31.08.1987

POPBraune Hirsche

Neuer Krach am Hamburger Schauspielhaus. Nach den „Einstürzenden Neubauten“ engagierte die Intendanz die umstrittenen jugoslawischen Pop Avantgardisten „Laibach“. *
Auf einer dunklen Bühne mühen sich vier Gestalten diszipliniert an ihren Instrumenten. Sie tragen Reithosen, hohe Stiefel und braune Hemden. Der Sänger, ein schnurrbärtiger Helden-Verschnitt, glotzt angestrengt durch ein Hirschgeweih. Das Schlagzeug hämmert einen verschleppten Disco-Beat, der zu den eckigen Bewegungen der Musiker wie ein Marschrhythmus klingt. Auf einer Leinwand prügeln heroische Arbeiter auf derbes Material ein, stolzieren kapitale Hirsche durchs Gehölz. So präsentiert sich, vor einem meist irritierten Publikum, die Pop-Gruppe "Laibach".
Die Musiker kommen aus Jugoslawien, aus der Nähe von Ljubljana, dem ehemaligen Laibach. In Deutschland gelten sie als avantgardistische Pop-Band, behaupten aber, mehr als das zu sein.
Peter Zadek, Intendant des Hamburger Schauspielhauses, der in der vergangenen Spielzeit mit den "Einstürzenden Neubauten" in seiner "Andi"-Inszenierung die segensreiche Wirkung von düsteren Kultbands an der eigenen Kasse verspürte, will nun Reibach mit "Laibach" machen. Er engagierte das martialische Quartett als Krach-Lieferanten für Wilfried Minks'' "Macbeth"-Inszenierung, Premiere: kommenden Samstag.
Orthodoxe Pop-Fans brandmarkten "Laibach", zu deren Grundausstattung auch Runen-ähnliche Zeichen gehören, als "Faschisten-Combo"; trotzdem hat sich mittlerweile eine kleine, aber internationale Fan-Gemeinde gebildet. Was "Laibach" tatsächlich repräsentiert und welche Ziele die Gruppe mit ihrem undurchsichtigen Mummenschanz ansteuert, scheint auch den eingeschworenen Anhängern unklar; den Faschismus-Vorwurf zumindest weisen sie entschieden zurück. Mit Schlagzeug, Baß, Synthesizer,
verschiedenen Blasinstrumenten und meist monotonem Sprechgesang produzieren die vier Jugoslawen düstere Klänge - stilistisch liegen sie irgendwo zwischen holprigen Trauermärschen und Lärm-Collagen.
Die Selbsteinschätzung der Musiker klingt nach dem Programm eines futuristischen Stoßtrupps. "''Laibach''", formulieren sie, "nimmt Extrempositionen der modernen Industrieproduktion ein: vollkommene Aufhebung der menschlichen Identität, extrem dehumanisierter Kult der Ausdruckslosigkeit." Interviews, deren theorielastige Bocksprünge an die Amokläufe eines soziologischen Seminars erinnern, konnten die Problematik nicht erhellen.
Daß sie sich nach ihrer Heimatstadt Ljubljana nennen, ist Programm. Die Provinzhauptstadt Sloweniens besitzt eine vitale Alternativszene, die den Repräsentanten östlicher wie westlicher Hochkultur gleichermaßen suspekt erscheint und die Päpste der Gegenkultur mittlerweile mehr reizt als London, Berlin und New York zusammen. Das Ganze firmiert unter dem Namen "Neue Slowenische Kunst" (NSK) und funktioniert - fernab jeden staatlichen Zugriffs - vor dem Hintergrund eines streng strukturierten zentralistischen Organisationsmodells.
Oberste Instanz ist ein "Ideologischer Rat", dem die Musiker von "Laibach", die Maler der Gruppe "Irwin" und die Theatergruppe "Scipion Nascia" angehören. Im Manifest der NSK heißt es: "NSK bekämpft den Geschmack, die Urteile und die Überzeugungen des Individuums. "
Die Malergruppe "Irwin" pinselt sich durch nahe Anverwandte des röhrenden Hirschs über Futurismus-Adaptionen bis hin zu Beuysschen Fettnäpfchen.
Die Theatergruppe "Scipion Nascia", die lediglich als Vierjahresplan konzipiert war, arbeitet gerade erfolgreich an ihrer Selbstvernichtung. Größter Coup der Truppe war das Verbot einer ihrer Inszenierungen beim Edinburgher Festival aus feuerpolizeilichen Gründen: 27 Zuschauer sollten so im Boden versenkt werden, daß nur die Köpfe sichtbar blieben, dazwischen versuchten die Initiatoren Feuer zu legen.
Seit einiger Zeit treibt auch eine Architektengruppe ihr Unwesen. Die "Erbauer" wollen Ljubljana völlig niederreißen, um es unter einer "Slowenischen Akropolis" wieder neu aufzubauen.
Bei fast allen Gruppen der "Neuen Slowenischen Kunst" ist ein seltsamer Hang zur Deutschtümelei zu beobachten. Deutsche Schlagwörter, braungesprenkelte Gedanken und altdeutsche Folklore stehen hoch im Kurs. Adolf Hitler war nach Meinung der Jung-Slowenen ein begnadeter Popstar. "Laibach" hält ihn "für einen größeren Künstler als Elvis Presley".
In Jugoslawien führten "Laibachs" erste Auftritte zum Eklat, die Medien bezeichnen sie als Reaktionäre. Trotz etlicher Versuche liberaler Organisationen, die Band in Schutz zu nehmen, beharrten die Musiker auf ihrem Konfrontationskurs: "Unsere hauptsächliche Inspiration beziehen wir aus der industriellen Nazikunst, dem Totalitarismus, Taylorismus, Bruitismus und Disko." Genauso krude zusammengehauen wie dieser Satz klingt auch der Rest ihres Theorie- Ballastes.
Wo immer "Laibach" auftritt, zitieren und mixen die Musiker Fetische und Tabus verschiedenster Ideologien und setzen sich zwischen alle Stühle. Während die Punks Ende der siebziger Jahre Nazi-Symbolen benutzten, ohne Nazis zu sein, geht "Laibach" noch einen Schritt weiter. Die Gruppe verwendet nicht nur Symbole, sondern auch deren theoretischen Überbau, um ihre Umwelt zu irritieren. Den Künstlern scheint dieser Umstand nicht bewußt: Sie glauben an ihren Theorie-Eintopf.
Die Arbeit am Hamburger Schauspielhaus bereitet den Jugoslawen keine Probleme. Sie fühlen sich "durch die historische Atmosphäre im doppelten Sinn des Wortes zu Medien erweckt". Und Shakespeare? Auch da wissen sie Rat: "Macbeth" ist ihnen mit den zentralen Themen "Wille zur Macht, Tod und Schicksal" ein mittlerweile liebgewordenes Stück. Regisseur Wilfried Minks versucht die Mitwirkung der Musiker herunterzuspielen: "Die Gruppe ist nur ein kleiner Teil der Inszenierung." Sie symbolisiert für ihn "Männlichkeit, Kampf und Brutalität und illustriert damit die Grundstimmung von ,Macbeth'', den Krieg".
Bedenken, mit der Präsentation des vordergründig-faschistoiden Klimbims reaktionäre Tendenzen zu bedienen, hat Minks nicht: "Unsere Gesellschaft nimmt immer extremere Formen an ... ob nun Bilder, Kaffeetassen oder was auch immer auf den Markt geworfen werden, Kunst heißt doch nur, den nächsten Reizpunkt zu finden." _(Bei "Macbeth"-Proben im Hamburger ) _(Schauspielhaus. )
Bei "Macbeth"-Proben im Hamburger Schauspielhaus.

DER SPIEGEL 36/1987
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