07.03.1988

UMWELTGlatt vorbei

Weil zu viele Autofahrer wegen des Verbots von bleihaltigem Normalbenzin auf „Super“ umgestiegen sind, enthalten die Abgase mehr Benzol: Die Krebsgefahr wächst. *
Mit dem Schreckenswort "Krebs" läßt sich noch trefflich Alarm schlagen. So traten die Fernsehkameras dienstbereit in Aktion, als Nordrhein-Westfalens Umweltminister Klaus Matthiesen letzten Montag mit seiner Hiobsbotschaft überkam.
Seit dem Verbot des bleihaltigen Normalbenzins an bundesdeutschen Tankstellen, so der Minister, werde die krebserzeugende Substanz Benzol vermehrt mit den Autoabgasen in die Luft geblasen. Mit einer zusätzlichen Benzol-Belastung von jährlich bis zu 3500 Tonnen sei zu rechnen. Damit werde Benzol "bundesweit zu einem der gefährlichsten Krebsgifte", ja trete "quantitativ an die Spitze" aller krebserregenden Umweltschadstoffe.
Matthiesen stützte sich auf eine Studie nordrhein-westfälischer Tüv-Zentralen, die ein Dreivierteljahr lang Benzinproben von 1940 Tankstellen auf ihren Benzol-Gehalt untersucht hatten. Schon aus Gründen der "Krebsvorsorge", so der Minister, müsse deshalb mit Macht der Einsatz von Drei-Wege-Katalysatoren vorangebracht werden - allein dieser Kata-Typ vernichtet 90 Prozent des in den Autoabgasen enthaltenen Benzols.
Der scheinbar gut kalkulierte Paukenschlag gegen den Bonner Schlendrian geriet - Pech für Matthiesen - zum peinlichen Reinfall. Zum einen hatten sich seine Experten schlicht verrechnet: Nicht 3500 Tonnen, sondern 2000 Tonnen Abgas-Benzol sind zusätzlich zu den bisher schon jährlich rund 41 000 Tonnen schweren Benzol-Schwaden aus den Auspufftöpfen zu befürchten. Zum anderen zielte der Warnruf aus Düsseldorf am Kern des Benzol-Problems glatt vorbei.
Die Benzin-Analysen der Tüv-Chemiker hatten ergeben, daß im bleifreien Normalbenzin durchschnittlich 0,08 Volumenprozent mehr Benzol (1,64 statt 1,56 Prozent) enthalten sind als im traditionell
verbleiten Normalbenzin, dessen Ausschank seit Anfang Februar verboten ist.
Doch der geringfügige Unterschied, so versicherten Benzin-Experten aus der Mineralölwirtschaft einhellig, liege im "Bereich der Meßgenauigkeit", sei also in Wahrheit nicht signifikant. Vor allem aber hat die Differenz hinterm Komma - und das meint auch Gernot Müller, im Berliner Umweltbundesamt (UBA) für Kraftstoffe zuständig - "mit bleifrei oder bleihaltig nichts zu tun".
Prompt widersprach einen Tag später Bundesumweltminister Klaus Töpfer der graubärtigen Benzol-Kassandra aus Düsseldorf.
Und mit dem Vorwurf, Matthiesens Aktion habe nur zu unnötiger "Verunsicherung der Autofahrer" geführt, suchte auch der ADAC seine Klientel gleich wieder zu beruhigen.
Doch ebenso wie Matthiesen vermieden auch die Autofreunde aus dem Club und die Bonner Experten jeden Hinweis auf die eigentliche Quelle des Problems: die irrationalen Tankgewohnheiten westdeutscher Autofahrer und die Produktionspraxis der Benzin-Hersteller.
Weil die meisten Automobilisten immer noch fürchten, die Ventile ihres Motors könnten durch bleifreies Benzin Schaden nehmen, füttern fast 60 Prozent der ehemaligen Normal-Verbraucher ihr Gefährt nunmehr mit dem - noch erlaubten - bleihaltigen Superbenzin. (Nötig wäre das nur bei den wenigen Modellen, die, so UBA-Experte Müller, "älter sind als zehn Jahre, und dann auch nur zu Beginn einer mehrstündigen Fahrt unter Vollastbedingungen".)
Mit ihrer Vorliebe für bleihaltiges "Super" entlassen die vielen Unbelehrbaren jedoch nicht nur weiterhin das mühsam zurückgekämpfte Nervengift Blei in die Umwelt, sondern steigern tatsächlich auch die Krebsgefahr. Denn im Super-Benzin ist der Benzolanteil nun wirklich um mehr als 40 Prozent höher als im Normal-Sprit.
Das war, wie Matthiesen-Sprecher Wolfgang Buchow später klarstellte, auch die Berechnungsgrundlage für die Prognose aus Düsseldorf, nur sei das wohl nicht richtig verstanden worden (man könne der Presse "ja nicht die Feder führen"). Den unerwarteten "Super"-Durst deutscher Automobilisten aber hatte das Töpfer-Ministerium schon ermitteln lassen, dazu hätte es der rheinischen TÜV-Studie gar nicht erst bedurft. Und auf den weit höheren Benzolgehalt im Super-Benzin hatten die Zeitschrift "Öko-Test" und das Umweltbundesamt schon 1986 hingewiesen.
Recht hat Matthiesen mit der Forderung, der Benzolgehalt im Benzin - ob bleifrei oder nicht - müsse ganz allgemein gesenkt werden. Nach wie vor sind bis zu fünf Volumenprozent erlaubt; nach Meinung vieler Toxikologen ist das viel zu viel. Das Bonner Umweltministerium erklärt dazu, bei der EG-Kommission in Brüssel sei schon vor einem Jahr die Senkung der Norm von fünf auf ein Prozent beantragt worden, doch der Vorschlag sei dort auf wenig Gegenliebe gestoßen.
Handeln könnte die Bundesregierung trotzdem. Denn bei nachweisbaren Gesundheitsgefahren erlaubt das EG-Recht auch nationalen Alleingang. Neuere Untersuchungen, etwa über das Schicksal von Kokerei-Arbeitern, bestätigen unbezweifelbar, daß Benzol-Dämpfe insbesondere das Risiko einer Leukämie-Erkrankung erheblich steigern. Gefahr droht vor allem Tankstellen-Angestellten und den Bewohnern verkehrsreicher, enger Straßen.
Der gefährliche Stoff, sucht sich die Industrie zu rechtfertigen, falle automatisch bei der Benzin-Herstellung an, er werde ganz bestimmt nicht beigemischtaber ausreichend extrahiert wird er eben auch nicht.
Den Mineralölfirmen wäre es - bei entsprechendem Aufwand - durchaus möglich, den Benzol-Anteil im Benzin noch unter die jetzt durchschnittlich zwei Prozent zu drücken. Auch beim Benzolproblem sind Umwelt- und Gesundheitsschutz eine Kostenfrage, wie Horst-Henning Giere, Leiter der Forschungsabteilung bei der Aral AG, letzte Woche einräumte.
"Technisch machbar", bestätigt auch UBA-Fachmann Müller, sei die weitere Senkung der Benzolwerte allemal. Für viele andere, nicht ganz so aggressive krebsverdächtige Substanzen im Benzin sei das allerdings schon kaum noch denkbar. "Benzin", so Müller, sei schließlich "kein Lebensmittel. Damit müssen wir uns abfinden".

DER SPIEGEL 10/1988
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