11.01.1988

SPONSORENKalter Hammel

Libyens Revolutionsführer Gaddafi empfing den lserlohner Eishockeypräsidenten Weifenbach samt Delegation - vorläufiger Höhepunkt einer Provinzposse. *
Der Passagier in der Tupolew 134 mit der Flugnummer IF 681 von Tripolis über Malta nach Ost-Berlin war ungewöhnlich gesprächig. Mit etwas schwerer Zunge klärte er seine Sitznachbarn über die Umstände auf, die ihn an Bord der Interflug-Maschine gebracht hatten.
Er sei von der Eishockeymannschaft Iserlohn, so erzählte er, "Sie wissen doch, die, die von Gaddafi gesponsert wird". Als erstes Team aus dem Westen seien die Sauerländer jetzt vom libyschen Revolutionsführer eingeladen worden, es sei eine "wahnsinnige Sache" gewesen: "Hatten gar kein Visum oder sonst was, sind einfach hin. Gaddafi hat gewunken, und wir sind geflogen."
Mit an Bord, berichtete er stolz den erstaunten Mitreisenden, seien auch "hochkarätige Presseleute", die jetzt großen Durst hätten. Denn: "Wir waren gerade bei Gaddafi im Zelt. Da gab's irgend so'n kalten Hammel."
So schilderte Franz W. Westholt, Wirtschaftsberater des mit Steuerschulden von 5,8 Millionen Mark in Konkurs gegangenen ECD Iserlohn, den Ablauf einer Reise, die eine bislang einzigartige Mischung aus Politklamotte, Provinzposse und Vatertagsausflug darstellte.
Mit dem Freiflug zu Muammar el-Gaddafi für 23 handverlesene Journalisten von der "Rheinischen Post" bis zur "New York Times" wollte Iserlohns Präsident Heinz Weifenbach beweisen, was bisher niemand glaubte: die Existenz eines mit 1,5 Millionen Mark dotierten Werbevertrags zwischen seinem Klub und dem "Weltcentrum zur Verbreitung des Grünen Buches", der Revolutionsfibel Gaddafis (SPIEGEL 51/1987).
Auf den ersten Blick scheint dies gelungen. Die Libyer spendierten der Weifenbach-Delegation Trip, Hotel, kulinarische Köstlichkeiten und trotz Alkoholverbots auch reichlich Whisky und Champagner, dazu noch eine persönliche Audienz im Beduinenzelt von "Denker Gaddafi" (Klappentext), für dessen "Grünes Buch" die Iserlohner ja schon einen Abend in der Eishockeybundesliga Trikotwerbung betrieben hatten.
Gleich nach dem VIP-Empfang auf dem Flughafen wurde mit Weifenbachs
Pressemannschaft erst einmal die Taktik gebimst. Bruder Gaddafi, und nicht Gaddafis Bruder, wie einige herauszuhören glaubten, so hieß es, habe nur Fragen genehmigt, die im Zusammenhang mit dem Grünen Buch, mit Sport und den deutsch-libyschen Beziehungen stünden.
Einigen aus der "dollen Truppe" (Westholt) fiel dazu gleich etwas ein. Sie wolltn den Revolutionsführer nach der Bedeutung des Sports im Grünen Buch fragen, "da freut er sich bestimmt". Den Mann von "Bild" interessierte, wann Gaddafi sich "in Deutschland ein Eishockeyspiel ansieht". Die Frage, ob der Libyer "vielleicht auch das Ruhrgebiet liebt", wurde wieder verworfen.
Vereinspotentat Weifenbach, ein Freund der einfachen Sprache, trimmte derweil besser Informierte und Aufmüpfige, die auch Menschenrechte und Terrorismusaktionen nicht aussparen wollten, auf den rechten Kurs: "Das geht uns einen Scheißdreck an, was die hier machen. Laßt uns die deutsche Art, alle belehren zu wollen, hier aussparen."
Beeindruckt stapfte der Troß dann durch den Schutt von Gaddafis Wohnhaus, das beim amerikanischen Luftangriff im April 1986 schwere Treffer abbekommen hatte. Aufmerksame Beobachter registrierten dabei, daß die Libyer der Zerstörungsaktion des Erzfeindes womöglich etwas nachgeholfen haben. Jedenfalls blieb unklar, warum bei der Attacke der Amerikaner zwar Decken und Wände zerstört, große Spiegel und wertvolle Fliesen in der neuen Kultstätte hingegen nicht beschädigt worden waren.
"Hallo, wie geht's Iserlohn?" fragte der Revolutionsführer, nachdem er die Besucher aus der Bundesrepublik im Beduinenzelt um sich versammelt hatte. Maurermeister Weifenbach übermittelte Grüße vom "deutschen an das libysche Volk", versprach die Entsendung von zwei deutschen Trainern für Rasenhockey nach Tripolis und lud eine libysche Mannschaft zum Besuch nach Deutschland ein.
Dem berühmten Gastgeber hatte er auch etwas mitgebracht. Den Vereinswimpel des Konkursklubs und den Zinnteller der sauerländischen Metropole überreichte er Gaddafi mit den besten Wünschen, "they come from my heart".
Vom schnöden Mammon, deswegen war er ja eigentlich gekommen, mochte Weifenbach im Zelt nicht reden. Hinter dem telephonierte er von Suite 601 des Hotels "el-Kabir" aus stundenlang her, offensichtlich vergebens. Jedenfalls hastete er schließlich ohne die erhoffte Bankbürgschaft mit einem Teil der Reisegruppe zum Flughafen, um die Lufthansa-Maschine nach Frankfurt zu erreichen. Die wartete schon seit einer Stunde auf die angekündigten Passagiere. Als die dann ohne Flugscheine erschienen - beim Hinflug waren nur One-way-Tickets der Libyan Arab Airlines ausgegeben worden -, weigerte sich der Kapitän, sie an Bord zu nehmen.
Weifenbach, der am Donnerstagmorgen in Starnberg vor dem Schiedsgericht des Deutschen Eishockey-Bundes gegen den verfügten Ausschluß seines Klubs aus der Bundesliga kämpfen wollte, verlangte von seinen libyschen Freunden ein Privatflugzeug. Das wurde abgelehnt, die Gäste durften dafür ohne Ticket, Bordkarten oder Gepäckkontrollen in die startbereite Interflug-Maschine einsteigen. Die war zwar ab Malta ausgebucht, doch für Gaddafis neue Freunde aus der Provinz mußten 14 wütende westdeutsche Weihnachtsurlauber auf dem Luqa-Airport von La Valetta zurückbleiben.
Offenbar aufgeschreckt von der in Deutschland verbreiteten Meldung, Weifenbach sei ohne Geld zurückgekommen, wurde dem noch in Tripolis verbliebenem Rest der Delegation von Gaddafis Berater Salik el-Haddab erklärt, soeben habe die Libysche Zentralbank der Deutschen Bank in Dortmund per Telex den Betrag von einer knappen Million Mark für den Fall avisiert, daß die Iserlohner weiterhin in der Bundesliga spielen könnten.
Das ist nicht einmal ausgeschlossen. Die biederen und skandalimmunen Funktionäre des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB) erlaubten Weifenbach in einer vorläufigen Entscheidung, mit seinem Klub unter dem neuen Namen ECD Sauerland in der Aufstiegsrunde zur Bundesliga wieder anzutreten. Einzige Bedingung: Das Geld aus Libyen müsse eingehen, über Trikots und Werbeaufschrift müsse der DEB entscheiden.
Wahrscheinlich hat der neue Nahost-Experte aus Iserlohn die Herren, die vorher so einmütig gegen die Gaddafi-Werbung waren, von den tatsächlichen Eigenschaften seines "mißverstandenen" Gönners überzougt. Weifenbach: "Muammar ist vernünftig, friedfertig und außerordentlich sympathisch. Ein guter Mann."

DER SPIEGEL 2/1988
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