21.12.1987

Genieblitze und Blackouts

Der SPIEGEL testete Intelligenz, Gedächtnis und Schachkunst Garri Kasparows *
Ist Garri Kasparow, 24, ein Jahrhundert-Genie oder nur ein brillanter Schachspieler?
Drei Tage lang testete der SPIEGEL den alerten Sohn eines Juden und einer Armenierin. In einem Appartement des Hotels "Aserbeidschan" zu Baku genügten meist Kugelschreiber, Stoppuhr und Papier, um seinen IQ zu ermitteln, seine Intelligenz, sein Gedächtnis und seine Schachkunst zu testen.
Ein Computer lag im Doppelbett bereit, wurde aber kaum benötigt.
Ein Schachspiel stand in einer Ecke, doch die Figuren wurden nur mal für eine halbe Stunde aufgebaut. Der Schach-Teil des Tests dauerte zwar etwas länger, aber bei fast allen Aufgaben brauchte Kasparow weder Brett noch Figuren, weil er sie teils im Kopf oder "blind" (wie es in der Schachsprache heißt), teils anhand von gedruckten Schachdiagrammen lösen sollte, die nicht größer waren als Scheckkarten.
Fünf Sekunden hatte er zum Beispiel nur Zeit, um sich eine Partiestellung mit 22 oder 30 Figuren auf einem solchen Diagramm einzuprägen. Dann sollte er sie in ein leeres Diagramm eintragen.
Da arbeitete das Gehirn des Meisters wie ein Photoapparat. 117 der 120 Figuren, die er bei fünf Aufgaben zu sehen bekam, knipste er in sein Gedächtnis.
Im übrigen bot sich Kasparow an den drei Test-Tagen ausgiebig Gelegenheit, wahr zu machen, was er zu Beginn behauptet hatte. Als er auf einer Liste ankreuzen sollte, was gute Schachspieler mit ihm gemeinsam haben und worin er sie übertrifft, sah er den größten Unterschied in der "Bereitschaft, neue Herausforderungen anzunehmen".
Das Hotelzimmer in seiner Geburts- und Heimatstadt wurde für ihn zu einer fremden Welt. Von den Schachaufgaben abgesehen, hatte er nichts von dem je getan, was dort von ihm verlangt wurde. Er wußte vorher nicht mal, worum es ging.
Das Schachgenie aus Baku, das mit seinem Sieg gegen den zwölf Jahre älteren Anatolij Karpow Ende 1985 als jüngster Weltmeister in die Schachgeschichte einging, hat sich keine Grenzen gesetzt.
Kasparow kämpft um noch viel mehr Ruhm im Spiel, um noch viel mehr Macht in der Schachwelt und, entgegen seiner Selbstdarstellung ("Geld bedeutet mir im Grunde nichts"), um noch viel mehr Dollars, Franken und Mark. Und so wird es bleiben bis ans Ende seiner Schachtage.
Die Zeitnot (russisch: "zeitnot"), in die er am Schachbrett nur selten kommt, prägt seinen Alltag. Deshalb hatte er weder Testbücher gelesen noch Testaufgaben geübt.
Mit drei größeren Intelligenztests des Engländers Hans Jürgen Eysenck, des Schotten John C. Raven und des Berliners Adolf Otto Jäger, einem Schachtest sowie einigen kleineren Tests war ein SPIEGEL-Team nach Baku gereist.
Eysenck hatte seinen Test speziell für Kasparow zusammengestellt. Diesem Test können sich SPIEGEL-Leser selbst unterziehen, dabei einige der gebräuchlichen Arten von Aufgaben kennenlernen und ihre Ergebnisse mit denen Kasparows vergleichen (siehe Seite 135).
Bei den Tests bedurfte es einer sorgfältigen Übertragung ins Russische. Sie ging bis zur Umwandlung der Namen, um Kasparow nicht vor größere Probleme zu stellen, als sie Deutsche oder Engländer bei diesen Tests haben.
Aus einer Erika Müller wurde deshalb eine Lena Melnikowa, ein Bote heißt nicht mehr Schulze, sondern Kusnezow ein Prokurist nicht mehr Meier, sondern Moltschikow.
Zwei, drei Problemchen ergaben sich trotzdem noch vor Ort. Für das deutsche Wort "Krume" gibt es ein russisches Pendant im Wörterbuch, aber nicht in Kasparows Wortschatz. Und der Maikäfer - russisch: "chruschtsch" - fliegt wohl in Moskau, aber nicht im 2000 Kilometer entfernten Baku.
Der Test und ein Auftritt vor heimischem Publikum, dem er über seinen Weg zur Weltmeisterschaft berichtete, waren Kasparows letzte Kontakte mit der Außenwelt, bevor er sich mit seinen vier Trainern in ein Camp am Kaspischen Meer zurückzog und von dort nach Sevilla zum Titelkampf gegen seinen Vorgänger und Herausforderer Karpow reiste.
Einen Teil der Zeit, die Kasparow in seinem Camp daheim in der Sowjetrepublik Aserbeidschan und anschließend in Spanien verbrachte, nutzte der SPIEGEL zu Vergleichstests mit deutschen Schachspielern, Schülern und Studenten.
Zu den Gedächtnistests hatte sich Kasparow schon vor knapp zwei Jahren bei einem SPIEGEL-Gespräch in Hamburg bereiterklärt. Insbesondere wollte er versuchen, je eine gedächtnisakrobatische Leistung der amerikanischen Schachspieler Harry Pillsbury und Bobby Fischer zu wiederholen oder zu überbieten.
Bei der einen ging es darum sich 29 teils sinnlose Wörter zu merken bei der anderen darum, Sätze einer völlig fremden Sprache zu behalten und so nachzusprechen, daß Menschen dieser Sprache sie verstehen. Fischer gelang dies auf Isländisch, Kasparow wollte es auf Chinesisch versuchen (Bericht über diese Gedächtnistests und den Schachtest im nächsten Heft).
Kasparow wurde auch beim Wort genommen, als er - vielleicht allzu groß mäulig? - Ende 1985 behauptet hatte: "Ich lese Bücher im Tempo von 100 Seiten pro Stunde und habe keine Probleme, den Inhalt präzise und vollständig mit meinen eigenen Worten zwei, drei Stunden lang wiederzugeben."
In Baku rückte dieser Test unversehens vom Rande ins Zentrum des ganzen Projekts, weil das Ergebnis wesentlich zum Bild von Kasparows Intelligenz gehört. Es wurde eine Fähigkeit Kasparows entdeckt, die bei herkömmlichen Intelligenztests verborgen bleibt.
Er sollte einen ihm unbekannten Essay Stefan Zweigs über den französischen Dichter Stendhal (83 Seiten lang) eine Stunde lang lesen und dann den Inhalt in einer Kurz- und einer Langfassung referieren.
Kasparow brauchte nicht mal die ganze Zeit für die Lektüre und schlug dann vor mehr zu tun, als verabredet war: Er wolle auch noch eine eigene Einschätzung des Werkes geben.
Er hatte sich keine Notizen machen dürfen, war also ganz auf sein Gedächtnis angewiesen.
Es gab keinen Vortrag mit Pausen für Gedanken, die sich erst zu Worten und Sätzen formen. Es gab auch keine munter fließende Rede. Es gab eine Sturzflut von Sätzen.
Gab es überhaupt mal eine Pause zwischen zwei Sätzen, dann so gut wie nie eines Punktes wegen, sondern nur, weil Kasparow es nicht immer schaffte, simultan Atem zu holen und weiter zu sprechen. Und erstaunlicher noch als
dieses Tempo, das beinahe jeden Stenographen überfordert hätte, war der Text. Die Sätze waren, wie sich beim Ausschreiben und Übersetzen des Tonbandprotokolls in Hamburg zeigte, allesamt druckreif.
Es dürfte nicht viele geben, die sich über ein Buch, das nichts mit ihrem Beruf oder ihren speziellen Interessen zu tun hat und das sie gerade erst durch schnelle Lektüre kennengelernt haben sogleich derart kompetent und präzise zu äußern vermögen - und mindestens so schnell, wie sie einen geschriebenen Text vorlesen könnten.
Glänzende Leistungen gab es auch - was Wunder - bei dem Schachtest. Aber es kam nicht nur zu Genieblitzen, sondern auch zum anderen Extrem: zu Blackouts.
Kasparow versagte völlig bei einer Aufgabe, die jeder quicke Grundschüler recht oder schlecht gelöst hätte:
Als er ein Blatt mit 24 Ellipsen erhielt und gebeten wurde, binnen drei Minuten so viele mit Mustern zu füllen wie möglich, verging die halbe Zeit, ohne daß irgend etwas geschah. Regungs- und hilflos starrte Kasparow auf das leere Blatt. Dann raffte er sich auf und zeichnete immerhin drei Muster. Bei zwei ähnlichen Aufgaben gab es fast die gleichen Ausfälle.
Zwei Dutzend Hamburger Schülern und Studenten (Schachspielern des HSV) wurde bei einem Vergleichstest die Ellipsen-Aufgabe auch gestellt, und keinem einzigen fiel so wenig ein wie dem berühmten jungen Mann aus Baku. Einige ihrer Ideen: die Ellipse als Gesicht, Osterei, Pflaume, Bombe, Busen, Uhr, Zellenfenster, Friedhof, Sportstadion Auge, Baseball und Kanaldeckel.
Zwischen Glanzstücken und Fehlschlägen Kasparows gab es ein starkes Gefälle von überragenden über durchschnittliche bis hin zu mäßigen Leistungen.
Das blieb allerdings bei zwei der drei größeren Tests verborgen, mit denen lediglich ein IQ, ein Intelligenzquotient, ermittelt wird.
Auch jeder SPIEGEL-Leser kann anhand seiner Ergebnisse im Eysenck-Test "seinen" IQ berechnen.
Aber Eysenck selbst warnt wie fast alle anderen Testpsychologen davor, diese Punktzahl allzu genau zu nehmen und zu glauben, sich präzise irgendwo zwischen 50 (Schwachsinn), 100 (Durchschnitt) und 200 (Goethe) einordnen zu können.
Die Intelligenz eines Menschen läßt sich nicht annähernd so genau in IQ-Punkten messen, wie dies für sein Gewicht in Kilo und für seine Größe in Zentimetern möglich ist. Mehr als ein vager Anhaltspunkt kann kein IQ sein, wie schon die Ergebnisse der beiden entsprechenden Tests in Baku zeigen: Nach dem englischen Test liegt Kasparow bei 135, nach dem schottischen bei 123 Punkten.
Solche Differenzen sind nicht ungewöhnlich, nur trompeten es die einschlägig tätigen Psychologen nicht gerade in die Laienwelt hinaus.
Über die Intelligenz Kasparows läßt sich aufgrund dieser Tests nur sagen, daß sie erheblich über dem Durchschnitt liegt, aber bei weitem nicht so hoch ist wie die Intelligenz von Jahrhundert-Genies, zu denen neben Goethe auch Einstein gezählt wird. Deren Intelligenzquotient wurde postum von einigen Psychologen auf 200, von anderen auf 180 geschätzt.
Und es gibt keine Korrelation zwischen dem IQ und der Spielstärke von Schachspielern. Das zeigt der Vergleich der entsprechenden Zahlen für Kasparow und für 30 deutsche Schachspieler der Bundesliga, die ebenfalls getestet wurden.
Über Stärken und Schwächen Kasparows können die Tests des Schotten Raven und des Engländers Eysenck nichts aussagen. Die Aufgaben des Raven-Tests sind allesamt vom selben Typ, die Aufgaben des Eysenck-Tests sind zwar von verschiedener Art aber sie können nicht zu Gruppen geordnet werden, die jede für sich hätte ausgewertet werden können.
Der dritte Test hingegen, Jägers "Berliner Intelligenz-Struktur-Modell" (BIS), besteht aus 30 Typen von Aufgaben, die nach einem Baukasten-System auf verschiedene Weise zusammengestellt werden können und deshalb Aufschluß über spezielle Fähigkeiten geben.
Weit klafften die Leistungen Kasparows auseinander - je nachdem, ob es um Zahlen, um Wörter oder um Figuren ging.
Das zeigt sich beim Vergleich seiner Ergebnisse mit denen einiger hundert Berliner Schüler und Studenten, die Jägers BIS-Team testete, und denen der 30 Bundesliga-Schachspieler.
Kasparow ist bei nahezu allen Zahlenaufgaben einsame Spitze, welcher Art sie auch sind. Jäger hat ein Dutzend verschiedene in seinem Test.
Da sollen Zahlenreihen fortgesetzt werden; in Rechnungen fehlen Ziffern, die einzusetzen sind; lange Zahlenkolonnen sind auf Merkmale durchzusehen, etwa welche Zahl "um genau 3 größer" ist als die vorangegangene; zweistellige Zahlen sollen gelernt und auf der nächsten Seite wiederholt werden - viele einfache Rechnungen (etwa 28 + 19 = 47) müssen so schnell überprüft werden, daß ihre Ergebnisse nicht nachgerechnet, sondern nur abgeschätzt werden können.
Geht es ums Rechnen, so stimmen offenbar die allgemeinen und die speziellen schachlichen Fähigkeiten Kasparows überein.
Die Schachprofis der Weltspitze werden von den Gelegenheitsspielern, die sich bei ihren eigenen Partien oft nur von Zug zu Zug stümpern, insbesondere wegen ihrer Fähigkeit bewundert, die Züge in ihren Partien weit vorausberechnen zu können.
Der frühere Weltmeister Alexander Aljechin sprach davon, daß er 6 bis 8, zuweilen 10 bis 15 Züge weit komme. Kasparow dürfte ihm da kaum nachstehen.
er gilt unter den heutigen Spitzenspielern, Karpow eingeschlossen, als bester und schnellster Rechner am Brett.
Geht es um Bilder und Figuren, so gibt es einen gravierenden Unterschied: Auf dem Schachbrett kann Kasparow eine schwierige Stellung binnen weniger Sekunden überblicken, aber sein allgemeines "figural-bildhaftes-Denken" (so der Fachterminus) ist stark unterentwickelt. Da bleibt er nicht nur hinter den deutschen Schachspielern, sondern auch hinter den Berliner Schülern und Studenten zurück.
Das trat zum Beispiel zutage, als er einen aufgefalteten Würfel vor sich sah und entscheiden sollte um welchen von fünf daneben abgebildeten Würfeln es sich handele; als er sich vorstellen sollte, zu welcher geometrischen Figur sich zwei Dreiecke zusammenfügen lassen und ihm wiederum fünf zur Auswahl angeboten wurden; als er sich im Ausschnitt eines Stadtplans ein Dutzend Gebäude, Autos und Bäume merken und auf der nächsten Seite in einen Plan einzeichnen sollte, als ihm Firmenzeichen mit Umrandungen erst zusammen, dann getrennt gezeigt wurden und er die passenden wieder zusammenbringen sollte.
Doch es läßt sich erklären, warum Kasparow auf dem Schachbrett fast alles, sonst aber ziemlich wenig sieht. Der "Schachblick" ist viel abstrakter, als gemeinhin angenommen wird, und er hat mit dem "Normalblick" nicht viel zu tun.
"Nicht eine Holzfigur mit einem Pferdekopf" sieht der gute Schachspieler in einem Springer, sondern "eine Figur mit einem eigentümlichen Gang, zirka drei Bauern wert", gut oder schlecht postiert mit der Wirkung auf andere Figuren und Felder. So beschrieb schon vor einigen Jahrzehnten der Deutsche Siegbert Tarrasch (1862 bis 1934) den Blick der Meister.
Er selbst, so erzählte Tarrasch (zu seiner Zeit einer der weltbesten Spieler und bis heute einer der meistgelesenen Schachautoren), habe zu Hause ein Schachspiel mit einer leicht lädierten weißen Dame, die "manchmal mit, manchmal ohne Kopf mitwirkt, den meine Frau gelegentlich mit Siegellack zusammenkittet, was aber nur für kurze Zeit hält". Er würde nach einer Partie nicht sagen können, ob der Kopf der Dame mit im Spiel war.
Waren verbale Aufgaben zu lösen, so lagen Kasparows Ergebnisse häufiger über als unter dem Durchschnitt. Nur wenn es strikt um logisches Denken ging, war er den anderen weit voraus.
Da konnte es ruhig äußerst abstrakt und abstrus zugehen, etwa wenn aus absurden "Feststellungen" logische "Schlußfolgerungen" zu ziehen waren:
"Alle Bleistifte sind Bücher" und "Einige Bücher fressen Sägespäne" sind zum Beispiel solche "Feststellungen", und als richtig oder falsch waren dann Schlüsse zu werten wie "Kein Bleistift frißt Sägespäne" (falsch) oder "Alle Bücher sind Bleistifte" (auch falsch). Aufgaben dieses Typs löste Kasparow beinahe allesamt.
Wirkt sich das Schachdenken Kasparows negativ aus, wenn es gar nicht um Schach geht? Immerhin hat das 24jährige Genie aus Baku zwei Drittel seines bisherigen Lebens dem Schach gewidmet - ein Drittel überwiegend, ein Drittel nahezu total.
Weit häufiger als die deutschen Schüler, Studenten und Schachspieler zögerte er, eine Antwort anzukreuzen, solange er noch Zweifel hatte, ob sie wohl richtig sei. Es gibt auf seinen Testbögen erheblich mehr Aufgaben ohne Antwort als mit einer falschen.
Hier macht sich bemerkbar, daß einem Schachprofi der Weltspitze schon der kleinste Fehler zum Verhängnis werden, ihn um den Gewinn einer Partie und um den Sieg in einem Turnier oder Match bringen kann. Wer sein Gehirn darauf trainiert hat, daß ihm dies - wenn irgendmöglich - nicht passiert, hat eine ganz andere Einstellung als viele Test- und Prüfungsroutiniers, die lieber aufs Geratewohl irgendeine als gar keine Antwort geben.
Eine weitere Folge des jahrelangen äußerst intensiven Schachdenkens ist noch stärker ausgeprägt. Kasparow tat sich immer dann schwer, wenn Aufgaben nicht fest umrissen waren und er sozusagen bei Null beginnen sollte.
Seine Ergebnisse waren zum Beispiel mäßig, als er sich frei über Verwendungszwecke eines Ziegelsteins äußern und als er aufschreiben sollte, welche Eigenschaften sich im Beruf des Richters negativ auswirken würden.
Zum Blackout bei dem Ellipsen-Test war es gekommen, weil da zwei Schwächen Kasparows zusammentrafen: Sein Horror vor dem leeren Blatt und seine unterentwickelte Fähigkeit, in Bildern zu denken.
Der Grund für sein Problem, selbst einen Anfang zu machen: Als Schachprofi ist er gewöhnt, in Strukturen zu denken. Seine Partien spielt er zunächst 8, 10 oder 15 Züge lang so wie sie in Schachbüchern stehen oder wie er sie zu Hause vorbereitet hat. Dann erst weicht er von der "Eröffnung" ab, die der Partie schon eine Struktur gegeben hat, und beginnt seine "eigenen" Züge.
Kasparows Aktivitäten fangen nicht nur am Brett, sondern auch sonst so gut wie nie bei Null an. Er nimmt Gedanken anderer auf und entwickelt sie weiter. Typisch für ihn ist sein Versuch, die 24 weltbesten Schachspieler in einer "Association" zu vereinen und das ganze Jahr über nach festen Regeln Superturniere untereinander in allen Erdteilen spielen zu lassen.
Da hat ganz eindeutig der Tenniszirkus um Lendl und Becker Modell gestanden, und erst allmählich hat Kasparow die Idee so abgewandelt, daß sie sich auch für Schachspieler gewinnträchtig realisieren läßt.
Weil er mit leeren Blättern nicht viel anfangen konnte, liegt Kasparow hinsichtlich des "Einfallsreichtums" hinter den deutschen Schachspielern, sogar hinter den Berliner Schülern und Studenten zurück. Da wird man bezweifeln müssen, ob der sonst vorzügliche BIS-Test in diesem Punkt wirklich mißt, was er messen soll - zumal "Einfallsreichtum" und "Kreativität" als verwandte oder sogar als synonyme Begriffe gelten.
Es scheint verfehlt, jemandem Schwächen auf diesem Felde zuzusprechen nur weil es ihm schwerfällt, auf einem leeren Testblatt Sätze zu finden oder Muster zu zeichnen.
Eine spezielle Schach-Aufgabe konnte nur Kasparow, nicht auch - wie die Aufgaben des Schachtests - deutschen Spitzen- und Klubspielern gestellt werden. Sie setzte einige Erfahrung im Umgang mit Computern voraus.
Kasparow sollte fünf deutsche Spitzenspieler aufgrund von je zehn Partien beurteilen, Namen wurden ihm nicht genannt, für ihn gab es nur die Spieler A bis E. Die Partien waren auf einer Diskette gespeichert, und Kasparow spielte sie Zug für Zug auf dem Bildschirm seines Computers nach, der zu diesem Zweck aus dem Doppelbett geholt wurde. Kasparow konnte das _(Oben: Rentner in Baku; ) _(unten: Musiker in einer Konzertpause in ) _(Moskau. )
Tempo selbst bestimmen. Jeder Druck auf eine Taste brachte einen neuen Zug der jeweiligen Partie auf den Bildschirm.
Die meiste Zeit über tippte Kasparow auf seinem Computer beinahe so schnell wie eine Stenotypistin auf ihrer Maschine, wenn sie einen Routinebrief zu schreiben hat.
Fixer als auf einem Brett die Figuren überhaupt gezogen werden könnten, ließ Kasparow die Partien auf dem Bildschirm vorübersausen. Sie hatten meist vier bis fünf Stunden gedauert, er brauchte für jede im Schnitt zwei Minuten.
Bei den meisten bremste er zwei- oder dreimal ab, wenn es um die entscheidenden Phasen ging. Aber auch dann genügten 10 oder 20 Sekunden für Stellungen, über denen die deutschen Spieler vermutlich doppelt so viele Minuten gebrütet hatten. Und, vor allem: Sein Urteil war durchweg zutreffend, oft bis ins Detail hinein.
Er sollte zunächst die Stärken und Schwächen zweier Spieler nennen und sagen, mit welchem Konzept er gegen sie spielen würde. Dann sollte er unter den fünf Unbekannten den deutschen Großmeister Ralf Lau herausfinden, gegen den er selbst noch nie gespielt hat.
Lau (Platz 46 der Weltrangliste) gehört zu den etwa hundert weltbesten Spielern, deren Partien Kasparow allesamt nachspielt und dann im Kopf behält, wenn sie von Belang sind. Für den Test waren deshalb neue Partien Laus ausgewählt worden, die Kasparow noch nicht kennen konnte.
Zwei Spieler kamen in Kasparows engere Wahl. Ob es sich nun aber bei A oder bei C um Lau handelte, mochte er nicht entscheiden. Er war auf dem richtigen Wege, aber kam nicht ganz bis ans Ziel.
Es gab allerdings auch ein krasses Fehlurteil, doch da wurde Kasparow das Opfer seines eigenen Eifers.
Er hatte sich die Zeit an den drei Testtagen im Hotel "Aserbeidschan" frei einteilen können, und es zeigte sich, daß er mit seinen Kräften haushalten mußte. Zweimal beendete er einen Vor- oder Nachmittag schon früher als es verabredet war, und bereits einige Zeit vor dem Abbruch hatte man ihm jeweils anmerken können, daß sich seine Konzentration schnell verminderte.
Als er am Computer die Partien analysierte, achtete er nicht auf seine nachlassenden Kräfte, so sehr faszinierte ihn diese Aufgabe - und schon erklärte er einen erfolgreichen deutschen Großmeister zu einem leicht zu besiegenden Gegner.
Zu kurzen Phasen von Schwäche kam es auch zwischendurch mal. Bei einem Test, dessen Aufgaben kontinuierlich schwieriger werden, gab es mittendrin eine Phase, in der Kasparow sieben von acht Aufgaben nicht löste. Danach war er wieder fit, und die schwierigeren waren (bis auf eine) kein Problem mehr für ihn.
Zur Hochleistung, um die Kasparow immer bemüht ist, gehört offenbar eine Hochspannung, die er meist nur relativ kurze Zeit durchhält. Daraus erklärt sich, warum er bei seinen Titelkämpfen und bei Turnieren selten am Tisch sitzenbleibt, sondern umherläuft oder sich zurückzieht. Er muß sein Gehirn abschalten, um es dann wieder auf Hochtouren laufen zu lassen. Die Schwächephase in dem einen Test zeigt, daß ihm dies nicht immer gelingt.
Am Abend nach den Test-Tagen gab Kasparow im schönsten Saal Bakus eine Art Gala-Vorstellung, als er vor einigen
hundert Bewunderern über seinen Weg zur Weltmeisterschaft berichtete.
Um in der Sowjet-Union einen Saal mit Schachfreunden zu füllen, braucht man weder Kasparow zu heißen, noch an der Weltspitze zu stehen. Zwischen Sibirien und Litauen wird allerorten Schach gespielt, von Rentnern auf Parkbänken wie von Musikern im Frack vor Konzertsälen, wenn sie sich in den Pausen bei einer Partie entspannen. Und in den Palästen der Jungen Pioniere wird unablässig landauf, landab nach neuen Kasparows und Karpows gefahndet.
Ein schneeweiß gekleideter Star sprach länger (knapp zwei Stunden am Stück), konzentrierter und schneller zu seinen Fans, als irgendeiner von ihnen es hatte erwarten können.
Das Tempo war nicht ganz so forciert wie zwei Tage zuvor, als Kasparow den Stendhal-Essay Zweigs referiert hatte. Aber es ging vielen im Saal zu schnell, und die Zahl derer wuchs, die ihren Garri nur noch bestaunten und ihm lediglich noch zuhörten wie jemandem, der in einer fremden Sprache spricht.
Schnell zu reden, worüber auch immer, strengt Kasparow über weite Strecken kaum an. Da ist er aber für sich allein, es macht fast keinen Unterschied, ob er irgendwo an einem Tisch sitzt oder auf der Bühne steht.
Bei seiner Gala in Baku drosselte er das Tempo erst im letzten Drittel, selbst doch ein wenig erschöpft. Und nun gab es nach dem langen heruntergerasselten Monolog doch Kontakt mit dem Publikum, zündete Kasparow Pointen, ließ er die Zuhörer so oft lachen oder klatschen, daß ihm genug Pausen blieben.
Da sprach jemand, der ein starkes Naturtalent zum Volksredner hat, aber nicht so recht damit umzugehen weiß. Er könnte auf diesem Felde noch weit kommen, brächte er es fertig, sein Talent kritisch zu analysieren und zu schulen.
Würde das KP-Mitglied Kasparow sich dann daheim politisch betätigen wollen, wäre allerdings noch einiger ideologischer Schliff vonnöten.
Auf die Frage, welche militärischen Leistungen ihn am stärksten beeindruckten, wäre wohl keinem seiner Genossen die Antwort eingefallen, die er gab:
"Die Siege Hannibals und Napoleons."
Und nicht in alle Erdteile könnte die Partei den Genossen Kasparow als politischen Sendboten schicken.
Bei einem Test war es um den Unterschied zwischen "Tatsache" und "Meinung" gegangen, und über den Satz "Die europäische Kultur ist der afrikanischen nach wie vor überlegen" war Kasparow anderer Ansicht als der Psychologe, der diesen Test entwickelt hat.
Die Überlegenheit Europas ist für den Psychologen nur eine Meinung. Für Kasparow handelt es sich um eine Tatsache.
[Grafiktext]
Acht Angebote für eine Lücke Der "Advanced Progressive Matrices"-Test wurde 1943 von dem schottischen Psychologen John Raven entwickelt und ist seither mehrfach erneuert worden, in den letzten Jahren unter der Verantwortung von John Raven junior. Der Test ist "sprachfrei", nur die Anleitung muß in die jeweilige Sprache übersetzt werden, und er kann unabhängig von der Vorbildung der Teilnehmer verwendet werden. Der Test besteht aus 48 Aufgaben gleichen Typs: Jeweils wird ein Muster mit einer Lücke gezeigt, in die jedes von acht Teilstücken 1 bis 8 paßt, aber nur ein Teilstück ergänzt das Muster richtig. Zwei Aufgaben aus dem Test, eine leichte (oben) und eine der Aufgaben, die Kasparow nicht gelöst hat (unten): Die Lösung der zweiten Aufgabe: 6. Für die Lösung der 48 Aufgaben stehen 50 Minuten zur Verfügung. Der Test kann auch ohne Zeitbegrenzung eingesetzt werden. Grund: Einige Aufgaben sind so schwierig, daß vielen auch viel Zeit nicht hilft. IN 3 MINUTEN 3 "MUSTER" Drei Minuten hatte Kasparow bei einem Einzeltest (aus dem "Beltz Test"-Verlag) Zeit, aus Ellipsen durch zusätzliche Linien möglichst viele verschiedene Muster oder Objekte zu machen. Zusatzanweisung: "Es kommt nicht darauf an, daß besonders schön gezeichnet wird, sondern darauf, daß möglichst viele verschiedene Muster oder Objekte dargestellt werden." Kasparow zeichnete drei. Zum Vergleich. Junge Schachspieler des HSV kamen im Schnitt auf sieben. Kasparows schwache Leistung war kein Zufall: Sein "figural-bildhaftes-Denken" ist unterentwickelt:
[GrafiktextEnde]
Oben: Rentner in Baku; unten: Musiker in einer Konzertpause in Moskau.

DER SPIEGEL 52/1987
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