11.01.1988

BRASILIENKahler Berg

Militärpolizei schoß in eine Demonstration von Goldgräbern: Der Traum vom schnellen Reichtum in der größten offenen Goldmine der Welt geht zu Ende. *
Als die Dunkelheit hereinbrach, hörten die Streikposten das Dröhnen schwerer Motoren. Stiefel knallten auf Beton, Maschinenpistolen knatterten. Tränengasgranaten flogen pfeifend über die Brücke und detonierten inmitten der eingekesselten, in Panik schreienden Menge.
Francisco de Nascimento versuchte noch, einen sechsjährigen Jungen zu retten, der in einer dichten Wolke von Tränengas zusammengesackt war, doch eine neue Salve trieb ihn zurück. Der reglos daliegende Junge wurde achtlos über den Rand der 70 Meter hohen Brücke geworfen. Eine schwangere Frau brach mit einem Kopfschuß zusammen, Soldaten luden Leichen in Busse und Jeeps, über hundert Menschen verschwanden in den Fluten des Tocantins.
Das Massaker richtet zwei Tage vor Silvester ein Elitebataillon der brasilianischen Militärpolizei an, als es den Streik von 3000 Goldgräbern niederschlagen wollte, die zehn Kilometer vor der Stadt Maraba eine Eisenbahnbrücke gesperrt hatten.
Die "Garimpeiros", die Goldsucher, die wie Sklaven mit Hacke und Schaufel mühsam in der Erde schürfen, hatten mit ihrer Blockade den Staat herausgefordert: Täglich rollen 75 000 Tonnen Erz aus Carajas, der ergiebigsten Eisenmine der Welt, über die zwei Kilometer lange Brücke bei Maraba nach Sao Luis an der brasilianischen Nordküste. Und längst hat es die staatliche Bergbaufirma Vale do Rio Doce auch auf das Gold der Garimpeiros abgesehen: Schon seit fünf Jahren will sie das riesige Erdloch der Goldschürfer mit ihren Maschinen ausbeuten.
"Serra Pelada" (kahler Berg) heißt der mythische Ort, der jährlich bis zu 100 000 Menschen anzieht und weit mehr verheißt als Arbeit: "Serra Pelada ist Mutter und Vater, Serra Pelada ist alles", sagt der Bauer Alberto da Costa, der Haus und Familie verlassen hat, um reich zu werden. Noch hat er kein Gold gefunden, auch nach drei Jahren harter Arbeit nicht. "Aber ich muß durchhalten, dann schaffe ich es."
Wer von Maraba aus nach Serra Pelada fährt - die letzten 30 Kilometer auf einer Staubpiste -, landet in einer anderen Welt mit eigenen Regeln und einer eigenen Sprache. Das Loch, in dem seit 1980 die Garimpeiros nach Gold schürfen, ist inzwischen rund 200 Meter tief, eine nierenförmige Grube, 30 000 Quadratmeter groß, und sieht aus wie ein umgekehrter Turmbau.
Das Menschengewühl in der Grube ist ein Chaos mit strenger Ordnung: Die "catas", zwei mal drei Meter große Schürfeinheiten, auf denen je zehn Mann arbeiten dürfen, reichen stufenweise in die Tiefe. Sie sind oft brüchig, die Erde ist mal tief schwarz, mal rötlich gefärb. Die Stufen scheinen zu vibrieren vor kriechendem Leben: Hunderte von wackligen Leitern ("Lebewohl, Mama" heißen sie im Jargon der Garimpeiros) reichen schwankend von Stufe zu Stufe.
Über sie klettert ein endloser Strom von "Ameisen" hinauf und hinab: Es sind die Hilfsarbeiter der Serra Pelada, die unterste soziale Schicht, die 30mal am Tag einen 30-Kilo-Sack voller Erde hoch an den Kraterrand schleppen. Dafür bekommen sie rund eine Mark pro Kletterpartie, dazu Nahrung und Unterkunft - wenn man einen Platz unter einer windschiefen Plastikplane so nennen kann.
Kein Goldgräber verfügt heute noch allein über die wenigen Quadratmeter einer Cata. "Am Anfang war es einfach", sagt Eleo de Almeida, der noch 12,75 Prozent seiner Cata besitzt. "Jeder konnte nur soviel Boden für sich beanspruchen, wie er mit seinem Leben verteidigen konnte. Der Revolver und das Messer bestimmten die Größe der Einheiten."
Nur fleißiges Graben bringt - mit Glück - Gold ein. Also benötigt man Helfer fürs Einkaufen, Kochen und Schleppen. Wer kein Geld hat, um seine Arbeiter zu bezahlen, verkauft eben Prozente; wer Geld mitbringt, kauft sich irgendwo ein. Wie ein riesiges Kreuzworträtsel sieht die Karte der Minenbehörde aus, die das Geschäft mit dem Gold im Namen des Staates zu kontrollieren versucht. Täglich reiht sich vor der Bretterbude der Beamten eine Schlange von Garimpeiros auf, Goldgräber, die ihre Streitigkeiten austragen wollen. Zu schweren Schlägereien kommt es nur selten, denn Gewalttaten werden mit der Vertreibung aus dem gelobten Land geahndet. Waffen und Alkohol sind verboten; Frauen haben keinen Zutritt.
Gold ist hier der einzige Gott. Immer wieder ist die Gier größer als die Vorsicht, dann stürzt ein Teil der Wand ein und begräbt Menschen unter sich, 1986 kamen so 20 Männer ums Leben.
Eine Wolke aus rotem Staub hüllt die Siedlung von Bretterbuden am Rande des Lochs ein: Kneipen, Lebensmittelgeschäfte, Optiker, viele Apotheken, ein Freiluftkino, das vor allem Western und Pornos zeigt.
Der Alltag ist prosaisch: "Jede Woche haben wir Abertausende Überweisungen zu bearbeiten", sagt der Direktor der Bundessparkasse, einziges Finanzinstitut der Serra Pelada und gleichzeitig Aufkäufer des Goldes, "die meisten hier unterstützen regelmäßig ihre Familien."
"Ein Spiegelbild der sozialen Struktur Brasiliens" erkennt der Journalist Ricardo Kotscho in der Serra Pelada. Wenige hundert Garimpeiros kontrollieren drei Viertel des Goldes, die Masse muß schuften und darf sich allenfalls beschwingte Träume leisten. Am Ende der Saison, wenn im Dezember der Regen die Grube unter Wasser setzt, sind die meisten erfolglos geblieben. Nur wenige "bumborrados", so werden die Finder schwerer Goldklumpen genannt, haben Geld genug für die nächste Saison.
Dank der Garimpeiros ist Brasilien zu einem der größten Goldproduzenten der Welt geworden. Rund 105 Tonnen, so schätzt die Regierung, sind im vergangenen Jahr aus der Erde geschürft oder aus den Flüssen gespült worden - offiziell deklariert wurden nur 36 Tonnen. Dafür ist das Nachbarland Uruguay, das kein Gramm Gold produziert, ein großer Exporteur.
Schon dreimal hat die brasilianische Regierung - zu Zeiten der Militärdiktatur wie der Demokratie - die industrielle Ausbeutung der Serra Pelada unter dem Druck der wütenden Garimpeiros verschoben. Nun fordern die Goldgräber die maschinelle Abräumung von acht Millionen Tonnen Schutt und die Begradigung der steilen Böschungen, damit im April die Wühlarbeit ohne Gefahr von Erdrutschen wieder beginnen kann.
Doch die Staatliche Bergbaufirma Vale do Rio Doce will ihre Maschinen heranschaffen und die Garimpeiros aussperren. Das Massaker am Tocantins war wohl nur der Auftakt zu weiteren Unruhen, fürchten die Goldgräber: "Die ganze Gegend lebt heute im Aufstand."

DER SPIEGEL 2/1988
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