01.02.1988

Waldheim - „Gongschlag zur letzten Runde“

Erstmals weist ein Dokument den österreichischen Bundespräsidenten Kurt Waldheim als Mittäter bei Kriegsverbrechen aus. Danach gab er im Jahre 1942 bei einer berüchtigten Aktion im bosnischen Kozara-Gebirge den Befehl zur Deportation von über 4000 Zivilgefangenen, die später zum Teil in der Haft umkamen. *
Niemand hatte noch mit einem Beweis gerechnet. Seit nunmehr zwei Jahren durchwühlen Dutzende Historiker, Journalisten und Hobbyforscher die Kriegsarchive in Europa und den USA.
In den National Archives von Washington stritten die Rechercheure bisweilen lautstark um Mikrofilme, auf denen sie Brisantes vermuteten. Verstaubte Kisten mit augeordneten Papieren, die jahrzehntelang vor sich hinmoderten, wurden plötzlich heiße Ware. Scheue Archivare sahen sich ins Scheinwerferlicht unzähliger TV-Teams gezerrt.
Alle Welt suchte fieberhaft Dokumente über den Präsidenten eines mitteleuropäischen Kleinstaats, um ihn womöglich eines Kriegsverbrechens, der Mitwisserschaft oder wenigstens einer weiteren Lüge zu überführen. Nie zuvor in der Geschichte wurde mit solchem Aufwand im Soldatenleben eines einfachen Oberleutnants gefahndet.
Den Wirbel, so unverhältnismäßig er auch mitunter schien, hatte sich der österreichische Bundespräsident und frühere Uno-Generalsekretär Kurt Waldheim, 69, durch das trotzige Wegleugnen seiner Kriegsvergangenheit auf dem Balkan selbst zuzuschreiben. Er behauptete unverdrossen, von Juden-Deportationen nichts gewußt und "nie einen Partisanen gesehen" zu haben. Vergangene Woche meinte er gar, er sei nicht der einzige Politiker seines Landes, "der ungenaue Angaben zu seiner Rolle in der Wehrmacht gemacht habe" - eine schreckliche Ausrede.
Inzwischen konnte zwar vielfach belegt werden, daß Waldheim über Kriegsgreuel genauestens informiert war, doch ein ihn persönlich belastendes Dokument tauchte nicht auf.
Auch die internationale Historiker-Kommission, die im Auftrag der österreichischen Bundesregierung Waldheims Kriegsjahre untersucht, wurde nicht fündig. "Was wir ihm nicht nachweisen können", so das bundesdeutsche Kommissionsmitglied Manfred Messerschmidt, "ist seine individuelle Verwicklung in Kriegsverbrechen."
Kommenden Montag wollen die Militärhistoriker ihren Abschlußbericht dem sozialistischen Bundeskanzler Franz Vranitzky übergeben. Messerschmidt hatte bis zuletzt auf eine "Goldader" oder wenigstens auf "Goldkörner" gehofft, irgendwo versteckt in einem unscheinbaren Karton.
Was den Scharen von Rechercheuren und auch der internationalen Kommission nicht gelang, schaffte der jugoslawische Historiker Dusan Plenca. Bei privaten Nachforschungen in Zagreb entdeckte
der frühere Leiter des Kriegshistorischen Instituts Belgrad ein hochbrisantes Dokument, das Waldheim erstmals zum Mittäter stempelt. Schlagartig wird dadurch verständlich, warum sich Österreichs Bundespräsident an eine bestimmte Kriegsepoche, den Sommer 1942 im bosnischen Kozara-Gebirge, bisher immer nur besonders schwer erinnern konnte.
Innerhalb weniger Wochen töteten damals deutsche und kroatische Truppen mehr als 4000 Aufständische. Nach dem Massaker, einem der brutalsten im Balkan-Krieg, landeten 68 000 Menschen in Lagern, darunter 23 000 Kinder.
Ende März 1986 bestätigte Waldheim, 1942 im Kozara gewesen zu sein. Wenige Tage später widerrief er. Im August 1986 schließlich gab er gegenüber dem US-Justizministerium zu, daß er doch da war: Im Hauptquartier der Kampfgruppe Westbosnien in Banja Luka habe er beim Stab des Quartiermeisters Hauptmann Plume seine Soldatenpflicht erfüllt - als einziger weiterer Offizier. Ab Ende Mai 1942 teilten sich Plume und Waldheim ein Zimmer.
Am 4. Juni stellte der Kommandeur der Kampfgruppe Westbosnien, Generalmajor Friedrich Stahl, den Quartiermeister Plume durch spezielle "Richtlinien" "den kroatischen Dienststellen beratend zur Seite".
Ein enger Kontakt zwischen der Wehrmacht und den Kroaten schien dringend erforderlich, da Stahl nicht nur vier deutsche Bataillone, eine Panzerabteilung, eine Artillerieabteilung und verschiedene Unterstützungstruppen unterstanden, sondern auch drei kroatische Gebirgsbrigaden sowie einige Heereseinheiten und Sicherheitstruppen der kroatischen Faschisten-Bewegung Ustascha - insgesamt etwa 73 000 Soldaten.
Das US-Justizministerium ermittelte im Dezember 1986, daß Plumes Abteilung nicht nur für Beratung und Nachschub zu sorgen hatte, sondern auch für "Gefangenenabschub" verantwortlich war. Die Amerikaner hielten dies für entscheidend - sie belegten Waldheim mit einem demütigenden Einreiseverbot, obwohl er weiterhin beteuerte, "über keinerlei Befehlsgewalt verfügt" zu haben.
Das neue Dokument, das dem SPIEGEL vorige Woche zugänglich gemacht wurde, bestätigt, daß Waldheim inzwischen weltweit zu Recht völlig isoliert dasteht. Denn am 22. juli 1942, kurz nach dem Ende der deutsch-kroatischen Kozara-Operation, meldete Oberst Fedor Dragojlov, später General und Chef des kroatischen Generalstabs, an die "Kommandantur der ersten Gruppeneinheit" in einem "dringenden Telegramm": _____" SEHR EILIG. Leutnant Kurt Waldheim aus dem Stab " _____" General Stahls verlangt, daß 4224 Gefangene aus Kozara, " _____" bestehend hauptsächlich aus Frauen und Kindern und " _____" ungefähr 15 Prozent alten Männern, auf den Weg geschickt " _____" werden: 3514 nach Grubisino Polje und 730 nach Zemun. "
Der Belgrader Journalist Danko Vasovic kann mit Namenslisten belegen, daß sich unter den Deportierten auch Juden befanden. Grubisino Polje war nur ein Durchgangslager. "Die Gefangenen blieben meist nur ein paar Tage, höchstens einen Monat", so Historiker Plenca.
Ungeklärt ist noch, wie viele der Deportierten bald freigelassen wurden. Viele Inhaftierte wurden später jedoch ins berüchtigte Ustascha-Konzentrationslager Jasenovac überstellt.
Dort mordeten die Ustaschen mit Lust. "Beliebt war das sogar wettbewerbsmäßig organisierte Kehledurchschneiden mit einem speziellen Krumm-Messer Marke Graviso", schreibt der Schweizer Autor Hanspeter Born. Hunderttausende starben qualvoll. Drago Sormaz, 1942 elf Jahre alt, erinnert sich: _____" Um 10 Uhr kamen sie und warfen alle, die " _____" liegengeblieben waren, auf Wagen, und warfen alle " _____" miteinander, tot oder lebendig, in die Gruben. Das " _____" Mädchen Sarka war schwächlich, und als sie begriff, daß " _____" alles davon abhing, ob man am Morgen aufstehen konnte " _____" oder nicht, hielt sie sich ständig an meinem Arm fest. " _____" Eines Morgens lockerte sich ihr Griff plötzlich, sie " _____" rutschte an meinem Körper zu Boden. Sie war im Stehen " _____" gestorben, weil sie Angst hatte, lebendig " _____" liegenzubleiben. "
Auch in Zemun (Semlin) erwartete die meisten Kozara-Gefangenen ein fürchterliches Schicksal. In dieser Vorstadt von Belgrad, verewigt im Soldatenlied "Prinz Eugen, der edle Ritter" ("Bei Semlin schlug man das Lager, alle Türken zu verjagen"), war das "Anhaltelager" dem SD (Sicherheitsdienst) der SS unterstellt. Über die Zustände dort notierte der deutsche Gesandte in Belgrad am 30. August 1942: _____" Hier sind, soweit ich unterrichtet bin, etwa 9000 " _____" Gefangene aus dem Unternehmen Stahl untergebracht, von " _____" denen über die Hälfte Kinder oder alte Leute (bis zu 104 " _____" jahren!) sind. Hiervon sterben täglich 100 bis 200 teils " _____" an Krankheiten, teils an Hunger... Bisher sind schon 2 " _____" bis 3000 gestorben. "
Insgesamt 7000 Gefangene wurden von der SS aus Semlin zum Arbeitseinsatz nach Norwegen abgeschoben.
Als der SPIEGEL am vorigen Freitag die österreichische Präsidentschaftskanzlei mit den Vorwürfen konfrontierte, erklärte Waldheims persönlicher Referent Ralph Scheide nach Rücksprache mit dem Bundespräsidenten: "Uns ist über einen solchen Vorgang nichts bekannt. Es handelt sich offenbar um eine Fälschung."
Vor dem Hintergrund des Dragojlov-Dokuments erscheint nun sogar die Verleihung der silbernen Zvonimir-Medaille
mit Eichenlaub an Kurt Waldheim in einem anderen Licht. Leutnant Waldheim erhielt diese Auszeichnung am 22. Juli 1942 vom Nazi-Marionettenstaat Kroatien "für tapferes Verhalten in den Kämpfen gegen die Aufständischen in Westbosnien".
Der Dekorierte betonte stets, die Orden seien wie "Schokoladebonbons" verteilt worden. Sein Vorgesetzter, hauptmann Plume, ging allerdings leer aus. Hatte Plume etwa nicht so klaglos funktioniert wie Zimmerkollege Waldheim? War es vielleicht sogar möglich, die Weitergabe von Deportationsbefehlen, so wie in anderen deutschen Wehrmachtseinheiten, zu verweigern oder das Papier schlicht liegenzulassen?
Kurz nach der Übergabe der Medaillen an verschiedene Mitglieder des Führungsstabs der Kampfgruppe Westbosnien kam Kroatiens "Poglavnik" (Führer) Ante Pavelic persönlich zu Besuch.
Als Marionette der Achsenmächte Deutschland und Italien hatte Ustascha-Chef Pavelic 1941 einen "Unabhängigen Staat Kroatien" nach faschistischem Muster eingerichtet. Seinem Schreckensregiment fielen nach jugoslawischer Schätzung etwa 800 000 Menschen, vor allem Serben und Juden, zum Opfer.
Bisher unveröffentlichte Bilder Zeigen Kurt Waldheim zwischen dem Poglavnik Pavelic, dem Verantwortlichen für diese Massenmorde, und dem Kommandeur der Kozara-Massaker, Generalmajor Stahl.
Wohl in jeder anderen Demokratie der Welt müßte das Staatsoberhaupt nach solchen Enthüllungen zurücktreten. Auf Österreich ist da kein Verlaß.
Ein sozialistisches Mitglied der Koalitionsregierung in Wien hofft aber wenigstens: "Dies ist der Gongschlag zur letzten Runde."

DER SPIEGEL 5/1988
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