01.02.1988

„Dieses Volk bekam, was es verdient“

Österreichs Anschluß an das Deutsche Reich im März 1938 (II) *
Das Treffen Schuschniggs mit Hitler in Berchtesgaden markierte einen Wendepunkt in der Anschlußfrage. Nun war klar, daß Berlin früher oder später etwas unternehmen würde, um Österreich heim ins Reich zu holen. Das Ausland begann, Wien abzuschreiben.
Italiens Außenminister Graf Ciano resignierte nach Berchtesgaden: "Der Anschluß Österreichs ist unvermeidlich. Es gilt nur, ihn so lange wie möglich hinauszuschieben!"
Auch der britische Diplomat Cadogan - die Briten hatten zusammen mit den Franzosen und Italienern in der sogenannten Stresa-Front von 1935 Österreichs Unabhängigkeit bekräftigt - resignierte: "Ich wünschte fast, daß Deutschland Österreich schluckt, damit diese Sache endlich vorbei ist ... Was bringt es, Hitler ständig mit dem österreichischen Problem auf die Nerven zu gehen, wenn wir in dieser Angelegenheit überhaupt nichts tun können?"
Einer mochte nicht resignieren - und goß damit noch Öl ins Feuer: Otto von Habsburg, damals 25, Sohn des letzten österreichischen Kaisers Karl, schickte am 17. Februar aus seinem Exil im belgischen Schloß Steenockerzeel Schuschnigg einen Brief, in dem er dem Kanzler riet, das Bundesheer zu stärken, sich mit der Arbeiterschaft auszusöhnen und persönlich die Westmächte um Beistand zu bitten.
Falls Schuschnigg aber dem deutschen Druck nicht mehr widerstehen könne, schrieb der "legitime Erbe einer Dynastie, die durch 650 Jahre Österreich schirmte", dann "bitte ich Sie, mir, wie immer die Lage auch sei, das Amt des Kanzlers zu übergeben". Unterschrieben: "Otto, in der Fremde".
Daß der Kaisersohn in dieser Situation in Wien Kanzler werden wollte (und noch am 12. März, dem Tag des deutschen Einmarsches, eine Maschine startklar für den Flug nach Wien bereithielt), ist wohl eine der absurdesten Episoden der ganzen Anschlußgeschichte. Schuschnigg antwortete "Eurer Majestät" ausgesucht höflich, aber ebenso bestimmt: "Jeder Versuch einer Restauration, sei es in
den nächsten Jahren oder in der nächsten absehbaren Zeit, müßte mit hundertprozentiger Sicherheit den Untergang Österreichs bedeuten."
Das war nicht übertrieben. Schon 1937 hatte die Wehrmacht ein "Unternehmen Otto" für den Fall geplant, daß der Habsburger nach Wien zurückkehren würde - einen sofortigen Einfall in Österreich. Auch die Nachfolgestaaten des Habsburger Reiches in der "Kleinen Entente", Jugoslawien und die Tschechoslowakei, sahen erklärtermaßen eine Habsburger-Restauration als Kriegsgrund an. Nur die Italiener ermunterten eine Zeitlang die Bewegung der österreichischen Legitimisten, und in London tauchte sogar die Idee auf, Österreich könne sich doch als "autonomes Herzogtum" unter Otto dem Reich angliedern.
Die Zahl der Legitimisten war damals in Österreich womöglich noch größer als die der Nazis - monarchistische Bewegungen hatten etwa eine Million Mitglieder, in 1500 österreichischen Gemeinden war Otto Ehrenbürger.
Schon Dollfuß hatte als Wappentier seines Ständestaates den Habsburger Doppeladler wieder eingeführt. Deutsche Agenten alarmierten Berlin mit einem Flugblatt der Legitimisten, in dem es hieß: "Was gab der Kaiser? Brot für alle, Frieden für alle, Gerechtigkeit für alle. Alter, erinnere dich daran! Junger, frag deine Eltern! Was wird der Kaiser wieder geben? Brot, Frieden, Gerechtigkeit! Hilf ihm! Kämpfe mit uns!"
Aus diplomatischen Akten der USA geht hervor, daß die Wiedereinführung der Monarchie in Österreich ernsthaft diskutiert wurde. Diplomaten zerbrachen sich jahrelang die Köpfe über mögliche Folgen einer Restauration, die "früher kommen könnte, als jedermann erwartet", so ein Telegramm der Wiener US-Vertretung nach Washington. Denn der Scherz, daß "Österreich eine Republik ohne Republikaner" sei, treffe den Nagel auf den Kopf.
Doch im Februar 1938 hatten die Legitimisten längst keine Karte mehr im Spiel. Hitler, der sich auf dem Berghof über Schuschniggs "schmutzige Fingernägel" und die "Dorfschulmeister-Manieren" des österreichischen Kanzlers mokiert hatte, machte den Wiener Regierungschef auch noch nach dem Eklat von Berchtesgaden nieder.
Vor dem Reichstag erklärte er es als unerträglich, daß "zehn Millionen Deutsche" jenseits der Grenze unterdrückt würden - er meinte damit die Österreicher und die Sudetendeutschen. Deutschland würde eine solche Situation nicht länger tolerieren.
Schuschnigg war nach dem "schlimmsten Tag meines Lebens" auf dem Berghof dem Druck nicht mehr gewachsen. Er machte sich zwar noch in einer Parlamentsrede stark - "bis hierher und nicht weiter" -, erfüllte aber Hitlers Forderungen. Der NS-Protege Seyß-Inquart wurde Sicherheitsminister, die Nazis konnten sich frei entfalten. Sie nutzten die neue Freiheit prompt. Hunderttausende trugen plötzlich das bisher verborgene Hakenkreuz offen am Rockaufschlag. Über das Land brach eine Welle von braunen Kundgebungen herein.
In Graz unterliefen die Nationalsozialisten eine geplante Großkundgebung der Vaterländischen Front (VF). Statt des als Redner vorgesehen VF-Landesleiters Alfons Gorbach sprach plötzlich der Leiter des Volkspolitischen Referats, der Nationalsozialist Armin Dadieu, zu den Massen. Während der Übertragung der Schuschnigg-Rede hißten Nationalsozialisten die Hakenkreuzfahne auf dem Grazer Rathaus.
Graz bewährte sich mit SA- und SS-Aufmärschen sowie Fackelzügen der NS-Jugend tagtäglich als "Stadt der Volkserhebung", wie der Führer sie nach dem vollzogenen Anschluß nannte. "Wir waren dem übrigen Österreich 14 Tage voraus", brüstete sich Dadieu, der angeblich eine Zusage aus Berlin hatte, daß beim ersten Schuß auf Nationalsozialisten deutsche Truppen einmarschieren würden, und daraufhin beschloß: "Die Steiermark wird sich opfern."
Die Wiener Regierung schickte Militäreinheiten aus Niederösterreich und dem Burgenland in die Steiermark, da sie den lokalen Verbänden nicht mehr traute. Der für die Staatssicherheit zuständige Innenminister Seyß-Inquart nahm in der steirischen Hauptstadt eine Parade von SA- und SS-Einheiten ab - mit zum Hitlergruß erhobener Hand. "Graz", so Schuschnigg bei einer Vernehmung durch die Amerikaner nach dem Krieg, "war der Brennpunkt der Entwicklung, der Herd der nationalsozialistischen Bedrohung."
Ein Nazi-Putsch schien unabwendbar - da riskierte der Kanzler einen verzweifelten
Sprung nach vorn. Völlig überraschend für seine Landsleute und die Welt kündigte er am 9. März 1938 auf einer Versammlung der Vaterländischen Front in Innsbruck eine Volksbefragung an.
Am 13. März sollten die Österreicher mit Ja "für ein freies und deutsches, unabhängiges und soziales, für ein christliches und einiges Österreich" stimmen und damit Hitlers Druck zurückweisen. Mit dem alten Tiroler Schlachtruf "Mander, ''s ischt Zeit" und dem Andreas-Hofer-Lied klang die Kundgebung dramatisch aus.
Schuschnigg dachte alles zu tun, um die von ihm erwarteten 68 bis 75 Prozent der Stimmen zu bekommen. Das Projekt war bis zum letzten Augenblick streng geheimgehalten worden, was durch einen formaljuristischen Trick gelang: Eine Volksabstimmung, wie sie in der Verfassung vorgesehen war, hätte von der Bundesregierung beschlossen und vom Bundespräsidenten ausgeschrieben werden müssen. Also sprach Schuschnigg von einer nirgendwo präzisierten "Volksbefragung", die er per Kanzler-Vollmacht anordnete.
Für die Durchführung mobilisierte er die Vaterländische Front, die auch mit in den Wahllokalen sitzen sollte. Stimmzettel waren offen abzugeben, es sollten nur solche mit "Ja" gedruckt werden; "Nein"-Zettel hätten die Wähler unter den Augen der VF-Funktionäre selber zu schreiben. Das Wahlalter, sonst 21, war auf 24 Jahre festgesetzt worden, da die Nationalsozialisten bei den Jungen sehr stark vertreten waren.
Der Finanzminister mußte für die propagandistische Vorbereitung und Durchführung vier Millionen Schilling herausfücken, für die er gar keine Deckung hatte, allerdings erhielt er eine unverhoffte Spende: 300 000 Schilling von der Jüdischen Kultusgemeinde Wiens. In aller Eile wurden Ja-Parolen an Wände und Straßen gepinselt, Großkundgebungen organisiert.
Schuschnigg informierte Mussolini, der das Vorhaben als Bombe bezeichnete, die allerdings "in der Hand explodieren könnte". (Später bestritt er, überhaupt davon gewußt zu haben.)
Die ausgetricksten Nazis tobten. In Berlin "schäumte Hitler vor Wut", wie der Naziminister Glaise-Horstenau seinen Kanzler Schuschnigg warnte. "Der Führer ist entschlossen, das nicht zu dulden", notierte Alfred Jodl in sein Tagebuch. Hitler selbst sagte später, er hätte in dieser Stunde das Gefühl gehabt, "als habe die Vorsehung gesprochen". Dies wurde der Tag des Generalfeldmarschalls Hermann Göring, der am 10. März einen Mobilmachungsbefehl von Hitler erwirkte.
Göring, nach eigenen Worten der an diesem 11. März "meistbeschäftigte Mann in Berlin", schickte ein Ultimatum nach dem anderen nach Wien, forderte die Absage der Abstimmung, den Rücktritt Schuschniggs, die Ernennung Seyß-Inquarts zum Kanzler, telephonierte komplette Kabinettslisten durch.
Er verlangte auf Rat des Staatssekretärs Ernst von Weizsäcker - Vater des heutigen Bundespräsidenten - einen "Hilferuf" der österreichischen Regierung, in dem Deutschland um die Entsendung von Truppen ersucht werden sollte - eine Taktik, auf die Moskau noch Jahrzehnte später zurückgriff, als es seine Divisionen nach Budapest, Prag und Kabul schickte.
Görings Telephonate mit Wien vom 11. März 1938 sind im Wortlaut erhalten. Seyß-Inquart beschied er "kategorisch", daß dessen Ernennung zum Kanzler "eine unumstößliche Forderung bedeutet". Dem späteren Gauleiter Odilo Globocnik trug Göring auf: "Das Kabinett muß bis 19.30 Uhr gebildet sein". Und: "Justiz ist klar. Wissen Sie, wen?"
Globocnik: "Ja, ja!"
Göring: "Nennen Sie den Namen!"
Globocnik: "Ja, Ihr Schwager, nicht?"
Göring bejahte - Dr. Hueber, Mann einer seiner Schwestern, war als Justizminister in Wien vorgesehen.
Unterdessen übernahmen die österreichischen Nazis in vielen Orten bereits die Macht. Wieder war Graz vorn. Armin Dadieu wurde "Landesstatthalter". Das Bundesheer war machtlos gegen den geballten Aufmarsch der braunen Massen.
Auch in den übrigen Bundesländern rissen illegale Gauleiter de facto die Macht an sich. In Linz defilierten 40 000 Menschen jubelnd an einem Hitler-Bild
vorbei. In Innsbruck, wo noch wenige Tage zuvor Schuschnigg unter dem Beifall der Tiroler sein "Rot-weiß-rot bis in den Tod!" gerufen hatte, demonstrierten die gleichen Tiroler nun gegen die Volksbefragung: Sie wollten, so ein Zeitgenosse, "lieber braun als tot" sein.
In Wien plante der spätere Mussolini-Befreier Otto Skorzeny mit einem SS-Trupp einen Sturm auf die Residenz des Bundespräsidenten, doch Gardesoldaten verhinderten den Handstreich. Die Beamten der Spanischen Hofreitschule brachten ihre Lipizzaner vor den Nazis in Sicherheit: SS-Leute wollten sich mit den kostbaren weißen Hengsten beritten machen.
Als Schuschnigg sah, in welche Lage er die Republik gebracht hatte, sagte er die Volksbefragung ab und trat mit den Worten: "Gott schütze Österreich" zurück. Der Weg schien frei für die offizielle Machtübernahme Seyß-Inquarts - doch da spielte plötzlich der Bundespräsident Wilhelm Miklas nicht mit. Er verweigerte die Ernennung Seyß-Inquarts, was in Berlin Göring in Rage brachte.
Telephonisch befahl er Seyß-Inquart: "Sie möchten sich sofort mit dem Generalleutnant Muff (deutscher Militärattache in Wien) zum Bundespräsidenten begeben und ihm sagen: Wenn er nicht unverzüglich die Forderungen annimmt, dann erfolgt heute nacht der Einmarsch der bereits auf der Grenze aufmarschierten und anrollenden Truppen auf der ganzen Linie, und die Existenz Österreichs ist vorbei! ... Wenn der Miklas das nicht in vier Stunden kapiert, dann muß er jetzt eben in vier Minuten kapieren!"
Miklas aber blieb stur. Er wollte die Christlichsozialen Ender und Skubl, dann den Generaltruppeninspektor, Infanteriegeneral Sigismund Schilhawsky, zum Kanzler ernennen, doch die Herren lehnten dankend ab - sie hatten "keinen Bedarf", in dieser Lage Kanzler zu werden, wie Ender es formulierte. Der General fand sich "zu alt", um noch Politiker zu werden.
Da übernahm Seyß-Inquart auf Order Görings einfach am störrischen Präsidenten vorbei die Macht. Der Marschall bestellte beim neuen Kanzler in Wien das Telegramm mit einem Hilfeersuchen, dessen Wortlaut er gleich selbst diktierte:
"Die provisorische österreichische Regierung, die nach der Demission der Regierung Schuschnigg ihre Aufgabe darin sieht, Ruhe und Ordnung in Österreich wiederherzustellen, richtet an die deutsche Regierung die dringende Bitte, sie in ihrer Aufgabe zu unterstützen und ihr zu helfen, Blutvergießen zu verhindern. Zu diesem Zweck bittet sie die deutsche Regierung um baldmöglichste Entsendung deutscher Truppen."
Seinem nach Wien delegierten Emissär und "Reichsbeauftragten für Österreich", Wilhelm Keppler, sagte Göring dann, der neue Kanzler solle das Telegramm gar nicht erst abschicken, er brauche nur zu sagen, daß er einverstanden sei. Dieses "Einverstanden" übermittelte Keppler seinem Chef telephonisch am 11. März um 21 Uhr.
Acht Stunden später marschierte die Wehrmacht in Österreich ein, obwohl dies gar nicht mehr notwendig gewesen wäre: Die Nazis hatten ja bereits die Macht in ganz Österreich an sich gerissen. Göring aber wollte unbedingt Invasion spielen und hatte vom bis dahin noch zaudernden Führer nach acht Uhr abends die Genehmigung erhalten.
Spätere verzweifelte Versuche österreichischer Nationalsozialisten, den Einmarsch noch zu stoppen, scheiterten. Nachdem Miklas ("Ich sehe, daß man mich allein läßt") gegen 22 Uhr nachgegeben und Seyß-Inquart offiziell ernannt hatte (Göring versprach ihm dafür eine Pension, damit er "seine 14 Kinder ernähren" könne), rief der NS-Kanzler in Berlin an und bat dringend, die Wehrmacht möge die Grenze nicht überschreiten. Der Sonderbeauftragte Keppler ließ nach zwei Uhr nachts Hitler wecken, doch der Führer entschied: "Der Einmarsch ist nicht mehr aufzuhalten."
Noch um vier Uhr morgens alarmierte der deutsche Geschäftsträger in Wien, Otto von Stein, das Auswärtige Amt in Berlin und ließ durchblicken, daß der Kanzler Seyß-Inquart gar nicht mit dem von Göring diktierten Hilferuf einverstanden gewesen sei.
Doch Staatssekretär von Weizsäcker, der sich fürs Außenamt um den Anschluß mehrfach verdient machte, beschied den Diplomaten, din neuer Versuch um diese vorgerückte Stunde, unmittelbar vor dem Einmarsch, werde beim Führer sicher erfolglos sein und komme daher nicht mehr in Betracht.
Es war die Stunde der Soldaten. Die Wehrmacht war von der Mobilmachungs- und Einmarsch-Order überrascht worden und auf die Aufgabe in dieser Hektik nicht vorbereitet.
Der Oberbefehlshaber des Heeres, Walther von Brauchitsch, hielt sich in der thüringischen Provinz auf, Fliegergeneral Erhard Milch urlaubte im schweizerischen Klosters und wurde mit der für den Fall Österreich vereinbarten Code-Nachricht "Die Erbtante liegt im Sterben" eiligst zurückgeholt. General der Artillerie von Reichenau war weit vom Schuß in Kairo. Die führenden Offiziere der 2. Panzerdivision, die den Stoßkeil nach Wien vortreiben sollte, amüsierten sich bei einer Weinkost an der Mosel.
Die im Herbst 1937 eingerückten Rekruten der Wehrmacht waren noch nicht fertig ausgebildet. Zahlreiche Reservisten wiederum waren an Waffen trainiert worden, die es nicht mehr gab. Der Wiener Militärhistoriker Erwin A. Schmidl berichtet in seinem beeindruckend präzis recherchierten Buch "März 38" von allerlei Pannen und Patzern bei der in Süddeutschland stationierten 8. Armee _(Erwin A. Schmidl: "März 38 - Der ) _(deutsche Einmarsch in Österreich". ) _(Österreichischer Bundesverlag, Wien; 336 ) _(Seiten; 70 Mark. ) . Durch ein Versehen
bekamen etwa die Insassen eines Irrenhauses Gestellungsbefehle, wurde eine Dame mit ihrem Auto als Kraftfahrer einberufen. Reservisten, schimpfte der Kommandeur einer Gebirgsdivision, "sitzen in den Wirtschaften und saufen".
Uniformen waren für schlanke Rekruten geschneidert und paßten füllig gewordenen Reservisten nicht mehr, die daher in Zivilklamotten marschierten. Es gab zu wenig Fußbekleidung - 20 000 Soldaten konnten erst in Wien ihre Fußlappen gegen in Österreich gekaufte Socken austauschen. Es fehlte an Munition und Treibstoff.
Dennoch standen die 105 000 Mann der Invasionsarmee sowie 12 000 Mann "Ordnungspolizei" in der Nacht zum 11. März in grenznahen Aufmarschräumen, bereit zum Losschlagen im Morgengrauen. Hitler, der den Einmarsch mehrmals anberaumt, dann aber wieder gezaudert hatte, entschloß sich endgültig erst, als er Nachricht von seinem Sonderbotschafter Philipp Landgraf von Hessen erhielt, einem Schwiegersohn des italienischen Königs, den er zum Duce nach Rom geschickt hatte.
Als der Hessenprinz meldete, daß Italien seine 1934 in den "Römischen Protokollen" eingegangene Schutzmacht-Funktion für Österreich nicht ausüben und in den Konflikt nicht eingreifen werde, wiederholte Hitler mehrere Male sichtlich erleichtert: "Sagen Sie Mussolini, daß ich ihm das nie, nie vergessen werde!"
Um 5.30 Uhr morgens radelte ein Spähtrupp des 41. Infanterieregiments bei Passau über die Grenze. Schon eineinhalb Stunden vorher hatte ein Stoßtrupp des Infanterieregiments 14 unbemerkt zwei Zollhäuser in Bregenz besetzt. Die telephonische Anfrage der Bregenzer Zollbehörde, ob schon Deutsche in Sicht seien, beantworteten die Eindringlinge mit "alles ist ruhig"!
Obwohl Kanzler Schuschnigg zum Abschied der österreichischen Armee den bis heute heftig umstrittenen Befehl erteilt hatte, keinen Widerstand zu leisten, sich vielmehr vor der Wehrmacht nach Osten zurückzuziehen, damit "kein deutsches Blut vergossen" werde, rechneten Wehrmachtsoffiziere durchaus mit Gegenwehr.
Martialisch hatte Göring befohlen, Österreicher, die Widerstand leisteten, sofort von militärischen Standgerichten aburteilen zu lassen.
Doch dann kam alles ganz, ganz anders. Als Oberstleutnant Günther Blumentritt vom Infanterieregiment 19 bei Simbach, nahe Hitlers Geburtsort Braunau, die Grenze überschritt, sah er sich aufs freudigste überrascht:
"Die Fenster öffnen sich, überall wird Licht gemacht, und ganze Trupps von Einwohnern stürzen mit ausgebreiteten Armen auf die Truppe los. Zum ersten Male werden den Leuten Blumen überreicht und die Pferde mit Äpfeln und Brot gefüttert ... schon bahnt sich der kommende ''Blumenkrieg'' an."
Ein Offizier der Panzerabwehr-Abteilung 10 schrieb ins Kriegstagebuch: "Das Leuchten in den Augen der Soldaten und der jubelnden Bevölkerung zeigte, daß
sich jeder dieses großen historischen Augenblickes bewußt war ... Die Liebe und Begeisterung, die dem deutschen Soldaten entgegenschlugen, war ein beredtes Zeugnis der Zusammengehörigkeit des gesamten großdeutschen Volkes."
Bald forderte der überschäumende Freudentaumel der Österreicher die ersten Opfer: Oberstleutnant Otto Lancelle mußte mit gebrochenem Fuß ins Krankenhaus von Braunau eingeliefert werden. Sein Pferd hatte vor der jauchzenden Menge gescheut und den Reiter abgeworfen. Panzergeneral Guderian büßte seine Mantelknöpfe ein: Souvenirjäger rissen sie ihm ab, während sie ihn auf ihren Schultern durch die Straßen trugen.
Die Ostmärker waren den Invasoren auf allerlei Art zu Diensten: Auf dem Simbacher Bahnhof warnten die Beamten allzu sorglose Soldaten vor einfahrenden Zügen, damit sie nicht überfahren würden. Der Bürgermeister von St. Pölten hielt auf Guderians telephonische Order die Panzerspitze der Invasionsarmee an - sie war zu schnell vorweggebraust, die nachrückende Truppe hatte den Anschluß verloren.
"An diesem Österreich war wirklich kein Eroberungsruhm zu verdienen", spottete Minister Glaise-Horstenau (der später Hitler im Krieg als Bevollmächtigter in Kroatien diente und vor seiner Auslieferung an die Jugoslawen Selbstmord beging).
Verluste fügte sich die Wehrmacht nur selber zu. Unfälle mit Flugzeugen, Kraftwagen und Geschützlafetten forderten 33 Tote. 39 Panzer und sieben Panzerspähwagen blieben auf der Strecke, weil sie sich an Tankstellen mit österreichischem Treibstoff bedient hatten - die Oktanzahl war zu niedrig. Die Linksfahrordnung wurde für manchen Kraftfahrer zur Einbahnstraße auf den Schrottplatz.
Die 60 000 Soldaten des österreichischen Heeres, denen die politische Führung jeden Widerstand verboten hatte, verbrüderten sich fast überall spontan mit den Kameraden aus dem Reich.
Nur an einer Stelle, dem Fernpaß in Tirol, schickte eine Kompanie des Hoch- und Deutschmeisterregiments deutsche Kradmelder und ein Polizeiauto zurück ins Reich: Hauptmann Edwin Liwa hatte keine Verbindung zu seinen Vorgesetzten und hielt Widerstand für seine Pflicht. Er stand Wache für ein Österreich, das es gar nicht mehr gab. Als er in die Kaserne nach Imst zurückkehrte, wehte dort schon die Hakenkreuzfahne.
Zwei Tage später, am 14. März, legten Österreichs Offiziere und Soldaten bereits den Treueeid auf Adolf Hitler ab. Österreichische Einheiten mit eilig auf die Uniformen genähtem Wehrmachtsadler marschierten symbolisch durch Berlin sowie einige süddeutsche Städte und erlebten dort "sehr schöne Tage", wie sie nach der Heimkehr erzählten.
Die Hälfte der 1415 österreichischen Offiziere wurde bald nach dem Anschluß entlassen. Aber nur wenige protestierten - wie etwa der ehemalige k.u.k. Leutnant und Schriftsteller Joseph Roth. Er teilte dem Gauleiter Josef Bürckel aus dem Pariser Exil in verschnörkeltem Schönbrunnerdeutsch mit, daß er den Wehrmachtsrock nicht tragen werde, denn: "Ich gedenke Frankreich zu dienen, das Sie anzugreifen gedenken. Ich glaube hoffen zu können, daß mehrere meiner alten Kameraden mit mir, nicht mit Ihnen, sein werden."
Viele prominente Kameraden freilich dienten Hitler von Anfang an und bis zum bitteren Ende. General Alexander Löhr etwa, späterer Vorgesetzter des Oberleutnants Kurt Waldheim auf dem Balkan und von den Jugoslawen hingerichtet, wurde schon am 1. April 1938 Kommandierender General der Luftwaffe.
Hitler war seiner Wehrmacht auf dem Fuß gefolgt. Auf der 120 Kilometer langen Strecke von Braunau bis Linz wurde er als Befreier dermaßen begeistert begrüßt, daß seine Mercedes-Kolonne erst _(Göring links hinter dem Hakenkreuz auf ) _(der Tribüne in Linz. )
mit vier Stunden Verspätung in Linz eintraf.
Dort, in einer Stadt von knapp 40 000 Einwohnern, waren Hunderttausende Österreicher zusammengeströmt, die sich angesichts des Führers in eine wahre Massenhysterie hineinsteigerten.
Da entfuhr es dem Kanzler von Görings Gnaden, Seyß-Inquart, der Hitler nach Linz entgegengefahren war: "Wir schlittern ja mit vollen Segeln in den Anschluß hinein!"
Er war, wie die meisten österreichischen Nazis auch, überzeugt gewesen, daß eine Vereinigung beider Staaten noch "mindestens fünf Jahre" dauern werde - und er wollte gern noch länger bleiben, nicht als Regierungschef mit der kürzesten Amtszeit in der Geschichte Österreichs binnen 24 Stunden zum "Reichsstatthalter" degradiert werden. (Länger durfte er Hitler später als Reichskommissar in Polen und den Niederlanden dienen, wofür ihn die Alliierten 1946 in Nürnberg zum Tod verurteilten und hängten.)
Nun aber war die Situation zu aller Überraschung plötzlich da. "Die Bevölkerung von Linz hatte den Strick geknüpft, und Hitler zog ihn zu", hämt der Brite David Irving in seiner Göring-Biographie. Der Ex-Minister Heinrich Drimmel urteilt: "Linz - das war das Ende Österreichs."
Hitler schwärmte in einem Telephongespräch mit Göring: "Ich habe gar nicht mehr gewußt, wie schön meine Heimat ist." Der Marschall, bis dahin mit Hitler einig, daß den Österreichern ein autonomer Status gewährt werden sollte, schickte, nachdem er im Radio die Ekstase der Linzer miterlebt hatte, einen Kurier zum Führer mit der Botschaft: "Wenn die Begeisterung und Aufnahme so gut ist, warum machen wir es nicht ganz?" Der Bote kreuzte sich mit einem Abgesandten Hitlers, der wiederum Göring fragen ließ, was er denn von einem sofortigen Anschluß halte.
Von Weizsäcker lobte in seinem Tagebuch die "beachtenswerte Gabe" Hitlers, "eine Gelegenheit beim Schopfe zu ergreifen".
Gedacht, getan: Hitler ließ einen Gesetzentwurf, dem man ihm aus Berlin nachgeschickt hatte und der zunächst nur eine Personalunion zwischen dem Deutschen Reich und Österreich vorsah, insgesamt fünfmal umformulieren, bis er am 13. März als "Reichsgesetz über die
Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich" verkündet wurde. Am 15. März erstattete der Ex-Österreicher Adolf Hitler einer Viertelmillion tosender Landsleute auf dem Wiener Heldenplatz die - nach seinen eigenen Worten - "größte Vollzugsmeldung meines Lebens": "Als Führer und Reichskanzler der deutschen Nation und des Deutschen Reiches melde ich vor der deutschen Geschichte nunmehr den Eintritt meiner Heimat in das Deutsche Reich."
Über Nacht war der Anschluß vollzogen, Österreich von der Landkarte verschwunden. Noch vor Beginn des Einmarsches der Wehrmacht waren im Morgengrauen des 12. März Heinrich Himmler und Reinhard Heydrich mit Vorkommandos von SS und Gestapo in Wien-Aspern gelandet und begannen sofort, in der "Ostmark", zu der die Republik degradiert wurde, aufzuräumen. Fast 70 000 Österreicher wurden noch im selben Jahr verhaftet, die ersten politischen Häftlinge schon am 1. April ins Konzentrationslager Dachau gebracht.
Vor der überrumpelten Welt ließ sich Hitler die Heimholung Österreichs durch eine Volksabstimmung am 10. April 1938 bestätigen. Mit ihrer Abwicklung beauftragte er einen Profi: den Gauleiter Bürckel, der seit der Saar-Abstimmung als Spezialist für solche Aufgaben galt und ob seiner Trinkfreudigkeit von den Wienern bald "Bierleiter Gauckel" genannt wurde.
Das Votum ergab in geheimer Abstimmung, von der allerdings Hunderttausende "unzuverlässiger Elemente" - Juden und bekannte politische Gegner - ausgeschlossen wurden, 99,73 Prozent für den Anschluß bei den nunmehrigen Ostmärkern, 99,02 Prozent im sogenannten Altreich.
Wie schnell Hitlers neue Volksgenossen ihre Fahne gewechselt hatten, zeigen Beispiele aus dem obersteirischen beziehungsweise tirolerischen Hinterland: Dort, in der von der Außenwelt abgeschnittenen
Berggemeinde Pretal bei Obdach, hatten die Bürger zu spät vom Umschwung in Wien erfahren und am 13. März die landesweit abgesagte Volksbefragung Schuschniggs abgehalten. Ergebnis: 100 Prozent Ja für Österreich.
Am 10. April konnte die Gemeinde Pretal wieder ein 100prozentiges Ergebnis melden: diesmal für Hitler und den Anschluß. Genau das gleiche passierte im Tiroler Einöddorf Tarrens.
Verächtlich notierte der französische Militärattache in Wien, Oberstleutnant Salland: "Dieses Volk von Dienstboten hat nur bekommen, was es verdient."
Allenthalben im Alpenland sprossen die sogenannten Märzveilchen aus dem Boden - die Nazis erhielten Massenzulauf aus allen Volksschichten. Österreichische Mitesser futterten sich an den Gulaschkanonen des "Hilfszuges Bayern" durch - zur Empörung des Schriftstellers Franz Theodor Csokor: "Verfressenes Gesindel!"
Anschluß-Befürworter, wie der Kärntner Heimatdichter Friedrich Perkonig, schrieben sich ihr "namenloses Glück" von der Seele. Der katholische Autor Max Mell reimte: "Gewaltiger Mann, wie können wir dir danken - wenn wir von nun an eins sind ohne Wanken."
Ein Ja zum Anschluß sprach auch der einstige - und spätere - sozialistische Kanzler Karl Renner. Und Wiens Kardinal Theodor Innitzer, der den Führer persönlich im Hotel "Imperial" aufsuchte, unterzeichnete einen Brief an den Gauleiter Bürckel mit "Heil Hitler!"
Die Judenverfolgung zeitigte in Wien - dem Göring "wegen seiner 300 000 Juden" das Recht abgesprochen hatte, "sich eine deutsche Stadt zu nennen" - anfangs noch schändlichere Auswüchse als im übrigen Reich. In Wien hatte der politische Antisemitismus ja auch seine Wurzeln, hingen schon 1932 Plakate, die verkündeten: "Judenblut vom Messer spritzt".
"Wien ist weitaus schlimmer als Berlin", kabelte der amerikanische Geschäftsträger Riley nach Washington. "Gegen die ''Reichskristallnacht'' von Wien am 9. November war die in Berlin ein gemütliches Weihnachtsfest", urteilt Simon Wiesenthal, Leiter des Jüdischen Dokumentationszentrums in Wien.
Die jüdische Bevölkerung Wiens sank dank der Effizienz der "Zentralstelle für jüdische Auswanderung", die der aus München herbeigeeilte Adolf Eichmann bereits im April 1938 organisierte, von über 200 000 - Göring hatte mit seinen 300 000 reichlich übertrieben - binnen eines Jahres auf weniger als 70 000.
Der intellektuelle, künstlerische und wissenschaftliche Aderlaß war nahezu total. Es emigrierten die Schriftsteller Max Brod, Elias Canetti, Alfred Polgar, Friedrich Torberg, Franz Werfel, Carl Zuckmayer, Stefan Zweig, die Komponisten Arnold Schönberg, Paul Abraham, Emmerich Kalman und Ralph Benatzky, die Gelehrten Martin Buber, Sigmund Freud, Lise Meitner, Karl Popper, die Dirigenten Rudolf Bing, Bruno Walter, die Regisseure Fritz Lang und Otto Preminger, die Schauspielerin Elisabeth Bergner und der Sänger Richard Tauber. Österreichs Elite wurde über 89 Länder verstreut - ein Aderlaß, von dem das Land sich nie mehr erholt hat.
Doch die Republik büßte noch mehr ein. Die Beute des Reiches aus dem Anschluß konnte sich sehen lassen. In einer Triumphrede am 25. März geriet Hitler ins Schwärmen: "Innerhalb weniger Tage ist uns ein Wunder gelungen. Wir haben mehr gewonnen, als früher nach siegreichen Kriegen heimgebracht werden konnte: 84 000 Quadratkilometer und 6,8 Millionen Menschen. Deutschland ist heute räumlich größer als 1914. Das ist ein gewaltiger, gewaltiger Erfolg."
Und der wog auch in Geld- und Sachwerten schwer. Österreich hatte vieles, was die deutsche Kriegsmaschinerie dringend brauchte: Öl, Erz, Holz, Energie, Nahrung, eine ausgebildete Industriearbeiterschaft.
Die klingende "Mitgift der Ostmark", so Mit-Autor Willibald Kranister in
"1938 - Anatomie eines Jahres", war für das gold- und devisenarme Reich höchst willkommen: Immerhin war die Schillingwährung des angeblich armen Verwandten zu einem Drittel durch Gold und Devisen gedeckt und galt als "Alpendollar", während die Mark eine Deckung von nur 1,5 Prozent aufwies.
Die Übernahme der Österreichischen Nationalbank durch die Deutsche Reichsbank brachte dieser einen Goldschatz von 78 267 Kilogramm ein, dazu gut 100 Millionen Schilling an Devisen.
Berlin setzte, nachdem ein zunächst vorgeschlagener Kurs von zwei zu eins in Wien auf Protest gestoßen war, einen Umrechnungskurs von 1,5 Schilling zu einer Mark fest. Horden von Hamsterern aus dem Reich fielen in die Ostmark ein und kauften die Läden leer - auch Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht suchte sich bei einem Besuch in Wien Kaffee und Silberfüchse als Mitbringsel aus.
In einem Geheimdienstreport der US-Gesandtschaft in Wien schrieb Militärattache Major Riley: "Vom rein wirtschaftlichen Standpunkt aus ist Österreich für Deutschland soviel wert wie 100 Kolonien" - und die Deutschen habe das alles nur einen fröhlichen Marsch nach Wien gekostet.
Doch auch die Österreicher profitierten: Ihr Arbeitslosenheer - 600 000 - fand Beschäftigung vor allem in der schnell wachsenden Rüstungsindustrie.
Hermann Göring, der seine massige Gestalt auf dem obersteirischen Erzberg in einen Steireranzug zwängte, beglückte die Ostmark mit den Hermann-Göring"Reichswerken" in Linz, mit Autobahnen und Brücken. "Ihr seht, das Reich tut, was es kann", sagte er vor ostmärkischen Arbeitern. "Nun ist es an euch, in die Hände zu spucken und die Arbeit anzupacken."
40 000 österreichische Kinder verbrachten Ferien bei reichsdeutschen Pflegeeltern. Auf dem "Kraft durch Freude"-Dampfer "Wilhelm Gustloff", den die "Deutsche Arbeitsfront" für die Erholung der Werktätigen hatte bauen lassen, schnupperten 10 000 Älpler auf geschenkten Kreuzfahrten erstmals den Duft der großen weiten Welt.
Das Ausland nahm "finis Austriae" - wie der christdemokratische Politiker Heinrich Drimmel das Anschlußtheater verschämt umschreibt - gelassen hin. Frankreich, das am Anschlußtag gerade wieder mal ohne Regierung war, und England protestierten am 12. März halbherzig - Staatssekretär Weizsäcker beschied sie, das sei eine Angelegenheit der deutschen Völker, mit der Dritte nichts zu schaffen hätten.
Österreich-Beschützer Mussolini, der sich in den entscheidenden Stunden, als Schuschnigg mehrmals anrief, hatte verleugnen lassen, redete sich heraus, die Österreicher hätten sich ihr Schicksal selbst zuzuschreiben. Italienische Soldaten und deutsche Gebirgsjäger verbrüderten sich am Brenner.
Das teils deutschsprachige Nachbarland Schweiz reagierte in Person seines Staatsoberhauptes Giuseppe Motta laut einem Telegramm des deutschen Gesandten in Bern so: "Bundesrat Motta ausdrückte mir gegenüber Bewunderung über Art und Weise der Durchführung des Anschlusses durch den Führer, den er infolge innerpolitischer Zerrissenheit Österreichs seit langem als unabwendbar angesehen hat. Bezeichnete Anschluß als größtes weltgeschichtliches Ereignis seit dem Weltkrieg. Vertrat Auffassung, daß Konfliktgefahr auch für später nicht bestehe."
Ganz anderer Ansicht war ein weithin unbekannter Politiker aus einem kleinen Land am Rande Europas, das zwei Jahre später ebenfalls "angeschlossen" wurde - von Hitlers Bündnispartner Stalin.
Vilhelms Munters, Außenminister der Republik Lettland, bedauerte es in einem Gespräch mit dem amerikanischen Gesandten Packer sehr, daß Österreich keinen bewaffneten Widerstand geleistet hatte, da man solche Aktionen Deutschlands nur mit Gewalt stoppen könne.
Am 13. März 1938 sprach Munters, wie der Gesandte am 14. in einem Telegramm nach Washington berichtete, wahrhaft prophetische Worte: Österreichs Verzicht auf jeden Widerstand, so Munters zu dem Amerikaner, "bedeutet Krieg in Europa binnen 18 Monaten".
Zwei Wochen vor Ablauf dieser Frist brach der Zweite Weltkrieg aus.
Im nächsten Heft
Österreicher, die auf der anderen Seite ihre Pflicht erfüllen
Erwin A. Schmidl: "März 38 - Der deutsche Einmarsch in Österreich". Österreichischer Bundesverlag, Wien; 336 Seiten; 70 Mark. Göring links hinter dem Hakenkreuz auf der Tribüne in Linz.
Von S. Kogelfranz

DER SPIEGEL 5/1988
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