08.02.1988

O.k., Fritz

Der Provinzjournalist Henning Röhl, der die Leitung von „Tagesschau“ und „Tagesthemen“ übernimmt, war nie Fernsehredakteur, aber frühzeitig Mitglied der CDU. *
Das Abstimmungsergebnis in der Runde der ARD-Intendanten war schon vor der Diskussion ausgekungelt.
Der eine der beiden Kandidaten, die sich um den Chefposten bei "Tagesschau" und "Tagesthemen" in Hamburg bewarben, hatte bereits an die 2000 Berichte für die beiden Fernsehsendungen abgeliefert, der andere keinen. Der erste Bewerber konnte auf 25 Jahre Berufserfahrung als Fernsehjournalist verweisen, der zweite auf null.
Gewählt wurde, wie erwartet, Kandidat Nummer zwei - einfach, weil er das richtige Parteibuch besitzt: Henning Röhl (CDU) wird am 1. April Nachfolger von Edmund Gruber als Chefredakteur bei "ARD-Aktuell". Mit sechs gegen drei Stimmen entschieden sich die Intendanten am Dienstag letzter Woche in Stuttgart für den Direktor des Kieler Funkhauses; der parteilose New-York-Korrespondent Fritz Pleitgen fiel durch.
Die Mißwahl nach dem deutschen Rundfunk-Einmaleins bestätigt aufs neue den Verfall journalistischer Unabhängigkeit und die politisch-personelle Kumpanei in den Führungsetagen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens.
Die Mehrheit der Intendanten, die ihre Posten den Parteien verdanken, funktionierte so, wie es die CDU/CSU-Medienlenker im Kanzleramt und in der Bonner Parteizentrale nicht besser hätten inszenieren können.
Friedrich Nowottny aber, dem Intendanten des Westdeutschen Rundfunks, gelang ein taktisches Meisterstück. Der Chef der größten ARD-Anstalt verschaffte sich durch seinen aussichtslosen Pleitgen-Vorschlag ein Alibi bei der heimischen SPD-Mehrheit. Und er begünstigte, statt einen erfahrenen Kandidaten wie etwa Gruber-Stellvertreter Heiko Engelkes oder den stellvertretenden
Bonner Studiochef Eberhard Piltz zu benennen, den unterqualifizierten Mann der CDU. Die Christdemokraten hatten Nowottny vor drei Jahren, als sie im Kölner Funkhaus noch die Stimmenmehrheit kontrollierten, ins Amt befördert.
Noch dazu behandelte Nowottny die Pleitgen-Kandidatur "absolut dilettantisch", wie ein Kollege spottet. Die Intendanten brachten erst auf Befragen aus ihm heraus, daß sich der versierte USA-Korrespondent offiziell bewarb.
Eine Kandidaten-Vorstellung hatte Nowottny durch fehlende Vorbereitung vereitelt: Pleitgen, der sich selbst keine "üppigen Chancen" ausrechnete, saß in New York. Derweil hielt sich Konkurrent Röhl, Protege des NDR-Intendanten Peter Schiwy (CDU), bestens präpariert in Stuttgart zur Verfügung. Er wurde erst, als alles gelaufen war, zum Essen gebeten. Fast allen Intendanten war er bis dahin unbekannt gewesen.
Henning Röhl, 44, kommt aus konservativer Familie. Ein Onkel, zuvor Domorganist in Schleswig und Lübeck, verwaltet in Schiwys Hamburger Funkhaus die Musik. Ein anderer, einst Kreispräsident in Plön, saß zwölf Jahre im Mainzer ZDF-Verwaltungsrat. Neffe Henning, Pastorensohn aus dem schleswigschen Vier-Häuser-Dorf Töstrup, tat es beiden gleich: Er heuerte beim Rundfunk und bei der CDU an.
Zielstrebig kehrte der einstige Freiburger Philosophie- und Germanistikstudent, der nun das ausgefeilte Weltnachrichtensystem der ARD übernehmen soll, über Hörfunkstationen beim Baden-Badener Südwestfunk und beim Hamburger NDR vor fünf Jahren nach Schleswig-Holstein zurück. Während ihn Baden-Badener Kollegen als "offenen, gutgelaunten Profi" in Erinnerung haben, der "aus seiner politischen Meinung nie ein Hehl machte" (so der frühere "Report"-Redakteur Viktor von Oertzen), geriet Röhl als ehrgeiziger Kieler NDR-Chef unter den unheilvollen Einfluß des Machtpolitikers Uwe Barschel.
Wie der christdemokratische Regent mit mißliebigen Journalisten umging, wurde erst letzte Woche wieder bekannt. Barschel, enthüllte sein früherer Presse-Staatssekretär Gerd Behnke, habe im November 1986 den ZDF-Korrespondenten Alois Theisen abservieren wollen. Deshalb habe er konstruierte Beschuldigungen gegen Theisen aus einer Ermittlungsakte der Staatsanwaltschaft kurzerhand selbst an die ihm ergebene "Bild"-Zeitung durchtelephoniert.
Röhl dagegen war bei Barschel wohlgelitten, denn er sorgte im Kieler NDR-Funkhaus für die rechten Verhältnisse. Flexible Mikrophon-Talente gelangten durch redaktionelle "Umstrukturierungen" ("die wahre Stärke Röhls", so ein Kieler NDR-Mann) auf maßgebliche Posten im Kieler Funkhaus: Sie kommentierten zwar unbedarft, aber linientreu.
Die Barschel-Affäre offenbarte, wie weit sich Journalist Röhl mit der Staatsmacht eingelassen hatte. Bei Kieler Kollegen kursierte die Information, Barschels Intimus Herwig Ahrendsen habe nach der SPIEGEL-Enthüllung die NDR-Strategie gegen den abtrünnigen Reiner Pfeiffer mit Röhl im einzelnen abgesprochen - was Röhl bestreitet: Er habe vor Beginn der Affäre mit Ahrendsen gesprochen.
Später berichtete die Lübecker Staatsanwaltschaft, sie habe sich auf der Suche nach Pfeiffer an Röhl gewandt, der die beflissene, aber unrichtige Auskunft gab, der SPIEGEL habe Pfeiffer zu einem NDR-Interview "nur für eine Stunde 'freigegeben'".
Nach Uwe Barschels Ehrenwort-Pressekonferenz sagte Röhl in einem NDR-Kommentar voraus, es werde Barschel "ein leichtes sein", die "nächste Legislaturperiode als Ministerpräsident" zu überstehen; Rücktrittsforderungen seien "absurd". Die Kieler ARD-Berichterstattung wurde später, ganz ungewöhnlich, von den ARD-Chefredakteuren in einer Protokollnotiz einmütig als "tendenziös" und "parteilich" gerügt.
Der künftige "ARD-Aktuell"-Chef gehört zur CDU-gerechten Fernsehgeneration der lächelnden Anpasser. Röhl redet seit einer Amerika-Reise gern über US-Kollegen, "durchweg hart, aber fair", und findet, "was sich Präsident Reagan an Fragen gefallen lassen muß", einfach "ungeheuerlich". Dennoch antworte er "immer freundlich und mit Witz".
Doch zu Hause, im Redaktionsalltag, sind die vorbildlichen Tugenden (Röhl: "Journalisten machen vor Politikern keinen Bückling") schnell wieder vergessen. Denn in Bonn nimmt CDU-Kanzler Helmut Kohl kritisch-unabhängige Pleitgen-Berichte nach amerikanischem Vorbild übel, obwohl der Reporter in den USA Lob sogar von Reagan-Anhängern bekommt: "That's o.k., Fritz." Den Bonner Regierungsstil kritisieren amerikanische Kenner inzwischen als "jovialen Demokratismus".
Redakteure von "Tagesschau" und "Tagesthemen", der größten deutschen TV-Nachrichtensendung, reagierten auf die Berufung des Fernsehlaien Röhl "mit Entsetzen". Die "ARD-Aktuell"-Redaktion, für TV-Journalisten noch immer "das Herz der ARD", werde von den Intendanten "nur noch als Wurmfortsatz behandelt", klagt ein Redakteur.
Schon unter dem Kohl-Günstling und künftigen Deutschlandfunk-Intendanten Edmund Gruber kam über den Kanzler fast nur noch Hofberichterstattung des Bonner ARD-Studios ins Programm. Kohls "Pannen in der Finanz- und Außenpolitik", die sogar die Springer-Presse dem Regierungschef letzthin anlastete, kamen in den aktuellen Nachrichtensendungen der ARD kaum noch vor. Statt dessen durfte der Kanzler über den Reagan/Gorbatschow-Gipfel in der "Tagesschau" im Stile eines CDU-Wahlwerbers plaudern.
Die SPD sieht dem journalistischen Niedergang der ARD-Nachrichtensendungen tatenlos zu. In den Gremien sind die Sozialdemokraten weitgehend abgemeldet. Es handele sich um "schlichte Prozesse der Mehrheitsbildung", beschied SPD-Medienpolitiker Peter Glotz jüngst einen Kritiker sozialdemokratischer Rundfunkpolitik. Glotz: "Früher gebrauchte man dafür das pathetische Wort Demokratie."

DER SPIEGEL 6/1988
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