04.04.1988

FUSSBALLDer Krieger

Die Bundesliga hat einen neuen Star: Tita, brasilianischer Nationalspieler bei Bayer Leverkusen. *
Auf dem Aschenplatz, den Fußballer am liebsten meiden, trainierten die A-Jugend-Spieler des Bundesligaklubs Bayer 04 Leverkusen. Der Wind pfiff, es regnete, das Thermometer zeigte fünf Grad an - am Rhein war Schmuddelwetter.
Mit Markus und Frank, Thomas und Dirk übte ein Spieler auf dem morastigen Boden Doppelpässe oder Freistöße, der die Feinheiten seines Gewerbes besser beherrscht als die allermeisten Bundesliga-Profis: Milton Queiros da Paixao, genannt Tita.
Seit er vor einem dreiviertel Jahr aus dem meist sonnigen Rio de Janeiro in die trostlose Industriestadt Leverkusen kam, beklagt er zwar mitunter den Verlust an Lebensqualität, aber das, so sagt er, sei allein sein Problem. Den deutschen Fans imponiert er mit seinen Tricks und seinem Trainer Erich Ribbeck mit einer in der Branche ungewöhnlichen Berufsauffassung. Der nennt Tita einen "Fußballer mit Charakter", was vor allem besagen soll: Der Brasilianer nutze jede Gelegenheit zum Training, es sei ihm völlig egal, ob es sich bei seinen jeweiligen Spielkameraden um die Profis, Amateure oder Jugendspieler des Bayer-Klubs handelt.
Noch nie gelang es vor ihm einem Südamerikaner, sich im deutschen Fußball durchzusetzen. Der uruguayische Stopper Horacio Troche scheiterte bei Alemannia Aachen ebenso wie der Argentinier Ricardo Neumann beim 1. FC Köln. Dessen Landsmann Carlos Babington verkümmerte in der zweiten Liga, bei Wattenscheid 09, und verabschiedete sich geknickt: "Ich brauche eine Mannschaft meines Niveaus."
Beim ersten Schnee erschrak der brasilianische Stürmer Jose Gilson Rodriguez ("Zeze") so heftig, daß er nicht mehr weiterspielen mochte. Mitleidvoll entließ ihn der 1. FC Köln, nach fünf Einsätzen und einem Tor, in die Heimat. Beim Lokalrivalen Fortuna Köln avancierte, zu Bundesliga-Zeiten, zwar der farbige Peruaner Julio Baylon schnell zum Publikumsliebling. "Jevv däm Nejer d'r Ball", forderten die Fans bei Heimspielen immer wieder. Aber nachdem Baylon im Rotlichtdistrikt etwas zu rigoros Liebe zum Nulltarif verlangt hatte, war es mit der Karriere auch vorbei.
In Hamburg dauerte das Gastspiel des Brasilianers Waldomiro Azambuco Pacheco ( "Buca" ) 45 Minuten-da half es auch nicht, daß der damalige HSV-Manager Günter Netzer ihn als "eines der größten Talente" pries.
Erst Tita, 30, beendete die Mißerfolge exotischer Ballkünstler. Er trägt in Leverkusen, auch ein Zeichen der Wertschätzung im Kollegenkreis, das Trikot mit der Nummer 10, das seit jeher dem Spielmacher vorbehalten ist. Zehn Tore hat er in der Bundesliga und im Uefa-Cup bislang für Leverkusen erzielt, er tritt Freistöße trotz seiner geringen Schuhgröße 38 nicht minder raffiniert als einst Netzer mit seinem langen Schlappen (Größe 47).
Daheim hat Tita - den Kosenamen erfand seine Mutter - das Ballspielen gelernt wie andere einen Beruf. Als Elfjähriger ging er zum Renommierklub Flamengo Rio de Janeiro, vormittags war Unterricht im nahen Internat, nachmittags Training. Statt einer Lehre absolvierte er Ballkunde, und während seine Brüder sich an der Universität einschrieben, wurde Tita mit 18 Jahren Fußball-Profi.
Der ehrgeizige junge Mann schaffte es bald, in die Gilde der besten Berufsspieler im Land des dreimaligen Fußball-Weltmeisters aufzusteigen. Dabei mag ihm geholfen haben, daß seine Religion konditionsfördernd ist. Als überzeugter Mormone und gläubiges Mitglied der "Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage" rührt der Vater von drei Kindern weder Alkohol noch Zigaretten an, auch Cola, das Lieblingsgetränk zahlloser Kicker, ist verpönt.
Sein Gottesglaube hinderte ihn freilich nicht, auf dem Platz aggressiv und bissig zu arbeiten. Die brasilianischen Funk- und Fernsehreporter, immer schon sehr phantasievoll im Erfinden von Künstlernamen für ihre Kicker, nannten Milton Queiros da Paixao bald: "Der Krieger".
In 492 Punktspielen für Flamengo, Porto Alegre und Vasco da Gama gelangen ihm 284 Tore, ein hervorragender Schnitt. Zwischen 1979 und 1984 spielte er 22mal in Brasiliens Nationalmannschaft, zusammen mit Stars wie Rivelino, Socrates, Zico.
Vor der Weltmeisterschaft in Spanien 1982 gehörte Tita zum Aufgebot, doch er verzichtete. Im 4-3-3-System des damaligen Trainers Tele Santana sollte er vorn rechts stürmen, was ihm überhaupt nicht behagte. "Ich komme lieber aus dem Mittelfeld", erklärte er. Seit den Glanzzeiten eines Garrincha haben die Brasilianer jedoch eine feste Vorstellung von einem Rechtsaußen: Er hat an der Außenlinie zu bleiben, denselben Verteidiger möglichst dreimal hintereinander zu umdribbeln und den Ball dann vor das Tor zu flanken. Das war nichts für den Mannschaftsspieler Tita.
Erfolgreich war er aber auch ohne die WM-Teilnahme. Im vorigen Jahr wurde Tita "Fußballer des Jahres" im fünftgrößten Land der Erde. Längst jedoch war der Plan gereift, den Arbeitsplatz zu verlegen, wie es auch seine Brüder getan hatten; sie waren als promovierte Ingenieure in die USA ausgewandert.
Tita wählte Europa, ein deutscher Berater und Freund in Rio empfahl zuerst Schalke 04, dann Leverkusen, "von beiden Städten hatte ich noch nie gehört". Ribbeck, seinerzeit sorgengeplagt wegen verletzter Stürmer, ließ sich ein Videoband über Tita schicken, die Bayer-Leute griffen zu. 700 000 Mark zahlten sie als Ablöse, Tita bekam einen Zweijahresvertrag und erhält pro Jahr knapp 400 000 Mark.
Wochenlang verzichtete er aus freien Stücken auf Bundesliga-Einsätze, weil "ich mich noch nicht fit genug fühlte". Im November vorigen Jahres spielte er das erstemal über 90 Minuten - und schoß drei Tore gegen Waldhof.
Nicht nur deshalb ist Bremens Trainer Otto Rehhagel gewarnt. Gegen Werder, Leverkusens Gegner im Uefa-Cup-Halbfinale am kommenden Mittwoch, hat Tita kürzlich in letzter Sekunde getroffen - per Freistoß aus 25 Metern, trotz Schuhgröße 38.

DER SPIEGEL 14/1988
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