Sommer 1984 barg er mit Hilfe befreundeter Unternehmer und Tauchsportler den bei Exercise Tiger untergegangenen Panzer.
Der alte Sherman-Tank brachte die Wende Veteranen der Invasion und Angehörige von "Vermißten im Ärmelkanal" kamen nach Torcross. Militärhistoriker und sogar das Pentagon interessierten sich plötzlich für den tragischen Probelauf der Landung in der Normandie. Viele Amerikaner aber fragten sich: Weshalb bedurfte es eines exzentrischen Engländers, um die Erinnerung an 749 gefallene Söhne ihres Landes zu wecken?

DER SPIEGEL 47/1987
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