18.01.1988

„Selbstmord des Atoms“

Der größte Skandal in der Geschichte der westdeutschen Atomindustrie hat internationale Dimensionen angenommen: wegen des Verdachts, aus der Bundesrepublik könnte Bombenstoff in Krisenregionen der Dritten Welt gelangt sein. Die ganze Nuklearindustrie, die auch Klimapflege im Bonner Forschungsministerium betrieb, scheint außer Kontrolle geraten. *
Voller Mißtrauen löcherte Bundeskanzler Helmut Kohl in den vergangenen Tagen immer und immer wieder seine Spezialisten im Bonner Umweltministerium mit der Frage, was denn eigentlich hinter dem Hanauer Atommüllskandal stecke. Der Kanzler, instinktsicher, wenn es um drohende Beschädigung seiner Macht und seines geliebten Amtes geht, sah aus dem Hessischen eine Lawine auf seine Regierung zurollen.
Die täglich neuen Enthüllungen, daß in den Atomfirmen Nukem und Transnuklear, Zentren des bundesdeutschen Brennstoffkreislaufs, unglaubliche Schlampereien im Umgang mit Strahlenmaterial aller Art die Regel waren, daß der Bombenstoff Plutonium unkontrolliert über europäische Grenzen wanderte, daß in der angeblich so sicherheitsbewußten Atomindustrie ein illegaler Abfallkreislauf in Gang gekommen war - das alles waren nach Ansicht Kohls nur "Unregelmäßigkeiten". Stärker trieb ihn, nach allen Erfahrungen mit Korruptionsaffären in der Bundesrepublik, eine nüchterne Kalkulation um.
Weshalb die Nukem-Tochter Transnuklear, die 80 Prozent aller Transporte von radioaktiven Strahlstoffen in der Bundesrepublik kontrollierte, denn Millionen-Schmiergelder an Sicherheitsbeauftragte, Atommanager und sogar Buchhalter in Kernkraftwerken bezahlt habe, nur um die vorschriftswidrige Behandlung von ein paar Tonnen Atommüll zu vertuschen - das erschien dem Kanzler ökonomisch nicht plausibel. Da müsse viel mehr dran sein. Ungläubig räsonierte der Regierungschef: "21 Millionen Mark für das bißchen Zeug?"
Daß Kohls Instinkt intakt ist, führte Hessens CDU-Ministerpräsident Walter _(Am Donnerstag voriger Woche vor dem ) _(Bonner Umweltausschuß mit dem ) _(Ausschußvorsitzenden Reinhard Göhner ) _((r.). )
Wallmann, nach dem Tschernobyl-Supergau erster Bundesumweltminister, der Öffentlichkeit vor. Erstmals in der immer weiter wuchernden Affäre setzte Wallmann einen "ungeheuerlichen Verdacht" (Bonns Umweltminister Klaus Töpfer) in die Welt, der nicht nur die Frage beantworten könnte, warum denn in den hessischen Skandalbetrieben Spaltstoffe verschwunden sind, sondern auch wohin: Zur Waffenherstellung geeignetes Nuklearmaterial, so Wallmann, könne unter deutscher Beteiligung in die krisengeschüttelten Dritte-Welt-Länder Pakistan oder Libyen geschmuggelt worden sein, die seit langem zur Atombombe drängen.
Bomben aus Hanau? Geliefert von geschmierten Atomindustriellen der Bundesrepublik? Bonn auf der Anklagebank von 135 Nationen, die sich allesamt im Atomwaffensperrvertrag verpflichtet haben, weder Nuklearbomben noch Teile davon irgendwohin zu exportieren? Der vage Verdacht wurde von der Bundesregierung sogleich ernst genommen, ein Kanzlerberater: "Das kriegt natürlich sofort eine Überdimension, wenn der Atomwaffensperrvertrag wirklich verletzt worden ist."
Die Nachrichten über eine mögliche Pakistan-Connection sorgten auch in Washington für Unruhe. Dort hatte US-Präsident Ronald Reagan gerade langfristige Auslandshilfe für den mit Indien verfeindeten Staat zugesichert, erklärtes Ziel: Diese Unterstützung sei "extrem wichtig", um "das Risiko zu verringern", daß Pakistan die Bombe entwickle.
Die Berichte aus Bonn, so Paul Leventhal vom Nuclear Control Institute nach Gesprächen mit Politikern und Wissenschaftlern, hätten ein "Gefühl von
Schock" ausgelöst. Stephen Solarz, Abgeordneter der Demokraten im Repräsentantenhaus und besonders für die Nichtweiterverbreitung von Atomwaffen engagiert: "Handlungsweisen", wie sie nun Nukem zugeschrieben würden, könnten "weltweit die Sicherheit aller Nationen gefährden".
Daß die Bonner nicht von vornherein ausschließen mochten, an der Vermutung über heimliche Geschäfte mit Pakistan oder Libyen könne was dran sein, zeigt deutlich wie nie zuvor, daß die Gefahren des atomaren Kreislaufs, über Jahre von Lobby und Politikern zum "Restrisiko" verniedlicht, kaum beherrschbar sind: Weder nationale noch internationale Aufsichtsbehörden erfüllen ihre Aufgaben hinreichend - nicht nur Nukem, die ganze Atomindustrie ist außer Kontrolle geraten.
Der politisch-atomare Komplex in der Bundesrepublik steht vor seiner ersten wirklichen Existenzkrise. Gerate diese ganze Industrie ins Rutschen, sorgte sich Kanzler Kohl, der vor schwierigen Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Schleswig-Holstein steht, dann könnte er selbst in den Strudel gerissen werden.
Schon vor Weihnachten entschied Kohl sich zu einer Doppelstrategie, um den Schaden zu begrenzen. Er selbst hielt sich aus dem Krisenmanagement heraus, das Bundesumweltminister Klaus Töpfer und Ministerpräsident Wallmann zu erledigen hatten.
Kohl ermutigte seinen Reaktorsicherheitsminister, öffentlichkeitswirksame Entscheidungen zu treffen: Erst ließ Töpfer, vor vier Wochen, den Atomtransporteuren von Transnuklear die atomrechtliche Genehmigung entziehen. Dann machte er vorige Woche die Hanauer Nukem dicht. Der Bundestagsabgeordnete Otto Schily von den Grünen, die seit Jahren die Schließung der hessischen Atomklitschen fordern: "Soweit sind wir ja offenbar gekommen, daß wir einer Regierung dankbar sein müssen, daß sie sich an die gesetzlichen Vorschriften hält."
Der Vorwurf, die von Pakistan und Libyen ersehnte "Islamische Bombe" (siehe Seite 28) werde mit Bombenstoff aus Deutschland gefüllt, wäre, so der frühere Bundesforschungsminister Volker Hauff (SPD), "eine politische Katastrophe für unser Land". Die Lebenslüge der internationalen Atomwirtschaft würde platzen: Die Nutzung der Kernenergie zu "friedlichen" Zwecken, so hatte eine ganze Generation von Reaktorbauern und Kernphysikern die Welt glauben machen wollen, könne strikt von ihrem militärischen Einsatz getrennt werden. Zum Vertrauensverlust für die Industrie im Inneren kommt, bewahrheitet sich der Verdacht, ein Vertrauensverlust für die Bonner Friedenspolitik nach außen hinzu.
Ohnehin galten die Christdemokraten in ihrer Haltung zum Atomwaffensperrvertrag, der 1970 in Kraft trat, als unsichere Kantonisten. Daß aus dem Kontrollsystem mit den internationalen Aufsichtsbehörden IAEO und Euratom, das zu dem Pakt gehört, nicht viel wurde (siehe Seite 22), daran tragen vor allem bundesdeutsche Regierungen die Schuld. Ihre Delegationen hatten, mit immer neuen Änderungsvorschlägen, das Vertragswerk ausgehöhlt. Alt-Bundeskanzler Konrad Adenauer, der Wiederbewaffner, grollte gegen einen Bonner Beitritt: "Ich hoffe, daß die Bundesrepublik nicht ihr Todesurteil unterschreibt." Und CSU-Chef Franz Josef Strauß, der damals eigene Atomwaffen für die Deutschen forderte, kommentierte: "Das ist ein neues Versailles, und zwar eines von kosmischen Ausmaßen."
Erst Ende 1969, als die Sozialliberalen an die Macht gekommen waren, unterzeichnete Bonn den Vertrag. Die politische Auseinandersetzung mit den Konservativen pflanzte sich bis in den Mai 1975 fort, als das Abkommen nach der Ratifizierung durch den Bundestag auch für Bonn gültig wurde.
Die Deutschen waren schon einmal in Verdacht gekommen, sie nähmen den Sperrvertrag nicht sonderlich ernst, als Ende der siebziger Jahre die deutsche Kraftwerk Union (KWU) in Argentinien einen Atommeiler baute und die erforderliche Fabrik für Schweres Wasser, das im Reaktor zur Kühlung erforderlich ist, von der neutralen Schweiz geliefert wurde. Nie ist der Verdacht entkräftet worden, daß Bonner Beamte diese Umgehung des Vertrages mit KWU und Argentinien ausgeheckt haben.
Ob nun auch die Hanauer Skandal-Manager gegen internationales Recht verstoßen haben, konnten bis Ende voriger Woche weder Ministerien noch Justiz beantworten. Die Frage, worauf sich der Verdacht stütze, daß mit deutscher Beteiligung spaltbares Material nach Pakistan und Libyen gelangt sei, war schon in der Nacht zum Donnerstag in einer Sondersitzung des Umweltausschusses des Bundestages von SPD und Grünen immer wieder gestellt worden.
Hessens Umweltminister Karlheinz Weimar verwies mystisch auf Hinweise, die er am Mittwochnachmittag bekommen und an die Staatsanwaltschaft weitergegeben habe. Um die Fahndung nicht zu gefährden, könne er nicht mehr sagen. Der geheimnisvolle Informant war der Bonner Chefredakteur eines Branchen-Blatts ("Energiereport"):
Dieter Kassing, der sich seinerseits auf Recherchen von Schweizer Journalisten beruft.
Töpfer, der bereits zum zweiten Mal innerhalb einer Woche eine Regierungserklärung abgeben mußte, ließ am Freitag morgen einen Abteilungsleiter bei den zuständigen Hanauer Staatsanwälten Albert Farwick und Thomas Geschwinde telephonisch nachforschen. Die hessischen Strafverfolger, die einen internationalen Skandal ohne Beispiel aufklären sollen, waren verwundert.
Er habe, so Farwick, "keinerlei verwertbare Tatsachen", der Anfangsverdacht seiner Behörde beruhe ausschließlich auf einer "telephonischen Unterrichtung des Staatsanwaltes Geschwinde durch Minister Weimar", der "Kenntnisse aus dem journalistischen Bereich" weitergegeben habe.
Farwick ließ nach den vagen Hinweisen, daß angeblich Nukem am Atomschmuggel beteiligt gewesen sei, dort einige Büroräume am frühen Freitag morgen durchsuchen. Die Aktion förderte nichts Rechtes zutage. Sozialdemokrat Hauff behauptete zwar, nachdem er einen brisanten Hinweis aus seriöser Quelle erhalten habe, jetzt gebe es "Beweise für die Lieferung von Atommaterial nach Pakistan". Die Staatsanwaltschaft jedoch dementierte umgehend.
In dem Bonner Wirrwarr spielte Umweltminister Töpfer am Freitag voriger Woche den Verdacht einer Hanauer Aktion "Bomben für Pakistan" langsam wieder herunter. Die Nukem-Schließung, so Töpfer, sei nicht entfernt mit dem Verdacht der unzulässigen Weitergabe Spaltmaterials an Drittländer zu begründen.
Da war in der Tat genug anderes zusammengekommen. Hinter den "Unregelmäßigkeiten" verbergen sich *___Hunderte von Transporten zwischen Deutschland und dem ____belgischen Atomforschungszentrum Mol, deren Ladung ____stärker strahlte, als die Papiere aussagten; *___Hunderte von Gegentransporten in die Bundesrepublik, ____die angeblich behandelten deutschen Atommüll brachten, ____mit denen in Wirklichkeit aber die Belgier ihren Abfall ____loswurden; *___Schmiergelder in Millionenhöhe, mit denen Transnuklear ____fast alle Beteiligten des illegalen Abfallkreislaufs ____bestochen hatte.
Zwei, die in die Machenschaften verstrickt waren, setzten ihrem Leben ein Ende. Im Dezember letzten Jahres schnitt sich der Transnuklear-Manager Hans Holtz, der persönlich Kernkraftexperten seiner Firmenkundschaft mit Sach- und Geldgeschenken geschmiert hatte, in seiner Zelle in der Justizvollzugsanstalt Hanau die Pulsader auf und verblutete. Holtz war, wegen Verdachts der Veruntreuung von Firmen-Millionen, bereits im April von Transnuklear gefeuert, aber erst wenige Tage vor seinem Freitod verhaftet worden.
Vor ihm hatte bereits Ende April, als erste Informationen über die Affäre publik geworden waren, ein 46jähriger Angestellter der PreussenElektra den Tod gesucht. Der Mann stand im Verdacht, Schmiergelder von Transnuklear angenommen zu haben und war deshalb entlassen worden; er warf sich in Hannover vor einen Zug.
Neue Enthüllungen zwangen die Politiker in Bonn und Wiesbaden vorige Woche zum Handeln: *___Die Transnuklear-Mutterfirma Nukem hatte von den ____deutsch-belgischen Schlampereien gewußt, die Behörden ____aber nicht informiert; *___bei Nukem waren verstrahlte Abfälle unzulässig ____manipuliert worden; *___Nukem konnte nur unzulänglich erklären, was es mit zwei ____Behältern mit hochaktivem Uran auf sich hatte, die bei ____einem Transport vom belgischen Kernforschungszentrum ____Mol nach Hanau verschwunden waren.
Zumindest im hessischen Umweltministerium waren die neuen Vorwürfe, die zur "Notschlachtung" (der Grüne Joschka Fischer) des Nukem-Vorstandes führten, seit Wochen bekannt. Einen Tag vor Weihnachten bereits hatte der Wiesbadener Umweltstaatssekretär Manfred Popp - Minister Weimar war erschöpft in Urlaub gereist - erfahren, daß Nukem schon drei Jahre lang über die Schlampereien mit deutschem Atommüll im belgischen Mol informiert war. Mehr noch: Popp lernte von seinen Atombeamten auch, wie bei Nukem strahlende Abfälle vermischt und falsch deklariert wurden.
Doch mit Popp funktionierte wieder einmal, was der Atomwissenschaftler Klaus Traube die "strukturelle Kumpanei von Staat und Atomwirtschaft" nennt: Der Staatssekretär fand an den Praktiken von Nukem nichts auszusetzen.
Während Wallmann letzten Donnerstag im Brustton der Empörung der Nukem die gesetzlich geforderte "Zuverlässigkeit" absprach, weil sie die Aufsichtsbehörde nicht "umgehend und umfassend informiert hat, wie es ihre Pflicht" gewesen wäre, verharrte Popp auch noch in Untätigkeit, als er die Informationen frei Haus bekam.
Daß der Staatssekretär wochenlang so unkritisch mit den Nukem-Enthüllungen verfuhr, überrascht Kenner der deutschen Atomszene nicht. Vor seinem Amtsantritt in Wiesbaden hatte Popp jahrelang dem Referat "Spaltstoff-Flußkontrolle"
im Bundesforschungsministerium vorgesessen. Millionenschwere Forschungsaufträge an Nukem und die Hanauer Plutoniumfirma Alkem tragen seine Unterschrift.
Der Spitzenbeamte repräsentiert das "innige Verhältnis" (Traube) zwischen Atomaufsehern und Nuklearindustrie, das vergangene Woche erst schlagartig aufplatzte, als Weimar, aus dem Urlaub zurückgekehrt, die Nukem-Aufsicht wieder zur Chefsache machte.
Daß der Wiesbadener Umweltminister die Atomfirma nicht selbst kurzerhand dichtmachte, sondern die Entscheidung, über Wallmann, dem Bonner Atomminister zuschob, hat sich Töpfer selber zuzuschreiben. Weimar hatte vergangenen Sommer bereits die Nukem wegen ihrer Mauscheleien mit Behörden ("schlimmer als Flick") dichtmachen wollen. Damals untersagte Töpfer die Schließung.
Weil strahlende Abfälle verdünnt, Atommüllfässer falsch deklariert und hin- und hergeschoben wurden, ja sogar verschwanden, wurde Nukem vorige Woche stillgelegt. Wallmann setzte den Gesellschaftern der Firma eine 36-Stunden-Frist, binnen der personelle Konsequenzen gezogen werden müßten. Das hessische Umweltministerium sah die nach dem Atomgesetz erforderliche Zuverlässigkeit des Unternehmens und seiner Geschäftsführer Karl-Gerhard Hackstein und Peter Jelinek-Fink nicht mehr gegeben. Zu tief, stellte sich heraus, war nach Transnuklear auch das Mutterunternehmen in die mit krimineller Energie betriebenen Schiebereien verstrickt.
Kein Fahrzeug konnte mehr den Hanauer Nuklearpark verlassen, ohne daß
die Polizei Insassen und Ladung durchsuchte. Der Hanauer Landrat Karl Eyerkaufer (SPD) hatte die Aktion angeordnet. Er wollte "verhindern, daß Beweisunterlagen aus dem Werk geschafft werden". Am Zaun der Firma hatten Kernkraftgegner auf einem Transparent den Kommentar angebracht: "Selbstmord des Atoms. Begrabt es."
Genau das will Töpfer nicht. Intern läßt der Bonner Umweltminister Pläne entwerfen, wie er seine Ankündigung über die Hanauer Atombetriebe wahr machen kann: "Unser Ziel ist die Gesundung, nicht der Tod des Patienten." Der Minister weiß, daß er nur eine Chance hat, wenn er mehr Transparenz in die Eigentumsverhältnisse der vielfältig verflochtenen Gesellschaften bringt, nicht nur in Hanau. Seine Pläne gehen so weit, sogar eine Änderung der Eigentumsverhältnisse zu erzwingen, Konzerne zu "entflechten" und die Aufsicht zu verschärfen.
Der FDP-Bundestagsabgeordnete Gerhart Baum kritisierte, die staatlichen Behörden würden der Machenschaften der Atomindustrie nicht mehr Herr. "Eine Fischbratküche", so Baum, "wird in unserem Land besser kontrolliert." Auf Vorschlag der Freidemokraten soll eine zentrale Behörde für Reaktorsicherheit installiert werden.
Denn da war einiges hinter dem Rücken der amtlichen Kontrolleure, deren Zuständigkeiten im föderalen System zersplittert sind, gedreht worden. So stand Nukem schon 1982 vor einem Problem. Mobiliar aus dem Kontrollbereich, das entsorgt werden mußte, hatte eine hohe Anreicherung mit Uran 235, so daß es wie Kernbrennstoff behandelt werden mußte und deshalb im belgischen Mol nicht verarbeitet werden konnte.
Doch den Nukem-Technikern fiel eine Lösung ein. Sie schütteten harmloseres Uran 238 auf den zerkleinerten Uranmüll, bis die zulässige Mischung erreicht war. Für dieses Verfahren, das Nukem bis 1985 betrieb, hatte die Firma "interne Richtlinien" erlassen.
Was die Belgier mit dem Gemisch anstellten, überraschte selbst die Nukem-Experten. Eigentlich war es nur die Aufgabe des belgischen Kernforschungszentrums, durch Verbrennen das Volumen des uranhaltigen Mülls zu verkleinern und den Stoff zurückzuschicken.
Doch die retournierte Fracht, 50 Fässer, hatte es in sich. Eine Messung ergab, daß 26 der Container Kobalt und Cäsium 137 enthielten, radioaktive Stoffe, die in dem nach Mol geschickten Material nicht enthalten waren.
Nukem regelte auch diese heikle Angelegenheit auf eigene Weise. Die Firma verweigerte formell die Annahme der Fässer und lagerte sie in einer dafür nicht ausgewiesenen Halle bei Transnuklear. Das Unternehmen unterließ es aber, so Weimars Vorwurf, die Schlamperei zu melden. Und Nukem hielt es auch für überflüssig, nach der gemessenen Cäsiumstrahlung die Tonnen auf eine Verunreinigung mit Plutonium zu überprüfen. So sei, erregte sich Weimar, "die Chance versäumt worden, auf Grund der Beprobungen die skandalösen Vorgänge in Mol frühzeitig zu erkennen".
Erst zwei Jahre danach, am 23. Oktober vergangenen Jahres, untersuchten die Nukem-Ingenieure die Behälter auf Plutonium. Sie zogen aus den Fässern Nummer 8 und Nummer 38 je ein Kilogramm, so heißt es in einer Nukem-Notiz, des "festgebackenen schwarzen Materials" und füllten es in zwei Zwei-Liter-Behälter.
Doch eilig hatten es die Prüfer offensichtlich nicht. Auch vorletzte Woche lag noch kein Ergebnis vor, weil, so lautete die Entschuldigung von Nukem, "das analytische Labor" der Schwesterfirma Alkem "überlastet war".
Ebenfalls ohne es der Aufsichtsbehörde zu melden, hatte Nukem im Juli 1986 zwei Portionen aus den Mol-Fässern entnommen und zur Uranaufarbeitungsanlage ins rheinland-pfälzische Ellweiler verschickt, deklariert als vergleichsweise harmlose "Asche mit Natururananreicherung". Und zwei der Container aus Mol, die 1984 zurück nach Hanau kommen sollten, sind "trotz intensiver Suche" (Umweltministerium) in der Registratur nicht zu finden.
Nukem behauptet, der Inhalt dieser zwei Fässer sei auf nicht ganz volle andere Behälter verteilt worden. In einem Papier an das hessische Umweltministerium lautet die Formulierung: "Abfall zu Abfall, Asche zu Asche." Dazu Staatssekretär Popp sarkastisch: "Fehlt nur noch ''Staub zu Staub''."
Als Töpfer Mitte Dezember der Speditionsfirma Transnuklear wegen ihrer Schmiergeldzahlungen und der Abfallschiebereien mit Belgien die Transportgenehmigung entzog, hätte im Wiesbadener Atomministerium ein Blick in die Akten genügt, um zu erkennen, daß längst auch die Mutterfirma Nukem fällig gewesen wäre.
In den Organisationsplänen von Transnuklear, die dem Ministerium pflichtgemäß zugeleitet wurden, ist säuberlich aufgelistet, daß die Firma ihre "Finanzdisposition" sowie "Anlagebuchhaltung, Jahresabschlüsse, Steuererklärungen, Prüfungsbetreuungen" bei Nukem erledigen läßt, deren Finanzkontrolleure auch für den Transnuklear-Bereich zuständig sind. Und der Nukem-Einkauf, auch dies ergibt sich aus dem Organisationsplan, beschaffte die meisten Bestechungsgeschenke, die Transnuklear in der europäischen Atomindustrie streute.
Die Verteilung des Schmiergeldes besorgten die Transnuklear-Bediensteten nach einem exakt ausgeklügelten "Bedarfsplan". Um Aufträge für den Transport von schwach- und mittelaktivem Abfall zu ergattern, flossen Bargeld und Geschenke anfangs ausschließlich an Manager der großen Stromversorgungsunternehmen wie Rheinisch-Westfälisches Elektrizitätswerk (RWE) und PreussenElektra.
Kaum waren die Transporte nach Belgien angelaufen, mußten mißtrauische Strahlenschutzbeauftragte und Kontrolleure aus deutschen Atomkraftwerken zum Schweigen überredet werden. Das war zwar teuer, aber wirkungsvoll: Bis
zu 500 000 Mark in bar zahlte Transnuklear an Kernkraftmanager, damit die falsch deklarierten Fässer - bisher wurden 2438 wiedergefunden - ungehindert die Kontrollstellen passieren konnten. Im staatlichen belgischen Kernforschungszentrum Mol wurden selbst Abfälle akzeptiert, die dort überhaupt nicht verarbeitet werden konnten.
In Deutschland und Belgien zumindest wurde, wie die Brüsseler Regierung eingesteht, "die Umgehung sämtlicher Sicherheitsvorschriften mit Schmiergeld erkauft". Folge: Sogar der Bombenstoff Plutonium, angeblich Milligramm für Milligramm unter Kontrolle, konnte ungehindert über die deutsch-belgische Grenze verschoben werden.
Mit Bestechungssummen aus Hanau wurden nicht nur schwach- und mittelaktive Materialien aus Kernreaktoren beiseite geschafft. Der Geldsegen zielte direkt auf die internationale Nuklearindustrie. Nukem schmierte Mitarbeiter des französischen Plutoniumbrüters "Superphenix", dirigierte Bargeld in Höhe von "TDM 50" (50 000 Mark) an unbekannte Empfänger der "Versuchsanlage Pamela" in Mol, wo deutsche und belgische Atomfirmen unter Führung der DWK, Erbauer der Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf, mit plutoniumhaltigen Brennelementen hantieren.
Wie die von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmten Bücher ausweisen, war die Nukem bei der Beschaffung und Bereitstellung der Schmiergeld-Millionen behilflich. Das Hanauer Atomunternehmen zahlte selber Millionensummen für fiktive Leistungen an Scheinfirmen auf Schweizer Konten. Das rückfließende Geld füllte die Bestechungskasse der Transnuklear.
Ein Nukem-Jurist erfand ein besonders subtiles Bestechungsmodell. Nach seinen Entwürfen wurde eine Scheinfirma mit Sitz in Nordrhein-Westfalen gegründet, deren anstandslos bezahlte Rechnungsbeträge nicht einmal in schwarze Kassen zurückflossen. Das Geld blieb direkt bei zwei "stillen Gesellschaftern", leitenden Reaktorangestellten in den Kernkraftwerken Würgassen und Philippsburg.
Neben Bundesumweltminister Töpfer wird sich auch Forschungsminister Heinz Riesenhuber intensiver als bisher mit der Hanauer Atomfabrik Nukem befassen müssen. Es gibt konkrete Hinweise, daß leitende Beamte seines Ministeriums auf der Bestechungsliste des Nuklearbetriebes stehen.
In einer eidesstattlichen Erklärung, die dem SPIEGEL vorliegt, berichtet ein ehemaliger Nukem-Mitarbeiter von lukrativen Einladungsreisen, die ein Bonner Ministerialbeamter auf Kosten der Nukem unternommen habe. So waren Mitarbeiter der Nukem-Zentralabteilung Projekte (ZAP) stets bemüht, Forschungsaufträge vom Bundesministerium für Forschung und Technologie zu erhalten. Um Zuschüsse aus Bonner Kassen zu bekommen, waren besondere Anstrengungen erforderlich.
Ein leitender Beamter des Forschungsministeriums, der eine Fachtagung in Amerika besuchte, wurde anschließend zu privaten Rundreisen eingeladen. Dabei stellte die Nukem nicht nur den Reisebegleiter, auch die Kosten für Hotel und Bewirtung wurden übernommen. Auf speziellen Wunsch des Ministerialdirektors mußte ein ZAP-Mitarbeiter ihn zum Grand Canyon chauffieren und mit in die Schlucht herabsteigen. Nach Rückkehr aus den USA lamentierte er vor Kollegen, was er alles auf sich nehmen müsse, um Projekte für die Nukem zu akquirieren.
Mit Nukem hat es ein Unternehmen getroffen, das seit Jahren nicht mehr aus den Schlagzeilen herausgekommen ist. Die "Nuklear-Chemie und Metallurgie GmbH" ist die Mutter der so heftig umstrittenen Nuklearbetriebe, mit denen die deutsche Kernkraftwirtschaft eng vernetzt ist.
Ohne Nukem und Alkem, ohne Reaktor-Brennelement Union (RBU) und Transnuklear, das wußten Politiker und Atommanager gleichermaßen gut, konnten die deutschen Atomkraftwerke nicht arbeiten. In Hanau wurden Plutonium, Thorium und Uran verarbeitet und gelagert, Brennelemente gebaut und Entsorgungspläne
erstellt. Dort, 20 Kilometer von Frankfurt entfernt, liegt Europas größte Zusammenballung von Nuklearbetrieben - "das Herzstück der deutschen Atomindustrie", so die Kernkraftbefürworter; eine "Schwarzbrennerei", mit deren Hilfe sich die Bundesrepublik zur "Atomwaffenmacht" wandeln könne, so die Kernkraftgegner.
Die Einwände der Kritiker, daß in Hanau die notwendigen Sicherheitseinrichtungen fehlen und ohne rechtliche Grundlage gearbeitet wird, stießen bei den Verantwortlichen auf taube Ohren. Weil es um die Existenz der Atomwirtschaft ging, durften solche Vorwürfe nicht ernst genommen werden. Der sozialdemokratische Ministerpräsident Holger Börner ließ 1987 lieber seine Koalition mit den Grünen platzen, als zu versuchen, den schon damals erkennbaren Sumpf von Schlampereien und illegalen Tätigkeiten trockenzulegen.
Das hessische Wirtschaftsministerium als zuständige Genehmigungsbehörde sah sich stets mehr als Förderer denn als Kontrolleur des Atomparks. Zwischen Wiesbaden und Hanau wucherte Filz, zwangsläufiges Resultat der staatlichen Atomförderpolitik. Weil mächtige Bonner Ministerien und ebenso mächtige Großkonzerne wie das RWE, die Degussa, Siemens und die KWU sich gemeinsam für ihr Ziehkind Atomwirtschaft einsetzten, fehlten die unabhängigen und kritischen Kontrollinstanzen.
Die hessischen Sozialdemokaten ließen sich nicht einmal von den zahlreichen Pannen beeindrucken, die ständig aus Hanau gemeldet wurden und die Zuverlässigkeit der Betriebe in Frage stellten: *___Nur so zum Spaß schmuggelten im September 1980 zwei ____Werkstudenten drei Uranbrennstofftabletten aus den ____Räumen der RBU; *___ein RBU-Mitarbeiter ließ Ende 1985 versehentlich 240 ____000 Liter uranverseuchtes Schmutzwasser in die ____öffentliche Kanalisation ab; *___eine mit Plutonium verunreinigte Urantablette gelangte ____im März 1987 unbemerkt in die Verarbeitung bei der ____Firma Nukem und setzte hochgiftige Dämpfe frei, die ____knapp 70 Beschäftigte verseuchten.
Wo immer es mit der risikobehafteten Kernenergie in Europa Sicherheitsprobleme gibt, die Nukem ist dabei, manchmal sogar weltweit. wallmanns Äußerungen über "Verdachtsmomente" jedenfalls, Transnuklear und Nukem hätten mit der Lieferung von "spaltbarem Material" nach Pakistan oder Libyen den Atomwaffensperrvertrag unterlaufen, lösten in Fachkreisen kaum noch Überraschung aus.
Acht Tage zuvor hatte die Brüsseler "Ondraf", das staatliche Amt für radioaktive Abfälle, bei Recherchen herausgefunden, daß knapp 700 Fässer mit deutschen Strahlrückständen in Belgien spurlos verschwunden sind, nachdem sie beim belgischen Transnuklear-Tochterunternehmen "Smet-Jet" angeliefert worden waren. Der belgische Energie-Staatssekretär Firmin Aerts wollte danach "weder ausschließen noch versichern, daß nicht noch andere Überraschungen in Mol aufgedeckt werden".
Flämische Grüne internationalisierten den Verdacht. Sie sprachen von "gefährlichen Drahtziehern" in Genf und Luxemburg, die dafür gesorgt hätten, daß Strahlenmaterial von Mol nach Pakistan
gelangt sei. Eine "entscheidende Rolle", so der belgische Grünen-Sprecher Paul Staes, habe dabei der Lübecker Hafen gespielt. "Konkrete Hinweise auch in Form von Verträgen" wiesen darauf hin, daß die Brennstoffe, von Transnuklear angeliefert, "mit finnischen Schiffen" außer Landes gebracht worden seien. Die Hanauer Staatsanwaltschaft schaltete Interpol ein.
Tatsächlich ist Lübeck seit Anfang der siebziger Jahre zentraler Verladeplatz für "Kernbrennstoffe und spaltbare Substanzen", wie es bei der Braunschweiger Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) amtlich heißt. Die gefährliche Fracht entstammt entweder westdeutschen Atomkraftwerken und ist für das schwedische Zwischenlager CLAB bei Oskarshamn bestimmt. Oder es werden, im Gegenzug, schwedische Kernbrennstäbe vom Schiff auf Bahn oder Lastkraftwagen umgeladen, die in der französischen Wiederaufarbeitungsanlage La Hague behandelt werden sollen.
Seit bekannt wurde, daß über den Lübecker Hafen auch die hochradioaktiven, mit Plutonium versetzten Mischoxid(MOX)-Brennelemente verschifft werden, entwickelte sich die norddeutsche Trave-Stadt wiederholt zum Schauplatz von Demonstrationen und Störaktionen gegen den "Euro-Nuklear-Tourismus". Mal ketteten sich Kernkraftgegner auf einer Klappbrücke über der Trave an, um den eigens konstruierten Spezialfrachter "Sigyn" (3923 Bruttoregistertonnen) aufzuhalten, mal turnten sie mit Transparenten auf Baugerüsten des Hauptbahnhofs herum, um den "Mantel des Schweigens" (Lübecker Initiative gegen Atomtransporte) zu lüften.
Aktivisten der Umweltschutzorganisation Greenpeace versuchten in Schlauchbooten die Fracht zu stoppen: "Atommüll strahlt 240 000 Jahre". Doch zum Höhepunkt des "Widerstands gegen die Atomtransporte" kam es am Mittwoch vergangener Woche. In den frühen Morgenstunden
mühten sich rund 500 Demonstranten, mit Mahnwache und Blockaden, die Verladung von 23 abgebrannten MOX-Brennelementen der Kernkraftwerke Gundremmingen und Obrigheim aufzuhalten.
Kernkraftgegner hangelten sich an Seilen von einer Bahnbrücke herab und blockierten Bahnschienen - brennende Autoreifen lagen auf Gleisen, Steinbrocken auf Weichen. Polizeibeamte räumten unter Einsatz von Schlagstöcken den Schienenweg.
Einen Erfolg konnten die Kernkraftgegner dennoch verbuchen. Die Fährlinie Travemünde-Trelleborg lehnte es letzte Woche ab, mehrere Lkw-Ladungen mit radioaktiven Abfällen nach Schweden zu verschiffen.
Der Bomben-Verdacht gegen Transnuklear schien sich noch zu verdichten, als bekannt wurde, daß die Braunschweiger PTB dem Unternehmen den Transport von hochaktivem Material nach Lahore in Pakistan gestattet hatte. Mit vier Genehmigungen, allesamt bis zum 31. Januar 1989 gültig, hatte die Bundesbehörde den Hanauern den Transport unbegrenzter Mengen von "Co-60 und/oder Cs-137", also Kobalt und Cäsium, mit allen denkbaren Verkehrsmitteln erlaubt - "Material für rein medizinische Zwecke", wie ein Sprecher bei Transnuklear beteuerte.
Seit Jahren und ganz offiziell versorgt die Brüsseler Atomfirma Belgonucleaire (BN) das Schwellenland Pakistan mit kerntechnischem Know-how. BN wiederum ist mit Nukem und Transnuklear eng verflochten (siehe Graphik Seite 21). Bei BN versteckte auch die Hanauer Nukem-Schwester Alkem, hinter dem Rücken der belgischen Regierung, aber mit Wissen Bonns, über Jahre hinweg mehr als 600 Kilogramm Plutonium.
Von der mit Nukem verflochtenen Belgonucleaire stammt auch eine kerntechnische "Pilotanlage", die Anfang der siebziger Jahre in Pakistan errichtet wurde. Der Reaktor, so erklärte der Präsident der pakistanischen Atomenergiekommission, Munir Khan, habe den moslemischen Staat "in die Lage versetzt, das notwendige Plutonium für eine Bombe zu produzieren".
Ergänzend dazu hat das staatliche Kernforschungszentrum Mol über Jahre hinweg "Praktikanten" und "Hospitanten" aus Libyen und Pakistan ausgebildet und finanziert. Die Aufsichtsbehörden erfuhren erst im nachhinein, daß die vermeintlichen Lehrlinge aus der Dritten Welt vielfach hochkarätige Atomexperten waren.
Ungeniert traf der Direktor des Forschungszentrums Mol, Severin Amelinckx, vor zwei Jahren im pakistanischen Islamabad auch mit den Organisatoren des militärischen Kernforschungsprogramms zusammen, darunter dem Leiter der Gruppe "Waffen" und dem technischen Direktor des Projekts für die Plutoniumgewinnung zur militärischen Anwendung.
Die pakistanische Waffenforschung wiederum ist von der Nukem-Tochter Inter-Nuclear im schweizerischen Zug erleichtert worden. Sie lieferte unter Umgehung des Atomwaffensperrvertrags das notwendige Schwere Wasser in den islamischen Staat. Im Verwaltungsrat des Unternehmens überwachte der Hanauer Nukem-Geschäftsführer Manfred Stephany das Geheimgeschäft.
Die Aktivitäten der Firma Nukem auf dem Atomsektor sind weltweit und allumfassend. So handelt das Hanauer Unternehmen (Werbeslogan: "Wir haben eigene Methoden entwickelt und kennen die internationalen Maßstäbe") mit Kernbrennstoffen, ein einträgliches Geschäft.
Das Hanauer Unternehmen und seine hundertprozentige US-Tochter "Nukem Incorporated" beherrschen rund 80 Prozent des Weltm arktes. Das Makeln von Uran- und Plutoniumposten wickelten in Hanau gerade 20 Mitarbeiter ab, die rund die Hälfte des Nukem-Gewinns erwirtschafteten.
Der Handel mit den sensiblen Stoffen wird freilich kaum weniger skrupellos betrieben als die Atommüllbeseitigung. Geschäftspapiere, die dem SPIEGEL vorliegen, belegen, wie Nukem die Spaltstoffe an internationalen Sperrklauseln vorbei verschachert - teilweise sogar mit Wissen der europäischen Aufsichtsbehörde Euratom.
Satte Gewinne macht Nukem mit südafrikanischem Uran, das unter US-Embargo steht und deshalb einen niedrigen Weltmarktpreis hat (17 statt 21 Dollar je US-Pfund). Der Trick dabei: Nukem liefert ständig Südafrika-Brennstoff nach Nordamerika, tauscht aber unterwegs das Ursprungszeugnis aus. Mal wird das Zertifikat mit dem RWE getauscht, das eine gleiche Menge Uran australischen Ursprungs auf Lager hat. Zu Diensten ist sogar das Bonner Forschungsministerium mit Herkunftsbescheinigungen aus Südamerika oder Kanada.
Betrogen wird auch der Uranproduzent Australien, der alle seine ausländischen Abnehmer verpflichtet, den Rohstoff nicht zu waffenfähigem Brennstoff anzureichern. Ausnahmen davon muß die Regierung in Canberra erteilen, was sie nur selten tut.
Bei einem Deal mit australischem Stoff, der vertragswidrig hoch angereichert werden sollte, wandte sich Nukem hilfesuchend an Euratom. Um das "Risiko bei der erforderlichen Genehmigungsprozedur mit Australien" auszuschließen, beantragte Nukem bei Euratom, ohne australische Einwilligung "den australische Ursprung zu tauschen". Die europäische Aufsichtsbehörde machte mit und wiegte Nukem in Sicherheit. "Im Falle einer Inspektion", so das Amt, werde Nukem rechtzeitig "entsprechend benachrichtigt".
Aus Papieren der Euratom, "angesichts der Brisanz streng vertraulich zu behandeln", ergibt sich, daß die Kontrollbehörde die vertragswidrigen Praktiken ständig duldet. Die Kontrollinstanz denkt nicht sicherheitstechnisch, sondern wirtschaftlich. Sie will der Industrie, so ist in einem Protokoll vom 19. November 1987 niedergelegt, "erheblichen Aufwand" ersparen.
Euratom und die europäische Nuklearindustrie treibt dabei nur die Sorge, erwischt zu werden. Man müsse, so das erklärte "Ziel der Sitzung", auf jeden Fall "vermeiden, daß das Material öffentlich nachweisbar ''gewaschen'' wird".
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DER HANAUER ATOMFILZ Siemens AG (mit KWU) RWE Rheinisch-Westfälisches Elektrizitätswerk AG Degussa AG Metallgesellschaft AG ISC Imperial Smelting Corp. Ltd., Großbritannien Alkem GmbH, Hanau Reaktor-Brennelement Union GmbH, Hanau Nukem GmbH, Hanau Transnuklear GmbH, Hanau Hobeg GmbH, Hanau Decatox GmbH, Hanau Zahlen neben den Pfeilen=Beteiligungen in Prozent MAN-Uranit GmbH Urenco Ltd., Großbritannien Uranit GmbH Transnuclear Inc., New York/USA Inter-Nuclear Serviceges. Für internationale Entsorfung, Düsseldorf NTL Nukleare Transportleistungen GmbH, Hanau Transnucleaire SA, Paris/Frankreich Preussen Elektra AG Hoechst AG Nukem Inc., White Plains, N. Y. USA Inter-Nuclear AG, Zug/Schweiz Transnubel NV, Dssel/Belgien Belgonucleaire SA, Brüssel/Belgien
[GrafiktextEnde]
Am Donnerstag voriger Woche vor dem Bonner Umweltausschuß mit dem Ausschußvorsitzenden Reinhard Göhner (r.).

DER SPIEGEL 3/1988
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„Selbstmord des Atoms“