11.01.1988

SCHLESWIG-HOLSTEINRollende Augen

Die CDU im Norden der Republik sucht verzweifelt nach einem neuen Spitzenkandidaten, die FDP nach einem Weg, die Neuwahlen noch zu vermeiden. *
Er sollte "nicht außerhalb des Landes gesucht" werden, der neue Spitzenkandidat der Christdemokraten in Schleswig-Holstein, "aber auch nicht innerhalb der CDU-Fraktion in Kiel gefunden". "Unbelastet" mußte er nach dem erklärten Willen seiner Partei sein und "glaubwürdig", um die nordelbischen Christdemokraten erfolgreich aus dem Sumpf der Waterkantgate-Affäre heraus in die Neuwahlen am 8. Mai führen zu können.
Mehr als elf Wochen brachte die Partei damit zu, Anwärter auf die Führungsposition an diesen Ansprüchen zu messen. Mindestens 15 Kandidaten wurden geprüft, nachdem Fraktionschef Klaus Kribben Mitte Oktober vorigen Jahres an der Parteibasis in Ungnade gefallen war - zu forsch, so kritisierten viele CDU-Funktionäre, habe er die Machenschaften seiner Partei und ihres früheren Ministerpräsidenten Uwe Barschel an die Öffentlichkeit zerren wollen.
Bundesminister wie Heinz Riesenhuber und Rita Süssmuth standen auf der Aspirantenliste, Polit-Importe wie die Berliner Bürgermeisterin Hanna-Renate Laurien oder die niedersächsische Finanzministerin Birgit Breuel, CDU-Oldies wie der frühere Bundesverfassungsgerichts-Präsident Ernst Benda. Zudem wurden nahezu alle Landespolitiker von Rang zwischenzeitlich als Kandidaten gehandelt. Jetzt endlich, so scheint es, könnten die CDU-Fahnder fündig geworden sein: Der Kieler Justizminister
"Heiko Hoffmann, 52, soll es werden zumindest wenn es nach dem Willen einflußreicher Unionspolitiker um Kribben und die stellvertretenden Parteichefs Günter Flessner und Eberhard Dall''Asta geht.
Der Jurist, respektiert auch beim politischen Gegner, gilt als verbindlich und abwägend. Er ist Mitglied der Synode der evangelisch-lutherischen Kirche Nordelbiens und ein Mann des Ausgleichs. Als einer der ersten und wenigen in seiner Partei fand er beispielsweise Worte des Bedauerns für das Opfer der schmutzigen Kieler Wahlkampftricks, den SPD-Oppositionsführer Björn Engholm. Vor allem wird Hoffmann einem verbreiteten Wunsch in der Union gerecht, die laut Parteibeschluß vom November einen Kandidaten will, "der sich über die Wahl hinaus in der Landespolitik engagiert" - im Falle der befürchteten Niederlage nämlich.
Hoffnungsträger Hoffmann hat eigentlich nur einen Fehler: Er ist nicht der Mann seines Landesvorsitzenden Gerhard Stoltenberg. Deshalb steht der Partei am kommenden Wochenende, wenn Landesvorstand und Landesausschuß über die Nominierung entscheiden sollen, eine neue Machtprobe bevor.
Denn Stoltenberg hat sich bereits festgelegt: auf den amtierenden Regierungschef, seinen Schulfreund Henning Schwarz, 59. Kandidat Schwarz, so verkündete Stoltenberg vorschnell nach einer Vorstandssitzung Mitte Dezember, habe "nachhaltige Unterstützung von zahlreichen Parteifreunden" erfahren.
Das Gegenteil war der Fall. Seit Wochen schon formierte sich der innerparteiliche Widerstand gegen einen Neuanfang mit alten Köpfen. Dem angehenden Polit-Pensionär Schwarz, der nach der Wahl im September eigentlich in Rente gehen wollte und dann sichtlich Spaß an der unumschränkten Macht in Kiel fand, werden von Parteifreunden unverhohlen "Herrenreitermanieren" und "Gutsherrenart" bescheinigt. Zudem wird dem früheren Justizminister in der CDU seine Rolle bei Barschels öffentlicher Verteidigung verübelt.
Statt Barschel zur Wahrheit zu drängen, hatte Schwarz mit dubiosen Informationen und Halbwahrheiten versucht, dessen ehemaligen medienreferenten Pfeiffer unglaubwürdig zu machen (SPIEGEL 47/1987). Und er schwieg hartnäckig, als Fraktionsmitarbeiter eineinhalb Tage lang versuchten, Barschel an seinem Urlaubsort zu erreichen, obschon Schwarz doch dessen Telephonnummer auf Gran Canaria kannte.
Hoffmann vermeidet vorerst die offene Konfrontation mit seinem Gegner. Während Schwarz in der Partei verbreitet, er wolle "kämpfen", verweigert Hoffmann, so ein Sprecher, "zu den Spekulationen" jeden Kommentar.
Nach vorn gedrängt hat er sich nie. Im Fahrwasser Barschels wurde er geradezu nach oben geschwemmt, über die Junge Union, die Kieler Kultusverwaltung und die Fraktionsführung (1979 bis 1985) bis, vor zwei Jahren, ins Kieler Kabinett.
Dort hielt sich Hoffmann auch dann noch im Hintergrund, als Barschel seine Minister anlog und er, als Justizminister und Dienstvorgesetzter der ermittelnden Lübecker Staatsanwälte, es längst besser gewußt haben muß. Hoffman hat, einziges Zeichen seiner Skepsis, "immer nur mit den Augen gerollt" (ein CDU-Vorständler). Immerhin kann er sich im parteiinternen Machtkampf der Zustimmung von außen, vom Koalitionspartner, gewiß sein. Die FDP, die nach den Worten ihres stellvertretenden Landesvorsitzenden Wolfgang Kubicki "jeden" akzeptieren will, "der nicht Schwarz heißt", äußerte vorsichtiges Lob. Wegen seiner "Kompetenz und seines menschlichen Umgangs" schätze er, sagt Kubicki, Hoffmann "sehr".
Lauter wollen die Liberalen den neuen Anwärter derzeit nicht preisen. Denn während die Union noch über den geeigneten Kandidaten streitet, sucht die FDP längst nach einem Ausweg, die Wahlen am 8. Mai zu verhindern.
Weil sie, nach mageren Umfrage-Zahlen, um die Rückkehr in den Landtag bangen, kamen liberale Spitzenleute ungeniert bei den Sozialdemokraten in Bonn und Kiel um Zusammenarbeit ein. Neuwahlen, so verkündete etwa ein FDP-Vorstandsmitglied in Kiel den überraschten Genossen, machten "überhaupt keinen Sinn". Die "Überwindung des Patts", so der FDP-Emissär, sei "auch ohne Neuwahlen" zu erreichen - durch einen sozial-liberalen Pakt im Landtag. _(Mit Uwe Barschel bei seiner ) _(Ehrenwort-Pressekonferenz am 18. ) _(September 1987. )
Mit Uwe Barschel bei seiner Ehrenwort-Pressekonferenz am 18. September 1987.

DER SPIEGEL 2/1988
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