07.03.1988

PHILOSOPHIEVerstörte Jünger

Ein Theoretiker der Postmoderne ist unter Nazi-Verdacht geraten. *
Freunde rühmten seine Bücher wegen ihres "höchsten intellektuellen Standards" und ihrer "kognitiven Brisanz". In New Haven an der Yale-Universität, der US-Hochschule mit dem höchsten intellektuellen Ansehen im geisteswissenschaftlichen Geschäft, galt er als Leitfigur. Selbst wissenschaftliche Kontrahenten, wie der Frankfurter Philosoph Jürgen Habermas, nannten seine Bücher "glanzvoll".
Die Rede ist von Paul de Man, dem 1983 gestorbenen großen belgischen Literaturtheoretiker. Längere Zeit lehrte der linksliberale Professor in den USA und war so etwas wie ein Brückenkopf für europäischen Geistesimport linker Provenienz. Zusammen mit jüdischen Freunden erwarb er sich Verdienste um die Verbreitung der Werke von Walter Benjamin, Theodor W. Adorno und Peter Szondi. Bekannt waren seine Sympathien für den Neomarxisten Louis Althusser.
Seine Methode der "Dekonstruktion", für die Anhänger etwas Faszinierendes, gilt dagegen den rabiaten Biedermännern der Reagan-Revolution als verdächtiges Teufelswerk. Wann immer sie, wie zum Beispiel der US-Bestseller-Autor und akademische Schnellrichter Allan Bloom, heute auf Wertezerfall in den amerikanischen Universitäten zu sprechen kommen, fällt ihnen die Methode des Belgiers ein.
Brillant ist schließlich auch, was die Dekonstruktivisten betreiben. Als überzeugte Strukturalisten gelten ihnen die Welt der Zeichen, die rhetorischen Gesetze der Sprache mehr als irgendwelche Wirklichkeiten, auf die sich diese Zeichensysteme beziehen. Paul de Man wurde zusammen mit dem französischen Oberphilosophen Jacques Derrida, dem heute tout-Paris zu Füßen liegt, zur Speerspitze gegen jede ideologische Vereinnahmung des Geschriebenen.
Ob es um Philosophen wie Friedrich Nietzsche oder Georg Lukacs geht oder Lyriker von Yeats bis Rilke, de Man wies die Doppelbödigkeit und Selbstironie der Texte nach, denen man in keinem Fall einen einzigen gemeinten Sinn zuweisen dürfe. Das Werk des Literatur-Mandarins, von dem jetzt ein Buch auf deutsch erschienen ist _(Paul de Man: "Allegorien des Lesens". ) _(Aus dem Amerikanischen von Werner ) _(Hamacher und Peter Krumme, edition ) _(Suhrkamp, Frankfurt; 240 Seiten; 14 ) _(Mark. ) , galt bisher Freunden als spannende und lehrreiche Lektüre. Gegnern war sie stets ein Anlaß für ernsthafte intellektuelle Auseinandersetzung.
Doch auf die ungetrübte Leselust ist ein langer Schatten gefallen. Paul de Man, so meldeten US-Nachrichtenmagazine, sei ein geistiger Nazi und extremer Antisemit gewesen. In über 100 Artikeln für die Zeitung "Le Soir", ein Blatt, das während der deutschen Besatzung in Belgien von den Nazis zu Kollaborationszwecken geduldet wurde, habe der Jungredakteur de Man pronazistisches Gedankengut verbreitet.
Die schlimme Kunde löste sogleich eine Schockwelle aus. Die verstörte Kennerschar des belgischen Theoriegroßmeisters, die schon vor den Presseveröffentlichungen durch Jacques Derrida von de Mans Journalistentätigkeit in der Nazizeit wußte, beschloß, alle diese Artikel zu publizieren, deren historisches Umfeld zu erforschen und sie zu kommentieren.
So lange aber mochte einer nicht warten. Frank Schirrmacher, designierter Nachfolger des "FAZ"-Literaturchefs Marcel Reich-Ranicki, sah die Chance gekommen, daß sich das Blatt in Sachen Nazienthüllung einmal profilieren könne. Schließlich hatte das Image des Frankfurter Intelligenzblattes im Historikerstreit, wo die "FAZ" stramm rechts gestanden hatte, gelitten.
Schirrmacher übernahm ungeprüft die Schnellschüsse aus der US-Presse von vielen Naziartikeln de Mans, in denen er sich angeblich eindeutig profaschistisch geäußert habe, und setzte in einem Feuilleton-Artikel noch einen drauf: Die Dekonstruktion des Belgiers, nach dem Kriege entwickelt, sei nichts als neurotische Abwehr verleugneter NS-Vergangenheit. Dem "FAZ"-Nachwuchsstar schien es in Sachen de Man wie Schuppen von den Augen zu fallen: "Plötzlich sieht man jedem Argument und jeder These an, daß sie zur illusionären Flucht aus der Taterinnerung dienen sollte, zur neurotischen Absicherung eines eingeübten Gedächtnisverlustes."
Doch da hatte, wie die linke "taz" bemerkte, der Nachfolger auf dem Feuilleton-Hochsitz "geraddatzt wie ein Alter". Denn nach publizistischen Interventionen von Anselm Haverkamp (in der "Neuen Zürcher Zeitung") und des Übersetzers Werner Hamacher mußte Schirrmacher sachliche Unrichtigkeiten eingestehen.
So waren die meisten De-Man-Beiträge für "Le Soir" unpolitische Rezensionen, kurze Konzertberichte und Auseinandersetzungen mit Neuerscheinungen der europäischen, vor allem der belgischen Literatur. In fast allen diesen Beiträgen war von geistigem Nazitum nichts zu spüren. Im Gegenteil: Gelegentlich schulmeisterte der junge Redakteur, wie De-Man-Kenner Hamacher in einer Replik schrieb, belgische Romanciers mit ausgeprägt faschistischen Sympathien wegen ihrer rückständigen Prosaform.
Von den angeblich über hundert pronazistischen Artikeln blieb nur ein einziger übrig, den Johns-Hopkins-Professor Hamacher als "unentschuldbar und desaströs"" empfindet. Unter dem Titel "Die Juden in der zeitgenössischen Literatur" schrieb der spätere Literaturtheoretiker 1941 einen Artikel voller zynischer Kälte gegenüber den damals der Verfolgung ausgesetzten Juden.
In diesem Stück kreidet de Man dem vulgären Antisemitismus der Nazis an, den Juden den Gefallen zu tun, ihren Beitrag für die Entwicklung der (von den Nazis gehaßten, aber von de Man begrüßten) modernen Literatur überzubewerten. Die sei - so der überhebliche Jungschreiber - vielmehr ganz ohne Juden entwickelt worden. Die Nichtjuden nämlich seien so vital gewesen, "sich auf einem für die Kultur repräsentativen Gebiet wie der Literatur vor dem jüdischen Einfluß zu bewahren".
Zum schrecklichen Schluß folgt eine obszöne Anspielung auf Nazipläne, Juden nach Madagaskar abzuschieben. De Man: "Darüber hinaus sieht man also, daß eine Lösung der Judenfrage, die die Schaffung einer jüdischen Kolonie außerhalb Europas ins Auge faßte, für das literarische Leben des Abendlandes keine beklagenswerten Konsequenzen hätte. Es verlöre alles in allem einige Persönlichkeiten von mittelmäßigem Wert und würde sich weiterhin, wie in der Vergangenheit, nach seinen großen Evolutionsgesetzen entwickeln."
Diese elegant verpackte Schäbigkeit läßt sich nicht durch noch so geschickte Interpretationskniffe retten. Auch de Mans weiteres Leben bleibt klärungsbedürftig, denn er schwieg öffentlich bleiern über seine Vergangenheit. Freilich, daß der Wissenschaftler seine Vergangenheit vergessen und mit theoretischer Arbeit aus seinem Bewußtsein entfernt habe, wie Schirrmacher vorschnell insinuierte, stimmt nicht. 1954 wurde de Man, als Mitglied der achtbaren Harvard Society of Fellows, anonym angezeigt. In einer Stellungnahme gegenüber der Universität wies der Beschuldigte darauf hin, daß er unmittelbar nach Kriegsende von belgischen Stellen in einem Verfahren wegen Kollaboration freigesprochen worden sei. Auch seine Tätigkeit für "Le Soir" erwähnte er.
Auch Ende der sechziger Jahre, als ihn ein Kollege für einen Universitätswechsel gewinnen wollte, war dem inzwischen berühmten Gelehrten seine Vergangenheit präsent. Er berichtete auch diesem Kollegen von der Zeit bei "Le Soir".
Die amerikanischen und europäischen De-Man-Freunde, die keineswegs den Gelehrten reinwaschen wollen, wie Schirrmacher unterstellt, halten die Aufklärung der Beziehung zwischen Leben und Werk des Vaters des Dekonstruktivismus für dringend geboten.
Allerdings: Die Dekonstruktion des Dekonstruktivisten müßte aufdecken, was die Wahrheit eines Textes und was die Wahrheit seiner publizistischen Ausschlachtung wäre. Zum Fall de Man hat de Man sein eigenes methodisches Handwerkszeug entwickelt.
Paul de Man: "Allegorien des Lesens". Aus dem Amerikanischen von Werner Hamacher und Peter Krumme, edition Suhrkamp, Frankfurt; 240 Seiten; 14 Mark.

DER SPIEGEL 10/1988
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