08.02.1988

STANDESRECHTWiderborstiger Kollege

Ein Berufsverbot, das die Ärztekammer gegen Professor Hackethal verhängen will, wird vor Gericht schwer durchzusetzen sein. *
Im Sitzungssaal 331 des Münchner Justizpalastes trat Julius Hackethal, 66, als Wunderdoktor verehrt und verfemt, vor seine Richter und bezeugte wenig Respekt. Dies sei kein "Standesgericht", urteilte der Krebsprofessor zornig, sondern ein "Standgericht".
Die Herren, die über den Standeskollegen zu befinden hatten, verhielten sich entsprechend. "Weil Geldstrafen bei Professor Hackethal nicht zu wirken vermögen", empfahlen Berufsrichter Ernst Wolf, 52, und zwei Laienrichter der bayrischen Ärztekammer, Hackethal die Zulassung als Arzt zu entziehen.
Das Sündenregister des habilitierten Chirurgen und Orthopäden - alle tatsächlichen und vermeintlichen Verstöße gegen den hippokratischen Eid - hing im Verhandlungssaal, als das Tribunal begann: Er habe unerlaubt Sterbehilfe geleistet, Gift zur Selbsttötung versandt, gegen die ärztliche Gebührenordnung verstoßen, andere Ärzte berufswidrig mit "Schmähkritik" überzogen und eine Behandlungsmethode gegen Krebs eilfertig als Heilmethode publiziert.
Bei dieser Litanei an Vorwürfen mühte sich der streitbare Professor erst gar nicht, um Sympathie für sich zu werben. Als Richter Wolf eingangs versöhnlich fragte, wie er ihn anreden solle, meinte Hackethal: "Sie können ruhig Julius zu mir sagen!"
Hinterher nannte ihn Wolf einen "selbstherrlichen, nur seinen eigenen Überzeugungen verpflichteten" Menschen, der einen "Absolutheitsanspruch" erhebe. Bei ihm, mit seiner ausgeprägten "Persönlichkeitsstruktur", blieben die üblichen Bußgeldbescheide und "Ermahnungen" fruchtlos. Angebracht sei deshalb der härteste denkbare Spruch - und der lautete auf Berufsverbot.
Mit Hackethal wollen die Standesrichter einen widerborstigen Kollegen ruhigstellen, der die gesamte Ärzteschaft seit Jahren mit grobschlächtigen und undifferenzierten Ratschlägen verblüfft - fachlich nicht ganz, aber von der Form her meist völlig daneben.
Hackethals Vorwurf, "viele Ärzte" würden unter dem Deckmantel der passiven Sterbehilfe "medikamentösen Totschlag" verüben, brachte die Kollegen ebenso auf wie seine werbewirksamen Auftritte in den Medien.
Als schlimmste Standesverfehlung wurde ihm angekreidet, daß er 1984 der 69jährigen Hermy Eckert, die unheilbar an Hautkrebs erkrankt war, Zyankali zukommen ließ und deren letzte Stunden in einem Videofilm dokumentierte.
Schwer wiegt auch die Feststellung, er habe 1986 "euphorisch und vorschnell" eine Behandlungsmethode gegen Krebs bekanntgemacht. Er sei seinerzeit im Zusammenhang mit seinem "Wundermittel gegen Krebs" in Zeitungen zitiert worden: "Ich schmelze den Krebs weg."
Die dadurch geweckten Hoffnungen und die späteren Enttäuschungen, warf ihm Richter Wolf vor, hätten "massiv das Vertrauensverhältnis zwischen Patient und Arzt" beeinträchtigt.
Sollte die Regierung von Oberbayern, die als "Warnschuß" nur eine Geldbuße beantragt hatte, dem Krebsspezialisten die Approbation entziehen, will Hackethal das "skandalöse Urteil", das er sich gar nicht mehr anhörte, vor dem Verwaltungsgericht anfechten. Da gibt es drei Instanzen, und am Ende bleibt ihm, wenn alles erfolglos war, auch noch das Bundesverfassungsgericht.
So leicht wie das Münchner Standesgericht werden es sich die anderen Richter nicht machen können. Erst jüngst hat das Bundesverfassungsgericht Standesrichtlinien für Anwälte - ein obskures "Sachlichkeitsgebot" und ein ebenso schwammiges "Werbeverbot" - als Verstoß gegen das Grundrecht der freien Berufsausübung kassiert. Hackethal könnte von diesem Spruch profitieren.
Hinsichtlich der "Unwürdigkeit" und "Unzuverlässigkeit", die Hackethal vorgeworfen werden, verlangen die Verwaltungsgerichte eine strenge Güterabwägung. Eine "Zurücknahme der Bestallung" jedenfalls akzeptieren die Bundesrichter nur als "letzte und äußerste Maßnahme". In allen Entscheidungen wird auf abgeurteilte "Straftaten" Bezug genommen. So stellte das Bundesverwaltungsgericht fest, daß ein nach früherem Recht zu Zuchthaus verurteilter Arzt "in aller Regel als unwürdig zur Ausübung seines Berufs anzusehen" sei.
Doch eine Verurteilung Hackethals vor einem ordentlichen Gericht hat es noch nicht gegeben. Das gegen ihn eingeleitete Strafverfahren wegen Sterbehilfe wurde vom Oberlandesgericht München eingestellt.
Nun will die Regierung von Oberbayern noch einmal umfassend und sorgfältig prüfen, ob sich der Standeskritiker "eines Verhaltens schuldig gemacht hat, aus dem sich seine Unwürdigkeit oder Unzuverlässigkeit zur Ausübung des ärztlichen Berufes ergibt".
Auf den einschlägigen Kommentar zur Bundesärzteordnung werden sich die Oberbayern nicht stützen können. In einer offenen Gesellschaft, heißt es da, dürften bei der Beurteilung der Berufswürdigkeit nicht sittliche Werte herangezogen werden, "die keine uneingeschränkte und allgemeine Anerkennung beanspruchen können".
Wie umstritten eben diese Werte sind, bewies zuletzt der Deutsche Juristentag 1986 mit einer hitzigen Debatte zum Thema "Recht auf den eigenen Tod?"

DER SPIEGEL 6/1988
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