07.03.1988

PHOTOGRAPHIEGanz Rembrandtsch

Ein neues Buch gibt Auskunft über einen Großen der Photographie: ihren englischen Erfinder William Henry Fox Talbot. *
Bereits im zarten Alter von zwölf verfaßte der designierte Erbe eines britischen Landgutes und Zögling renommierter Eliteschulen William Henry Fox Talbot ein schmales Büchlein zur Botanik. Als junger Mann hatte er sich durch Arbeiten zur Mathematik und physikalischen Optik, zur Botanik und klassischen Philologie in der Wissenschafts-Creme des Kontinents einen Namen gemacht.
Noch in seinen mittleren und späteren Jahren versuchte sich der Besitzer von Lacock Abbey, einer in der Grafschaft Wiltshire gelegenen ehemaligen Abtei, in der Nachdichtung von Sagen, erwarb Patente für eine von ihm entwickelte Verbrennungsmaschine und warf sich (mit Erfolg) auf die Entschlüsselung der assyrischen Keilschrift.
Doch seinen wahren Ruhm verdankt der rastlose Landadelige einer Erfindung, die ihm in seinem weitschweifenden Gelehrtenleben eher im Vorbeigehen gelungen war: der nach ihm benannten Talbotypie, der Urform der modernen Papierphotographie. In einem reichbebilderten Band mit zahlreichen Aufnahmen Talbots, die bisher noch nirgends zu sehen waren, schildert Hubertus von Amelunxen den verblüffenden Werdegang des zeitlebens genialen, aber immer auch etwas schludrigen Landedelmannes und Privatgelehrten _(Hubertus von Amelunxen: "Die aufgehobene ) _(Zeit". Die Erfindung der Photographie ) _(durch William Henry Fox Talbot. Verlag ) _(Dirk Nishen, Berlin: 160 Seiten; 98 ) _(Mark. ) .
Ausgerechnet ein Mangel an Begabung hatte das Multitalent auf die Spur gebracht. Schon die frühesten botanischen Studien hatten Talbot unzufrieden zurückgelassen, weil es ihm nicht gelungen war, die filigranen Pflanzen mit dem Bleistift aufs Papier zu bannen. Auf der Hochzeitsreise im Sommer 1833 ließ ihn der Mangel erneut verzweifeln. Mit einem Prisma und der im 18. Jahrhundert zum Reisegepäck der Touristen gehörenden Camera obscura dilettierte er, doch der Stift kritzelte nur kläglich Uninspiriertes auf die Leinwand. "Wie bezaubernd wäre es", klagte er ins Notizbuch, "könnte man diese natürlichen Bilder dazu veranlassen, sich dauerhaft einzudrücken, und festgehalten zu bleiben auf dem Papier!"
Zurück im Experimentierfeld von Lacock Abbey, ging der Gelehrte zielstrebig ans Werk. Er präparierte Papier mit einer Emulsion aus lichtempfindlichem Silbernitrat und schaffte es damit immerhin, "wunderbare Schatten" einzufangen. Auf den luminosen Hervorbringungen, erkannte er, verhielten sich Licht und Dunkel genau umgekehrt wie in der Wirklichkeit. Und die Schimären verflogen, wenn sie nicht in Schubläden, Schränken oder Büchern gleichsam wie in Futteralen aufbewahrt wurden.
Schon ein Jahr später, im Februar 1835, war dem unermüdlichen Tüftler der entscheidende Schritt zur modernen Negativ/Positiv-Photographie gelungen. "Wenn das Papier transparent ist", notierte er noch ganz in der traditionellen Terminologie befangen, könne "die erste Zeichnung zum Gegenstand für die Herstellung einer zweiten Zeichnung
werden, in der Licht und Schatten dann vertauscht wären".
Doch seine vielfältigen wissenschaftlichen Ambitionen hinderten den grüblerischen, stets mehr auf Fragen als auf Antworten versessenen Gelehrten, das im Prinzip ausfindig gemachte Verfahren zu verfeinern. Erst als die internationale Presse die gestochen scharfen Abbildungen des Franzosen Daguerre im Januar 1839 als bahnbrechende Erfindung feierte, beeilte sich auch der Engländer, die seit fünf Jahren in der Schublade schlummernden Ergebnisse seiner "photogrammatischen" Arbeit zu veröffentlichen.
Bei einer Gutachterkommission der Pariser Academie des Sciences, der auch der preußische Gelehrte Alexander von Humboldt angehörte, reklamierte er die entscheidenden Errungenschaften der neuen Bildtechnik für sich: "Fixation der Bilder der Camera obscura, und nachfolgende Erhaltung der Bilder, so daß sie das volle Sonnenlicht vertragen."
"Wie soll man erklären", zweifelte der preußische Wissenschaftler in einem Brief an die Herzogin Friederike von Anhalt-Dessau, "daß der vornehme Engländer eine solche Entdeckung, wie der Papst die Cardinäle, so lange in petto gehalten habe", und zog wenig scharfblickend über Proben des Talbotschen Schaffens her: "armseelige Chlorsilberbilder, weiße Silhouetten scheinbar nach alten Drucken, über die man mit dem Ellenbogen gefahren ist".
Wie allen Anhängern der Kupferbilder Daguerres, so blieben auch Humboldt die Vorzüge der Papierphotographie zunächst verborgen: Anders als bei der Einmal-Technik des Franzosen mittels einer versilberten Kupferplatte ließen sich von den Papiernegativen Talbots beliebig viele Bilder herstellen und Vergrößerungen anfertigen - erst die chemischen Spielereien des englischen Landgelehrten hatten dem neuen Medium den Weg zur Reproduzierbarkeit der Aufnahmen und damit zur Industrialisierung der Photographie gewiesen.
Mit der Ruhe auf Lacock Abbey war es damit fürs erste vorbei. Mehr als es seinem grüblerischen Naturell lieb sein konnte, mußte Talbot den Kampf gegen die internationale Konkurrenz und gegen die Front der Daguerre-Jünger aufnehmen. Binnen weniger Jahre wandelten sich die Schattenbilder des Edelmannes zu modern anmutenden detailscharfen Aufnahmen, auf denen die Sonnenstrahlen flimmerten und die Lichter hüpften wie um die Mittagszeit in den efeubewachsenen Innenhöfen der Abtei.
Mit einer weiteren Verbesserung des chemischen Papierauftrages konnte die Belichtung der in die Camera obscura eingespannten Blätter von mehreren Stunden auf Minuten und Sekunden verkürzt werden. Auch die Angestellten und Besucher des englischen Landsitzes ließen sich damit erstmals wie lichtgesprenkelte Archetypen der Personenphotographie aufs Bild bannen.
Die enormen technischen Verbesserungen fanden schließlich auch bei den Kritikern ungeteilte Anerkennung. "Es befindet sich nichts in diesen Bildern", lobte die Londoner "Literary Gazette" in einer Ausstellungsbesprechung der Talbotschen Stilleben und Genrebilder, "was nicht gleichermaßen genau wie malerisch ist."
Die im Vergleich zur Daguerreotypie ausgeprägtere Farblichkeit, den sinnlicheren Glanz des Lichtes und den konturverzeichnenden Effekt der Aufnahmen rühmte ihr Schöpfer selbst, unbescheiden wie selten in seinem Leben, als "ganz und gar Rembrandtsch".
Hubertus von Amelunxen: "Die aufgehobene Zeit". Die Erfindung der Photographie durch William Henry Fox Talbot. Verlag Dirk Nishen, Berlin: 160 Seiten; 98 Mark.

DER SPIEGEL 10/1988
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