07.03.1988

Blödeltalk und Sexy-Follies

Das neue Programmschema des privaten Fernsehsenders RTL plus *
Was Fernsehkabel und neue Wellen in bundesdeutsche Wohnstuben bringen sollen, hat der Luxemburger Privatfernsehsender RTL plus in "allgemeinen Grundsätzen" festgelegt. Danach soll das Programm "weder einem Programmauftrag noch der Selbstverwirklichung" dienen, sondern "ausschließlich dem Unternehmungsziel".
Und dieses Ziel definiert der Sender so: "Der Erfolg vom Privatprogramm bemißt sich an der Akzeptanz durch die Werbewirtschaft und durch den Zuschauer."
Das wird dem Bundespostminister Christian Schwarz-Schilling gefallen, der als CDU-Medienpolitiker dem mündigen Bürger ein Fernsehen der Vielfalt und der geistigen Erneuerung versprochen hatte.
Er will, daß Rundfunk und Fernsehen "weiter zur Kultursphäre" gehören und "nicht allein nach dem Markt gehen". Auch sollen "qualitätsschwache und niveaulose Programme", so Schwarz-Schilling, "durchaus nicht die einzige Möglichkeit" _(Moderatoren-Team der Sendung "Guten ) _(Morgen, Deutschland". )
sein, "um hohe Einschaltquoten zu bekommen".
Was sich RTL plus alles ausgedacht hat, um demnächst, spätestens von April an, ein "Programm für eine möglichst große Zuschauerzahl" zu machen, verraten die Handlungsanweisungen der Sender-Verantwortlichen. "Programm", heißt es da, "bedient die Grundbedürfnisse der Menschen. Es muß eine Spielschiene, eine Lachschiene, eine Kulturschiene und eine Talkschiene geben" - alles jeweils zu passender Sendezeit.
"Das Einziehen einer täglichen Spielshowschiene" erfolgt "von 18 bis 18.30 Uhr", die "tägliche Lachschiene von 18.35 bis 18.45 Uhr", "eine Talkschiene mit Themen aus Kultur, Sex und Nonsens ab 23 Uhr".
Das "aggressivste Moment des Programmschemas" soll die "Einführung einer zusätzlichen Sportsendung" sein, nach der ARD-Sportschau und vor dem ZDF-Sportstudio am Samstag. Neu eingeführt wurde "ein täglicher Zuschauer-Service von 16 bis 24 Uhr", bei dem mal "Experten rund um die Uhr am Telephon im On und im Off zur Verfügung stehen", mal andere Serviceleistungen geboten werden, etwa Tauschaktionen.
So präzise Vorstellungen haben die Programmschaffenden auch von der Tagesmoderation, die von Montag bis Sonntag nach einem genau festgelegten Schema ablaufen soll: _____" Jeder Tag wird typisch verkauft. Ein Tag - ein " _____" Gesicht, ein Motto. Der Tagesmoderator hat zwischen den " _____" einzelnen Sendungen von 1 bis 5 Minuten Zeit für eigenes " _____" Programm. Am Montag hat er einen Steuerberater neben " _____" sich, am Dienstag ist es ein Mediziner usw ... Dies ist " _____" ein einmaliger und individueller Service. "
Denn "Live- und Telephonaktionen", so haben die RTL-plus-Programmhersteller notiert, "machen den Sender zum Anfassen". An einigen Leitsätzen sollen sich alle bei der Arbeit orientieren: "Das Herz sind die News. Privatprogramm ist reaktives Programm", "Die Person ist das Programm", und: "Sehmuster verlangen reine Formen. Ein Quiz ist ein Quiz. Eine Show ist eine Show, und News sind News."
Auf der "Spielshowschiene" wird "jeden Tag von Montag bis Freitag eine schnelle Spielshow mit Gewinnmöglichkeiten" laufen. Die Ideengeber haben verschiedene Modelle, etwa: *___"Matsch": "Wir suchen den härtesten Überlebenskämpfer ____Deutschlands. Bei einem Hindernisrennen auf einem ____Truppenübungsgelände kann der Zuschauer eine ____Einlaufwette abgeben"; *___"Klasse", ein "schnelles Quiz mit Fragen aus der ____Lexikothek für und mit jungen Leuten. Die Fragen werden ____als Bilder angeboten"; *___"Money", eine Spielshow mit folgender "Grundidee": "Der ____Kandidat, der eine bestimmte Menge Geldes richtig und ____schnell genug zählt, darf es behalten. Das Zählen wird ____ihm schwergemacht."
Für die "Gagschiene" plant RTL plus "Das Briefkästchen" mit dem "professionellen Briefeschreiber Bornemann", der über seine "Briefattentate" berichtet. Die Sendung "Das Hotel" bringt "Nummernsketche in und um eine verrückte Hotelkette".
Seriöser soll es montags auf der "Abendschiene" zugehen - im "Kulturmagazin" des Filmemachers Alexander Kluge. "30 Minuten Catchen mit einem RTL-Kämpfer" wurden dagegen erst einmal zurückgestellt. Alle 14 Tage meldet sich bereits die "Sexberatung mit Frau Berger". Für "Kopfkissen-Gespräche bei Prominenten", die "mit Rainer Holbe und Helga Guitton über das Thema ''Liebe ist ...''" sprechen sollten, fehlen einstweilen noch ein geeignetes Studio und das Geld.
Dafür wechselt sich Moderator Holbe nun mit dem Bonner Korrespondenten Geert Müller-Gerbes bei der Talkshow "Diese Woche" ab. Und beim "Blödeltalk" alterniert Karl Dall ("Dall-As") alle 14 Tage mit "3 plus 1" - einem "Nonsenstalk mit drei Kabarettisten, mit einem Gast über ein angeblich seriöses Thema der Woche".
Einmal im Monat gibt es nach Plan einen "harten Spielfilm", zweimal im Monat einen "Konzertmitschnitt"; zwölf Sendeplätze pro Jahr bleiben "offen für spektakuläre Ereignisse aus der Showbranche". Auch an die deutsche Hausfrau wurde gedacht: "Komm doch mal in die Küche" - "Bewährtes aus Herd und Küche nach altem Muster".
Rainer Holbe erzählt nach einer Pause demnächst wieder "Unglaubliche Geschichten", führt "Menschen und Situationen vor, die an der Grenze zwischen Phantasie und Wirklichkeit stehen". Eine "Tiershow" bringt "Quiz mit Fragen aus dem Bereich der Tiere".
Selbst qualifizierte deutsche Minderheiten werden zielgruppengerecht bedient. In der Sendung "Das blaue Telephon" zeigt sich "ein Adeliger im Gespräch mit Adeligen. Neuester Tratsch und Klatsch aus europäischen Herrscherhäusern".
In der Kino-Show geht''s bewegt zu - Titel: "Action neu im Kino". Im Reisemagazin "Ein Tag wie kein anderer" treten die Zuschauer in Aktion: beim Telephon-Quiz zu Themen wie Hongkong oder Frankreich.
Damit die Einschaltquoten hoch und die Werbeeinnahmen üppig ausfallen, wird auch das Zwischenmenschliche serialisiert: "12mal Sexy-Follies, 12mal Charmes, 12mal Männer-Magazin" -das Ganze unter dem Arbeitstitel: "Das erotische Fenster". Vielleicht ist der Plan aber doch zu frivol - ein Einheitstitel wird gerade erwogen: "Das Männermagazin".
Von alledem soll es immer noch mehr geben. Seit letztem Oktober läuft bereits das RTL-plus-Frühstücksfernsehen. Das Tagesprogramm soll demnächst ausgeweitet werden.
Moderatoren-Team der Sendung "Guten Morgen, Deutschland".

DER SPIEGEL 10/1988
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