08.02.1988

SPIEGEL Gespräch„Ein schwerer Rückfall in die fünfziger Jahre“

Die DDR-Protestler Freya Klier und Stephan Krawczyk über ihre Ausreise in den Westen
SPIEGEL: Frau Klier, Herr Krawczyk, sind Sie freiwillig in den Westen gekommen?
KRAWCZYK: Nein.
SPIEGEL: Sie fühlten sich von den DDR-Behörden unter Druck gesetzt?
KLIER: Ja, von Anfang an, durch die Tatbeschuldigung und Verhaftung.
KRAWCZYK: Natürlich wird man unter Druck gesetzt, wenn man verhaftet wird. Ich wurde verhaftet, weil ich mein Recht auf Meinungsfreiheit wahrnehmen und an der Luxemburg-Demonstration am 17. Januar mitwirken wollte. Ich habe durch Luxemburg-Zitate in meinen Programmen 1985 Berufsverbot bekommen. Brecht schrieb mal: "So nützten sie sich, indem sie Lenin ehrten. Und ehrten ihn, indem sie sich nützten." Ich wollte mit meinem Transparent "Gegen Berufsverbote in der DDR" an der Demo teilnehmen. Ich bin davon überzeugt, daß das in der Gedankentradition von Rosa Luxemburg steht. Sie hätte die Künstler in der Zeit, in der sie lebte, und wenn sie die Staatsmacht gehabt hätte, das zu beeinflussen, am öffentlichen Meinungsstreit teilnehmen lassen. Das war ihr Interesse.
SPIEGEL: Haben Sie damit gerechnet, verhaftet zu werden?
KRAWCZYK: Wenn ich damit gerechnet hätte, wäre ich nicht hingegangen. Die Möglichkeit war gegeben, daß man uns - das ist ja schon öfter passiert - 24 Stunden festhält, um uns zu zeigen, wer die Hosen anhat.
SPIEGEL: Aber daß die Staatsmaschinerie so gewaltig zuschlägt mit dem Vorwurf der landesverräterischen Beziehungen, das hätten Sie sich nicht träumen lassen?
KRAWCZYK: Nee, das habe ich mir nicht träumen lassen. Ich wußte aber, als das Ermittlungsverfahren mit dem Vorwurf der "Zusammenrottung" und "Beeinträchtigung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit" und so weiter losging - das sind ja im Grunde ziemliche Belanglosigkeiten-, daß das Ermittlungsverfahren erweitert wird. Mir wurde klar, daß sie endlich den Vorwand gefunden haben, mich aus dem Verkehr zu ziehen.
SPIEGEL: Wußten Sie denn, daß damals an der Demonstration auch viele teilnehmen wollten, die vornehmlich ein Ziel hatten - nämlich in den Westen ausreisen zu können, denen es aber weniger um eine Reform der DDR-Macht- und Lebensbedingungen ging?
KRAWCZYK: Natürlich wußte ich das, und natürlich ist das deren legitimes Recht, an einer solchen Demo teilzunehmen, um ihre Angelegenheit zu befördern. Ich finde es bloß ausgesprochen schlitzohrig, daß meisten von denen, die Ausreiseanträge gestellt haben, erst dann für irgendwelche politischen Freiheiten in der DDR eingetreten sind, als sie das Land verlassen wollten.
SPIEGEL: Fühlen Sie sich von denen mißbraucht?
KRAWCZYK: Ich wurde nicht gebraucht und demzufolge auch nicht mißbraucht.
KLIER: Das stimmt nicht, natürlich wurdest du mißbraucht. Das Problem Ausreise ist ja seit Jahren ein latentes Thema, aber es ließ sich tabuisieren, solange die Ausreisekandidaten vereinzelt waren. Als die Anfang September nun eine Gruppenform gefunden haben, entstand eine Kraft, die natürlich eine Gefahr bedeutet- denn die powern, die wollen raus um jeden Preis. Die Gruppe hat sich an Stephan gewandt, weil einige wußten, daß er eine intensive Beziehung zu Rosa Luxemburg hat. Er hat ihnen Zitate herausgesucht. Danach, im Knast, haben sie ihn maßlos belastet: Da sind alle in seine Nähe gerückt, in die Nähe des "Staatsfeindes Nummer 1". Stephan war für sie das Vehikel, die Startrampe in den Westen: Je enger sie dran sind, desto schneller kommen sie raus. Wir kennen das, viele Leute haben zu uns _(Das Gespräch führten die Redakteure ) _(Wolfram Bickerich und Bernd Kühnl in ) _(Hannover. )
Kontakt aufgenommen - brieflich und telephonisch, damit sie dann schneller raus können, wenn sie Verbindung zu uns halten.
SPIEGEL: Hatten Sie am Dienstag letzter Woche überhaupt die echte Chance, auch in der DDR bleiben zu können?
KRAWCZYK: Nein.
SPIEGEL: Es gab kein derartiges Angebot?
KRAWCZYK: Nein.
SPIEGEL: Man hat Ihnen nur die Ausreise angeboten, und dann ging die Post ab?
KRAWCZYK: Damit die Form stimmt, mußten wir einen Antrag ausfüllen und natürlich auch begRünden. Ich schrieb sinngemäß, daß ich als Künstler zweieinhalb Jahre unter Berufsverbot trotzdem die Arbeit fortgesetzt habe; nach meiner Verhaftung war klar, daß dieses Problem für die DDR gelöst werden muß, ich mit hohen Haftstrafen zu rechnen habe, der Paragraph sieht das vor. Wir schrieben, daß wir allerdings unser Leben sinnvoller nutzen wollen, nicht zum Märtyrer neigen und uns deshalb gezwungen sehen, den Ausreiseantrag zu stellen.
SPIEGEL: Sie sagten "gezwungen". Sie hatten keinerlei Gelegenheit, diesen Antrag nicht zu unterschreiben, also in der DDR bleiben zu wollen?
KRAWCZYK: Was ist die DDR? Ist die DDR der Knast? Eine freiwillige Entscheidung über Bleiben und Gehen ist nur außerhalb von Gefängnismauern möglich. In den Gesprächen unmittelbar vor unserer Ausreise - ich möchte nicht sagen mit wem - gab''s keine Wahl zwischen etwas, sondern es wurde gesagt: Sie haben die Möglichkeit, morgen, 14.00 Uhr, in der Bundesrepublik zu sein. Es wurde nicht gesagt: Sie haben die Möglichkeit, im halben Jahr oder so, in der DDR zu sein. Alle Gespräche, die wir während der Vernehmungen und bei den Kontakten über den Anwalt hatten, liefen darauf hinaus, daß das Problem nicht anders gelöst werden kann, als daß wir außer Landes gehen.
SPIEGEL: Hatte man Ihnen bei den Vernehmungen eröffnet, welche Vorwürfe man Ihnen macht und wie die nach den Strafgesetzen der DDR bedroht werden?
KRAWCZYK: Ja, das ist ganz normal. Wenn ein Ermittlungsverfahren eröffnet wird, wird der Paragraph vorgelesen. Das war in diesem Fall Paragraph 99 Strafgesetzbuch:Übermittlung von nicht der Geheimhaltung unterliegenden Nachrichten, die an DDR-feindliche Institutionen oder Personen weitergeleitet werden, was mit Strafen zwischen zwei und zwölf Jahren belegt wird.
SPIEGEL: Sie sehen die Vorwürfe für völlig ungerechtfertigt an?
KRAWCZYK: Natürlich.
KLIER: Eigentlich sind es kombinierte Verhaftungen, sozusagen eine Staffelung: Sie nehmen einen fest, haben so einen Anlaß für gründliche Hausdurchsuchung. Dann finden sie immer etwas, können also weiterverhaften oder neue Paragraphen hinzufügen. Ich habe damit gerechnet, daß ich die nächste bin, habe gewartet, bis sie mich abholen.
Dazu kommt, daß ich seit eineinhalb Jahren an einem Buch über die Ursachen des Verfalls von Kultur und Bildung in der DDR saß - das war bekannt, da jedes unserer Telephonate abgehört wurde. Sie haben also gleich das Manuskript mit abkassiert, bei der ersten Hausdurchsuchung alles über SED, Ausreise und so weiter, den Rest sowie meine Tagebücher dann bei der zweiten Hausdurchsuchung.
Bei den Verhaftungen gehört es zur Strategie, daß sie keinen einzelnen als Märtyrer hochkommen lassen wollen - das war bei Stephan so, den sie zur sich zusammenrottenden Ausreisegruppe geschoben haben. Und im Zusammenhang mit mir wurden auch andere Staatsfeinde verhaftet, so, als ob eine ganze Gruppierung von staatsfeindlichen Kräften in enger Arbeit ausgehoben worden sei. Davon las ich dann in der Zeitung.
SPIEGEL: Sie durften im Gefängnis eine Zeitung über Ihren Fall lesen?
KLIER: Wir kriegten das "Neue Deutschland". Ich habe genau verfolgt, wie sich das zuspitzt, wie das DDR-weit ausgewalzt wird. Da erkannten wir: ein schwerer Rückfall in die fünfziger Jahre.
SPIEGEL: Mit welcher Strafe haben Sie gerechnet?
KLIER: Es hätten zwei, vier oder zehn Jahre sein können, und für die anderen auch.
SPIEGEL: Sie aber sind im Westen. Die anderen sitzen, etwa Vera Wollenberger und einige mehr, die zu sechs Monaten ohne Bewährung verurteilt wurden.
KRAWCZYK: Das erklärt sich aus der Schlüsselfunktion, die wir hatten.
SPIEGEL: Sie sind die Symbolfiguren?
KRAWCZYK: Ich glaube, das ist differenzierter. Wir hatten die größte Öffentlichkeit, etwa durch unsere Konzerte. Leute sind sich nähergekommen, die vorher nichts voneinander wußten.
Wenn sich Künstler in solcher Offenheit auf die Bühne stellen, ob das in der Kirche ist oder sonstwo, dann ist das ein Beispiel für Widerstand und ermutigt, selbst etwas zu tun. Es kann größere Betroffenheit bei anderen auslösen, die Initiativgruppen wirken rationaler. Die Angst der Parteibürokraten in der DDR vor der Zustimmung vieler Menschen in unseren Veranstaltungen und vor westlichem Medieninteresse, was wiederum auf die DDR ausstrahlt, ist so groß, daß die Spitze abgebrochen werden mußte.
SPIEGEL: Sie hätten sich innerhalb des DDR-Systems gegen Ihre Ausbürgerung nicht wehren können?
KLIER: Die Möglichkeiten, die''s gibt, haben wir natürlich ausgeschöpft, haben zum Beispiel Haftbeschwerde eingelegt. Aber: Es gibt da kein Recht. Die Vorgänge werden vom Politbüro bestimmt, was wie zu laufen hat. Alle anderen sind die Funktionsorgane dazu. Wir haben unsere Freilassung gefordert und gegen unsere Inhaftierung protestiert, darauf ist überhaupt nicht reagiert worden. Ich habe auch gesagt, ich nehme am Prozeß nicht teil, weil es mit Recht nichts zu tun hat. Diese Schauprozesse erinnern an böse Zeiten.
Doch wenn wir hinter Mauern sitzen, können wir keine inhaltliche Auseinandersetzung führen. Wir sind hinter einer Zellentür, sind Häftlinge. Draußen wird aber "gearbeitet" - Stephan wird zum Beispiel per FDJ-Zeitung in die Nähe von Neonazis gerückt, in Briefkästen tauchen Hetzzettel auf gegen ihn. Unser Briefkasten wird demoliert. Die Brecht-Plakate im Hausflur werden zum Scheiterhaufen vor der Wohnungstür verwandelt. Man hat keine Chance, sich zu wehren.
SPIEGEL: Wenn Sie das in Kauf genommen hätten, dann hätten Sie bleiben können und nach Ihrer Freilassung, sozusagen als Märtyrer, innerhalb der DDR weiter für Reformen wirken können.
KLIER: Wir sind keine Märtyrer. Es ist die Frage, inwieweit wir überhaupt noch ein Gespräch zustande bringen, wenn wir zwei Jahre gesessen haben oder vier. Nein, wir wollten raus, und wir wollen in dieses Land zurückkehren.
SPIEGEL: Warum hat dann Ihr Anwalt, Wolfgang Schnur, Ihr Verhalten so vehement kritisiert?
KLIER: Das verstehen wir nicht; aber wir möchten darüber auch nicht spekulieren.
SPIEGEL: Otto Graf Lambsdorff hat Ihnen nach seinem Gespräch mit Erich Honecker dessen Klage vorgehalten, Sie hätten gegen DDR-Gesetze verstoßen.
KRAWCZYK: Das ist wirklich absurd. Er hätte vielleicht doch lieber mit uns reden sollen.
SPIEGEL: Wie oft konnten Sie denn in der Haft Ihren Anwalt treffen?
KRAWCZYK: Zwei Tage nach der Verhaftung habe ich die Aussage verweigert, weil ich erzwingen wollte, meinen Anwalt zu sehen. Nach vier Tagen durfte er kommen, und weitere vier Tage später hat er mir dann erzählt: Freya ist auch eingesperrt, sie hat einen Appell verlesen; und das hat sie für dich gemacht. Den politischen Aspekt meiner Verhaftung, den konnte ich ziemlich gelassen und locker hinnehmen, weil es keine körperliche Folter gibt, jedenfalls ich sie nicht erfahren habe bei der Stasi. Aber zu wissen, man ist irgendwie schuld daran, daß andere Menschen im Knast sind, und die Frau, die man liebt, die leidet jetzt darunter - das sind Dinge, die sich schwer wiedergeben lassen. Da gerät man unter psychischen Druck.
Ich habe ein Lied dann dazu im Knast gemacht. Ich hatte Schreiberlaubnis. Vielleicht kann ich damit ausdrücken, was ich meine.
SPIEGEL: Dürfen wir es sehen?
KRAWCZYK: Ich habe es nur im Kopf. Aber ich schreib''s Ihnen auf.
SPIEGEL: Formal sind Sie korrekt behandelt worden?
KLIER: Ja, sie haben sich fast überkorrekt verhalten, sie haben sehr genau aufgepaßt, daß sie keinen Fehler machen.
SPIEGEL: Ihnen wird nun von manchen Besserwissern vorgeworfen, Sie sorgten mit öffentlichen Erklärungen hier dafür, daß Ihre Freunde in DDR-Haft bleiben müssen und nicht freikommen.
KLIER: Für sie steht dieselbe Alternative wie für uns - Knast oder Abschiebung in den Westen. Das muß man ja einfach mal sagen dürfen, ohne gleich unsinnig beschuldigt zu werden. Denn eines ist doch klar: Den Häftlingen wird nun gesagt, Klier und Krawczyk sind ausgereist, Sie kriegen hier acht Jahre. Und dann werden die anfangen, auch wenn sie alle wackere Leute sind, sich auszumalen, was steht für sie in den nächsten acht Jahren. Die werden auch hier ankommen.
Insofern ist das eine ganz zielgerichtete Art der SED, unliebsame Leute rauszuhauen, ohne daß man es ihr direkt nachweisen kann.
SPIEGEL: Aber ihre Taktik geht auf.
KLIER: Die geht absolut auf. Man muß sie aber beenden.
SPIEGEL: Wie erklären Sie sich, daß Sie jetzt gegriffen wurden, aber nicht vor einem halben oder einem Jahr?
KLIER: Kurt Hager hat schon im letzten November unseren Kopf gefordert, das weiß ich von einem Menschen, der in höheren Parteikreisen arbeitet. Das galt aber als zu direkt und unklug. Sie haben auf eine bessere Gelegenheit gewartet.
SPIEGEL: Nun hat die Betonfraktion gewonnen.
KLIER: Ja, und sie hat ihr Vorgehen genau geplant. Sie haben Stephan aus dem Haus gehen lassen und an der Ecke festgenommen. Da müssen die nicht über Inhalte diskutieren, da hat sich Krawczyk zusammengerottet.
SPIEGEL: Rechnen Sie damit, daß es Nachahmungstäter geben könnte, die am 1. Mai durch die Straße ziehen und nicht die Arbeiterfahne tragen?
KLIER: Hat es schon gegeben, wird es wieder geben.
SPIEGEL: Und dann?
KRAWCZYK: Es ist ein Unterschied, ob der "böse Klassenfeind" von außen hetzt oder ob es konsequente Aktionen im Inland gibt. Ich glaube, auch die Leute aus der Zionskirche wären nicht wieder auf freien Fuß gekommen, wenn nicht im Inland eine so starke Solidaritätsbewegung gewesen wäre. Das läßt sich nicht in die Ecke drängen.
SPIEGEL: Woher kommt diese Solidarität im Protest? Die DDR hat sich in den letzten Jahren doch gewandelt.
KLIER: Als Honecker im September auf Staatsbesuch hier war, da standen wir drüben da und haben gesagt: Wie sollen wir jetzt noch klarmachen, daß wir am Ende sind in diesem Land? In der DDR haben sich ja Prozesse der Stabilisierung vollzogen innerhalb der letzten 20 Jahre, die bemerkenswert sind: Die Methoden der Macht- und Gewaltanwendung haben sich verfeinert. Heute wird bereits im 9. Schuljahr vorsortiert, wer studieren darf. Jugendliche, die politisch
unbequem sind, fallen da schon durch den Rost - Berufsverbot auf kaltem Wege.
SPIEGEL: Die Unterdrückung ist subtiler geworden?
SPIEGEL: Immerhin sind zu Ihren Konzerten viele tausend Zuhörer gekommen, so subtil scheint''s nicht zu sein.
KLIER: Das sind eben die, die überhaupt keine Chance haben in dem Land. Sie haben niemand, der sie verteidigt, niemand, der ihnen Haltung vorlebt - weil die Generation, die über ihnen sitzt, sich angepaßt hat. Die sagen ihre Meinung nur in privaten Freundeskreisen. Es sind fast alle für eine Veränderung des Landes, aber die meisten sitzen in Institutionen oder haben eine privilegierte Stellung: Die wollen reisen, gut einkaufen und keinen Fehler machen.
SPIEGEL: Und die anderen wollen ausreisen.
KRAWCZYK: Nein. Die wollen ändern. Viele wollen auch raus. Uns zum Beispiel ist im Knast mehrfach gesagt worden: Wenn ihr nicht geht, dann wird sich nichts bewegen; wenn ihr geht, gibt es eine Chance für die anderen.
SPIEGEL: Wo sehen Sie den Grund, daß Ihnen nun auch die Kirche - die Ihnen so lange Obdach gab - die Sympathie kündigt?
KLIER: Ich sehe nicht, daß sie uns die Sympathien gekündigt hat: Die Kirche muß zur Zeit eine Menge ausbalancieren, zwischen Staat und unabhängigen Gruppen, zwischen Konservativen und Aufmüpfigen im eigenen Lager - wir haben für ihre Reaktion Verständnis, auch wenn wir die Situation jetzt anders sehen.
SPIEGEL: In der DDR gelten Sie nun als schuldig daran, daß die anderen noch im Knast sitzen.
KRAWCZYK: Wir haben sie nicht eingesperrt.
SPIEGEL: Wollen Sie zurück?
KLIER: Natürlich. Man kann nicht alle Leute einsperren und sagen: So, also entweder gleich Bundesrepublik oder zehn Jahre schmoren. Wir wollen, daß diese Praxis beendet wird. Wir fühlen uns hier nicht unwohl, aber wir sind der DDR verbunden, weil wir schon lange in dem Land leben und unsere Arbeit für wichtig halten.
KRAWCZYK: Das muß noch kommen, daß wir uns hier unwohl fühlen; wozu sollten wir uns künstlerisch äußern?
SPIEGEL: Später bitte. Was wollen Sie jetzt machen?
KLIER: Einen Brief an die DDR-Regierung schreiben und sie um die Dialogbereitschaft mit den Menschen im eigenen Land bitten. Sie müssen es ertragen lernen, daß kritische Künstler im Land sind.
SPIEGEL: Sie rechnen nicht mit einer Antwort?
KLIER: Gruppierungen oder Menschen, die ihnen von Nutzen sind, kriegen Antworten. Dann gibt''s die anderen, die DDR-Teufel, denen wird nur der Daumen gezeigt.
SPIEGEL: Wenn Sie den Brief geschrieben haben - was wollen Sie dann machen?
KLIER: Der Anwalt Wolfgang Vogel hat mir zugesagt, daß ich meine Manuskripte zurückkriege, die die Staatssicherheit beschlagnahmt hat. Erst mal möchte ich mein Buch weiterschreiben über die Situation von Kultur und Bildung in der DDR. Danach wende ich mich endlich dem Theater zu - inszenieren und Stücke schreiben.
SPIEGEL: Und Sie, Herr Krawczyk?
KRAWCZYK: Ich habe einige Angebote und werde erst mal Konzerte machen - am Dienstag im Fernsehen eins, im Pavillon hier in Hannover. Ich habe ein Brecht-Programm, von dem ich glaube, daß es für die Bundesrepublik eine ähnliche Gültigkeit hat wie für die DDR. Ich werde versuchen, an die Leute hier ranzukommen.
SPIEGEL: Haben Sie Angst vor dem oft als flach dargestellten BRD-Kulturbetrieb?
KRAWCZYK: Noch nicht.
SPIEGEL: Die Erfahrungen von Wolf Biermann schrecken Sie nicht? Er kam 1976, getragen von einer emotionalen Welle der Solidarität und der geistigen Beziehung, aus der DDR zwangsweise in den Westen, und da wurde er oft mehr als Exot bestaunt, statt als Künstler akzeptiert.
KRAWCZYK: Ja, das haben wir mitgekriegt, und es hat sich wieder geändert. Ich habe schon verschiedene Stationen in der künstlerischen Arbeit durchlebt, die zum Beispiel jenseits aller Publizität waren. Da saß man vor 20 Leuten in einem Raum und hat versucht, mit seinen Liedern in irgendeiner Weise mit den Zuhörern zu kommunizieren. Ich kann damit umgehen.
Es gibt wahrscheinlich kein Land, wo es nicht Probleme oder Emotionen gäbe, die nicht auch zu besingen wären. Und was ich hier für Texte schreibe, weiß ich noch nicht zu sagen. Erst mal umsehen.
SPIEGEL: Wollen Sie denn den Versuch machen, in die DDR zurückzukehren?
KRAWCZYK: Ich richte mich auf eine lange Zeit hier ein. Ich habe wenig Hoffnung, werden es versuchen. Es könnte sein, daß die was dazulernen.
SPIEGEL: Glauben Sie daran?
KRAWCZYK: Die bisherige Erfahrung zeigt etwas anderes. Es haben sich lediglich die Varianten geändert, mit denen die bestehende Situation kaschiert werden soll - das Interesse der Demokratisierung dieser Gesellschaft ist nicht ihr Interesse ...
SPIEGEL: Bei der kommunistischen Vormacht in Moskau wird immerhin eine Umgestaltung versucht.
KLIER: Das ist richtig, doch es wird auch in der Sowjet-Union wenigstens noch eine Dekade brauchen, bis diese "Palastrevolte" den Alltag der Sowjetmenschen erreicht. Die SED-Führung orientiert sich derzeit ökonomisch am Westen, in bezug auf "Umgestaltung" aber eher an Rumänien - es ist eine Frage der Zeit und der Kräfte im In- und Ausland, der SED-Führung eine solche Demokratisierung beharrlich abzufordern.
SPIEGEL: Frau Klier, Herr Krawczyk, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. *KASTEN
"Nichts dazugelernt"
Stephan Krawczyks Knast-Lied für Freya *
Als ich hinter Steinen saß fest, so fest gemauert war mir manchmal wie dem Tier das den Käfig nicht überdauert.
Abends sah ich Tiere am Himmel blähen die Mähne und ziehn in die Nacht bäumen sich blutig, eh sie verglühn mich hat die Zelle fast umgebracht.
Aber als sie, Liebste, dich nahmen in die Krallen kamen Nöte über uns die wir nicht erahnten und wärn ja fast verfallen.
Abends sah ich Tiere am Himmel blähen die Mähne und ziehn in die Nacht bäumen sich blutig, eh sie verglühn mich hat die Zelle fast umgebracht.
Der Hunger ist so groß im Land wo wir abseits stehen die Herren belln die Fahnen an sie haben nichts dazugelernt beim Herrschen und Vergehen.
Das Gespräch führten die Redakteure Wolfram Bickerich und Bernd Kühnl in Hannover.
Von Wolfram Bickerich und Bernd Kühnl

DER SPIEGEL 6/1988
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 6/1988
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

SPIEGEL Gespräch:
„Ein schwerer Rückfall in die fünfziger Jahre“

Video 01:57

Drohnenvideo aus Kalifornien Das zerstörte Paradise

  • Video "Merkel-Besuch in Chemnitz: Eine Provokation, dass sie hier ist" Video 04:36
    Merkel-Besuch in Chemnitz: "Eine Provokation, dass sie hier ist"
  • Video "Die 90er Doku: Party, Gier und Arschgeweih" Video 25:37
    Die 90er Doku: Party, Gier und Arschgeweih
  • Video "Das war knapp: Arbeiter kappt aktive Starkstrom-Leitung" Video 00:53
    Das war knapp: Arbeiter kappt aktive Starkstrom-Leitung
  • Video "Theresa Mays erbitterter Gegner: Charmant, höflich, ganz schön rechts" Video 02:58
    Theresa Mays erbitterter Gegner: Charmant, höflich, ganz schön rechts
  • Video "Schiffskollision vor Borkum: Frachter verkeilen sich - und werden getrennt" Video 01:04
    Schiffskollision vor Borkum: Frachter verkeilen sich - und werden getrennt
  • Video "Kommunikation zwischen Koalas: So laut wie ein Elefant (Bitte Ton anschalten!)" Video 00:42
    Kommunikation zwischen Koalas: So laut wie ein Elefant (Bitte Ton anschalten!)
  • Video "Flucht durch Amerika: Volles Risiko mit La Bestia" Video 12:04
    Flucht durch Amerika: Volles Risiko mit "La Bestia"
  • Video "Chaos in Sri Lankas Parlament: Sie warfen mit Stühlen und Chilipaste" Video 00:45
    Chaos in Sri Lankas Parlament: Sie warfen mit Stühlen und Chilipaste
  • Video "Rätselhaftes Unterwasser-Wesen: Feuerwalze vor Neuseeland gefilmt" Video 01:33
    Rätselhaftes Unterwasser-Wesen: "Feuerwalze" vor Neuseeland gefilmt
  • Video "Lindnern, Lauch, Verbuggt: Sprechen Sie Jugend?" Video 01:29
    "Lindnern", "Lauch", "Verbuggt": Sprechen Sie Jugend?
  • Video "Amateurvideos aus New York: Verkehrschaos durch Schneesturm" Video 01:29
    Amateurvideos aus New York: Verkehrschaos durch Schneesturm
  • Video "Kampf um CDU-Vorsitz: Mir hat Herr Spahn gefallen - erstaunlicherweise" Video 04:57
    Kampf um CDU-Vorsitz: "Mir hat Herr Spahn gefallen - erstaunlicherweise"
  • Video "Panoramavideo aus Kalifornien: Was vom Feuer übrig blieb" Video 01:02
    Panoramavideo aus Kalifornien: Was vom Feuer übrig blieb
  • Video "Kontrollierte Detonationen: Südkorea sprengt Grenzposten" Video 01:13
    Kontrollierte Detonationen: Südkorea sprengt Grenzposten
  • Video "Drohnenvideo aus Kalifornien: Das zerstörte Paradise" Video 01:57
    Drohnenvideo aus Kalifornien: Das zerstörte Paradise