23.11.1987

„Lieber Gott, mach, daß es ein Verrückter war“

SPIEGEL-Reporter Erich Wiedemann über die Jagd nach dem Mörder des schwedischen Premiers Olof Palme (I) *
Ein junges Mädchen mit langen blonden Haaren, weit geöffneten braunen Augen und zusammengepreßten Lippen in einem bleichen und ernsten Gesicht. Zwischen den Händen hielt sie einen kleinen blanken Revolver. Sie blieb auf der Schwelle stehen, hob die Arme und schoß.
Der Abstand zwischen der Mündung des Revolverlaufs und dem Punkt zwischen den Augenbrauen des Regierungschefs, wo das Geschoß das Stirnbein durchschlug, war nicht weiter als 20 Zentimeter. Der Ministerpräsident taumelte rückwärts... Er war in dem Augenblick gestorben, als das Geschoß in sein Gehirn eindrang." Buchzitat Ende.
Ein Mord in Stockholm. Die Beschreibung war elf Jahre alt, als der schwedische Ministerpräsident Olof Palme am 28. Februar 1986 ermordet wurde. Der Palme-Mörder schlug vor der Adolf-Fredriks-Kirche zu, weniger als einen Kilometer von der Riddarholms-Kirche, in der der Roman-Mord spielt. Die Kugel drang Palme aus 20 Zentimeter Entfernung in die Halsschlagader - aus exakt der gleichen Entfernung wie dem Premierminister im Roman.
Self fulfilling prophecy, literarische Anstiftung zum Mord? Gegen die Autoren von "Terroristerna" (Die Terroristen) das Schriftsteller-Paar Maj Sjöwall und Per Wahlöö, wurde der Vorwurf erhoben, sie hätten mit ihrem Buch das Vorbild für einen politischen Mord geliefert. Ein Schriftsteller, so hieß es, dürfe in einem Buch keine
lebende Person der Zeitgeschichte umbringen lassen.
Der Name Palme wird in den "Terroristen" nicht erwähnt. Doch biographische Details lassen wenig Zweifel daran daß jemand anders gemeint ist.
Maj Sjöwall hat sich und ihren inzwischen verstorbenen Ehemann, Per Wahlöö, mit dem Argument verteidigt, der Thriller sei als Medium für den Transport von Sozialkritik nötig gewesen. Man habe den Schweden aufzeigen müssen, was faul an ihrem Staate sei.
Das Libretto ist in der Krimiliteratur nicht ohne Beispiel. In Frederick Forsyths "Schakal" etwa war Charles de Gaulle das präsumtive Opfer. Nur, bei anderen Autoren gehört die Sympathie eher dem Opfer und nicht dem Täter. Das war bei Sjöwall/Wahlöö nicht so.
Noch mehr als die Tatumstände in Roman und Wirklichkeit gleichen einander die politischen Raster, die dahinter sichtbar wurden. Die Botschaft des Protestkrimis lautet: Der liberale Sozialstaat Schweden ist eine einzige große Lüge. Er ist eine Diktatur mit republikanischem Schokoladenguß, die von korrupten Sozialdemokraten regiert und von einer kleinen Clique krakenfingriger Kapitalisten beherrscht wird.
Daß Schweden nicht dem Idealbild des europäischen Musterlandes entspricht, in dem überwiegend gerechte Menschen in unverbauter Natur leben, das hat man schon vorher gewußt. Schweden ist ein blitzsauberes, spießiges Utopia mit teilentmündigten Bürgern und einer autoritären Super-Bürokratie, die gegebenenfalls Eltern die Kinder wegnehmen und uneinsichtige Aids-Infizierte internieren kann. In Schweden, so sagt Pehr Gyllenhammar, Chef des Volvo-Konzerns, sei nicht die Wirtschaft, sondern der Bürger verstaatlicht. Gesteuert wird diese janusköpfige Körperschaft von heuchlerischen Politikern, die sich fortschrittlich gerieren und reaktionär agieren. Nun mußte man zusätzlich erfahren, daß dieser Staat eine Polizei hat, die ihren Aufgaben nicht gewachsen ist.
Der zweite Teil der Botschaft wirft lange Schatten auf die Lichtgestalt des großen Toten. Die Suche nach dem Mordmotiv hat aufgezeigt, daß das Bild des strahlendes Siegfrieds der internationalen Friedensbewegung, der auf der Suche nach Frieden und Gerechtigkeit rastlos die Welt umkreist, stark retuschierbedürftig ist.
Keine Frage, Olof Palme war ein brillanter Intellektueller und ein hochbegabter Staatsmann. Doch der Staatsmann war - ähnlich wie der Premier im Roman - mit sehr unstaatsmännischen Eigenschaften ausgestattet. Er war kein Landesvater, sondern ein Volkstribun, er war herrisch, zynisch, nachtragend.
Was der Legende den Rest gab: Man erfuhr, daß der Friedenspolitiker Olof Palme sich nicht gescheut hatte, seine Kontakte auszunutzen, um
der schwedischen Waffenindustrie den größten Auftrag ihrer Geschichte zuzuschanzen. Sechs Wochen vor dem Mord placierte der Rüstungskonzern Bofors, in Indien einen Auftrag in Höhe von 8,4 Milliarden Schwedenkronen (2,4 Milliarden Mark) nachdem sich Palme am Rande einer Abrüstungskonferenz in Neu-Delhi bei seinem Freund Radschiw Gandhi für Bofors verwendet hatte.
Mit der Enthüllung der Hintergründe des Palme-Mordes, so sagte Anfang des Jahres ein hoher schwedischer Diplomat, sei niemandem in Schweden geholfen. "Wenn die Wahrheit ans Licht käme, würden wir alle unser Gesicht verlieren." Unter einem Premier Palme würde der Fall Palme wohl jetzt unter den Teppich gekehrt werden. Doch sein Nachfolger im Amt, Ingvar Carlsson, hat glaubwürdig zu erkennen gegeben, daß er bemüht ist, Licht in die Affäre zu bringen, ganz gleich, wie groß der Schaden auch sein sollte.
Kurz vor dem ersten Jahrestag des Mordes wurde die Sonderkommission aufgelöst, die mit rätselhafter Verbissenheit ein Jahr lang in einer erkennbar falschen Richtung gesucht hat. Der Leitende Staatsanwalt, Claes Zeime, und Ermittlungschef Hans Holmer legten Anfang Februar ihre Ämter nieder.
Die Ermittlungen, so sagte Reichsstaatsanwalt Magnus Sjöberg, würden wieder da ansetzen, wo Holmer am 1. März 1986 angefangen hatte. Der ganze Film wurde bis zum Anfang zurückgespult. Eine juristische und eine parlamentarische Untersuchungskommission sollen ferner klären, wie es zu der blamablen Fülle von Pannen in der ersten Ermittlungsphase kommen konnte.
Vorletzte Woche wurde die Belohnung für Hinweise auf den Täter auf 50 Millionen Kronen (14 Millionen Mark) heraufgesetzt - zahlbar steuerfrei auf ein Konto seiner Wahl im Ausland. Das wäre, wenn sie zur Auszahlung gelangt, die höchste Belohnung der Kriminalgeschichte. Die Kosten für eine plastische Gesichtsoperation übernimmt, falls gewünscht, gleichfalls die schwedische Regierung.
Inzwischen wurden alle Zeugen noch mal vernommen. Ganze Kisten voll unverarbeiteter Protokolle wurden aufgearbeitet. Mehrere Dezernate rollten noch einmal alle Spuren auf. Bislang alles vergeblich. Der Mörder hat eindreiviertel Jahre Vorsprung. Gegen die Aussicht, der Fall könne gelöst werden, stehen die Wetten am Tresen im Stockholmer Operncafe eins zu zehn. Und das wird hier allgemein als positiv empfunden.
Das Operncafe, wo die schönen und erfolgreichen jungen Leute im Sommer ihren mitternächtlichen Sundowner nehmen, ist das mondänste Epizentrum des Hasses auf die etablierte Sozialdemokratie, die mit kurzen Unterbrechungen ein halbes Jahrhundert regiert hat. Am Tag nach dem Mord spendierte hier ein Gast eine Runde Champagner, weil, wie er glückstrahlend rief, "endlich was passiert" sei.
An dieser Begeisterung hat sich bis heute nichts geändert. "Schauen Sie sich um", sagt der elegante Mittdreißiger im Benetton-Look, "wenn jetzt einer hier reinkäme und riefe: ,Ich bin der Mörder von Olof Palme'', dann könnte er sich vor Toasts nicht retten" Palme sei kein Mann des Mittelmaßes gewesen. "Man konnte ihn nur lieben oder hassen." Und hier haben ihn die meisten gehaßt.
Der 28. Februar 1986, der Tag, an dem Olof Palme ermordet wurde, war naßkalt und grau. Minus acht Grad Celsius, bewölkt, etwas Neuschnee, umlaufende leichte Winde. Der Ministerpräsident wäre gern nach Lissabon zur Tagung der Sozialistischen Internationale gefahren. Aber dringende innenpolitische Geschäfte hinderten ihn daran.
Palme mochte die Innenpolitik nicht. Er verstand sich als Politiker der weiten Horizonte. Aber es ging um eine innenpolitische Entscheidung, die Schwedens außenpolitischem Kurs eine neue Richtung geben konnte. Tags zuvor hatte die Regierung einer Verordnung zugestimmt, die der Premier als Unterwerfungsgeste gegenüber den Vereinigten Staaten empfand.
Mit dem Kabinettsbeschluß wurden die Cocom-Bestimmungen, die Handelsbeschränkungen der Nato-Länder gegen den Osten regeln, de facto ins schwedische Strafrecht übernommen. Für den Neutralisten Palme war die formelle Aufnahme der Cocom-Akte in schwedisches Recht beinahe das Ende der schwedischen Neutralität. So was werde er nie unterschreiben - nie. Dann unterschrieb er doch - weil in Schweden sozialdemokratische Politik nicht gegen den Willen der Industrie durchgesetzt werden kann.
Die Interessen von Industrie und Nation waren nach Ansicht des Kabinetts in diesem Fall identisch. Die Regierung in Washington hatte gedroht, die Lieferung von amerikanischer Elektronik an die schwedische Wirtschaft zu stoppen, für den Fall, daß Schweden den grauen Transfer von westlicher Technologie an
die Staaten des Warschauer Paktes nicht unterbinden würde.
Ein US-Embargo hätte Schweden Milliardenverluste eingetragen. Die Giganten der schwedischen Industrie beziehen bis zu 90 Prozent ihrer elektronischen Produktkomponenten aus den Vereinigten Staaten. Die Saab-Jagdbomber, die Ericsson-Computer-Systeme, die elektronisch gesteuerten Bofors-Lenkraketen vom Typ "Robot 70" - ohne US-High-Tech läuft nichts. Erpressung hin, Erpressung her, die Schweden hatten keine Wahl.
Am Donnerstag, dem Tag vor dem Mord, hatte Palme lange mit seinem Freund Willy Brandt telephoniert. Sie hatten - auf deutsch - über Olofs Lieblingsthemen gesprochen, über den Weltfrieden und seine Feinde, über die Entspannung zwischen West und Ost, über den Palme-Besuch in Hiroschima.
An seinem Todestag fuhr Palme gegen 8.45 Uhr im Saab seiner zwei Leibwächter zum Königlichen Tennisclub am Lidingövägen. Sein Tennispartner war Harry Schein, Aufsichtsratsvorsitzender der Investmentbank und Ex-Ehemann der Schauspielerin Ingrid Thulin. Schein war einer von Palmes besten Freunden.
Nach dem Spiel gingen sie gemeinsam in die Sauna. Schein sagt: "Olof war ganz entspannt." Kein Wunder, er hatte gewonnen. Er genoß seine Siege, auch auf dem Tennisplatz.
Von Lidingövägen aus ließ sich der Premierminister zuerst zum Herrenausstatter Ströms fahren, um einen Anzug umzutauschen, der seiner Frau Lisbet nicht gefiel. Der Verkäufer sagte, Palme sei sehr wortkarg gewesen.
In der Regierungskanzlei Rosenbad ging Olof Palme mit seiner Sekretärin, Ann-Marie Willsson, den Terminkalender durch. Es stand nicht viel drauf: Besuch des norwegischen Botschafters und ein Interview mit der Gewerkschaftszeitung "Statsanställd". Bei schwedischen Behörden dient der Freitag in erster Linie der Vorbereitung auf das Wochenende.
Weil er nicht mehr ausgehen wollte, schickte Palme seine zwei Leibwächter vor dem Mittagessen nach Hause. Er haßte Bodyguards. Wenn er in Stockholm war, ging er täglich drei-, viermal zu Fuß und ohne Begleitung von der Regierungskanzlei zu seiner Wohnung an der Västerlangatan 31. Und nie war etwas passiert. Er fühlte sich sicher. Deshalb lehnte er auch Objektschutz für seine Wohnung ab.
Grob fahrlässig? Herrje, einen zuverlässigen Schutz vor Attentaten gibt es eh nicht. Das beweisen die Mordanschläge auf Ronald Reagan, Papst Wojtyla und die Kennedys. Schutz ist am wirksamsten, wenn er dem potentiellen Täter die Aussicht vermittelt, daß er keine Chance hat, unerkannt zu entkommen, daß also der Mord zum Kamikaze-Unternehmen wird. In diesem Sinne handelte Olof Palme fahrlässig. So leicht wie er hat es ein Politiker selten seinen Mördern gemacht.
Bis kurz vor Mittag war Palme strahlender Laune gewesen. Doch zum Lunch im Speisezimmer der Regierungskanzlei erschien er gegen 13.15 Uhr mit finsterer Miene. Er gabelte seinen Imbiß beinahe wortlos in sich hinein und ging wieder. Was ihm zwischen halb eins und Viertel nach eins die Stimmung so gründlich verdorben hatte, ist bis heute ungeklärt.
Kurz vor 15 Uhr erschien Ingvar Ygeman, der Chefredakteur von "Statsanställd", zum Interview. Ygeman wollte Palme zur schwedischen Friedenspolitik und zur Bedeutung des öffentlichen Sektors für den Sozialstaat befragen. Aber Palme drehte den Spieß um und nahm seinerseits den Berichterstatter ins Interview. Er wollte alles über die Südamerika-Reise wissen, von der Ygeman gerade zurückgekehrt war, über die Massengräber von Folteropfern, die er in Bolivien besichtigt hatte, über die Bombenexplosion in Peru, der er um Haaresbreite entgangen war.
Dann kam man auf Sport zu sprechen. Palme holte ein Photo aus der Schublade, das ihn als Torwart seiner Eishockey-Schulmannschaft zeigte. Er erzählte, wie er heimlich Boxunterricht genommen hatte, um sich gegen die Stärkeren in seiner Klasse durchzusetzen. Er duldete nie Stärkere in seiner Umgebung.
Nach dem Gespräch stand der Premier von der Couch auf und trat ans Fenster, um sich für das Interview-Photo in besseres Licht zu rücken. Doch der Photograph, John Wählbärj, warnte: "Ich glaube, Sie sollten lieber nicht so dicht ans Fenster gehen, Olof, das ist gefährlich." Palme trat einen Schritt zurück und schwieg. Nach ein paar Sekunden drehte er sich um und sagte düster: "Ja, man kann nie wissen, was da draußen auf einen wartet."
Todesahnung? Nein, er wußte, daß er viele Feinde hatte. Aber er hat sich nie ernsthaft um seine körperliche Unversehrtheit gesorgt. Er war es gewohnt, seine politischen Gegner rhetorisch zu vernichten, sie zu vitriolisieren, wie die Schweden es nennen. Palmes Talent, Schwächen zu erkennen und sie gnadenlos auszunutzen, so schreibt die Journalistin Magdalene Ribbing, sei bei seinen Gegnern gefürchtet gewesen. "Er konnte sich jahrelang daran erinnern, wer ihm ein Unrecht angetan hatte."
Das war eine sehr unschwedische Eigenschaft. Der Fluchtpunkt der schwedischen Innenpolitik ist nicht Sieg, sondern
Konsens. Palme hat zeitlebens dagegen verstoßen. Er verließ sich auf die Schutzfunktion der Folkhem, der organisierten Geborgenheit, die auch den Intoleranten die Gunst der Toleranz erweist.
Zum Abschied erzählte Olof Palme den zwei Journalisten, daß er sich abends den Film "Mein Leben als Hund" ansehen wolle. Gegen 17 Uhr diktierte er seiner zweiten Sekretärin, Inga-Lena Wallin, einen Antwortbrief an einen elfjährigen Jungen, der von ihm wissen wollte, welche Eishockeystars er bevorzuge. Anschließend besprach der Ministerpräsident mit seinem Staatssekretär Ulf Dahlsten kurz die Rede, die er am Montag darauf auf der Sitzung des Nordischen Rates in Kopenhagen halten wollte. Kurz nach 18 Uhr ging Palme nach Hause - wie gewohnt zu Fuß und wie häufig ohne Leibwächter.
Gegen 19 Uhr telephonierte Olof Palme mit seinem Sohn Marten und vereinbarte mit ihm, daß sie gemeinsam ins Kino gehen wollten. Vom "Hundeleben" war nun nicht mehr die Rede. Sie wollten sich jetzt die "Gebruder Mozart" im "Grand"-Kino ansehen.
Kurz vorher hatte Bo Näslund, der amtierende Chefredakteur der sozialdemokratischen Tageszeitung "Arbetet", aus Malmö angerufen und die neuesten Umfrageergebnisse mitgeteilt. Es war eine Katastrophe. Die Sozialdemokraten waren noch nie so unpopulär gewesen, seit Palme 1969 das Amt des Ministerpräsidenten von Tage Erlander übernommen hatte.
Das muß etwa um die gleiche Zeit gewesen sein, als ein Einbrecher in den Computerraum des Stockholmer Verwaltungsgerichts eindrang, Daten über ein Steuerverfahren gegen den Ministerpräsidenten löschte und neun Blätter aus seiner Steuerakte entwendete. Palme war im Oktober 1985 beim Finanzamt aufgefallen, weil ein Honorar in Höhe von 5000 Dollar, das ihm die amerikanische Harvard-Universität für einen Vortrag gezahlt hatte, in seiner Steuererklärung nicht auftauchte.
Schwer vorstellbar, daß die Koinzidenz zufällig war. Aber wozu und warum der Einbruch ausgerechnet an diesem Abend? Darüber gibt es nur Spekulationen.
Um etwa die gleiche Zeit beobachtete der Eigentümer einer Kunsthandlung zwei Männer, die schräg gegenüber im Eingang des Palme-Hauses in der Stockholmer Altstadt lehnten. Die Männer sprachen so laut miteinander, daß man jedes Wort auf der anderen Straßenseite verstehen konnte. Der Zeuge sagt, er habe aus dem Kontext geschlossen, daß sie Palmes Haus überwachten. Er sei sehr verwundert gewesen, daß sich die Sicherheitspolizei solch "abschreckender Gestalten" bediene, um das Leben ihres Ministerpräsidenten zu schützen. Doch die zwei Düsterlinge standen hier nicht im Auftrag der Polizei. Palme hatte sich Objektschutz immer verbeten. Deshalb wurde sein Haus nie bewacht. Aber wer waren die zwei Männer?
Palme hatte nachmittags gegenüber Ingvar Ygeman erwähnt, daß er abends ins Kino gehen wollte. Daß er ohne Polizeischutz sein würde, das wußte nur die Polizei.
Der oder die Täter konnten auch nicht wissen, welchen Film sich die Palmes ansehen würden. Das wußten nur Olof
und Lisbet Palme, ihr Sohn Marten und dessen Verlobte Ingrid Klering. Die Komplotteure hätten schon Palmes Telephon abhören müssen, um es zu erfahren. Daß aber in Schweden jemand anders als die Polizei oder das Fernmeldeamt die technischen Mittel hat, um das Telephon des Premierministers anzuzapfen, ist so gut wie ausgeschlossen.
Lisbet und Olof Palme verließen das Haus gegen 20.40 Uhr. Sie gingen durch die Yxsmedsgränd zur U-Bahn-Station Gamla Stan, fuhren bis zur Haltestelle Radmansgatan und legten die paar hundert Meter bis zum "Grand"-Kino, wo Marten und Ingrid Klering auf sie warteten, zu Fuß zurück.
Die Vorstellung der "Gebrüder Mozart" war fast ausverkauft. Doch Kartenverkäufer Göran Fredericius hatte ein Herz für den Ministerpräsidenten. Er gab ihm die Karten, die er eigentlich für Freunde zurückgelegt hatte. Die Palmes saßen in Reihe acht. Fredericius sagte später, es sei ihm aufgefallen, daß Lisbet einen sehr besorgten Eindruck gemacht habe.
Für die folgenden anderthalb Stunden liegen keine Zeugenaussagen vor, die Rückschlüsse auf Tat oder Täter zulassen. Der nächste Vermerk von Belang im Fahndungsprotokoll stammt von 22.50 Uhr: Am Johannes-Friedhof, drei Straßen vom Tatort, beobachtete eine Zeugin wenige Schritte von ihrer Haustür zwei Männer, die an der Friedhofsecke standen und offensichtlich auf irgend etwas warteten. Zehn Meter weiter parkte ein rotes Auto mit laufendem Motor. Die Männer waren 35 bis 40 Jahre alt. Der eine trug eine blaue Jacke mit beigefarbenen Schulterteilen. Der andere hatte etwas in der Hand, das so aussah wie ein Radio oder ein Funkgerät.
Die Zeugin begab sich in ihre Wohnung, trank im Stehen eine Tasse Kaffee und ging dann wieder auf die Straße, um ihren Hund Gassi zu führen. Die zwei Männer standen noch immer an derselben Stelle. Bevor die Zeugin wieder hinaufging, sah sie, wie ein Polizeiauto die Straße herunterrollte.
Die Frau teilte ihre Beobachtung gleich am nächsten Vormittag telephonisch der Polizei mit. Aber damals war niemand an ihrer Aussage interessiert. Sie wurde erst ein Jahr danach von der neuen Mordkommission vorgeladen, nachdem sie in einer Magazin-Sendung von "Sveriges Riksradio" über ihre Beobachtungen in der Mordnacht berichtet hatte.
Ab 22.50 Uhr ist der Ablauf der Geschehnisse minuziös protokolliert. Im "Grand"-Kino liegen die Zuschauer über den Stuhllehnen _(Nach den Parlamentswahlen am 15. ) _(September 1985. )
und brüllen vor Gelächter über die Slapstick-Faxen von Mozarts Geist und Don Giovanni.
Um 23.04 Uhr ist die Vorstellung zu Ende. Palme nickt am Ausgang Björn Rosengren freundlich zu, dem Vorsitzenden der Angestelltengewerkschaft, und seiner Frau, die sich ebenfalls die "Gebrüder Mozart" angesehen haben. "Ist Schweden nicht ein phantastisches Land", sagt Rosengren hinterher zu seiner Frau, "da geht der Ministerpräsident ins Kino wie ein ganz normaler Bürger. "
Olof und Lisbet Palme überlegen draußen einen Augenblick, ob sie zu Fuß gehen oder mit der U-Bahn oder per Taxi nach Hause fahren sollen. Sie entscheiden sich für einen Spaziergang und verabschieden sich von Marten und seiner Verlobten.
Marten erinnert sich genau an den Mann, der in das verdunkelte Schaufenster des Möbelgeschäfts neben dem Kino starrt und dann seinen Eltern folgt. Der Verkäufer der Imbißhalle an der Kirche sieht ihn auch. Er sagt, es sei ein "schäbig aussehender Mann in einer blauen Jacke" gewesen. Marten hätte Verdacht geschöpft, wenn es auch nur den leisesten Hinweis darauf gegeben hätte, daß sein Vater in Gefahr war. Aber seit König Gustav III. 1792 beim Maskenball in der Stockholmer Oper von einem neurotischen Gardeoffizier erschossen wurde, ist in Schweden kein Attentat mehr auf einen Politiker verübt worden.
Ein kurzes Stück gehen Olof und Lisbet auf der belebten Westseite von Sveavägen in Richtung Kungsgatan. In Höhe der Adolf-Fredriks-Kirche überqueren sie die vierspurige Fahrbahn, um sich auf der gegenüberliegenden, fast menschenleeren Straßenseite die Auslagen in den Schaufenstern des Textilgeschäfts "Sari" und des Bonniers-Verlags anzusehen, in dem Marten als Redakteur arbeitet.
23.15 Uhr: Der Mörder ist jetzt ganz nahe. Zeugen sagen später aus, sie hätten zwischen Tegnergatan und Adolf Fredriks Kyrkogatan drei Männer beobachtet, die Palmes "begleiteten". Das sprach für die Komplott-Theorie, die Fahndungsleiter Holmer so liebte. Heute weiß man, daß es nur ein Mann war der von drei verschiedenen Zeugen registriert wurde.
Vor dem Tapetengeschäft "Dekorima" an der Ecke Sveavägen/Tunnelgatan schlägt der Mörder zu - 700 Meter vom "Grand"-Kino entfernt. Zwischen 23 Uhr, 21 Minuten und 23 Uhr, 22 Minuten fällt der tödliche Schuß. Der Mörder faßt Olof Palme an der linken Schulter, zieht ihn an den Revolver heran und drückt ab.
Das Geschoß tritt zehn Zentimeter unterhalb des Nackens in den Körper ein. Es durchschlägt das Rückgrat und reißt Aorta, Luftröhre und Speiseröhre auf. Palme fällt mit dem Gesicht nach vorn zu Boden. Ein Blutstrahl schießt aus seinem Mund. Sein linker Fuß zuckt, dann bleibt er reglos liegen.
Der zweite Schuß fällt wenige Sekunden nach dem ersten. Die Waffe ist auf den gleichen Punkt zwischen den Schulterblättern
von Lisbet Palme gerichtet. Aber Lisbet hat unglaubliches Glück. Sie dreht sich genau in der Zehntelsekunde um, als der Mörder feuert. Die Kugel durchschlägt ihren linken Ärmel, streift ihre Schulterblätter und fährt oben am rechten Ärmel wieder heraus, ohne sie zu verletzen. Lisbet geht in die Knie, greift nach Olofs Kopf, steht wieder auf, macht ein paar tapsige Schritte, begreift nicht. Sie glaubt, irgend jemand habe mit Knallfröschen geworfen.
Der Mörder wendet sich in Richtung Tunnelgatan zur Flucht. Zwischen zwei Bauwagen, die die Straße zur Hälfte blockieren, dreht er sich noch einmal um. Dabei trifft sich sein Blick mit dem Blick von Lisbet Palme. "Ich hatte den Eindruck, daß ich diesen Mann schon einmal gesehen hatte", sagt Lisbet später. Das Bild hat sich in ihr Gedächtnis gefroren. Doch es ist ein Bild wie aus einem Traum. Immer wenn sie danach greift, verschwimmt es zu Nebel.
Lisbet Palme sieht mit ungläubigen Augen, wie Anna Hage und Karin Johansson, zwei siebzehnjährige Schwesternschülerinnen, die gleichfalls auf dem Heimweg von der Neun-Uhr-Vorstellung waren, neben Olof niederknien um ihn mit Herzmassage wiederzubeleben. Herzmassage ist das letzte, was ein Schwerverwundeter mit einer stark blutenden Wunde braucht.
Doch Olof Palme hat so oder so keine Chance. Ein junger Mann versucht Mund-zu-Mund-Beatmung. Er gibt den Versuch schnell auf, weil sich sein Mund immer wieder mit Blut füllt. Palme ist schon eine halbe Stunde tot, als die Ärzte ihn kurz nach Mitternacht am Sabbatberg-Hospital amtlich für tot erklären.
Aus dem Verlauf des Schußkanals schließt die Polizei, daß der Mörder Rechtshänder und mindestens zehn Zentimeter größer war als Palme. "Er war ein sehr guter Schütze", sagt Leif G. W. Persson, Dozent für Kriminologie an der Universität Stockholm. "Er kannte genau die richtige Distanz und den Punkt, den er treffen mußte, um sein Opfer zuverlässig zu töten." Ein Amateur hätte instinktiv mehr Abstand gehalten und vermutlich auf den Hinterkopf gezielt.
Eine Minute und vierzig Sekunden nach der Tat gibt Polizeiinspektor Kjell Östling von der Wache Södermalm Alarm: "An der Kreuzung Tunnelgatan / Sveavägen ist ein Mann erschossen worden." 30 Sekunden später stoppt ein Funkstreifenwagen mit Blaulicht am Tatort. Streifenführer Gösta Söderström springt aus dem Wagen, geht auf Lisbet Palme zu und fragt: "Kennen Sie den Mann?"
Lisbet schreit: "Sehen Sie doch hin, Sie Idiot, das ist der Premierminister." Darauf Söderström: "Kann ich bitte mal Ihren Personalausweis sehen."
Andere begriffen schneller. Ein junger Mann, den die Polizei aus Sicherheitsgründen unter dem Pseudonym "Lars" führt, sieht den Killer die 89 Treppenstufen zur Malmskillnadsgatan hinauflaufen. Lars rennt sofort hinterher. Doch er verliert den Anschluß oben an der Treppe. Der Unbekannte verschwindet zwischen parkenden Autos in der David Bagares Gata.
Da schießt aus der Regeringsgatan ein Polizeiauto. Lars hält den Wagen mit rudernden Armen an und zeigt schreiend in die Richtung, in die der Mörder gelaufen ist. Merkwürdig: Streifenführer Christian Dahlsgaard kann sich heute angeblich nicht mehr daran erinnern. Noch
merkwürdiger: Kommissar Dahlsgaard behauptet, er habe dem Mörder den Weg abschneiden wollen - obwohl er nach den Protokollen zum fraglichen Zeitpunkt eigentlich noch gar nichts von dem Mord gewußt haben könnte. Am merkwürdigsten: Im Einsatzbuch der Polizei Kungsholmen wurden nachträglich Eintragungen über die Einsatzzeiten der beteiligten Streifenwagen korrigiert. Hatte die Polizei etwas zu verbergen?
Die Sache wird noch mysteriöser durch die Aussage einer Zeugin mit dem Pseudonym "Ingrid", die unmittelbar vor dem Mord an der Drottningsgatan einen Streifenwagen beobachtet haben will. Ingrid sagte, sie habe sich darüber gewundert, daß der Wagen nur mit einem Mann besetzt gewesen sei, obwohl Streifen sonst immer aus zwei Mann bestünden.
Der Mann saß bei geöffneter Tür auf dem Fahrersitz und wartete. Dann hörte Ingrid, wie er in sein Funktelephon sprach: "Ach so, da also." Er warf die Tür zu und jagte mit hohem Tempo davon. Ingrid erinnert sich an drei mögliche Ziffernkombinationen der Dienstwagennummer. Eine davon: 520. Kommissar Dahlsgaards Wagen hatte die Nummer 1520.
In den ersten Minuten nach der Tat klappt der Polizeieinsatz reibungslos. Aber alles, was danach kommt, ist Konfusion und Dilettantismus. Die Suche nach dem Mörder von Olof Palme ist das bizarrste Kapitel der schwedischen Kriminalgeschichte .
Mit der Spurensicherung am Tatort fängt es schon an. Der Einsatzleiter der Polizei läßt die Stelle, an der Palme starb, mit Leichtmetallstäben und Plastikband einzäunen. Der Fluchtweg des Täters die Tunnelgatan hinauf wird erst am nächsten Vormittag abgesperrt, nachdem Hunderte von Neugierigen die Spuren im Schnee zertrampelt haben.
Die Kugel, die Lisbet Palme gestreift hat, wird am Samstagvormittag kurz vor sieben Uhr von einem indischen Journalisten, der sich dafür angeblich in Trance versetzt hat, auf der gegenüberliegenden Straßenseite unter einem Papierkorb aufgestöbert. Ein zweites Projektil findet sich am Sonntag hinter einer Säule am Eingang zur U-Bahn-Haltestelle Hötorget neben einem Blumenberg, der sich inzwischen meterhoch über dem Tatort häuft.
Für die große Mehrheit der Beamten von der Stockholmer Stadtpolizei ist die Nacht, in der der Premierminister ermordet wird, eine Nacht wie jede andere. Fünfzig Polizisten in zwanzig Streifenwagen suchen ohne Sinn und Konzept die Stadt nach einem Mann ab, von dem sie nichts weiter wissen, als daß er vermutlich 1,80 Meter groß und dunkel gekleidet ist. Die anderen tun Dienst nach Vorschrift.
Im zentralen Wachbuch der Stockholmer Polizei sind für die Zeit zwischen 23.20 Uhr und 2.30 Uhr fast hundert Routineeinsätze vermerkt: Schlichtung von Ehestreitereien, Festnahmen von Trunkenbolden und Taschendieben, Überprüfung von Verkehrsteilnehmern.
Um 2.31 Uhr, mehr als drei Stunden nach dem Mord, beobachten Redakteure von "Dagens Nyheter" gleich vor ihrer Redaktion in Merieberg eine Polizeistreife, die mit Kelle und Pustetüte Jagd auf Alkoholsünder macht. Die Polizisten bauen ihre Promillefalle nicht einmal ab, als von der Zentrale "riksalarm",
landesweiter Fahndungsalarm ausgelöst wird.
Bo Haagmann, der wachhabende Offizier in der Polizeiwache der Stockholmer Trabantenstadt Solna, wird erst zweieinhalb Stunden nach dem Mord informiert. Die Streifenbeamten aus den Außenbezirken erfahren bei Schichtwechsel um sechs Uhr früh, was geschehen ist. Immerhin, sie wissen noch eher Bescheid als ihr Chef Hans Holmer. Der Landespolizeimeister wird gegen sieben Uhr früh in einem Hotel in Borlänge, 200 Kilometer von Stockholm, aufgetrieben, wo er sich für die Teilnahme an einem Marathon-Skilanglauf fertig macht.
In der Meldung, die gegen zwei Uhr früh auch an die Polizeistationen in den Außenbezirken durchgegeben wird, ist zunächst von zwei Tätern die Rede. Man vermute, so heißt es, daß es sich um Angehörige der kroatischen Ustascha-Bewegung handele.
So, wie Stockholm zwischen die Schären eingeklemmt liegt, hätte die Polizei nur ein paar Tunnel und Brücken zu sperren brauchen, dann wäre keine Maus mehr unkontrolliert aus der Stadt herausgekommen. Aber alle Ausfallstraßen bleiben offen.
Bis Samstagmittag gab es für den Täter, grob geschätzt, drei Dutzend Gelegenheiten, Schweden per Fähre oder Flugzeug zu verlassen. Niemand war in der Mordnacht auf die Idee gekommen, Häfen und Flughäfen in Alarmbereitschaft zu versetzen. Die gewöhnlich unkontrollierten Grenzübergänge nach Norwegen bleiben auch am Tag nach dem Mord bis zum Abend unkontrolliert.
Die Polizei registriert insgesamt 39 Zeugen, die das Tatgeschehen aus unmittelbarer Nähe miterlebt haben. Trotzdem ist die Situation unübersichtlich. Ein Buchhalter, der nur wenige Schritte entfernt war, als die Schüsse fielen, wird nach Hause geschickt, angeblich weil er betrunken ist. Lisbet Palme, die am nächsten dran war, wird als letzte von allen Zeugen vernommen. Viele Aussagen verschwinden unausgewertet im Archiv. Dafür werden andere von mehreren Teams gleichzeitig bearbeitet.
Sechs Tage nach dem Mord setzt die Polizei ein Phantombild des mutmaßlichen Täters in Umlauf, das das Bundeskriminalamt in Wiesbaden nach einer Zeichnung angefertigt hat. Das Bild ist wirklich brillant. Es zeigt einen dunkelhaarigen Mann, um die 35 Jahre alt, mit vollem Haarschopf und schmalen Lippen.
Die Schweden nehmen das Suchbild begeistert an. Denn es belegt, was jedermann geahnt hat: Der Mörder muß ein Ausländer sein. Sie haben von Anfang an gewußt: Ein Schwede tut so was nicht.
Die Veröffentlichung bringt über tausend Tips - aber keinen einzigen brauchbaren. Die Polizei muß alle Verdächtigen, die in den zwei Tagen nach der Veröffentlichung festgenommen werden, nach dem ersten Verhör wieder laufenlassen. Es sieht so aus, als sei das Phantombild ein Trugbild.
Tatsachlich ist schon die Vorlage zweifelhaft. Sie ist von einer Kunststudentin angefertigt worden, die 20 Minuten nach dem. Mord mit dem mutmaßlichen Mörder zusammengestoßen sein will, als er im Laufschritt die Smala Gränd herunter
kam. Vom Tatort bis Smala Gränd läuft man im Jogging-Tempo aber nur vier Minuten. Der Mörder müßte also schon einen großen Umweg genommen oder unterwegs eine Kaffeepause eingelegt haben, wenn er mit dem Mann identisch sein soll, der die Studentin anrempelte.
Die Zeichnerin verkürzte später von 20 auf acht Minuten, um den Widerspruch auszugleichen. Doch das Phantombild hat heute für die Fahndung keine Bedeutung mehr.
Die verschlafene Reaktion des Apparats deckt sich, was die innere Motorik anlangt, voll mit der Prognose, die Fregattenkapitän Hans von Hofsten, Kommandant des letzten, 1981 verschrotteten Zerstörers der schwedischen Kriegsmarine, anderthalb Monate vor dem Mord über den mutmaßlichen Ablauf einer Invasion veröffentlichte .
Die"fremde Macht", wie von Hofsten den fiktiven Aggressor dezent umschrieb, bräuchte für den Fall eines heißen Ost-West-Konflikts gar keine Invasion einzuleiten. Schweden, so meint von Hofsten, lasse sich mühelos von einer Handvoll Sonderkommandos am Heiligen Abend erobern. Noch ehe die Schweden am ersten Weihnachtstag aufwachen würden, wäre ihr Land eine Sowjetrepublik.
Sechs Wochen lang galt Kommandant von Hofsten beim sozialdemokratischen Establishment als apokalyptischer Zweckspinner, der das Terrain für die Debatte über den Wehretat bereiten wolle. Durch die Ereignisse der Nacht vom 28. Februar auf den 1. März 1986 hat sein düsteres Szenario doch sehr an Glaubwürdigkeit gewonnen.
Die Schweden merken beim Aufstehen, daß etwas nicht stimmt. Das Fernsehen sendet ein Testbild und schwere Musik statt "Hacke Hackspett", der Kinderfrühsendung, die sonst samstags dafür sorgt daß kleine Frühaufsteher vorm Frühstuck beschäftigt sind und die Eltern ausschlafen können. Um acht Uhr, als überall in Stockholm die Glocken läuten, wissen alle Bescheid.
Auch der schwedische Rundfunk ist in der Mordnacht von der Aktualitat jammerlich überrollt worden. Zwei Stunden nach dem Mord rufen empörte Radiohörer im Funkhaus an der Oxenstiernsgatan an, um sich darüber zu beschweren daß immer noch Popmusik gespielt wird. Doch die Redaktion ist seit kurz nach elf Uhr abends nicht mehr besetzt. Im Studio tut ein sogenannter Hallo-Mann Dienst, der nur zum Plaudern und Plattenauflegen befugt ist. "Sveriges Radio" sendet die Todesnachricht fast eine Stunde später als die Rundfunksender im benachbarten Ausland.
Den Generalstab der Streitkräfte erreicht die Meldung vom Tod ihres obersten Befehlshabers aus den Vereinigten Staaten. Der schwedische Militärattache in Washington hat die Meldung aus dem amerikanischen Fernsehen. Er ruft den Wachhabenden in der Kaserne von Östermalm an, um Einzelheiten zu erfahren. Aber die Zentrale weiß von nichts.
Es wird Zeit, den Oberbefehlshaber der Streitkräfte zu alarmieren. Doch niemand weiß, wo er ist. Auch König Carl Gustaf, der mit der Familie Skiurlaub macht, kann erst gegen fünf Uhr morgens informiert werden, weil der Hofmarschall die Telephonnummer des königlichen Feriendomizils verlegt hat.
In dieser Nacht steht Schweden vor aller Welt als Nachtwächterstaat da.
14000 Hinweise, 3000 Zeugen, 40000 Dokumente und Akten und nicht der Schatten einer Spur. Kein Fisch in "diesem Ozean von Material", sagt der Kriminologe Leif G. W. Persson. Das Ergebnis hätte nicht trostloser sein können, wenn Kvastmo und Kvant, die zwei trotteligen Stadtgendarmen aus den skurrilen Kriminalromanen von Per Wahlöö und Maj Sjöwall, die Ermittlungen geführt hätten.
Bis heute ist nicht einmal geklärt, aus welcher Waffe die gefundenen Kugeln stammen. Zunächst galt als erwiesen, daß die tödlichen Schüsse aus einer Neun-Millimeter Smith and Wesson, Kaliber 3.57 Magnum, abgefeuert worden waren. Nachdem er alle erreichbaren privaten Smith and Wessons hatte überprüfen lassen, war Holmer dann aber nicht mehr so sicher. Es heißt nun, daß es auch ein doppelläufiger Eigenbau-Revolver gewesen sein könnte oder eine spanische Astra oder vielleicht ein ganz anderer Typ. Sicher ist nur, daß die Kugeln neun Millimeter Durchmesser haben und elf Gramm schwer sind. Zwei Merkmale, die auf zehn verschiedene Waffen-Fabrikate zutreffen.
Ungeklärt ist auch, warum die zwei Kugeln in einem Umkreis von vierzig Metern um den Tatort gefunden wurden obwohl sie nach den Gesetzen der Ballistik mehrere hundert Meter weit hätten fliegen müssen. Um sich Klarheit zu verschaffen, ließ die Staatsanwaltschaft im Schießlabor Manstopper-Munition auf tote Schweine verschießen. Mit überraschendem Ergebnis: Die Geschosse mit Kupferspitze ließen sich nicht mehr orten, weil sie beim Eintritt in die Schweineleiche zerplatzt waren.
Ergo, schloß die Fahndungsleitung, konnten die gefundenen Kugeln nicht aus der Tatwaffe stammen. Ergo hatte sie jemand absichtlich am Tatort
fallengelassen, um die Fahndung zu erschweren. Nur, wenn die Kugeln falsch waren, wo sind dann die richtigen? Obduktionsarzt Milan Valverius vom Karolinska-Institut und seine zwei Kollegen fanden bei der Obduktion in Palmes Leiche keine Geschoßreste.
Eine Isotopenuntersuchung hat der Vermutung Auftrieb gegeben, daß die gefundenen Kugeln echt sind. Kriminalisten wissen, daß Bleigeschosse in toten Körpern - wie Schweinekadavern - wesentlich stärker deformiert werden als in lebenden, einfach weil ein Toter viel weniger Wasser enthält. Aber Hans Holmer war kein Kriminalist.
Auf der Suche nach der Tatwaffe setzte Holmer ein Aufklärungsflugzeug der Luftwaffe mit einer hochauflösenden Spezialkamera ein, das fast einen ganzen Tag lang immer wieder im Tiefflug über die Innenstadt hinwegheulte, um jeden Quadratzentimeter zu photographieren. Der erste Tag brachte nicht das gewünschte Ergebnis, weil die Besatzung nicht genügend Filme mitgenommen hatte. Doch auch die weiteren Flüge blieben erfolglos.
Weil sich der Typ der Tatwaffe anhand der gefundenen Kugeln nicht exakt bestimmen ließ, wurde die Suche bald aufgegeben. Das war falsch, meint Persson. Denn auch ohne das passende Geschoß wäre der Revolver, den der Marder benutzte, in den ersten Tagen nach dem Mord vermutlich zu identifizieren gewesen. Beim Eindringen des Geschosses in den Körper des Opfers entsteht ein enormer Überdruck, der Gewebe aus dem Schußkanal preßt. Das Vakuum im Lauf der Waffe saugt dieses Gewebe oder einen Teil davon an, vorausgesetzt, daß der Schuß - wie im Mordfall Palme - aus geringer Entfernung abgefeuert wurde.
Die Gewebereste im Lauf hätten den Mörder verraten können. Doch Persson war mit Holmer zerstritten. Deshalb waren seine Ratschläge im Stockholmer Polizeipräsidium nicht gefragt.
Die Ratlosigkeit und Tolpatschigkeit der Polizei hat-eine sympathische und eine hochsuspekte Komponente. Sie unterstreicht, daß Schweden ein grundsätzlich friedfertiges Land mit vorwiegend friedlichen, redlichen Bürgern ist. Ein solches Land kann sich trottelige Polizeibeamte leisten. Und auch anderswo haben Polizisten nicht immer Fortüne.
Jedoch, ein so gescheites Volk und so viele dumme Polizisten?
Viele Schweden fragen sich, ob die Fahndungsleitung womöglich gar kein Interesse daran hatte, den Fall zu klären, weil das Resultat unerwünscht war.
Im nächsten Heft
Law-and-order-Polizisten im Zwielicht - " Ein Mörder mit der Axt, der Teufel schlechthin" - Die blutige Kurden-Spur-Starpolizist Holmer am Ende
[Grafiktext]
STOCKHOLM 28. Februar 1986, 23.21 Uhr: Mord an Olof Palme
[GrafiktextEnde]
Nach den Parlamentswahlen am 15. September 1985.
Von Erich Wiedemann

DER SPIEGEL 48/1987
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